{"id":744,"date":"2012-11-06T03:24:09","date_gmt":"2012-11-06T01:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=744"},"modified":"2012-11-06T03:24:09","modified_gmt":"2012-11-06T01:24:09","slug":"uber-das-vermachtnis-schlingensiefs-dlf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=744","title":{"rendered":"\u00dcBER DAS VERM\u00c4CHTNIS SCHLINGENSIEFS (DLF)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief hatte noch viel vor &#8211; das zeigt das Archiv, das am Samstag in der Akademie der K\u00fcnste in Berlin er\u00f6ffnet hat. Mit Arbeiten und Materialien, die seine Arbeit und auch seine Pl\u00e4ne dokumentieren. Seine Ehefrau und Witwe Aino Laberenz gibt Einblick in die Sammlung. Aino Laberenz im Gespr\u00e4ch mit Oliver Kranz.<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2012-11-05_corso_interview_aino_laberenz_dlf_20121105_1540_32241752.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2012-11-05_corso_interview_aino_laberenz_dlf_20121105_1540_32241752.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Wie hat Christoph Schlingensief mit seinem Archiv gearbeitet?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Mit seinem Archiv direkt, was jetzt die Akademie betrifft, gar nicht. (lacht) Ich w\u00fcrde sagen, ein Teil seiner Korrespondenzen, mal ein altes Drehbuch, also ganz verschiedene Aufzeichnungen hat er zu Lebzeiten schon der Akademie der K\u00fcnste gegeben &#8211; einfach weil es ihm wichtig war, dass Dinge nicht verloren gehen. Ihm war generell ein Archivcharakter wichtig, dass ein Moment der Geschichte nicht verloren geht. Das hei\u00dft nicht, dass er die gro\u00dfe geschichtliche Person ist oder sich, als solches gesehen hat, sondern einfach, dass so Momente nicht verloren gehen.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Nun haben Sie ja auch gerade ein Buch ver\u00f6ffentlicht: Christoph Schlingensief &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;. Das ist eine Art posthume Autobiografie. Im Vorwort ist zu lesen, dass dieses Buch angefangen worden ist als Plan von Schlingensief. Hat er das Buch schon als Botschaft an die Nachwelt geplant?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Die Anfrage kam ganz klar von Kiwi, von Helge Malchow, nach dem Tagebuch ist der ein Christoph herangetreten und hat gefragt: &#8222;Kannst du dir das vorstellen in Form einer Autobiografie?&#8220; Christoph war bei dem Gedanken erst mal unwohl. Er wusste nicht, wie er damit umgehen soll und was das f\u00fcr ihn sein soll. Und hat dann letztlich angefangen, sich auf seine Art dem zu n\u00e4hern. Er hat diese Leserreisen gemacht und hat da nicht aus dem Tagebuch gelesen, sondern erz\u00e4hlt zwei Stunden &#8211; nat\u00fcrlich immer auch \u00fcber das Operndorf, um das zu formulieren teilweise, auf der anderen Seite, um seine Geschichte, nicht sich bewusst werden zu lassen, aber Christoph war jemand, der ganz oft erz\u00e4hlt hat, um Dinge festzuhalten, um sich in dem Moment nicht nur zu erinnern, sondern vielleicht klar zu werden auf eine Art und Weise. Ich habe das beobachtet, dass diese Lesereise, dieses Erz\u00e4hlen seiner Geschichten, auch durchaus eine Ann\u00e4herung an die Biografie war.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Das Buch zeigt ihn auch sehr privat. Also da wird \u00fcber seine Hochzeit geredet oder \u00fcber seine Gef\u00fchle w\u00e4hrend seiner Krankheit. Das Archiv zeigt wahrscheinlich etwas anderes. Das Archiv zeigt die Arbeit. Oder?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Das w\u00fcrde ich schon so beschreiben. Ganz klar. Es sind viele Korrespondenzen, Notizen, auch mal ein Drehbuch. Das sind andere Seiten: die Arbeit, mit der Arbeit, als dieses aus sich heraus.