{"id":757,"date":"2013-05-09T20:04:35","date_gmt":"2013-05-09T18:04:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=756"},"modified":"2013-05-09T20:04:35","modified_gmt":"2013-05-09T18:04:35","slug":"mehrfach-belichtete-gegenwart-dlf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=757","title":{"rendered":"DIE UNGEBREMSTE KREATIVIT\u00c4T TEIL 6: MEHRFACH BELICHTETE GEGENWART (DLF)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die ungebremste Kreativit\u00e4t &#8211; Multitalente Teil 6: Christoph Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Holger Noltze<\/em><\/p>\n<p><strong>Er wollte vor allem eins: die gro\u00dfe Konsensblase zum Platzen bringen. Was immer Christoph Schlingensief tat, ob er Filme machte oder Aktionskunst, immer ging es ihm darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen, das Dunkle zwischen den Bildern aufscheinen zu lassen.<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2013-05-09_die_ungebremste_kreativitaet_-_christoph_schlingensief_dlf_20130509_0930_ae.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2013-05-09_die_ungebremste_kreativitaet_-_christoph_schlingensief_dlf_20130509_0930_ae.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p>Gro\u00dfz\u00fcgig geht der Kulturmedienbetrieb mit der Zuschreibung des irgendwie Genialen um, schnell wird einer damit beh\u00e4ngt, wenn Au\u00dferordentliches superlativiert werden soll, und wo Deutschland inzwischen gleich staffelweise Superstars sucht und angeblich findet, ist auch der Weg zum Genie zwar immer noch nicht kurz, aber k\u00fcrzer geworden. Christoph Schlingensiefs, des Apothekersohns aus Oberhausen, Weg zur Geniewerdung aber ging einerseits l\u00e4nger, andererseits viel k\u00fcrzer, und das muss man erkl\u00e4ren. Er dauerte l\u00e4nger, weil die Welt, die er mit seinem geliebten Megafon so ausdauernd beschallt hatte, erst bereit war, das Genie Schlingensief zu sehen, als es mit seiner irdischen Existenz zu Ende ging. Dar\u00fcber ist zu reden. Erst aber davon, wie kurz der Weg in die Genieklasse f\u00fcr diesen K\u00fcnstler wirklich war: Denn Christoph Schlingensief hatte eigentlich als Genie gleich angefangen, einundvierzig Jahre, bevor die BILD-Zeitung am 23. August 2010 lautstark &#8222;Abschied von einem irren Genie&#8220; nahm. W\u00f6rtlich so: &#8222;Deutschlands umstrittenster K\u00fcnstler hat den Kampf gegen den Lungenkrebs verloren. Er war Nichtraucher. Die Kulturwelt trauert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Eins: Eine Kindheit mit Kamera<\/strong><\/p>\n<p>Im Alter von acht Jahren soll Christoph Maria Schlingensief seine ersten Kurzfilme gedreht haben, Titel etwa Der Fahnenschwenkerfilm, Mein 1. Film und Eine kurze Kriminalgeschichte. Der Vater, Hermann Josef Schlingensief, war ein begeisterter Doppel-Acht-Filmer, dem kommenden &#8222;umstrittensten K\u00fcnstler Deutschlands&#8220; wurde die Kamera also in die Wiege gelegt. Und er griff zu. Das gibt es bei kleinen Kindern, andere spielen auf kleinen Geigen. Das Seltenere ist, dass Schlingensief die Kamera nahm und sie nie mehr aus der Hand gab. Man kann diesen K\u00fcnstler nur verstehen, wenn man diese fast unheimliche Kontinuit\u00e4t sieht. Denn es ging immer weiter, 1975 mit einem Schocker namens Das Geheimnis des Grafen von Kaunitz, 1977 folgte Mensch Mami, wir drehn &#8217;nen Film, mit dem bedeutsamen Schlusssatz: &#8222;Hans, Hans, Hans, du musst aber auch alles immer \u00fcbertreiben.&#8220;<\/p>\n<p>Aus dem f\u00fcnfzehnten Lebensjahr datiert ein Schulaufsatz, in dem er den Berufswunsch &#8222;Regisseur&#8220; mit gro\u00dfer Liebe zum professionellen Detail und entschiedener Ernsthaftigkeit er\u00f6rterte. Und man darf annehmen, dass ihn die Beurteilung: &#8222;Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr deine jugendlichen Berufstr\u00e4ume erscheinen mir deine Vorstellungen und Erwartungen doch etwas naiv und unrealistisch&#8220;, dass ihn die schwer gekr\u00e4nkt hat, Gesamtleistung &#8222;noch befriedigend&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Er wollte ernst genommen werden, weil es ihm ernst war.