{"id":749,"date":"2012-11-15T22:52:24","date_gmt":"2012-11-15T20:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=748"},"modified":"2012-11-15T22:52:24","modified_gmt":"2012-11-15T20:52:24","slug":"konfrontation-mit-unserer-sterblichkeit-dlf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=749","title":{"rendered":"KONFRONTATION MIT UNSERER STERBLICHKEIT (DLF)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Filmemacher, Aktionsk\u00fcnstler, Theater- und Opernregisseur, Provokateur &#8211; Christoph Schlingensief hatte viele Gesichter. Und er hat sie gelebt, wie das von seiner Witwe Aino Laberenz herausgegebene Buch &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; auf bewegende Weise zeigt. Es versammelt Texte aus den Jahren 2009 und 2010, Interviews, Blog-Eintr\u00e4ge, Emails, Fotos und Dokumente aus dem Nachlass.<\/strong><\/p>\n<p><em>Christoph Schlingensief: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;, Kiepenheuer &#038; Witsch<br \/>\nVon Annette Br\u00fcggemann<\/em><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: &#8222;Glauben hei\u00dft ja eigentlich auch, eine Wahrheit suchen, aber vielleicht auch schon wieder ahnen, dass es das gar nicht sein kann. Also vielleicht ist es auch schon wieder genau anders rum&#8230; g\u00fctiger Gott &#8211; kann nicht sein! Gott ist gut, aber die Sch\u00f6pfung ist schlecht&#8230; also gibt&#8217;s Gott oder ist Gott vielleicht gar nicht existent? Oder ist er auch schlecht? Es gibt ja all diese Verschachtelungen.&#8220;<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief&#8217;s Buch ist existenziell &#8211; es dreht die Uhr zur\u00fcck und zeigt, wof\u00fcr es sich in jeder Sekunde zu leben lohnt. Da ist kein Satz zu viel und keiner zu wenig. Mal lapidar, mal poetisch, mal w\u00fctend, mal voller Trauer und Selbstzweifel, befl\u00fcgelt von einem Humor, der um den Ernst der Lage wei\u00df.<\/p>\n<p>Es sollte ein Band der &#8222;vorletzten Worte, der unvollendeten Gedanken&#8220; werden, schreibt seine Frau Aino Labarenz in einem ber\u00fchrenden Vorwort. Sie hat die Texte Ihres Mannes zusammengestellt. Christoph Schlingensief wollte keine &#8222;Gesamtschau&#8220; seines Lebens und seiner Projekte, keine Chronologie.<\/p>\n<p>Im Buch enthalten sind Texte aus den Jahren 2009 und 2010, Interviews, Blog-Eintr\u00e4ge, Emails, Fotos und Dokumente aus dem Nachlass und die Aufzeichnung von Abenden wie im Schauspielhaus Bochum am 24. November 2009, an dem Schlingensief aus Anlass seines Krebstagebuchs in freier Rede aus seinem Leben erz\u00e4hlte. Als Tondokument sind diese Sternstunden auch auf dem gleichnamigen H\u00f6rbuch &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; zu finden.<\/p>\n<p>Mit 49 Jahren blickt Christoph Schlingensief zur\u00fcck, w\u00e4hrend er noch so viel vorhat. In leisen T\u00f6nen wird klar, dass es ihm um mehr geht, als er in seinem vom Krebs gezeichneten K\u00f6rper noch bewerkstelligen kann. Um etwas, das \u00fcber ein einzelnes Leben hinausgeht, wie es seine Vision vom Operndorf in Burkina Faso in Afrika eindr\u00fccklich zeigt.<\/p>\n<p>Leben und Theater waren f\u00fcr ihn eine Art &#8222;Forschungsanstalt&#8220; mit allen Reibungsfl\u00e4chen und \u00dcberforderungen, Scheitern und Gl\u00fccksmomente inbegriffen. Wer nur rum sitze und sparsam mit seiner Energie sei, der k\u00f6nne eben keine W\u00e4rme erzeugen, so Schlingensief.<\/p>\n<p>In seinem Buch erz\u00e4hlt er von seiner Kindheit und Kinomanie, von seiner Zeit im Bayreuther Festspielhaus bis hin zur Grundsteinlegung in Burkina Faso und von seinen unvergesslichen politischen Kunstaktionen.<br \/>\nSo gr\u00fcndet Christoph Schlingensief 1998 zur Bundestagswahl die Partei &#8222;Chance 2000&#8220;. &#8222;W\u00e4hle dich selbst!&#8220; lautet ihr Motto. Die Partei wird zu einem unbegrenzten Theaterst\u00fcck. Anhand einer demokratischen Gebrauchsanleitung erkl\u00e4rt sie den Parteilosen den Weg zur Direktkandidatur f\u00fcr den Deutschen Bundestag und erkl\u00e4rt sich zum Sammelbecken f\u00fcr die Randst\u00e4ndigen der Gesellschaft. Mit 6 Millionen Arbeitslosen will Schlingensief am 2. August im Wolfgangsee das Wasser zu einer Flutwelle hochsteigen lassen, um Helmut Kohl mitsamt seinem Ferienhaus wegzusp\u00fclen:<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: &#8222;Als wir dann losgeschwommen sind, raus, da kam ein Boot an und da war ein Mann mit Megafon und schrie immer: &#8222;Herr Schlingensief, schwimmen Sie zur\u00fcck!