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Wenn man sich seine Theaterinszenierungen und Ausstellungen angeguckt hat, da hat er sich sehr oft selbst zitiert oder auch Dinge zusammengebracht, die er gesammelt hat. Hat er das Archiv auch gebraucht als Material f\u00fcr seine Arbeiten?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Also in dem Moment war er sein eigenes Archiv, w\u00fcrde ich sagen &#8211; sein Kopf. Es gibt diesen Satz, den ich sehr mochte &#8211; da hat er gesagt: &#8222;Man l\u00e4uft immer auf dem Schrott oder den Ruinen der Vergangenheit herum, findet sich aber immer im Jetzt.&#8220; Ich glaube, so war Christoph auch als Mensch, der seine Vergangenheit immer auch geschichtlich aufgesogen hat, aber trotzdem sich ganz klar in dem Moment bewegt hat &#8211; ob das politisch, sozial, was auch immer war, in Bereichen der Kunst, dass er sich direkt bezogen hat auf sein n\u00e4chstes Umfeld, auf sein n\u00e4chstes Geschehen, ganz situativ und trotzdem Geschichten der Vergangenheit mit sich getragen hat und das auch immer als Form von Boden hatte.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Es gibt eine konkrete Stelle in der Inszenierung &#8222;Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;, wo er einen Tonausschnitt pr\u00e4sentiert von dem, was er in sein Diktierger\u00e4t gesprochen hat, als er im Krankenhaus war. Da heult er, weil er Angst vor dem Tod hat. Eine extrem private Aufnahme, wo ich mich frage: Wie geht jemand damit um, wenn er das sp\u00e4ter h\u00f6rt? Ist er ein K\u00fcnstler und sieht das als Material und sagt: Oh, das ist pers\u00f6nlich, das ist stark. Das nehme ich. Weshalb hat er solche privaten Sachen herausgelassen?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Das Missverst\u00e4ndnis ist, das war nicht w\u00e4hrend der Krankheit, sondern w\u00e4hrend Bayreuth. Das war die Auseinandersetzung mit seiner Angst. Das hat er sp\u00e4ter als Material genauso aufgenommen, weil er sich nat\u00fcrlich auch mit dem Fremden in mir, mit bestimmten \u00c4ngsten &#8211; und das ist nicht nur die Krankheit &#8211; &#8222;Kirche der Angst&#8220;, war ein Projekt und Church of Fear davor, wo er sich mit der Angst als Produktivkraft auch auseinandergesetzt hat, die wir als etwas in uns haben, das immer ganz gern ausgeklammert wird. Wo er eben nicht sich pr\u00e4sentiert als der starke Regisseur, der ganz klar seine Inszenierung schafft, sondern als jemand, der zweifelt. Damit meine ich nicht, dass er sich irgendwie menschlich darstellen will, sondern, dass bei diesen Bildern, denen man entsprechen soll, dass da vieles nicht stimmt. Es war niemals so, dass er gedacht hat: Das kommt jetzt gut. Das ist stark oder sonst irgendetwas, sondern das war der Moment der Angst f\u00fcr ihn, der genau inhaltlich das gezeigt hat, wo er in dem Moment war.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Wie strukturiert war das \u00fcberhaupt, wenn er irgendwo herangegangen ist an eine Arbeit? Hatte er eine klare Idee, wie das Endprodukt aussieht? Oder war es so, wie man vermutet, wenn man diese doch recht chaotischen Produktionen sieht, dass er erst einmal ziemlich viel auf die B\u00fchne geworfen hat und dann gekuckt hat, was passiert?