<\/strong><\/p>\n<p>Das bemerkenswerte Dokument enth\u00e4lt mindestens noch zwei weitere wichtige Aspekte zum Verst\u00e4ndnis des sp\u00e4teren Ph\u00e4nomens Schlingensief: die Einsicht, dass Filme nicht nur ein begnadetes Regisseur-Ego, sondern auch ein Team brauchen. Und auch dies. Zitat: &#8222;Ich kann mich sehr dar\u00fcber freuen, wenn ich sehe, wie sich die Zuschauer von meinem Film angesprochen f\u00fchlen. Ich muss aber selbst zugeben, dass ich Kritik nicht sehr gut ertragen kann.&#8220; &#8211; Beides blieb, und es hatte Folgen, n\u00e4mlich erstens die Einbindung der Schlingensiefschen Kreativit\u00e4t in familien\u00e4hnliche Arbeitsstrukturen, zweitens ein genauer, ja empfindlicher Blick auf die medialen Wirkungen. In den 1980er Jahren entsteht eine Trilogie zur Filmkritik, darin das erste Langformat Tunguska &#8211; Die Kisten sind da, und 1985 f\u00fchrt er genau Buch \u00fcber die &#8222;Kritikermissverst\u00e4ndnisse&#8220; \u00fcber &#8222;Menu total&#8220; und gibt den Notengebern Noten zur\u00fcck, von 1 bis 5.<\/p>\n<p>Es war ihm nicht egal, was geschrieben und geredet wurde. Und weil er einerseits weder Mainstream noch Avantgarde machen wollte, weil er andererseits aber auch immer kr\u00e4ftig zulangte, an Blut, Extremen und Exkrementen nicht sparte; weil er sp\u00e4testens 1990, seit Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker, in dem eine westdeutsche Metzgersfamilie Ossis zers\u00e4gt, der Filmemacher mit der Kettens\u00e4ge war, war auch die Kritik nicht zimperlich. Sie \u00fcbersah dabei die Zartheit und Verzweiflung des K\u00fcnstlers Schlingensief, der mit Kettens\u00e4ge und Megafon, mit allem Schreien und Rennen doch vor allem eins wollte: die gro\u00dfe Konsensblase zum Platzen zu bringen. Und sichtbar werden zu lassen, was f\u00fcr unsere an das Licht der herrschenden Verh\u00e4ltnisse viel zu gut angepassten Augen nicht zu sehen ist. &#8222;Seht Ihr den Mond dort stehen&#8220;, dichtete einst der Dichter Claudius, &#8222;er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und sch\u00f6n. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen sie nicht sehen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Zwei: Urszene &#8217;68. Gespenster auf dem Bauch<\/strong><\/p>\n<p>Er hat es \u00f6fter erz\u00e4hlt, hier im November 2006 bei einem improvisierten Vortrag in Dortmund, als einen Moment blitzhaften Erkennens davon, dass die abgefilmte Wirklichkeit viel mehr ist als eine Eins-zu-eins-Abbildung. Die Episode spielt 1968, als im Wohnzimmer der Schlingensiefs ein Urlaubsfilm aus Norderney lief, den der Vater mit seiner Doppel-Acht-Kamera aufgenommen und wohl doppelt belichtet hatte:<\/p>\n<p><em>&#8222;Er war so euphorisch mit seiner Kamera, dass er dieses Material genommen hat, und hat es unter der Bettdecke zweimal umgelegt. Jetzt kommt nach 14 Tagen der Film zur\u00fcck, wir gucken auf die Leinwand, es wird das Wohnzimmer abgedunkelt. Wir gucken also alle zu dieser Leinwand. Es knattert, es raucht, es stinkt auch ein bisschen und wie das alles hei\u00dft. Und wir gucken hin, und pl\u00f6tzlich sehe ich meine Mutter und mich da am Strand liegen, aber \u00fcber unseren Bauch laufen andere Leute. Also da sind irgendwelche Personen, die \u00fcber uns laufen, und ich sage: Ganz klar, in Norderney damals, da waren damals keine anderen Leute am Strand, ich wei\u00df es ganz genau, da waren keine anderen Leute. Wir hatten eben noch Milchreis gegessen mit Zimt und Zucker und dann sind wir zu dem Strand gegangen, aber da waren keine anderen Leute. Und pl\u00f6tzlich laufen aber andere Leute \u00fcber unseren Bauch und da war irgendwie was passiert. Und das war 68, als die anderen eben dann diese Revolution ausgel\u00f6st haben, die uns immer noch besch\u00e4ftigt und die nie zu Ende gef\u00fchrt werden kann. Diese Revolution, die fand hier im Filmmaterial statt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Von eben noch Milchreisessen mit Zimt und Zucker geht es, haste nicht gesehen, zur Revolution von &#8217;68, und dazwischen laufen fremde Menschen \u00fcber die bekannten B\u00e4uche am Strand von Norderney. Andere haben ihre Erhellungsmomente, dass es noch mehr gibt als Bauchbr\u00e4unung, anderswo, f\u00fcr Christoph Schlingensief ereignete er sich in den Medien Film, Familie und Fehler.