{"id":74,"date":"2006-01-16T00:46:52","date_gmt":"2006-01-15T22:46:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=74"},"modified":"2006-01-16T00:46:52","modified_gmt":"2006-01-15T22:46:52","slug":"ich-bin-nicht-der-grose-gralssucher-apa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=74","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin nicht der gro\u00dfe Gralssucher&#8220; (APA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview zur Burgtheater-Installation &#8222;AREA 7&#8220;: &#8222;Die Unerl\u00f6sbarkeit ist das Thema&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(APA)<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nDer deutsche Theaterk\u00fcnstler und Aktionist Christoph Schlingensief ist mit seiner Drehb\u00fchnen-Installation &#8222;AREA 7 &#8211; Eine Matth\u00e4usexpedition&#8220; ab 17. J\u00e4nner im Burgtheater zu Gast. Im Zentrum seines Werks steht der so genannte Animatograph, ein Apparat, der aus mehreren Drehb\u00fchnen besteht, wo jeweils Stationen des Lebens und der Weltgeschichte dargestellt werden. Im Interview mit der APA sprach Schlingensief \u00fcber Mythen und Monopole, die Unerl\u00f6sbarkeit des Menschen, das immanent Politische seiner Arbeit und die Installation in Wien.<\/p>\n<p>Bei Schlingensiefs Inszenierung des &#8222;Parsifal&#8220; in Bayreuth kam der Animatograph zum ersten Mal zum Einsatz, seitdem w\u00e4chst er best\u00e4ndig. F\u00fcr das riesige Gebilde wurden im Burgtheater zahlreiche Sesselreihen im Parterre entfernt. Der K\u00fcnstler, der 2003 in Wien bei Elfriede Jelineks &#8222;Bambiland&#8220; Regie f\u00fchrte, verwebt bei &#8222;AREA 7&#8220; die Auff\u00fchrungspraxis des Theaters mit der Ausstellungspraxis des Museums und schickt das Publikum auf einen Erkenntnis-Parcours. Der Name der begehbaren Installation stammt von einem Township in Namibia, das neben Island und Neuhardenberg in Brandenburg eine der zentralen Stationen seiner Reise mit dem Animatographen darstellte.<\/p>\n<p>Herr Schlingensief, suchen Sie den Gral?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das kommt immer darauf an, wie man den Gral definiert. Da gibt&#8217;s ja verschiedene Deutungen. Der Gral als flammendes Herz, als Erl\u00f6sungselement oder als Honigpumpe, als Blutpumpe ist auf jeden Fall eine Projektionsfl\u00e4che, die viele Kr\u00e4fte freisetzen kann. Aber ich bin nicht der gro\u00dfe Gralssucher. Mir geht es vielmehr um die Bilder, die ich bereits gefunden habe und die jetzt wieder mit anderen Bildern zusammen treffen, etwa dem Burgtheater als einem Mythenort. Da geht es um Spannungsfelder und Energien, die der Animatograph vorfindet.<\/p>\n<p>Sie waren mit dem Animatographen in Island, Namibia, Neuhardenberg &#8211; und nun in Wien&#8230;<\/p>\n<p>Schlingensief: Der Sammelpunkt ist die Sozialisation der Menschen. Wenn Parzival Waffen bekommen h\u00e4tte, w\u00e4re er auch Krieger geworden. Weil er die aber von der Mama nicht bekommen hat, hat er Enten gejagt, anstatt auf Menschen einzustechen. Er ist also anders sozialisiert. Die Mythen- und Legendenbildung, von der wir alle leben, ist aber gleichzeitig auch die Mythenhalde &#8211; das wird oft benutzt als Erl\u00f6sungsmoment. Erl\u00f6sung ist aber letzten Endes gar nicht notwendig &#8211; jetzt ganz ohne Fatalismus. Die Unerl\u00f6sbarkeit ist das Thema. Die ganzen Erl\u00f6ser sind ja alle abgehauen, und wir d\u00fcrfen jetzt den riesigen Formelkasten entschl\u00fcsseln, den sie hinterlassen haben.<\/p>\n<p>Der Animatograph nimmt gro\u00dfe Teile des Zuschauerraums ein. Wie kann man sich diesen riesigen, aus vier Drehb\u00fchnen bestehenden Apparat vorstellen? Und wie verl\u00e4uft inhaltlich die Schnittstelle zwischen Richard Wagner, Johann Sebastian Bach und den Nachkriegs-K\u00fcnstlern Joseph Beuys bzw. Dieter Roth?