{"id":752,"date":"2013-01-20T09:42:58","date_gmt":"2013-01-20T07:42:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=751"},"modified":"2013-01-20T09:42:58","modified_gmt":"2013-01-20T07:42:58","slug":"die-symbolische-dimension-der-demokratie-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=752","title":{"rendered":"DIE SYMBOLISCHE DIMENSION DER DEMOKRATIE (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Demokratie braucht Symbole und Inszenierungen. Beuys hat daf\u00fcr geboxt, Schlingensief hob den Wasserstand des Wolfgangsees<\/strong><\/p>\n<p>Im Wahlkreis D\u00fcsseldorf-Oberkassel trat 1976 bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag ein ber\u00fchmter Kandidat an: Der K\u00fcnstler Joseph Beuys kam als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Deutscher zwar nur auf 568 Stimmen (drei Prozent), doch seiner Botschaft konnte er auf jeden Fall eine Menge Aufmerksamkeit verschaffen. Sie lautete: Die Demokratie muss direkter werden. Dazu stand nicht in Widerspruch, dass Beuys sich bei dieser Wahl f\u00fcr ein Amt im Zusammenhang der repr\u00e4sentativen Demokratie bewarb. Es w\u00e4re es ihm im Gegenteil auch im Bundestag darum gegangen, die Demokratie in dem Sinne umzubauen, in dem er sie schon des L\u00e4ngeren zu einem Gegenstand seiner k\u00fcnstlerischen Arbeit und Reflexion gemacht hatte. Dabei galt ein \u00e4hnliches Prinzip, das er auch f\u00fcr seine Kunst geltend machte: Da wie dort wollte Beuys keine Experten am Werke sehen (also meisterliche Kunstschaffende und abgehobene Politikmacher), sondern er wollte das K\u00fcnstlerische und das Politische auf alle Menschen verteilen.<\/p>\n<p><strong>Macht und Autorit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Das, was daraus entstehen sollte, nannte er eine &#8222;soziale Plastik&#8220;. Schon vier Jahre zuvor hatte Beuys bei der Documenta 5 die wesentlich von ihm selbst mitgetragene Organisation f\u00fcr direkte Demokratie durch Volksabstimmung als seinen k\u00fcnstlerischen Beitrag verstanden und die 100 Tage zu intensiven Diskussionen gen\u00fctzt. Am Ende der Veranstaltung gab es einen Boxkampf f\u00fcr direkte Demokratie, zu dem Beuys pers\u00f6nlich antrat &#8211; eine symbolstarke Aktion, in der es auch um das Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis ging und damit um die Weitergabe oder Ablehnung von Macht und Autorit\u00e4t. Mit seinem Konzept von &#8220; Volksherrschaft&#8220; ging Beuys so weit, dass es eher revolution\u00e4r als reformistisch wirken musste. Tats\u00e4chlich schwebte ihm auch eine Art R\u00e4terepublik vor, in der Amtstr\u00e4ger kurzfristig abw\u00e4hlbar sein sollten, und in der wichtige Bereiche wie das Schulwesen oder die Wirtschaft einer &#8222;freien Selbstverwaltung&#8220; unterliegen sollten, w\u00e4hrend der Staat sich auf &#8222;die reine Rechtsverwaltung&#8220; beschr\u00e4nken sollte.<\/p>\n<p>In der damals gerade entstehenden Partei der Gr\u00fcnen bildeten die Prinzipien der direkten Demokratie anf\u00e4nglich ein wichtiges Element: Die Parlamentarier sollten m\u00f6glichst direkt mit einem basisdemokratischen Prozess in Verbindung stehen. Heute w\u00fcrde man das als klassische Fundi-Anspr\u00fcche verstehen, gegen die sich bei den Gr\u00fcnen die Realos durchgesetzt haben, die eine flexiblere Handhabung des Mandats bef\u00fcrworten. Doch das sind schon eher prozedurale Fragen, hinter denen wieder zu verschwinden droht, was die Kunst den Verfahrensweisen der Demokratie urspr\u00fcnglich nahebringen wollte: einen positiven Begriff von Teilnahme, von Kreativit\u00e4t, von Gesellschaft und folgerichtig auch von Politik als gemeinschaftlichem Projekt, das nicht zuletzt unter dem Gesetz der k\u00fcnstlerischen Freiheit stehen sollte.<\/p>\n<p><strong>Auf Freiheitsdefizite verweisen<\/strong><\/p>\n<p>Dass Beuys nach der Documenta 5 seine Professur an der D\u00fcsseldorfer Kunsthochschule verlor (wogegen er einen Prozess anstrengte), war auch ein Indiz f\u00fcr das insgesamt antiinstitutionelle Moment in dieser Offensive f\u00fcr eine direktere Demokratie. Die Kunst ist in der aufgekl\u00e4rten Gesellschaft das System, das am ehesten auf die Freiheitsdefizite zu verweisen vermag, die dort entstehen, wo Politik zu routinierter Verwaltung wird. Theoretiker wie Jacques Ranci\u00e8re, die einen anspruchsvollen, konkret kaum einzul\u00f6senden Begriff von Politik entwickeln, gehen nicht umsonst h\u00e4ufig von \u00e4sthetischen Fragen aus. Ranci\u00e8re vor allem findet in der historischen Konstellation um 1800, als Schiller das Zusammenspiel von Kunst, Gesellschaft, Politik auf das Bild eines gro\u00dfen Tanzes brachte, eine wichtige Inspiration. Das, was uns gemeinhin als politischer Alltag erscheint (Verteilung von Budgets, Besetzung von Posten, Erlass und Durchsetzung von Gesetzen), f\u00e4llt bei Ranci\u00e8re unter den polemischen Begriff &#8222;Polizei&#8220;.<\/p>\n<p>Parteien stehen besonders im Verdacht, dass sie Bewegungen zum Stillstand bringen und Freiheit in Strukturen verwandeln. Deswegen wandte sich Christoph Schlingensief, den viele als Nachfolger von Joseph Beuys sahen, im Jahr 1999 auch genau diesem Thema zu und gr\u00fcndete eine &#8220; Partei der letzten Chance&#8220;, die auch auf einen neuen Begriff von direkter Demokratie zielte. Schlingensief begriff das demokratische Verh\u00e4ltnis als eines zwischen Akteuren und Zuschauern und wollte folgerichtig eine &#8222;Publikumsaktivierung&#8220; erreichen. Mit der Aktion &#8220; Baden im Wolfgangsee&#8220;, zu der Arbeitslose eingeladen wurden, um den See zum \u00dcberlaufen zu bringen, an dem der deutsche Kanzler Helmut Kohl traditionell seinen Sommerurlaub verbrachte, machte Schlingensief deutlich, dass in einer Mediengesellschaft die direkte Demokratie nicht mehr nur auf Volksabstimmungen zu konkreten Themen zielen kann.<\/p>\n<p>Sie muss auch die symbolische Dimension ernst nehmen, muss Inszenierungen schaffen, aber solche, in denen der &#8222;Spin&#8220; nicht dazu dient, Machtverh\u00e4ltnisse zu verkaufen, sondern offenzulegen und demokratischer zu machen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1358304020396\/Die-symbolische-Dimension-der-Demokratie\" target=\"_blank\">Bert Rebhandl, DER STANDARD<\/a>; 19.\/20.1.2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Demokratie braucht Symbole und Inszenierungen. 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