{"id":741,"date":"2012-11-05T13:30:41","date_gmt":"2012-11-05T11:30:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=741"},"modified":"2012-11-05T13:30:41","modified_gmt":"2012-11-05T11:30:41","slug":"folge-mir-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=741","title":{"rendered":"&#8222;FOLGE MIR NACH!&#8220; (WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Berliner Akademie der K\u00fcnste erinnert an Schlingensief: Friedrich K\u00fcppersbusch zeigte komische &#8222;ZAK&#8220;-Filme, Wim Wenders las einen r\u00fchrenden Text und Patti Smith brachte das Publikum zum Singen.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/dapd_Eroeffnung_des_Christoph_Schlingensief_Archivs.jpg\" width=\"450\" height=\"299\" alt=\"dapd\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Der Gastgeber setzte sich gleich zu Beginn selbst au\u00dfer Gefecht. Klaus Staeck, der Pr\u00e4sident der Akademie der K\u00fcnste Berlin, hatte \u2013 wie er selbst leicht verkniffen scherzte \u2013 das Motto &#8222;Intensivstationen&#8220; allzu w\u00f6rtlich genommen und war heftig gest\u00fcrzt. Die Begr\u00fc\u00dfung zum Gedenkfest f\u00fcr den vor gut zwei Jahren gestorbenen Christoph Schlingensief konnte Staeck noch sprechen, nachdem er humpelnd auf J\u00fcrgen Flimm gest\u00fctzt die B\u00fchne erklommen hatte, danach musste er sich ins Krankenhaus verabschieden.<\/p>\n<p>Dass Staeck der einzige derartige Fall blieb, grenzt an ein Wunder. Denn vor allem die \u00e4lteren G\u00e4ste waren sichtbar irritiert von dem ununterbrochen kreiselnden Podium, das mit dieser Drehbewegung an den Animatographen erinnern sollte \u2013 Schlingensiefs Versuch, so etwas wie eine Installation zu schaffen, die seine Kunst aus den verg\u00e4nglichen Sph\u00e4ren des Theaters und der Performance in die Ewigkeit r\u00fcberretten sollte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Patti Smith, die man sich als Stargast und Kronzeugin der internationalen Bedeutung des teuren Toten bis zum Schluss aufgehoben hatte, musste die B\u00fchne schlie\u00dflich sogar angehalten werden. Der New Yorker S\u00e4ngerin war schon vom zweist\u00fcndigen Hinsehen so nachhaltig schlecht geworden, dass sie sich sogar auf dem still stehenden Podium immer noch im Brummkreisel w\u00e4hnte.<\/p>\n<p>Der Aufnahme in die Akademie kam der Tod dazwischen<\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr die Gedenkveranstaltung waren Schlingensiefs Memoiren, die vor ein paar Wochen erschienen sind, und die \u00dcbergabe seines Archivs an die Akademie der K\u00fcnste. 40 Regalmeter \u2013 \u00fcberwiegend elektronische Medien, wie Staeck noch berichtete. Die \u00dcbergabe sei schon vor dem Tode des Regisseurs und Aktionsk\u00fcnstlers vereinbart worden, doch die Krebserkrankung habe verhindert, dass man sie gemeinsam angemessen zelebrieren konnte.<\/p>\n<p>Auch der Aufnahme in die Akademie war 2010 der Tod zuvorgekommen. In Schlingensiefs Alter \u2013 er war noch nicht mal f\u00fcnfzig, als er starb \u2013 w\u00fcrde man von den langsam mahlenden M\u00fchlen der Institution immer vertr\u00f6stet, sagte Staeck, und es war nicht ganz klar, ob der schmerzlich-ironische Ausdruck, mit dem er dieses Bekenntnis vortrug, eher seinen Verletzungen geschuldet war oder seinem Hader mit der b\u00fcrokratischen Langsamkeit der eigenen Institution.