<\/p>\n<p>Schlingensief: Die Expedition beginnt im G\u00f6tterzentrum Asgard (Anm.: nach der nordischen Mythologie), geht weiter mit einer Bayreuth-Installation, oder besser &#8222;Beuysreuth\/Roth&#8220;-Installation, das ist das Geburtszimmer, wo die Mythenlegende beginnt. Dann gibt&#8217;s das Steigenberger-Restaurant, wo die Mythen besprochen werden, dann landen wir im Mausoleum, dahinter gibt&#8217;s die Umlaufblende mit dem Text von Elfriede Jelinek in Litaneiform und mit Patti Smith, die auch Teil einer Matth\u00e4uspassionsszene ist, die wir in Afrika gedreht haben.<\/p>\n<p>Diese f\u00fchrt dann wiederum in einen hinteren Teil, der zu einem Kreuzweg weiterf\u00fchrt &#8211; so eine Art Labyrinth, jedes Kreuz ein Formelkasten. Schlie\u00dflich kommen wir zu einem Schiff in Afrika, das ich aus Namibia mitgebracht habe. Ich muss dazu sagen, dass das, was ich hier zeige, kein Endprodukt ist &#8211; nur die Vorarbeit zu einem n\u00e4chsten Projekt. Das ist der Fliegende Holl\u00e4nder, der Unerl\u00f6sbare, der Sterben-Wollende: ein Bild f\u00fcr einen Gott, der in seiner Allm\u00e4chtigkeit eines nicht kann, n\u00e4mlich sterben. Da schlie\u00dft sich der Kreis zu Beuys&#8216; Mythenbildung. Das sehe ich als Schnittstelle.<\/p>\n<p>Wie l\u00e4uft der Abend ab?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich h\u00e4tte es sehr gerne gesehen, wenn das Burgtheater schon um 12 Uhr ge\u00f6ffnet h\u00e4tte, dann w\u00e4ren die Spuren zwischen Theater und Museum von vornherein verwischt. Die Leute k\u00f6nnten reinkommen, wieder gehen und ein zweites oder drittes Mal kommen. Doch man kann vielleicht das Theater \u00fcberwinden, nicht aber seine Verwaltung. So stehen jetzt halt 700 bis 800 Leute auf einmal im Raum. Die Zuschauer kriegen einen Plan, auf der Feststiege gibt&#8217;s eine Einf\u00fchrung von mir, und die Leute werden dann in die Installation entlassen, um ein Teil von ihr zu werden.<\/p>\n<p>&#8222;AREA 7&#8220; am Burgtheater funktioniert \u00fcber einen doppelten Diskurs: die Zuschauer sind Beobachter und Beobachtete zugleich?<\/p>\n<p>Schlingensief: Was wirklich interessant ist: wir haben Kameras, \u00fcberall im Raum verteilt, und jeder, der reingeht, tritt automatisch seine Bildrechte ab, das hei\u00dft, er wird bei seinem Besuch gefilmt und fotografiert. Also: nicht ich \u00fcberpr\u00fcfe den Raum, sondern der Raum \u00fcberpr\u00fcft mich. Im Theater hat sich im Laufe der Zeit ein Monopol des Betrachters sowie ein Monopol des Regisseurs eingeschlichen. Ich will aber jetzt den Raum verlassen oder ihn als Energiefeld nutzen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt hier wird die Arbeit politisch. Nicht nur der geschlossene Raum \u00fcberpr\u00fcft den Menschen, auch im \u00f6ffentlichen Raum sind Kameras mittlerweile gang und g\u00e4be.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, das ist wichtig. Die Installation ist politisch, aber auf keiner gutmenschlichen Schiene. Mich interessiert kein Neonazi-Kult rund um Odin, und auch Affen vor einem Hitler-Portr\u00e4t brauche ich nicht, um meine Aversion gegen das Dritte Reich auszudr\u00fccken. Mich interessieren die Assoziationen, die ein Bild zu seiner Umgebung herstellt, das ist an sich ein politischer Akt.<\/p>\n<p>Ich bin immer politisch t\u00e4tig, da geht es um Selbstverantwortung. Wir halten es ja kaum mehr aus, einem anderen einmal Autonomie zuzusprechen, und zu sagen: okay, der erf\u00e4hrt sich gerade, der durchlebt gerade etwas. Das w\u00e4re super-wichtig. Fatalismus und Lethargie kommen eh von denen, die sich politisch nennen.