&#8220; &#8222;Nee, das geht doch nicht, die ganzen Leute&#8230;&#8220; und ich hatte auch wirklich Angst, dass ich untergehe, ich hab auch gar nicht die Kondition gehabt, auch fr\u00fcher nicht, und hinter mir die ganzen Leute und ich: &#8222;Nein, helfen Sie mir, sagen Sie Kohl, er soll ans Fenster kommen und er soll einfach nur winken, das reicht den Leuten, dann schwimmen wir zur\u00fcck!&#8220; Und er so: &#8222;Nein, das kann ich doch nicht machen, Herr Schlingensief&#8230; schwimmen Sie zur\u00fcck, schwimmen Sie sofort zur\u00fcck!&#8220; Und ich: &#8222;Das mach ich doch nicht, die ganzen Leute&#8230; rufen Sie doch einfach an da und sagen Sie, er soll nur winken, nur einfach zeigen oder so&#8230;&#8220; &#8222;Herr Schlingensief, das kann ich nicht machen, der kommt nicht ans Fenster, was denken Sie denn&#8216; Das geht doch gar nicht, ich bin nur vom BND, was soll ich denn machen'&#8220; &#8222;Ja, machen Sie irgendwas, ich geh doch sonst unter&#8230;&#8220; Und dann hat der aber nichts gemacht&#8230; &#8222;Weg jetzt!&#8220; hat er gerufen, &#8222;Schluss, aus!&#8220; Und dann sind wir wirklich abgedreht und ich bin dann mit den letzten Atemz\u00fcgen noch da angekommen am Ufer und hab mit Martin Wuttke dann zusammen Helmut Kohl, genau um die Uhrzeit, 16 Uhr, was-wei\u00df-ich, 34 f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. &#8222;Der Bundeskanzler ist tot. Er hat sich nicht gezeigt, er ist gerade verendet in seinem Ferienhaus und deshalb ist Deutschland jetzt f\u00fchrerlos. Deshalb w\u00e4hlt &#8218;Chance 2000&#8216;!&#8220;<\/p>\n<p>2002 nimmt er den damaligen FDP-Spitzenpolitiker J\u00fcrgen W. M\u00f6llemann ins Visier, als dieser mit seinem ber\u00fchmten israelkritischen Flugblatt Schlagzeilen macht.<\/p>\n<p>Vor M\u00f6llemanns ehemaliger, dubioser Wirtschafts- und Exportberatungsfirma startet er die einw\u00f6chige &#8222;Aktion 18 &#8211; t\u00f6tet Politik&#8220; durch deutsche St\u00e4dte. Er vollf\u00fchrt ein Voodoo-Ritual mit Huhn, verbrennt die israelische Flagge, verteilt 20 Kilo Federn und wirft 7000 Patronenh\u00fclsen in M\u00f6llemanns Firmengarten, w\u00e4hrend er &#8222;M\u00f6llemann, ich verfluche dich!&#8220; ruft.<\/p>\n<p>Zwei Jahre zuvor hatte Christoph Schlingensief in \u00d6sterreich f\u00fcr Wirbel gesorgt. Im Rahmen der Wiener Festwochen stellt er nach dem Vorbild von &#8222;Big Brother&#8220; einen Container vor die Wiener Staatsoper. Auf dem Containerdach hisst er blaue Fahnen der Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs &#8211; FP\u00d6 &#8211; und stellt ein Schild mit der Aufschrift &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220; auf. Im Jahr 2000 war der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Wolfgang Sch\u00fcssel von der \u00d6sterreichischen Volkspartei &#8211; \u00d6VP &#8211; mit der von J\u00f6rg Haider gef\u00fchrten FP\u00d6 eine Koalitionsregierung eingegangen, obwohl J\u00f6rg Haider zuvor in seinen Wahlkampagnen die Abschiebung &#8222;integrationsunwilliger&#8220; und &#8222;ungebildeter&#8220; Immigranten bef\u00fcrwortete und einen &#8222;Stopp der \u00dcberfremdung&#8220; propagierte.<\/p>\n<p>Schlingensief macht aus Politik ernst:<\/p>\n<p>&#8222;Ja, meine Damen und Herren, jetzt geht es los! Kommen Sie rein! Betrachten Sie Ihren Asylbewerber! W\u00e4hlen Sie seine Telefonnummer und schmei\u00dfen Sie ihn endlich aus \u00d6sterreich raus!&#8220; Genau, es war so, dass man abends, das waren wirklich echte Asylbewerber, bis auf einen, das war ein Schauspieler, der war mit da drunter, um Ordnung zu schaffen, die Asylbewerber&#8230; wenn dann auch Kritiker rein gingen, so Journalisten rein gingen, kamen sie raus und sagten: &#8222;Das ist ja wirklich furchtbar, das sind ja wirklich Echte!