<\/p>\n<p><em>&#8222;Eigentlich habe ich bis jetzt wirklich doch nur berichten wollen, mein Vater hat einen Fehler gemacht und dieser Fehler, der war sehr produktiv, der war pl\u00f6tzlich in einer Ebene interessant, weil ich eben zwei Bilder zur gleichen Zeit sah, was eigentlich nicht geht. Und das war dann eben in den 70er-Jahren so, dass dann Super-Acht aufkam, dann gab es diese Kameras. Ich habe mit den Kameras herumgedreht, wir haben eben Filme gedreht im Jugendfilmteam Oberhausen. Da habe ich eben einen Roman, diesen Totenhaus der Lady Florence, in die Finger bekommen, habe ihn gelesen und dieser Roman, der hat Tausende von R\u00fcckblenden. Und jetzt waren aber zwei R\u00fcckblenden im Spiel, wieder ein Fehler: Einmal darstellen, wie man zeigt jemanden, der schon fr\u00fcher etwas erlebt hat, im Film jetzt, wenn man das &#8218;live&#8216; sieht gerade. Und das Zweite ist: Was macht man, wenn man nur alle zwei Wochen Geld f\u00fcr Filmmaterial hat. Dann passiert n\u00e4mlich, dass der Kommissar die Treppe runter kommt &#8211; der war damals auch zw\u00f6lf Jahre alt, 13 Jahre alt -, und der hatte die Haare lang. Dann ging er zum Verh\u00f6r in den Raum und hatte die Haare kurz, weil er zwei Wochen sp\u00e4ter eben beim Friseur war. Jetzt ging er wieder raus und hatte die Haare wieder lang. Dann hatte ein anderer ein gelbes T-Shirt an, als er rausging, hatte er ein rotes T-Shirt an. In der n\u00e4chsten Szene hatte er ein gr\u00fcnes T-Shirt an, und dann hatte er das an. Man lernt also Anschlussfehler. Und dieses Beschw\u00f6ren von dem immer Kontinuierlichen, das ist eigentlich dann vielleicht schon die Urstelle gewesen, wo ich wusste: Ich lande mal in Bayreuth.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Drei: Landung in Bayreuth (Afrika)<\/strong><\/p>\n<p>Zweimal hatte er sich bei der Filmhochschule in M\u00fcnchen beworben, zweimal wurde er nicht genommen. F\u00fcr uns, die Nachwelt, ist das gar kein Problem, denn wir haben ja die Gewissheit, dass er es irgendwie doch geschafft hat. Die Ablehnung durch die akademische herrschende Lehre geh\u00f6rt zu den Bausteinen einer Genie-Legende: Das Neue, das Andere wird logischerweise erst mal abgelehnt. Kein Problem f\u00fcr uns; wohl aber f\u00fcr den, der ja noch nicht wissen kann, dass ihn die Welt eines fernen Tages zum Genie erkl\u00e4ren wird. Im Fall Schlingensief ist das Besondere, dass er am l\u00e4ngsten genau da abgelehnt wurde, wo seine Ambition am Entschiedensten war: als Filmer. Irgendwie rutschten seine Trash-Exzesse zwischen die Gewissheiten sowohl der Avantgardeszene wie erst recht des Kino- und vor allem Fernsehmainstreams. Zu Schlingensiefs Lieblingsfeindbildern geh\u00f6rten \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehfilmredakteure, angefangen von jener ganz fr\u00fchen und wohl traumatischen Erfahrung, dass so ein Fernsehspielhalbgott des WDR dem Nachwuchsfilmemacher auf den Weg gab, er liebe seine Figuren nicht. Kaum zu fassen, aber so war das mal.