{"id":750,"date":"2012-11-27T14:15:47","date_gmt":"2012-11-27T12:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=749"},"modified":"2012-11-27T14:15:47","modified_gmt":"2012-11-27T12:15:47","slug":"christoph-wollte-sein-leben-lang-einfach-ernst-genommen-werden-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=750","title":{"rendered":"&#8222;CHRISTOPH WOLLTE SEIN LEBEN LANG EINFACH ERNST GENOMMEN WERDEN&#8220; (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aino Laberenz hat die Autobiographie ihres verstorbenen Mannes Christoph Schlingensief herausgebracht. Im Interview spricht sie \u00fcber Schlingensiefs Mut und seine \u00c4ngste.<\/strong><\/p>\n<p>Vor zwei Jahren starb der Regisseur Christoph Schlingensief. Vor seinem Tod arbeitete der damals 49-J\u00e4hrige an einem autobiographischen Blick auf sein Werk. Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz hat diese Texte, Gespr\u00e4chsprotokolle und Notizen nun als Buch herausgegeben. Den Titel: &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; w\u00e4hlte Christoph Schlingensief selbst. <\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> In dem Vorwort zu dem Buch: Ich wei\u00df, ich war\u2019s schreiben Sie, &#8222;Christoph Schlingensief empfand die L\u00fccke als gro\u00dfes Gl\u00fcck&#8220;, was haben Sie damit gemeint?<\/p>\n<p><strong>Aino Laberenz:<\/strong> Beim Sortieren der Texte habe ich mich schnell entschieden, nur das Material zu verwenden, das Christoph hinterlassen hat. Das bedeutet aber, dass nicht alles biographisch erz\u00e4hlt wird. Da bleiben nat\u00fcrlich L\u00fccken. F\u00fcr mich ist es Christoph selbst, der zwar sehr genau in der Planung und im Umgang mit seinen Arbeiten war, einen pr\u00e4zisen Blick hatte, aber auch gro\u00dfen Weitblick. Er hat immer zugelassen, dass sich etwas entwickeln darf. Das bedeutet f\u00fcr mich Mut zur L\u00fccke, der Mut, sich auszusetzen in seiner Arbeit.<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Sich aussetzen war das Grundprinzip in fast allen Inszenierungen Christoph Schlingensiefs.<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Christoph war ein Stratege und wusste genau, was er nach au\u00dfen hin sagt. Er hat sich nicht als Einzelperson ausgesetzt, sondern die Themen, die ihn interessiert haben. Was ich an ihm immer wahnsinnig spannend und beeindruckend fand, war, dass er sich nie geschont, sondern immer auch zur Debatte gestellt hat. Er bot damit nat\u00fcrlich auch eine gro\u00dfe Angriffsfl\u00e4che. Aber es ging ihm nicht darum, sich auszustellen. Es ist ein Missverst\u00e4ndnis, dass man alles von ihm zu wissen glaubt und dass er fast schon das Objekt ist. Er war sehr bewusst in dem, was er bearbeitet hat. Nat\u00fcrlich hat es immense Kraft gekostet, sich so zur Verf\u00fcgung zu stellen und angreifbar zu sein.<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Man braucht enorme Kraft, immer die Grenze zwischen Privatem und \u00d6ffentlichem zu \u00fcberspringen. Was war die Quelle dieser Kraft?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Es gibt offensichtlich Menschen, die haben verdammt viel Kraft. Er hatte sie auf jeden Fall. Nicht nur Kraft, f\u00fcr mich war es pure Lebensenergie. Aus einem Humor, aus einer Freude heraus machen zu wollen, leben zu wollen. Ich fand ihn unglaublich schnell, er hatte eine enorme Beobachtungsgabe. Woher kam diese Kraft? Er hatte sie einfach.<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Urkomisch lesen sich die Episoden aus Bayreuth. Haben Sie das auch so komisch erlebt oder war es einfach Notwehr gegen die Bayreuther Verh\u00e4ltnisse?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Beides. Christoph ist oft mit seinen Werken an Grenzen gesto\u00dfen. Das betrifft nicht nur Bayreuth, sondern viele Arbeiten, bei denen er mit vorhandenen Strukturen umgehen musste. Er war jemand, der nicht nur schwer erziehbar war, sondern sich auch nicht erziehen lassen wollte. Er hatte sicherlich Respekt vor Generationen, vor Kunst, vor Film, aber auf der anderen Seite bekam er sofort eine Allergie, wenn er irgendetwas beliefern sollte. Oder wenn er sich in ein System einpassen sollte. Er war an sich ein sehr charmanter Mensch, auch sehr zur\u00fcckhaltend. Aber wenn er etwas wollte, dann ging es ganz banal um die Sache, und dann hat er darum gek\u00e4mpft. Wenn ihm jemand gesagt hat: &#8222;Du liegst da falsch, das muss mundgerechter verpackt oder besser verkauft werden&#8220;, ging das \u00fcberhaupt nicht. Auf der anderen Seite hatte er die gro\u00dfe Qualit\u00e4t, allem mit einem unglaublichen Humor zu begegnen und immer auch mit einer gro\u00dfen Lust. Die Zeit in Bayreuth war nicht ganz so lustig, aber trotzdem ist das so passiert. Im Nachhinein verhilft sicherlich der Abstand zu besserer Laune.