<\/p>\n<p>Dass es auch au\u00dferhalb des Nachlasses noch mancherlei von Schlingensief zu entdecken gibt, hat nicht nur die &#8222;Welt&#8220; mit ihren Recherchen zu seinem musikalischen Fr\u00fchwerk als Neue-Deutsche-Welle-S\u00e4nger bewiesen. Friedrich K\u00fcppersbusch brachte zwei umwerfend komische Filme mit, die Schlingensief Anfang der Neunzigerjahre f\u00fcr das WDR-Medienmagazin &#8222;ZAK&#8220; gedreht hatte, und der Fernsehjournalist beschwor, dass auch die Schulfunkbeitr\u00e4ge des damals gerade brotlosen K\u00fcnstlers eine subversive Qualit\u00e4t gehabt h\u00e4tten, die einen Blick in die Archive des Senders lohnten.<\/p>\n<p>Ein Brief des Apothekersohns Schlingensief<\/p>\n<p>Neben so erwartbaren Lebenszeugen wie Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz und seinem Verleger Helge Malchow waren in der Akademie auch Menschen, die noch ein paar ganz neue F\u00e4den in die Legende hineinweben konnten.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Flimm erinnerte sich daran, der K\u00fcnstler f\u00fcr die Ruhrtriennale in mehreren hundert Metern Tiefe auf der untersten Sohle eines Kohleschachts ein Karussell aufbauen wollte. Weil das an logistischen Problem scheiterte, kam dann &#8222;nur&#8220; die &#8222;Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; zustande, Schlingensiefs vielgeliebtes Sp\u00e4twerk, die endg\u00fcltige Amalgamierung von Fluxus und Katholizismus.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferst sakral war offenbar auch die Aura, die Patti Smith bei Schlingensief sah. Als sie sich in Bayreuth zuerst begegnet seien, habe er zu ihr gesagt: &#8222;Come to Africa!&#8220; Und sie sei diesem Ruf gefolgt, wie die ersten J\u00fcnger am See Genezareth, denen Jesus befohlen habe: &#8222;Folge mir nach!&#8220;.<\/p>\n<p>Die Akademie singt &#8222;Because the Night&#8220;<\/p>\n<p>Da war die Samstagnacht schon weit fortgeschritten und mit ihr die Heiligsprechung Schlingensiefs. Wenn nicht die Filmemacher Werner Nekes und Wim Wenders gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tte sich der Weihrauch vielleicht allzu erstickend verdichtet. Der erstgenannte gestand, dass er bei aller menschlichen Sympathie f\u00fcr seinen ehemaligen Assistenten mit dessen Kunst nie viel anfangen konnte, und er zeigte einen Ausschnitt aus seinem Werk &#8222;Johnny Flash&#8220;, in dem ein sehr junger Helge Schneider das Punkgehabe des ebenfalls sehr jungen Schlingensief verspottete.<\/p>\n<p>Wenders las vor, wie der Oberhausener Apothekersohn Schlingensief 1982 beim Oberhausener Arzt Dr. Wenders anrief und diesen fragte, ob sein Sohn, der ber\u00fchmte Regisseur, ihm nicht \u2013 gewisserma\u00dfen aus Klassensolidarit\u00e4t unter Medizinerkindern \u2013 helfen k\u00f6nnte, auf die M\u00fcnchner Filmhochschule zu kommen.<\/p>\n<p>Dieser Ausschnitt aus dem Memoiren zeigt, zu wieviel Selbstironie Schlingensief f\u00e4hig war. Dass er trotzdem im Kern ein schlimmer Romantiker gewesen sei, bezeugte seine Witwe Aino Laberenz. Und diesem Romantiker h\u00e4tte bestimmt gefallen, wie Patti Smith am Ende das nicht gerade jugendlich leichtsinnige Publikum in der Akademie dazu brachte, mit ihr gemeinsam eine A-cappela-Version von &#8222;Because the Night&#8220; zu singen. Ein magischer Moment, der einen sch\u00f6nen, w\u00fcrdigen und manchmal auch w\u00fcrdig-unw\u00fcrdigen Abend beendete.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article110603245\/Folge-mir-nach-Heiligsprechung-Schlingensiefs.html\">Die WELT vom 4.11.2012<\/a>, Von Matthias Heine<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berliner Akademie der K\u00fcnste erinnert an Schlingensief: Friedrich K\u00fcppersbusch zeigte komische &#8222;ZAK&#8220;-Filme, Wim Wenders las einen r\u00fchrenden Text und Patti Smith brachte das Publikum zum Singen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/741"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}