<\/p>\n<p>Zum Verst\u00e4ndnis der obsessiven Produktivit\u00e4t des K\u00fcnstlers Schlingensief geh\u00f6rt das insofern, als die Radikalit\u00e4t, mit der er an den Gitterst\u00e4ben des Systems r\u00fcttelte, zum Beispiel des \u00f6ffentlich rechtlichen Systems und seines Kultur- und Aufkl\u00e4rungsauftrags, dieses Ich-will-da-rein! das &#8222;Drinnen&#8220; des Systems als das Andere einerseits und im konkreten Fall zum Kotzen fand, es andererseits aber denn doch akzeptierte, eben weil er immer weiter r\u00fcttelte. Dazu geh\u00f6rten auch die Institutionen der sogenannten &#8222;Hochkultur&#8220;. Als Matthias Lilienthal, damals Dramaturg an Frank Castorfs Berliner Volksb\u00fchne, den Filmregisseur 1993 ans Theater holte, war das nachhaltig von Bedeutung: f\u00fcr das Theater, das mit Schlingensief nicht nur einigen urbanen Happening-Schick gewann, sondern mit dem von diesem Au\u00dfenseiter nur noch teilkontrollierten Chaos auch ein St\u00fcck Unberechenbarkeit. Es konnte, endlich, wieder alles passieren. Es war aber auch wichtig f\u00fcr den K\u00fcnstler Schlingensief, von einem &#8222;richtigen&#8220; Theater \u00fcberhaupt eingeladen worden zu sein. Es war bestimmt nicht kokett, wenn er immer wieder erz\u00e4hlte, was es ihm bedeutete, wenn seine Eltern oder Tante Trude in der Zeitung lesen konnten, dass der Christoph nun auch Theater machte, also &#8222;Kunst&#8220;.<\/p>\n<p>Das Genie, auch wenn es nicht &#8222;universal&#8220; ist, spricht sich gern genre\u00fcbergreifend aus, gegen die Tr\u00e4gheit des Publikums, die jedem immer nur ein Feld g\u00f6nnt. Entweder Maler oder Musiker oder Dilettant. Der Dilettant aber kann manchmal mehr sehen, und er stellt die einfachen Fragen. Bei Schlingensief stand hinter den erstaunlichen Medienwechseln, deren erstaunlichster die gleich zu behandelnde Verpflichtung zu den Bayreuther Festspielen war, oft einfach wohl die dr\u00e4ngende Frage, wo es weitergehen sollte. Und noch als er, auf dem Umweg \u00fcber die Talkshowb\u00fchnen des Fernsehens, eine f\u00fcr den medialen Stoffwechsel unverzichtbare Prominenzfigur wurde, schlug dieser Prominente aus seiner Bekanntheit keinen Profit. Wo fast alle Stars und Sternchen ihre Haut zu Markte tragen, war er auch hier eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Auf den Gleiswechsel zum Theater folgte mit Rocky Dutschke, 68 dann der zum H\u00f6rspiel. Entstanden ist es 1997 f\u00fcr den WDR, es war etwas ganz anderes als die Audiospur eines Theaterst\u00fccks, in dem er als &#8222;Rocky&#8220; Dutschke seiner selbst aufgetreten war und die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung, mit der ein Mensch Jahrgang 1960 immer von den sogenannten 68ern gequ\u00e4lt wird (haben wir alles schon gemacht, aber das hatte damals noch Kraft), mit liebevoller Ironie ins Schweben brachte. Entdeckt war sp\u00e4testens hier ein Genie des Timing und der pr\u00e4zisen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Tonf\u00e4lle, und wer es noch nicht gemerkt hatte, konnte in der kalkuliert improvisierten Dramaturgie dieses H\u00f6rspiels, seinen \u00fcberw\u00e4ltigenden Spannungsb\u00f6gen und grandiosen Abst\u00fcrzen, bemerken, wie viel nicht nur an Instinkt, sondern auch an k\u00fcnstlerisch organisatorischer Umsicht da am Werk war. Gerade f\u00fcr seine Radioarbeiten, die er dann in Folge f\u00fcr den WDR produzierte, ohne Manuskript und an den Strukturen des Senders vorbei, erfuhr Schlingensief endlich die Anerkennung des Kulturbetriebs. Er bekam 2003 den H\u00f6rspielpreis der Kriegsblinden, seine Dankrede im Plenarsaal des Bundesrats adressierte er an die &#8222;sehr geehrten Blinden, liebe metaphysische Blinde, an alle Dunkelheiten, die uns umgeben&#8220;, und es war im Grunde wieder nicht zu fassen.<\/p>\n<p>Und dann eben der Anruf aus Bayreuth, die Einladung, f\u00fcr 2004 Parsifal zu inszenieren, sozusagen am Originalschauplatz. F\u00fcr eine Sekunde herrschte ungl\u00e4ubiges Staunen im Kulturmedienbetrieb \u00fcber diesen Besetzungscoup, aber man fasste sich naturgem\u00e4\u00df schnell: War denn diese Landung in Bayreuth, auch wenn sie dann nicht im UFO, sondern im Wohnmobil erfolgte, nicht nur wundersam, sondern geradezu unheimlich logisch? Schlingensief, der mit allen Mitteln der Kunst und des Lebens aufs Ganze ging, ein schreiender, rennender Gesamtkunstberserker, war er nicht ein Bruder im Geiste Richard Wagners? Und andererseits so herrlich &#8222;schr\u00e4g&#8220;, dass man sich auf die Premiere am 25. Juli 2004 vorfreute wie auf die letzte gro\u00dfe Schlacht des Regiekasperletheaters, einen Kulturkampfevent mit B\u00fchnenweihfestspiel, wie ihn der langweilige und gelangweilte Betrieb schon lange nicht mehr erleben durfte. Mit Wolfgang Wagner, dem Prinzipal, konnte sich Schlingensief besser \u00fcber Wohnmobile als \u00fcber Wagner unterhalten, es rappelte m\u00e4chtig im Karton und w\u00e4re ohne die Besonnenheit des Dirigenten Pierre Boulez wohl \u00fcberhaupt nicht zur Auff\u00fchrung gekommen.