{"id":737,"date":"2012-11-05T13:12:59","date_gmt":"2012-11-05T11:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=737"},"modified":"2012-11-05T13:12:59","modified_gmt":"2012-11-05T11:12:59","slug":"unser-aller-christoph-spiegel-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=737","title":{"rendered":"UNSER ALLER CHRISTOPH (SPIEGEL ONLINE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er steht auf der Bestsellerliste, \u00fcber zwei Jahre nach seinem Tod. Eigentlich d\u00fcrfte das gar nicht sein, denn so ber\u00fchmt Christoph Schlingensief als Person ist, so unbekannt ist sein Werk. Die Verehrung f\u00fcr ihn ist widerspr\u00fcchlich &#8211; und typisch deutsch.<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief war ein irrsinnig netter Mensch, und wenn man das Cover auf seinem Bestseller &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; anschaut, wie er da so sitzt, zerzauste Haare, gut geschnittenes Hemd, Loch in der Jeans, einen ausgestopften Hasen neben sich, ein Blick, der eher entspannt als m\u00fcde ist &#8211; dann f\u00e4llt es schwer zu glauben, dass Schlingensief wirklich tot ist oder auch nur weg.<\/p>\n<p>Vor etwas mehr als zwei Jahren ist Christoph Schlingensief gestorben, und das Buch, das er 2009 \u00fcber sein Krebsleiden schrieb, &#8222;So sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!&#8220;, war sein erster Bestseller: Er fand darin eine Sprache f\u00fcr seine Angst, die auch die Angst der anderen war und ist, die Angst vor dem Krebs und dem Tod, die am Ende auch die Angst vor dem Leben ist, es war im Grunde mehr ein Stammeln, ein Fluchen, ein Rufen und manchmal ein Zetern und Flehen &#8211; der verlorene Sohn Schlingensief wurde mit diesem Buch wieder in die Familie aufgenommen, er wurde gesch\u00e4tzt und gemocht, all die, die den lebenden K\u00fcnstler nie verstanden hatten, konnten nun den sterbenden K\u00fcnstler verehren.<\/p>\n<p><strong>Immer schneller als seine Kritiker<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage ist dabei allerdings, wie weit die Bekanntheit der Person und die Bekanntheit des Werkes auseinanderklaffen. Oder, anders gesagt, wie es kommen konnte, dass so viele Menschen eine Meinung \u00fcber Schlingensief hatten, ohne einen seiner Filme gesehen zu haben: &#8222;Menu Total&#8220; etwa oder &#8222;100 Jahre Adolf Hitler &#8211; Die letzte Stunde im F\u00fchrerbunker&#8220; oder &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220;, Exorzismen der deutschen Schuld und Schuldverliebtheit; ohne eine seiner Theaterinszenierungen erlebt zu haben: seinen b\u00fcrgerlichen Grusel-&#8222;Hamlet&#8220; etwa mit echten Ex-Neonazis oder die Biografie-umflorte Ich-Messe &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;; ohne bei einer seiner Kunstaktionen dabei gewesen zu sein: die Partei &#8222;Chance 2000&#8220; mit dem Motto &#8222;W\u00e4hle dich selbst&#8220; oder die &#8222;Big Brother&#8220;-Variante &#8222;Bitte liebt \u00d6sterreich&#8220;, bei der man Ausl\u00e4nder aus dem Land raus w\u00e4hlen konnte.<\/p>\n<p>Schlingensief war, das sieht man an dieser kleinen Auswahl, immer schneller. Als seine Interpreten und Kritiker, denen meistens nur ein d\u00e4mlich hinterhergehecheltes &#8222;Provokateur&#8220; einfiel; er war aber auch schneller als er selbst und produzierte ein wild rankendes Wuselwerk, in dem sich doch eigentlich die anderen verheddern sollten; er war sogar manchmal schneller als seine Zeit, was ja unter anderem einen gro\u00dfen K\u00fcnstler auszeichnet. Sein St\u00fcck &#8222;Rosebud&#8220; etwa von 2001 war eine fr\u00fche Beschreibung der Enge und Ersticktheit der Berliner Hauptstadtpresse und der politischen Konsequenzen dieser Medien-Entropie &#8211; in seinen Filmen wiederum gerieten die deutschen Mythen von Nazi-Schuld, T\u00e4ter-Weinerlichkeit und Selbstmitleid, von deutschem Wahn und deutscher Wurst auf eine Art und Weise durcheinander, dass Faszination und Ekel nicht mehr recht zu unterscheiden waren.