{"id":760,"date":"2013-05-30T21:58:38","date_gmt":"2013-05-30T19:58:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=759"},"modified":"2013-05-30T21:58:38","modified_gmt":"2013-05-30T19:58:38","slug":"mit-der-faust-auf-die-leinwand-bz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=760","title":{"rendered":"\u00bbMIT DER FAUST AUF DIE LEINWAND\u00ab (DER BUND)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fast drei Jahre nach dem Tod Christoph Schlingensiefs wird in Bern an dessen filmisches Werk erinnert \u2013 ein widerborstiges, durchgeknalltes und kindisches \u0152uvre, das s\u00fcchtig macht.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/topelement_01.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Freakstars 3000\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>So ertr\u00e4umte sich Christoph Schlingensief seinen idealen Film: Zerschnipselt in tausend St\u00fccke, wirft ihn der Regisseur \u00fcber dem Publikum ab, die Leute heben die Fetzen auf, kleben sie neu zusammen \u2013 et voil\u00e0: Der kollektive Zufallsfilm ist geboren.<\/p>\n<p>Man sollte sich bei dieser Vision, die der deutsche Film- und Theatermann einmal in einem Interview formulierte, wohl kaum ein gepflegtes surrealistisches Schnipseln vorstellen, schon eher ein Zerhacken, ein Hantieren mit einer Kettens\u00e4ge vielleicht, einem Werkzeug, das bei Schlingensief gerne Verwendung findet. Der Hang zur Drastik verbindet alle seine Filme, oder wie er einmal sagte: \u00ab75 Minuten mit der Faust auf die Leinwand.\u00bb<\/p>\n<p>Im August 2010 ist Schlingensief 49-j\u00e4hrig gestorben. Das Kino Kunstmuseum und das Kino in der Reitschule widmen ihm nun eine umfassende Retrospektive. Eine stimmige Kooperation, denn tats\u00e4chlich geh\u00f6rt Schlingensief sowohl ins Haus der Kunst wie ins Haus, wo das Widerspenstige wohnt. Schlingensiefs Castingshow-Albtraum \u00abFreakstars 3000\u00bb mit Behinderten, die Fassbinder-Verwurstung \u00abDie 120 Tage von Bottrop\u00bb, die komplett verschrobene Geschichte eines schwulen UN-Generals in \u00abUnited Trash\u00bb, Dokumentationen von Theaterst\u00fccken und Aktionen sowie Sibylle Dahrendorfs Film \u00fcber das Operndorf-Projekt: Die eindr\u00fcckliche Filmreihe kommt dem kompletten Schlingensief ziemlich nahe.<\/p>\n<p><strong>\u00abBarbarisches\u00bb Kino<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl der Regisseur gemeinhin vor allem ins Theaterfach einsortiert wird, geh\u00f6rte seine fr\u00fcheste und \u00e4lteste k\u00fcnstlerische Zuneigung dem Kino. Als Achtj\u00e4hriger drehte er 1968 \u00abMein 1. Film\u00bb, mit zw\u00f6lf gr\u00fcndete er das Jugendfilmteam Oberhausen, als Halbw\u00fcchsiger bastelte er Experimentalfilme aus dem Geiste des Genrekinos. Bereits in diesen fr\u00fchen Werken stellt sich Schlingensief mit Wucht gegen den Neuen Deutschen Film \u00e0 la Wim Wenders, den er wehleidig findet.<\/p>\n<p>\u00abBarbarisch\u00bb nannte der Filmpublizist Georg Seesslen Schlingensiefs Kino, weil es Zerst\u00f6rungskr\u00e4fte entfesselt \u2013 aber nicht, um etwas Neues darauf aufzubauen oder irgendeine Form der L\u00f6sung oder Erl\u00f6sung anzubieten. Schlingensiefs Filme sind ein fr\u00f6hliches Gemetzel an Sehgewohnheiten, gesellschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Konventionen und manchmal schlicht ein kindischer Tanz auf den Tr\u00fcmmern der Filmgeschichte.<\/p>\n<p>In \u00abTunguska \u2013 Die Kisten sind da\u00bb etwa gibt es ein nur sehr rudiment\u00e4res Skelett von Handlung. Ein junges Paar ger\u00e4t in die H\u00e4nde von drei durchgeknallten Forschern, die Wahrnehmungsexperimente durchf\u00fchren. Der Ton \u2013 immer wieder h\u00f6rt man v\u00f6llig unmotiviert M\u00f6wengeschrei \u2013 ist ebenso aus der Spur geraten wie die Geschichte, und hie und da vergl\u00fcht das Bild auf der Leinwand, als ob es in die F\u00e4nge eines schadhaften Projektors geraten w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Die totale Entgrenzung<\/strong><\/p>\n<p>So \u00e4hnlich wie dieses Langfilm-Deb\u00fct sind viele Schlingensief-Filme gebaut: Konzepte von Handlung oder Dramaturgie sind von Anfang an zerfetzt, gefeiert wird ein schaurig-bunter Karneval der Bilder, die totale Entgrenzung auf der Leinwand. Das permanente Kreischen, Schreien, Deklamieren und hysterische Herumgerenne der Figuren t\u00e4uscht aber nicht dar\u00fcber hinweg, dass hier nicht der Rausch um des Rausches willen inszeniert wird. Schlingensief setzt sich und sein Team dem Kontrollverlust aus, um sich auf diese Weise an der Generation der V\u00e4ter, an der Heimat, an Deutschland, an Familie und Religion abzuarbeiten.