<\/p>\n<p>Kam es aber doch. Und es kam ganz anders, als die ewig Informierten es erwarteten, die ja schon wussten, dass das terrible Schlingensief mit seinen blutigen Faxen und seiner Ironie das B\u00fchnenweihfestpiel bestimmt hopps nehmen w\u00fcrde. Es kam aber der ernsteste, traurigste, ma\u00dfloseste Parsifal, den die Welt je gesehen hatte, ein drehb\u00fchnengetriebener Bilderstrom, eine Installation als Live-Kino, und vielleicht nie war man dem Gesamtkunstwerk in Bayreuth n\u00e4her gewesen als hier, und ohne Faxen. Schlingensief war zuvor nach Afrika geflohen und hatte seine Gralsburg da gefunden. Ein Kontinent, in dem die Zeit sowieso schon Raum geworden ist und in dem die Fehler, die in unserer wohlsortierten ersten Welt die K\u00fcnstler m\u00fchsam wieder in ihre Kunstwerke einbauen m\u00fcssen, schier \u00fcberreichlich zu Tage liegen. &#8222;Diese Menschen wissen zu improvisieren&#8220;, sagt in Strauss\/Hofmannsthals Oper Ariadne auf Naxos der Haushofmeister, also Regisseur, \u00fcber eine Truppe fahrender Commedia-Artisten, \u00fcber die die richtigen Ariadne-Opernleute nur die Nase r\u00fcmpfen. Der Regisseur Christoph Schlingensief hatte erfahren, dass hierzulande kaum noch ein Artist wei\u00df, wie improvisieren geht, weil immer alles nach Regieplan laufen muss, das Theater wie das Leben. Es gab viele Gr\u00fcnde, warum er nach Afrika ging, aber dies war wohl auch einer: Die Menschen dort wissen zu improvisieren, schon deshalb, weil es gar nicht anders geht.<\/p>\n<p>Vier: Der Hase<\/p>\n<p>Es gibt ein sch\u00f6nes Foto, erschienen in der S\u00fcddeutschen Zeitung ein paar Wochen vor der Parsifal-Premiere. Schlingensief beim Interview mit dem Doyen der deutschen Musikkritik Joachim Kaiser. In Kaisers B\u00fcro. Der Chefkritiker sitzt an seinem Schreibtisch, die Arme verschr\u00e4nkt, man sieht ihn halbschr\u00e4g von hinten, wie er ein wenig hochm\u00fctig, aber doch interessiert auf diesen jungen Wilden schaut und zuh\u00f6rt. Schlingensief war gerade aus Afrika gekommen, er sitzt auf dem Besucherstuhl, neben sich eine Plastikt\u00fcte, er erz\u00e4hlt und fuchtelt wohl mit den Armen, und im Moment, als das Foto gemacht wurde, hat er den rechten Arm gerade ausgestreckt, fast ein bisschen bedrohlich f\u00fcr den \u00e4lteren Herrn Kaiser, und es wirkt wie eine Szene aus Wagners Siegfried, als Wotan den jungen Siegfried aufhalten will auf dem Weg zum Br\u00fcnnhildenstein und Siegfried dem alten Frager einfach den Speer durchhaut und weiterzieht. Wotan muss abziehen. Aber immerhin, Kaiser hatte interessiert gefragt.<\/p>\n<p>In der Oper muss Siegfried noch durchs Feuer gehen, das war dann in Bayreuth auch so, da trafen zwei Systeme aufeinander, die echte Probleme hatten, sich zu verstehen. Der vorige Parsifal war viele Jahre gelaufen, inszeniert von Wolfgang Wagner, und darin standen die Gralsritter so dauernd herum, dass gelegentlich mal einer umfiel, das war dann die Bewegung. Bei Schlingensief dagegen war alles in dauernder Bewegung, und wer umfiel, waren die Gralsh\u00fcter des geordneten Festspielbetriebs. Besondere Aufregung machte das Schlussbild. \u00dcber das pseudoheilige Geschehen, wie Parsifal als reiner Erl\u00f6ser dem siechen Gralsk\u00f6nig Amfortas die Wunde schlie\u00dft und der Knabenchor aus der H\u00f6he sein lichtes &#8222;Erl\u00f6h\u00f6sung dem Erl\u00f6ser!