&#8220; Am n\u00e4chsten Tag in der Zeitung haben sie dann geschrieben: &#8222;Schauspieler&#8220;. Das ging nicht, sie konnten nicht schreiben, dass es Echte sind. Es war irgendwie nicht drin, warum wei\u00df ich nicht, das nur nebenbei&#8230; und dann konnte man eben die Leute raus w\u00e4hlen mit einer TED-Telefonnummer. Jeder hatte so ne Endung, -3, -4, -5, -6, -7, wie beim Gottschalk, und dann war der eben raus, wurde dann abends abgef\u00fchrt, in eine Limousine, direkt zur Landesgrenze und dann war der weg. Und der Letzte, der \u00fcberlebt hat, der Letzte, der drin blieb, durfte dann eine \u00d6sterreicherin heiraten und deshalb eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, das war das Spiel. &#8222;Hier, meine Herren von der FP\u00d6, machen Sie Fotos von diesem Prototyp einer neuen ausl\u00e4nderfreien Gesellschaft! Das ist das neue Europa, daf\u00fcr stehen wir grade&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Provokation war das Markenzeichen Christoph Schlingensiefs. Er l\u00fcftete Vorh\u00e4nge, blickte hinter Kulissen und verschob die Grenzen zwischen Theater und Realit\u00e4t immer weiter.<\/p>\n<p>In Bayreuth, wo er 2004 den &#8222;Parsifal&#8220; inszeniert, installiert er eine rotierende Drehb\u00fchne aus Nomadenbauten und multifunktionalen Kinoleinw\u00e4nden, um Tod, Auferstehung und Wiedergeburt in einem Raum-Zeit-Gef\u00fcge simultan erlebbar zu machen.<\/p>\n<p>In seinem Theaterst\u00fcck &#8222;Kirche der Angst&#8220;, das auf der Ruhrtriennale 2008 gezeigt wird, setzt er sich mit dem Fremden in sich selbst, dem Krebs, auseinander. Er baut die Kirche seiner Kindheit, in der er selbst jahrelang Messdiener war, als Kulisse wieder auf und feiert mit den Schauspielern ein Fluxus-Happening.<\/p>\n<p>Und dann als Steigerung und Endpunkt aller Inszenierungen bringt Schlingensief die Oper mitten ins Leben zur\u00fcck. Schon viele Jahre zuvor war er nach Afrika gereist, dort m\u00f6chte er seinen Traum eines Operndorfs realisieren &#8211; mit einem Opernhaus, einem Sportplatz, einem Krankenhaus, Wohnh\u00e4usern und einer Schule, in der es neben den regul\u00e4ren F\u00e4chern auch Film-, Kunst- und Musikklassen geben soll. &#8222;Um von Afrika zu lernen&#8220;, wie Christoph Schlingensief immer wieder betont. Auf dem Weg dorthin lernt er den Architekten Francis K\u00e9r\u00e9 kennen, der f\u00fcr seine Schulbauten in Afrika mit Preisen ausgezeichnet wurde. Dieser zeigt ihm seine Heimat Burkina Faso und hilft ihm, seinen Traum wahr werden zu lassen &#8211; 30 Kilometer \u00f6stlich von Ouagadougou. Vor einem Jahr hat die Schule mit zwei Klassen f\u00fcr 100 Kinder ihren Betrieb aufgenommen.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstlerische Existenz Christoph Schlingensiefs war au\u00dfergew\u00f6hnlich. In Zeiten, in denen Talentshows Karrieren versprechen. In denen Finanzm\u00e4rkte von unserer Lebensrealit\u00e4t nicht weiter entfernt sein k\u00f6nnten. In denen Kategorien wie &#8222;Sicherheit&#8220; und &#8222;Kosteneffizienz&#8220; an Priorit\u00e4t gewinnen, konfrontiert uns Christoph Schlingensief mit unserer Sterblichkeit. Sein Buch ber\u00fchrt, setzt eine Z\u00e4sur. Hier ist ein Mensch gegangen, der sich leidenschaftlich verausgabt hat, mit allen Widerspr\u00fcchen, f\u00fcr seine Kunst, f\u00fcr Andere &#8211; und er fehlt.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: &#8222;So, Schluss&#8230; das darf nicht an die \u00d6ffentlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p><em><strong>Christoph Schlingensief: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;.<\/strong><br \/>\nHerausgegeben von Aino Laberenz<br \/>\nKiepenheuer &#038; Witsch 2012, 304 Seiten, gebunden, 19,99 Euro<br \/>\nISBN 978-3-462-04242-9<\/p>\n<p><strong>Christoph Schlingensief: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;.<\/strong><br \/>\n4 CDs, Multi Jewelcase<br \/>\nROOF Music 2012, 19,99 Euro<br \/>\nISBN 978-3-941168-52-7 <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/buechermarkt\/1923032\/\">Deutschlandfunk B\u00fcchermarkt<\/a> vom 15.11.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmemacher, Aktionsk\u00fcnstler, Theater- und Opernregisseur, Provokateur &#8211; Christoph Schlingensief hatte viele Gesichter. Und er hat sie gelebt, wie das Buch &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; auf bewegende Weise zeigt. 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