<\/p>\n<p>Ist das Ziel der Installation, Erfahrungen zu sammeln, Erkenntnisse zu sch\u00f6pfen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das ist eine von vielen Betrachtungsm\u00f6glichkeiten, da gibt&#8217;s kein Monopol.<\/p>\n<p>Sie haben in Namibia auch einen Film gedreht, &#8222;The African Twin Towers&#8220;, der Animatograph selbst ist an den Kinematographen &#8211; eine fr\u00fche Form des Kinos &#8211; angelehnt. Welche Bedeutung hat f\u00fcr sie die Filmarbeit &#8211; auch auf der B\u00fchne?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich komme eigentlich vom Film her, ich wollte immer Filme machen. Ich habe drei Jahre lang bei Experimentalfilmen assistiert und habe lange nichts verstanden, bis es mich dann doch interessiert hat, wieso jemand stundenlang ein Hochhaus abfilmt. In Bayreuth kam dieser Drehmechanismus zustande und damit die Grundidee des Animatographen.<\/p>\n<p>Da entsteht eine Fl\u00e4che, die alle Aktionen &#8211; Musik, Oper, Theater, Film, Aktion &#8211; zusammenbringt. Durch die Drehung schneidet die Maschine den Film selber. Die Filme laufen in- und auseinander. Von dem in Afrika gedrehten Film habe ich 180 Stunden Material &#8211; unschneidbar. Die Cutterinnen haben schon reihenweise aufgegeben. Aber von dem Material werden auf jeden Fall Ausschnitte in komprimierter Form im Loop zu sehen sein.<\/p>\n<p>Sie arbeiten u.a. mit einem Text von Elfriede Jelinek. Wie kann man sich diese Zusammenarbeit vorstellen, oder auch jene mit Patti Smith?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wir haben uns w\u00e4hrend des Afrika-Drehs ab und zu E-Mails geschickt und den Text erweitert, oder sie hat ein Musikst\u00fcck von mir genommen und davon weiter assoziiert, z.B. von Mahler &#8222;Ich bin der Welt abhanden gekommen&#8220;. Was uns alle betrifft, kann ich mir gut vorstellen, dass es immer wieder Schilderungen gibt, dass wir alle hochgradig komplizierte und neurotische Pers\u00f6nlichkeiten sind. Ich kann aber sowieso nur mit Leuten umgehen, die autonom ihr eigenes Ding machen.<\/p>\n<p>Elfriede Jelinek schreibt Texte, die als Litanei funktionieren. Wenn sie das vorgelesen hat, dann war da immer eine Melodie drin. Mit ihr ist das toll, weil es so unkompliziert ist. Und Patti Smith hab ich in Bayreuth vorgestellt bekommen, der Kontakt ist ganz friedlich, frei und unverkrampft. Sie freut sich riesig zu kommen, wir freuen uns riesig. Und \u00fcber sie wei\u00df jetzt Bob Dylan auch schon von uns&#8230; (lacht)<\/p>\n<p>In letzter Zeit war des \u00f6fteren davon die Rede, Christoph Schlingensief habe sich &#8222;vom Provokateur zum ernstzunehmenden Regisseur&#8220; gewandelt. Was meinen Sie dazu?<\/p>\n<p>Schlingensief: Provokateur ist ein Begriff, der kommt immer wieder, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Er wird mir interessanterweise immer von denjenigen vorgehalten, die dann andererseits kritisieren, dass ich keine Stra\u00dfenaktionen mehr veranstalte oder dass ich Bayreuth nicht abgerissen habe. Ob man mich jetzt Regisseur nennt oder sonstwie ist wieder eine andere Diskussion. Die Meinungsmonopolisten &#8211; gerade die deutschen &#8211; haben zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen, dass ich jetzt auch im Ausland unterwegs bin und Deutschland nicht zwangsl\u00e4ufig brauche. Ich genie\u00dfe L\u00e4nder, in denen man weder Herrn Kohl noch Herrn Sch\u00fcssel oder Herrn Haider kennt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview zur Burgtheater-Installation &#8222;AREA 7&#8220;: &#8222;Die Unerl\u00f6sbarkeit ist das Thema&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}