&#8220; singt, hatte Schlingensief einen Kurzfilm von Alexander Kluge auf die B\u00fchnentotale projiziert, die Zeitrafferdokumentation eines Hasenkadavers, zum &#8222;h\u00f6chsten Heiles Wunder&#8220; also den allerrealistischsten Vorgang der Verwesung alles Fleischlichen gezeigt. Nicht der afrikanische Gral, die nackte dicke Frau, der Gralsritter Gurnemanz als Steinzeitmann waren der Aufreger, es war der Hase. Die Gralsh\u00fcter argw\u00f6hnten Entweihung, es lag, als der Vorhang sich schloss, Kulturkampfstimmung in der Luft, aber auch Verst\u00f6rung: Der schlimme Schlingensief hatte, was immer er gemacht hatte und wenn man es auch nicht recht verstehen konnte, doch jedenfalls keinen Quatsch gemacht, also schrie man etwas ratlos Buh.<\/p>\n<p>Was \u00fcbersehen wurde, war, wie der Prozess der Verwesung eines toten Hasen weiterging, wie n\u00e4mlich aus dem Tod irgendwann, auch wenn es dauert, neues Leben entsteht, kleine Maden und W\u00fcrmchen, die im faulen Fleisch w\u00fchlen, ziemlich eklig, aber die hat der liebe Gott ja auch gemacht, sie sind die Nahrung f\u00fcr andere und irgendwo in der Leben-und-Tod-Kette wieder f\u00fcr so einen netten Hasen. Schlingensief hatte der furchtbaren Todesmystik, die Wagner mit Erhabenheitsmusik so doch genaugenommen pervers \u00fcbergoldet, eine andere Wendung gegeben, die auf das Leben zielt, das einfach macht, was es will, und das auf den ersten Blick oft eklig aussieht. Man muss aber an den polierten Oberfl\u00e4chen vorbeigucken, mit denen wir uns umgeben, aus Angst vor dem Ekligen. Wo unsere \u00c4ngste sitzen, sp\u00fcren wir das Leben. In Christoph Schlingensiefs kinematografischer Philosophie ist nun das Leben ein Film, das hei\u00dft eine Folge von Einzelbildern, wie wir sie gern h\u00e4tten. Die Kontinuit\u00e4t aber, die der Film behauptet, ist eine Illusion, die nur geht, weil zwischen den Bildern, 16 pro Sekunde oder 24, ein Streifen Schwarz ist. Das Dunkle zwischen den Bildern.<\/p>\n<p>Was immer er tat, ob er Filme machte oder Aktionskunst, deren famoseste im Jahr 2000 der &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220;-Container vor der Wiener Staatsoper war, wo Asylbewerber aus dem Land \u00d6sterreich herausgew\u00e4hlt werden konnten, oder 1998 die Gr\u00fcndung der Selbstw\u00e4hlpartei &#8222;Chance 2000&#8220;, der Aufruf an die Millionen Arbeitslosen im Land, den Wolfgangsee, an dem der ewige Kanzler Kohl Ferien machte, durch ein gemeinsames Bad zum \u00dcberlaufen und die Regierung so zum Ertrinken zu bringen: Immer ging es darum, die Unsichtbaren sichtbar zu machen und so auch das Unsichtbare, an dem wir so strikt und st\u00e4hlern und eisern realit\u00e4tsgewiss vorbeigucken. Schlingensiefs Dreh war also eine Art Ablenkung dieser einge\u00fcbten Ablenkung, zur\u00fcck zur Sache, und dass er, wenn er redete, schon notorisch vom H\u00f6lzchen zum St\u00f6ckchen kam, etwa vom Parsifal zum H\u00e4ufchenmachen, etwa \u00fcber eine Hommage an den amerikanischen Aktionsk\u00fcnstler Allan Kaprow, das war eben seine Methode zur Wahrheit:<\/p>\n<p><em>&#8222;Und diese Information zwischen den Bildern, das ist das, was mich interessiert und was ich eigentlich erst seit dem Parsifal eigentlich f\u00fcr mich entschieden habe und auch lernen musste. Aber ich sage Ihnen, was ich am Liebsten erz\u00e4hle, und das ist Allan Kaprow, 18 Happenings in 6 parts. Das ist eine Aktion gewesen von ihm, die m\u00fcssen Sie sich so vorstellen: Sie sitzen in einem Kasten und sehen, wie jemand eine Apfelsine sch\u00e4lt und isst, 120 Minuten. Sie sehen, in der Mitte, wie jemand eine Banane sch\u00e4lt und isst, 120 Minuten. Sie sehen gar nichts, es ist keiner vorne, weder Banane noch Apfelsine, es ist leer, 120 Minuten. Sie gehen raus und sagen: &#8218;Kannte ich schon, so&#8217;n Quatsch, was soll der Schei\u00df. Unglaublicher Bl\u00f6dsinn, hat mich gelangweilt, also daf\u00fcr noch Geld bezahlen, da m\u00fcssen wir mal den Finanzchef anrufen&#8216;, und so weiter, &#8217;so darf&#8217;s ja wohl nicht sein.&#8216; Dann sagen sie: &#8218;Also, Apfelsine, was soll der Schei\u00df, Apfelsine habe ich auch zu Hause, kann ich doch vor dem Spiegel viel selber machen.&#8216; Pl\u00f6tzlich h\u00f6rt diese Gruppe &#8218;Apfelsine&#8216;. &#8218;Was ist denn da los, Apfelsine?