{"id":739,"date":"2012-11-05T13:22:11","date_gmt":"2012-11-05T11:22:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=739"},"modified":"2012-11-05T13:22:11","modified_gmt":"2012-11-05T11:22:11","slug":"56-regalmeter-schlingensief-dradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=739","title":{"rendered":"56 REGALMETER SCHLINGENSIEF (DRADIO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schlingensief-Archiv er\u00f6ffnet in Berlin. Der Regisseur Christoph Schlingensief hat schon zu Lebzeiten sein Archiv der Akademie der K\u00fcnste in Berlin vermacht. Es umfasst Plakate, Korrespondenz und Programmhefte, vor allem aber Filme.<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2012-11-04_56_regalmeter_schlingensief_drk_20121103_2338_08f22921.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2012-11-04_56_regalmeter_schlingensief_drk_20121103_2338_08f22921.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p>&#8222;Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt. Wir gedenken dem zuk\u00fcnftig Verstorbenen, der vieles leisten wollte, kaum, dass er schon wieder weg war. Ein Mensch wie wir, wie du, wie ich: wir alle und damit auch besonders. Er war der, der er war, mehr nicht. Aber immerhin: wer kann das schon von sich sagen!&#8220;<\/p>\n<p>In seinem &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220; &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220; inszenierte Christoph Schlingensief schon 2008 seinen eigenen Nachruf: der &#8222;zuk\u00fcnftig Verstorbene, der vieles leisten wollte&#8220;. Wie viel er leisten wollte, l\u00e4sst sich jetzt im Archiv der Berliner Akademie der K\u00fcnste nachvollziehen. 56 Regalmeter umfasst, was Christoph Schlingensief, der zwischen Kunst und Leben nicht unterscheiden mochte, zusammentrug an &#8222;Material&#8220; f\u00fcr zuk\u00fcnftige Arbeiten: Fotos, Filme, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu &#8222;seinen&#8220; Themen: die NS-Zeit, die deutsch-deutsche Geschichte, die Arbeitslosen, die er &#8222;sichtbar&#8220; machen wollte, die Bedeutung der &#8222;Dunkelphase&#8220;, die immer wieder \u00fcber ihn hereinbricht. Eine Unmenge Disketten sammelte sich an, stapelweise gebrannte CDs, DVDs mit Tausenden von Fotos, Videocassetten im Beta- und VHS-Format, auf denen er &#8211; sehr zum Leidwesen der Archivarin Julia Gl\u00e4nzel:<\/p>\n<p>&#8222;Zwar irgendwas drauf geschrieben hat auf die Cassette, da muss aber nicht unbedingt der Inhalt dem Etikett entsprechen. Also er selber, glaube ich, so vermittelt er mir zumindest den Eindruck, dass er jetzt nicht der gro\u00dfe Beschrifter und Sortierer und Klassifizierer war, aber mit Sicherheit ein sehr gro\u00dfer Sammler.&#8220;<\/p>\n<p>Filme, Aktionen, Inszenierungen: bis in die Jahre 2006\/2007 hinein hat Schlingensief seine Arbeiten dokumentiert: Prospekte, Programmhefte, Kritiken; seiner Projektkorrespondenz, den Regieb\u00fcchern, den Mitschnitten von Theaterproben merkt man an, wie gut organisiert er war:<\/p>\n<p>&#8222;Er war schon sehr strukturiert, er wusste genau, wie irgendwas abl\u00e4uft. Das war nicht alles so frei und &#8220; da kucken wir mal alle irgendwie&#8220; &#8211; sicherlich auch ein Charakteristikum, wenn man vom Film kommt, das ist ja ganz klar &#8211; &#8222;das muss gemacht werden, dann ist die Aufnahme, da ist die Sequenz&#8230;&#8220; -solche Drehpl\u00e4ne zum Beispiel gibt es von ihm.&#8220;<\/p>\n<p>Und eine bezeichnende Anekdote:<\/p>\n<p>&#8222;Ganz witzig zum Beispiel war eine Tonbandaufnahme, am Anfang wusste ich gar nicht, was das sein sollte, war wieder eine der nicht beschrifteten, die wir vorfinden &#8211; und desto l\u00e4nger ich zuh\u00f6rte, desto mehr war mir klar, dass es sich um einen Tonmitschnitt von den Filmaufnahmen zu &#8222;Mensch Mami, wir drehen einen Film!