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Dagegen wehre ich mich immer sehr: Er hat niemals Dinge einfach auf die B\u00fchne geworfen und gekuckt was passiert, weil er war sehr genau. Wenn es f\u00fcr ihn keinen Anlass gab, etwas zu sagen oder etwas zu arbeiten, dann hat es auch nicht funktioniert. Da war er sehr klar. Er war wahnsinnig schnell. Und dieses Chaotische, was man ihm zuschreibt, ist eine Form von \u00dcberforderung unsererseits, weil er gleichzeitig bestimmte Dinge bedienen konnte, wo er einfach schneller war. So empfinde ich das f\u00fcr mich, wenn ich in einer Arbeit neben ihm sa\u00df. Oder wenn man so in Situationen ist, ein St\u00fcck wieder aufnimmt, mit einem Team, und dann merkt man, der Rhythmus stimmt nicht. Woran liegt das? Wir haben doch alles richtig gemacht. Nur Christoph konnte das. Der war so pr\u00e4zise und hat sofort ein Gef\u00fcge daf\u00fcr gehabt, wo etwas hakt. Der konnte sehen, wenn jemand drei Sekunden sp\u00e4ter irgendwo war, und hat sich ohne irgendwelche Aufzeichnungen schriftlicher Seite daran erinnert und er war immer richtig.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Sie haben ihn ja kurz vor seinem Tod geheiratet &#8211; auch das wird in dem Buch beschrieben, und das hat ihm sehr viel bedeutet und war ein sehr ber\u00fchrender Moment &#8211; aber Sie kannten sich ja eher schon. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt und wann?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Wir haben uns in Z\u00fcrich kennengelernt, 2003 oder so. Da haben wir uns kennengelernt und das war schnell klar, dass wir gut miteinander sind.<\/p>\n<p><strong>Kranz:<\/strong> Solange sie mit ihm zusammen waren, stand er im Rampenlicht. Er war der gro\u00dfe Macher und alles hat sich immer auf ihn gest\u00fcrzt. Als er dann gestorben war, hat sich das nat\u00fcrlich umgekehrt. Jetzt sind sie die Schlingensief-Witwe und m\u00fcssen andauernd \u00fcber ihn reden und bestimmen, was mit seinem Nachlass geschieht. Wie ist das, wenn man auf einmal hauptberufliche Nachlassverwalterin von Christoph Schlingensief ist?<\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Also es ist kein Auftrag in dem Sinn, dass mir Christoph gesagt hat, &#8222;mach den Nachlass&#8220; und ich habe einen Riesenballast oder so irgendwas. Ich habe ja zum Beispiel nie aufgeh\u00f6rt, ganz banal Kost\u00fcme zu machen, was ich immer schon gemacht habe. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich auch, dass nach au\u00dfen immer gern dieses Bild gesehen wird, dass ich jetzt die Witwe bin und das hauptberuflich bin. Da kann ich machen, was ich will und das ist auch o. k. f\u00fcr mich, weil ich sowieso und das mache, was ich gerne mache. Ich habe ja mit Christoph nicht nur Kost\u00fcme gemacht, sondern ich habe auch mit ihm gesessen und Drehbuch zusammengeschrieben, Projekte entwickelt. Da habe ich mich mit ihm zusammen in einer Wechselwirkung befunden. Das ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeit, dass mein gegen\u00fcber fehlt. Ich habe nat\u00fcrlich Menschen, die mir helfen, aber letztlich muss ich Dinge f\u00fcr mich allein entscheiden. Wie geht man mit bestimmten Dingen um? Deswegen bin ich aber weder Christoph, noch Christoph-Ersatz, und stehe ganz anders im Rampenlicht, als er es gemacht h\u00e4tte. Weil ich ich bin und Christoph Christoph war. Und auf der anderen Seite mache ich hier nicht Projekte, wie er das macht, sondern ich versuche, mit dem umzugehen. Weil was mir wirklich am Herzen liegt und was mir wirklich wichtig ist, dass er in seiner Kunst &#8211; als Mensch haben wir ihn alle verloren &#8211; aber was er hinterlassen hat. Die Kunst, das ist etwas, was f\u00fcr mich sehr wichtig ist, wo ich ein Anliegen, ein sehr ernstes Anliegen habe, dass das bleibt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/corso\/1913008\/\">Deutschlandfunk, Corso Gespr\u00e4ch<\/a>, 05.11.2012 \u00b7 15:05 Uhr<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief hatte noch viel vor &#8211; das zeigt das Archiv, das am Samstag in der Akademie der K\u00fcnste in Berlin er\u00f6ffnet hat. Mit Arbeiten und Materialien, die seine Arbeit und auch seine Pl\u00e4ne dokumentieren. 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