&#8216; &#8211; &#8218;Moment, Banane.&#8216; &#8211; &#8218;Was, wieso Banane?&#8216; Dann hier: &#8218;Ja, wir hatten Banane.&#8216;- &#8218;Was? Ja wir hatten doch Apfelsine.&#8216; &#8211; &#8218;Das darf doch nicht wahr sein, wieso hatten Sie denn Banane, ja ich seh doch Apfelsine viel lieber.&#8216; &#8211; &#8218;Ja, ich seh ja Banane viel lieber.&#8216; Gro\u00dfe Diskussion und dritte Gruppe im Aufruhr, pl\u00f6tzlich irgendwie total kurz vor Revolution: &#8218;Verdammte Schei\u00dfe, ich hatte nicht mal ein St\u00fcckchen Schale, ich hatte gar nichts. Ich sa\u00df 120 Minuten im leeren Raum. Was f\u00fcr eine Schei\u00dfe, was f\u00fcr eine Kacke.&#8216; &#8211; Das ist 18 Happenings in 6 parts, das ist 18 Bilder pro Sekunde, das ist also, eigentlich sage ich, ich nehme mir ein Bild raus und behaupte einfach mal, das sei die Welt, ich vergesse aber, dass ich ganz viele Bilder in mir habe, die ich nicht erf\u00fcllen konnte, die niemals erf\u00fcllt werden, die ich aufgeben musste, an denen ich immer noch h\u00e4nge, wo ich weinen k\u00f6nnte, weil ich sie aufgeben musste, oder weinen k\u00f6nnte, weil ich mich eigentlich mal ganz anders begriffen habe, als ich auf die Welt kam, und mein Urerlebnis hatte, &#8211; ich hab einen Haufen gemacht und, das kennt jeder von uns, der lag da rum, der sah schei\u00dfe aus, und die Mama kam rein und sagte: &#8218;Ja was hast du denn da gemacht. Ja was ist denn das. Ja das darf ja wohl nicht wahr sein.&#8216; Und Sie haben da gesessen und haben nur gedacht: &#8218;Ja was ist denn mit Mutti los&#8216;, weil &#8211; ich hab ja einfach nur Schei\u00dfe gebaut. Ich habe hier Schei\u00dfe, einen Schei\u00dfhaufen gemacht. Und die Mutter sagt einfach dann: &#8218;Das ist gro\u00dfartig, ich liebe dich.&#8216; Und ab da wussten Sie alle, dass das eigentlich, was wir auf der Erde machen, extreme Schei\u00dfe ist. Sie m\u00fcssen sie nur gut verkaufen. Und wenn ich das sage, sage ich das, weil ich wei\u00df, dass Sie morgen wieder, auch in den Zeitungen oder was wei\u00df ich wo, oder auch im Gespr\u00e4ch dar\u00fcber reden, dass ich eigentlich nur Schei\u00dfe geredet habe. Aber ich sage Ihnen eins, sie haben eine Dunkelphase in sich, in der leben die Bilder und auch die \u00dcberzeugungen, die Sie schon aufgegeben haben oder die Sie in der Verschmelzung eigentlich noch realisieren k\u00f6nnten. Der Moment von Transformation, der tats\u00e4chlich wichtig ist.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>F\u00fcnf: Das \u00f6ffentliche Sterben<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende dann \u00f6ffneten sich viele T\u00fcren des Betriebs: Am Burgtheater inszenierte er Jelinek, in Brasilien den Fliegenden Holl\u00e4nder, und der Aktionsk\u00fcnstler Schlingensief, der bei der documenta 1997 wegen eines &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl&#8220;-Plakats kurzzeitig verhaftet worden war, durfte mit dem &#8222;Ersten Internationalen Pfahlsitzwettbewerb&#8220; der selbstgegr\u00fcndeten &#8222;Church of Fear&#8220; die Biennale in Venedig bespielen.<\/p>\n<p>All sein Rennen und Schreien, das Entbl\u00f6\u00dfen des Privaten waren Mittel zur Herstellung von Aufmerksamkeit f\u00fcr die Sache. Zur Tragik des K\u00fcnstlers Schlingensief geh\u00f6rt, dass das Schreien, Rennen und Entbl\u00f6\u00dfen von Medien, die nichts anderes kennen, f\u00fcr die Sache genommen wurde, seine Kunst aber \u00fcbersehen. So wurde er zum Provokateur und Faxenmacher verk\u00fcrzt. Den Faxen schaute man gern zu, um den selbstentfachten Schlingensief-Rummel dann irgendwie oberfl\u00e4chlich zu finden. \u00dcber den K\u00fcnstler Schlingensief wurde wahrscheinlich mehr Unsinn geschrieben und geredet als \u00fcber irgendeinen anderen; aber die Fotos des charmanten Strubbelkopfs wurden immer gern gedruckt. Und dann 2008 die Krebsdiagnose, die er genau so \u00f6ffentlich machte wie anderes Private auch.