<\/p>\n<p>In der \u00fcbertriebenen Situation, sagte er einmal im Zusammenhang mit seinem bekanntesten Film \u00abDas deutsche Kettens\u00e4genmassaker\u00bb (1990), stecke mehr Wahrheit als in einer zwanghaft realistischen Darstellung. Im \u00abKettens\u00e4genmassaker\u00bb, gedreht kurz nach der Wende, fahren Westler nach Ostdeutschland, um aus den Ossis Wurst zu machen. \u00abDas ist ja nicht unwahr\u00bb, meinte Schlingensief im R\u00fcckblick. Kurz nach der Wende war er einer der wenigen deutschen Filmregisseure, die direkt auf das historische Ereignis reagierten.<\/p>\n<p>Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit der deutschen Geschichte kannte Schlingensief sowieso nicht, wie auch \u00ab100 Jahre Adolf Hitler. Die letzte Stunde im F\u00fchrerbunker\u00bb (1989) zeigt. Gedreht wurde der Film in einer einzigen Nacht und mit einem Budget von ein paar Tausend Mark. Im flackernden Licht einer Handleuchte tritt die Entourage des F\u00fchrers als Bande semidebiler Halbschuhe auf, Hitler (Udo Kier) ist ein zugedr\u00f6hnter Schlaffi, G\u00f6ring ein \u00fcberambitionierter Geiferer, und Eva Braun kommt aus dem hysterischen St\u00f6hnen nicht mehr heraus. Damit, so Schlingensief, habe er genau das machen wollen, was in Deutschland nie passiert sei, n\u00e4mlich den Deutschen Hitler zum Gebrauch vorwerfen, um ihn nicht noch mehr zum unnahbaren Mythos werden zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Im Galopp in die Scheisse<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensiefs Filme sind eine Attacke aufs Sehen und F\u00fchlen und entwickeln doch einen schwer erkl\u00e4rbaren Sog. Vielleicht, weil der Regisseur h\u00e4ufig mit derselben Handvoll Darstellern arbeitet, so, wie das auch Rainer Werner Fassbinder einst tat. Zun\u00e4chst waren es Freunde und Bekannte, sp\u00e4ter scharte Schlingensief auch professionelle Akteure wie Tilda Swinton oder Udo Kier um sich. Kier geb\u00fchrt auch der vielleicht kurzweiligste Schlingensief-Film, die WDR-Produktion \u00abUdo Kier: Tod eines Weltstars\u00bb (1994), der rotzige und todunernste Abklatsch eines K\u00fcnstlerportr\u00e4ts, schwungvoll parodistisch und irrsinnig albern: Darin sucht ein Filmteam den angeblich todkranken Weltstar Udo Kier in seinem Haus in der Toskana auf, aber der hat nicht im Sinn zu sterben.<\/p>\n<p>Warum Schlingensief, dieser Irrwisch der deutschen Theater- und Filmszene, trotz seiner Bekanntheit keinen Erfolg beim Kinopublikum hatte, erkl\u00e4rt Georg Seesslen damit, dass seine Filme eben mit der \u00absch\u00f6nen Amnesie\u00bb, wie man sie sonst im Kino suche, so wenig zu tun h\u00e4tten. \u00abMan will all das, was da aus den Gr\u00fcften und unterirdischen G\u00e4ngen hochkocht, nicht wirklich wissen. Denn Schlingensief zieht uns mit seinen Bildern nicht aus der Scheisse. Er reitet uns rein. Und zwar im Galopp.\u00bb Der Stoff f\u00fcr solche Ritte, so ist zu vermuten, w\u00fcrde ihm auch heute nicht ausgehen.<\/p>\n<p>Die Reihe beginnt heute mit dem Theatermitschnitt \u00abEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir\u00bb, mit Einf\u00fchrung von Iris Laufenberg (Kino Kunstmuseum, 18.30 Uhr).<\/p>\n<p><strong>Programm: <a href=\"http:\/\/www.kinokunstmuseum.ch\/themas\/show\/414\" target=\"_blank\">www.kinokunstmuseum.ch<\/a>, <a href=\"http:\/\/reitschule.ch\/reitschule\/?programm\" target=\"_blank\">www.reitschule.ch<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Von Regula Fuchs. Der Bund vom 30.05.2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast drei Jahre nach dem Tod Christoph Schlingensiefs wird in Bern an dessen filmisches Werk erinnert \u2013 ein widerborstiges, durchgeknalltes und kindisches \u0152uvre, das s\u00fcchtig macht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=760"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}