&#8220; handelt. Also eine der fr\u00fcheren Produktionen, wo er, Gott &#8211; 17, glaub ich war, noch wirklich ein Teenager &#8211; und da wird auch ganz klar: &#8222;das sind deine Aufgaben, das sind deine Aufgaben, das sind deine Aufgaben&#8220; &#8211; bei der anschlie\u00dfenden Regiebesprechung. Da sind also erst so Tonaufnahmen am Set und anschlie\u00dfend noch einmal so eine Regiebesprechung, und das war schon sehr, sehr strukturiert.&#8220;<\/p>\n<p>Was von den Aktionen \u00fcbrigblieb: Schlingensief bewahrte es auf:<\/p>\n<p>&#8222;Das ist ja von seiner &#8222;Aktion 18&#8243;&#8230; das war damals diese ganze M\u00f6llemann-Geschichte&#8230; dann hier diese Sammelb\u00fcchse von &#8222;Chance 2000&#8243;&#8230; auch sehr nett&#8230; und dann gibt es von &#8222;Chance 2000&#8220; solche Buttons, Buttons gibts auch noch von &#8222;Love Pangs&#8220;, das war damals die &#8222;Ausrufung der liebeskranken Gesellschaft&#8220;&#8230; So&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Theoretisches, Reflektierendes findet sich nicht: Christoph Schlingensief sprach viel \u00fcber seine Arbeit &#8211; geschrieben hat er dar\u00fcber so gut wie nichts, keine Aufzeichnungen, kein Zettelkasten. Was ihn neben seinen &#8222;Materialsammlungen&#8220; vor allem interessierte, war die Wirkung seines Werks &#8211; da sammelte er, in den Worten der Archivarin Julia Gl\u00e4nzel &#8222;nahezu alles&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Von sich, \u00fcber sich&#8230; eine umfangreiche Rezensionssammlung, sehr sehr sehr sehr sehr sehr viel, auch Mitschnitte von Radiointerviews, Mitschnitte von Sendungen, wo er aufgetreten ist in irgendwelchen Talkshows &#8211; das hat er alles gesammelt, akribisch.&#8220;<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, der Egomane, der Provokateur: im Archiv der Akademie der K\u00fcnste begegnet er einem in wohl geordneten K\u00e4sten eindrucksvoll wieder. Er, der im Leben so viel suchte und so viel auch fand: dem das Leben ebenso zur Kunst wurde wie das Sterben. Wovon er ein Jahr vor seinem Tod, zu n\u00e4chtlicher Stunde beim Berliner Theatertreffen erz\u00e4hlte:<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe sehr viel im Leben gesucht, und ich finde das Leben ist eigentlich die gr\u00f6\u00dfte Provokation, und das \u00dcberleben macht aber deshalb auch besonders viel Freude. Und jetzt, muss ich mal sagen, diese Zumutung hier, so einen Krebs zu kriegen, das ist eine, aber das ist auch genau der Punkt, wo man jetzt ins Gespr\u00e4ch kommt. Eigentlich werde ich belohnt: jetzt bin ich nicht mehr der Buhmann oder der Provokateur nur, sondern ich bin, glaube ich, auch der, der dann gerne auch merkt: es ist noch viel zu tun! Was auch sinnvoll ist: nur Kunst machen oder irgendwie auf der B\u00fchne irgendwas interpretieren, das w\u00e4re nicht f\u00fcr mich der richtige Weg. Das geht nicht. Das muss mit dem Leben zu tun haben, und dann wird es automatisch Kunst und Kunst zum Leben: das ist eine Sache, ja.&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/fazit\/1912129\/\">Deutschlandradio Kultur<\/a>, Fazit, 03.11.2012 \u00b7 23:05 Uhr, Von J\u00fcrgen K\u00f6nig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlingensief-Archiv er\u00f6ffnet in Berlin. Der Regisseur Christoph Schlingensief hat schon zu Lebzeiten sein Archiv der Akademie der K\u00fcnste in Berlin vermacht. 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