<\/p>\n<p>F\u00fcr Christoph Schlingensief war dieses Private, au\u00dfer dass es privat war, zugleich Material seiner Kunst, das Dunkle eben, das zwischen den gut ausgeleuchteten Bildern west, die wir gerne zeigen und die wir irgendwann mit dem Leben verwechseln. F\u00fcr die Medien waren sie, nachdem Schlingensief eine verwertbare Marke geworden war, Futter f\u00fcr den Boulevard, und der verlief dann bis zum feinen Feuilleton der ZEIT, wo sich Florian Illies, als Christoph Schlingensief am 21. August 2010 gestorben war, fragte, Zitat: &#8222;ob man aus den SMS von jemandem zitieren darf, der gerade gestorben ist&#8220;. Zitat Ende. Und dann schiebt er freim\u00fctig alle Bedenken beiseite und erteilt sich die Lizenz zum Abschreiben: &#8222;Doch wenn man es bei irgendjemandem darf, dann bei Christoph Schlingensief, dieser Personifikation der aufgehobenen Grenze zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Schlingensief spielte mit den Medien, die aber auch mit ihm. Er benutzte sie als besonders raffiniertes Megafon, sie neutralisierten ihn erst zum ewigen Enfant terrible, dann zum netten Schwiegersohn. Es ist nur der andere Fl\u00fcgel dieses Diptychons der Verkehrtheit, wie dann sein beklommen verfolgtes \u00f6ffentliches Sterben den Blick f\u00fcr die Kunst erneut abgleiten lie\u00df: Seinen letzten Oratorien \u00fcber den eigenen Tod wurde von Kritikern reihenweise die differenzierte Einlassung verweigert mit dem Hinweis, dar\u00fcber lie\u00dfe sich nicht mehr schreiben.<\/p>\n<p><strong>Sechs: Nachleben des Genies als Soziale Skulptur<\/strong><\/p>\n<p>Was bleibt, wenn einer weg ist, der seine Kunst so sehr pers\u00f6nlich beglaubigt hat. Es bleibt eine Leerstelle. Es bleibt in diesem Fall aber auch das Operndorf Remdoogoo in Burkina Faso, das letzte Projekt. Eine &#8222;Soziale Skulptur&#8220;, der ins Existenzielle ge\u00f6ffnete Opernbegriff. In einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder Afrikas entsteht diese &#8222;Village Opera&#8220;, eine Schule gibt es schon, nicht nur f\u00fcrs Lesen und Schreiben, sondern auch f\u00fcrs Filmen und Tanzen. Von au\u00dfen und aus der N\u00e4he sieht Schlingensiefs &#8222;Operndorf&#8220; aus wie ein Sozialprojekt in einem sehr armen Land. Es w\u00e4chst auf einem H\u00fcgel, etwa drei\u00dfig Kilometer \u00f6stlich der Hauptstadt, der aber kein gr\u00fcner, sondern ein eher gelber ist. F\u00fcr Schlingensief war es ein &#8222;sozialer Klangk\u00f6rper&#8220;, in dem Kinder zur Schule gehen, f\u00fcnf Hektar Ackerfl\u00e4che bebaut, Sport getrieben, Kranke versorgt werden. Es wird aber auch getanzt und gesungen, es werden Filme gedreht, die in einem kleinen Kino zu sehen sind, H\u00f6rspiele im eigenen Tonstudio produziert.<\/p>\n<p>Die Wortsch\u00f6pfung &#8222;Operndorf&#8220; verwirrt die Menschen in Ougadougou wohl weniger als die Kulturmenschen hier, die sich fragen, was denn ein &#8222;Festspielhaus&#8220; in einem H\u00fcttendorf zu suchen und ob Schlingensief da ein afrikanisches Neubayreuth aus der Steppe hatte stampfen wollen. Tats\u00e4chlich ist dieses Operndorf eben auch eine Luftspiegelung des hiesigen Kulturbetriebs, ein anderer Ort, von dem aus das Eigene in Frage gestellt wird.<\/p>\n<p>So entsteht im fernen Ougadougou das Nachbild einer einzigartigen K\u00fcnstlerexistenz, die sich immer gut eignete f\u00fcr Projektionen aller Art, von allen Seiten. Stur sahen die Verfertiger der Bilder an dem vorbei, worauf Schlingensief, schreiend und rennend und am Ende immer verzweifelter zeigte. Das Dunkle dazwischen. Ein Genie, da hat die BILD-Zeitung wohl recht, aber wenn einer nicht irre war, dann er.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/essayunddiskurs\/2101651\/\">Deutschlandfunk Essay und Diskurs vom 09.05.2013<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ungebremste Kreativit\u00e4t &#8211; Multitalente Teil 6: Christoph Schlingensief. Er wollte vor allem eins: die gro\u00dfe Konsensblase zum Platzen bringen. 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