<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Im Buch kommen aber immer wieder \u00dcberlegungen vor, dass Schlingensief genau diese liebensw\u00fcrdige Ausstrahlung f\u00fcrchtete. Er schreibt: &#8222;Wenn ich dachte, jetzt werde ich nur noch gelobt und geliebt, musste ich das sofort brachial zerst\u00f6ren.&#8220; Warum eigentlich?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Christoph war jemand, der sich immer selbst hinterfragt hat. Als er auf dem H\u00f6hepunkt seiner Karriere war, konnte er dem nicht trauen. Er war ein sehr misstrauischer Mensch. Christoph hat ganz jung angefangen. Er war fest \u00fcberzeugt, Regisseur zu werden und hat mit acht Jahren seinen ersten Film gedreht. Er organisierte sich alle Sachen selbst, mit zw\u00f6lf Jahren sogar einen Hubschrauber. Da fragt man sich, wie geht das denn? Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, dann hat er das auch hinbekommen. Doch dann traf ihn die Reaktion der Zuschauer, die nicht verstanden, was das f\u00fcr eine Fantasie war. Da hie\u00df es dann: Das ist brutal, das ist dreckig, das ist nicht die normale Filmerz\u00e4hlweise. F\u00fcr seine Filme ist er nicht nur kritisiert, sondern auch pers\u00f6nlich angegriffen worden. So ist er aufgewachsen. Immer wurde ihm erz\u00e4hlt, dass es nicht richtig ist. Das ging bis zum Schluss. Ich glaube, er wollte sein Leben lang einfach ernst genommen werden. Und wenn er dann Zuspruch bekam, hat er dem nicht getraut.<\/p>\n<p>Mit der Krankheit hat sich das verst\u00e4rkt, weil dieser sentimentale Aspekt mit hineinspielte. Am Schluss hat Christoph gesagt: &#8222;Ich habe die Schnauze voll. Weil ich krank bin, wird jetzt alles so gesehen, als sei es ganz toll, was ich mache. Dabei mache ich nichts anderes als schon mein Leben lang. Diese emotionale Schmiere, die sich dar\u00fcber legt, verwischt eigentlich meine Ernsthaftigkeit den Arbeiten gegen\u00fcber.&#8220;<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus zieht sich als roter Faden durch das Buch. Welche Rolle hat Gott in Ihrer Beziehung gespielt?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Christoph ist katholisch aufgewachsen. Er war zw\u00f6lf Jahre lang Messdiener, das war bis zum Schluss sehr pr\u00e4gend. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben sieht man auch seinen Arbeiten an. Er war aber immer offen gegen\u00fcber anderen Religionen und hat sich nicht nur daf\u00fcr interessiert, sondern alles zugelassen. Er war immer ein Suchender. Ich bin evangelisch aufgewachsen, aber frei. Nat\u00fcrlich gab es von Anfang an Gespr\u00e4che, und zwar nicht nur dar\u00fcber, was nach dem Tod kommt, sondern wo wir uns eigentlich hin bewegen. Was nehmen wir auf, wo befinden wir uns? Mit der Krankheit, wenn der Tod so pr\u00e4sent ist, stellen sich solche Fragen noch mal ganz anders. Wir hatten bei all dem eine \u00e4hnliche Sprache. Wir wollten auch gar nicht alles beantworten. Ich habe es zum Beispiel gut verstanden, wenn er Maria, Gott oder Jesus als Figuren beschreibt. Er hat es so erkl\u00e4rt, dass er sie wie ein Schutzm\u00e4ntelchen braucht, auch wenn er sie sich nicht vermenschlicht vorstellte.<\/p>\n<p><strong>ZEIT ONLINE:<\/strong> Einmal werden Sie zitiert: &#8222;Aino hat gesagt, dass Gott mich braucht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich das gesagt habe. Da sa\u00df ich auf dem Balkon und habe in den Himmel geschaut und mich dann an irgendetwas gewandt und gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du jemanden einfach nur so leiden l\u00e4sst und offensichtlich von hier wegnimmst, wenn er Dir nicht so wichtig ist, dass Du ihn vielleicht selbst bei Dir brauchst. Das war f\u00fcr mich auf einmal die einzige Antwort, die ich hatte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2012-11\/aino-laberenz-schlingensief-ich-weiss-ich-wars\/komplettansicht\">ZEIT ONLINE<\/a> vom 26.11.2012; Interview: Simone Reber<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aino Laberenz hat die Autobiographie ihres verstorbenen Mannes Christoph Schlingensief herausgebracht. 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