{"id":747,"date":"2012-10-09T07:55:45","date_gmt":"2012-10-09T05:55:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=706"},"modified":"2012-10-09T07:55:45","modified_gmt":"2012-10-09T05:55:45","slug":"christoph-schlingensiefs-sprunghafte-erinnerungen-waz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=747","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEFS SPRUNGHAFTE ERINNERUNGEN (WAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Jahr vor seinem Tod hat der krebskranke K\u00fcnstler einen R\u00fcckblick auf sein bewegtes Leben gehalten. Das Buch \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c, herausgegeben von seiner Witwe Aino Laberenz, enth\u00e4lt auf Band diktierte Memoiren, die bis zur Kindheit in Oberhausen zur\u00fcckreichen.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief war eine Wunderkerze, die von zwei Enden her brannte. Ein Gesamtkunstwerk gewordener Hohn auf alles, was Energiesparen hei\u00dft. Dass es Lungenkrebs war, der ihn f\u00fcr alle Zeiten stoppte, mutet wie ein b\u00f6ser Zufall an.<\/p>\n<p>Die Vorstellung aber, wie ein 80-j\u00e4hriger Christoph Schlingensief, umtanzt von Enkeln und Kleinkindern seines Operndorfs in Burkina Faso, R\u00fcckschau h\u00e4lt auf sein Leben, h\u00e4tte etwas von einem Wunder. Ein Wunder, auf das er selbst bis kurz vor seinem Tod im August 2010 immer mal wieder gehofft hat, bei allem Mut, bei aller Wut und Gedankenk\u00fchnheit, mit der er dem Tod nach der ersten Diagnose zwei Jahre lang ins Gesicht geblickt hat.<\/p>\n<p>Am Ende wollte er noch in zehn Tagen einen Abschiedsfilm drehen, \u00fcber einen schwerkranken Regisseur, der dem Tod entgegengeht und noch ein gro\u00dfes Happening filmen will, die Ruhrtriennale sollte das produzieren. Ideen f\u00fcr Szenen gab es auch schon, sie hie\u00dfen \u201eEr hangelt sich an fr\u00fcheren Aktionen ab, die keinen mehr interessieren\u201c, \u201eWo denn begraben? Paris oder Berlin? Oder Oberhausen?\u201c oder \u201eWer soll nicht zur Beerdigung kommen?\u201c<\/p>\n<p><strong>Eine Art Schlingensief-Memoiren<\/strong><\/p>\n<p>All das ist nachzulesen in dem heute erscheinenden Band \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c \u2013 eine Art Schlingensief-Memoiren, die er in den letzten Monaten auf Band diktiert hat, ein Verfahren, in dem auch schon sein Krebstagebuch-Bestseller \u201eSo sch\u00f6n wie hier kann\u2019s im Himmel gar nicht sein\u201c entstand. Den neuen Band hat Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz zusammengestellt, mit deren Heirat diese kreuz und quer streifenden Erinnerungen beginnen \u2013 ein Jahr vor seinem Tod, als sie sich nicht vom Krankenbett wegekeln lie\u00df, wie es der Krebspatient Schlingensief versuchte.<\/p>\n<p><strong>Entdeckung der Doppelbelichtung<\/strong><\/p>\n<p>Von H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen geht es auch zur\u00fcck in die sp\u00e4ten 60er-Jahre, als Schlingensiefs Vater, der in Oberhausen die Industrie-Apotheke hatte, eine Filmkamera kaufte und dank einer Doppelbelichtung dem kleinen Christoph und seiner Mutter am Strand pl\u00f6tzlich Menschen \u00fcber die B\u00e4uche liefen. Ja, Anekdoten bietet dieser Band, der von seinen Abschweifungen lebt, viele. Wie Schlingensief sich, sturztrunken und mit heruntergezogener Hose auf dem Kopierer um seinen Job als Aufnahmeleiter bei der \u201eLindenstra\u00dfe\u201c brachte. Was er in drei Jahren als Assistent beim M\u00fclheimer Experimentalfilmer Werner Nekes lernte.<\/p>\n<p>Wie er Wim Wenders einmal in Venedig um Hilfe bei der Bewerbung an der Filmhochschule bat \u2013 und dabei fast umgefallen w\u00e4re, weil Isabella Rosselini dabei war. Oder wie sich Schlingensief nach seinem Debakel mit dem Film \u201eMenu total\u201c 1986 bei der Berlinale Knall auf Fall in Tilda Swinton verliebte und die beiden daraufhin weinend und lachend und h\u00e4ndchenhaltend durch das schneekalte Berlin gelaufen sind. Und krachend komische Szenen vom Wagner-Familienbetrieb in Bayreuth, wo Schlingensief 2004 den \u201eParsifal\u201c inszeniert.<\/p>\n<p><strong>Schon im Schulaufsatz war er Regisseur<\/strong><\/p>\n<p>Wer aber Schlingensief war? Oder was? Er wurde der Filmregisseur, als den er sich schon 1975 in einem Schulaufsatz beschrieb. Und dann lie\u00df er sich st\u00e4ndig weiterlocken, von den M\u00f6glichkeiten, die sich auftaten, am Theater, im Fernsehen. Seine Kunst wurde immer verg\u00e4nglicher, er strebte vor allem nach \u201eTransformation\u201c, nach Ver\u00e4nderung, wie seine Zentralbegriffe lauteten. Schlingensief wurde einer, der unter den immer neuen Umst\u00e4nden, denen er sich aussetzte, \u201ean sich selbst lernte\u201c. So geriet auch sein Operndorf in Afrika von einem schrillen Einfall zu einem immer vern\u00fcnftigeren, h\u00f6chst sinnvollen Projekt.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Gl\u00fcck ist so eine Nanosekunde\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende hatte er \u201egar keine Lust mehr, die Kriege von fr\u00fcher zu f\u00fchren\u201c und Frieden gemacht mit den vielen Schlingensiefs, die er war: \u201eGeht denn das, sich selbst treu bleiben? Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte. Weil ich gar nicht wusste, wer ich mal sein k\u00f6nnte. Wer wollte ich sein, um wirklich gl\u00fccklich sein zu k\u00f6nnen, und weshalb bin ich der nicht geworden? Wahrscheinlich wohl, weil ich gar nicht wusste, wie man gl\u00fccklich wird. Das Gl\u00fcck ist ja so eine Nanosekunde. Weil ich denke, dass die Menschen, die sich immer so anstrengen, Ordnungen zu schaffen, in Wirklichkeit nur auf der Suche nach einem Pl\u00e4tzchen sind, an dem sie in Ruhe leben k\u00f6nnen. Aber das klappt hinten und vorne nicht, weil die Unw\u00e4gbarkeit des Lebens eben auch die Qualit\u00e4t des Lebens ist.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: Der Westen \/ WAZ. Von Jens Dirksen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr vor seinem Tod hat der krebskranke K\u00fcnstler einen R\u00fcckblick auf sein bewegtes Leben gehalten. 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