<\/p>\n<p><strong>Der Beuys der Beck&#8217;s-Trinker vom Prenzlauer Berg<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief war dabei sehr nah an seinem Publikum, das Spa\u00df daran hatte, die ganze Hitler-Chose nochmal durch den Fleischwolf zu drehen, das in der Wirrnis von Schlingensiefs heiterer Gegen-Aufkl\u00e4rung die Freiheit fand von den Fragen, mit denen die verdammten 68er noch so genervt hatten, das noch nicht mit dem Geschichts-Rollback von Bernd Eichinger und Nico Hoffmann konfrontiert war: Heute soll man ja mit den T\u00e4tern wieder weinen, so scheint es nach &#8222;Rommel&#8220; jedenfalls. Schlingensief war damit ein deutscher K\u00fcnstler in einer Zeit, in der es unklar war, was das eigentlich ist, ein deutscher K\u00fcnstler. Er war der Beuys der Beck&#8217;s-Trinker vom Prenzlauer Berg &#8211; die Verehrung, die ihn irgendwann ziemlich \u00fcberraschend erwischte, war dabei nie zu trennen von den Widerspr\u00fcchen und Verwicklungen derer, die ihn liebten.<\/p>\n<p>Dass nun ein Buch, &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;, in dem ein Minderheiten-K\u00fcnstler des Minderheiten-Mediums Theater \u00fcber die Inszenierungen und Pl\u00e4ne seiner letzten Jahre erz\u00e4hlt, auf die Bestseller-Liste kommt, muss also einen anderen Grund haben, als dass sich auf einmal viele Menschen daf\u00fcr interessierten, wie es war, als Schlingensief mit sechs Millionen Arbeitslosen im Wolfgangsee baden gehen wollte, um Helmut Kohl die F\u00fc\u00dfe nass zu machen. Oder wie es war, als Gudrun Wagner betrunken war und Wolfgang Wagner mal lange nichts sagte und am Ende in Bayreuth ein Film gezeigt wurde, wie ein toter Hase langsam zerf\u00e4llt, und was das mit &#8222;Parsifal&#8220; zu tun hat, das erkl\u00e4rt sich im Grunde von selbst.<\/p>\n<p>In dem Buch, das tr\u00f6stlich und interessant ist, gibt es eine Szene, die Schlingensief seine &#8222;Urszene&#8220; nennt: Da wird der Doppel-8-Film, den Schlingensiefs Vater von Mutter und Sohn am Strand gemacht hat, versehentlich doppelt belichtet, auf einmal laufen Menschen \u00fcber Schlingensiefs Bauch und den Bauch seiner Mutter. &#8222;Aber wieso&#8220;, fragt sich der kleine Christoph. &#8222;Da waren doch keine anderen Leute am Strand! Wir haben irgendwo Milchreis mit Zimt und Zucker gegessen und sind dann zum Strand gegangen, klar, das stimmt, aber da waren definitiv keine anderen Leute&#8230;&#8220; Und dann erkl\u00e4rt er in guter Schlingensief-Manier aus dieser Anekdote seine ganze Arbeit, ach, sein Leben, was f\u00fcr jeden anst\u00e4ndigen Avantgardisten eh eins ist.<\/p>\n<p><strong>Neun Jahre Rumr\u00f6deln im Bett<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Man ist nicht der, der man sein wollte, man kann es gar nicht werden, weil die Unsch\u00e4rfe ins Spiel kommt und man permanent neu belichtet wird. Oder weil man schon vorbelichtet ist, wenn man loslegen will. Wir gehen nicht unbelichtet in die Dinge, da bin ich sicher. Ich zum Beispiel musste f\u00fcr meine Eltern sechs Kinder darstellen. Ich hatte zumindest immer dieses Gef\u00fchl, weil meine Mutter und mein Vater eigentlich sechs Kinder haben wollten, es aber erst nach neun Jahren geklappt hat. Das hei\u00dft also: Neun Jahre Rumr\u00f6deln im Bett, dann kam ich endlich auf die Welt, danach wieder Rumr\u00f6deln, aber da kam dann niemand mehr. Ich bin also seit 1960 auf der Welt und habe den Auftrag, sechs Kinder darzustellen. Sechs Personen in mir am Start, die bis heute tun und machen &#8211; eine sechsfache Belichtung, eine Totalschizophrenie.&#8220;<\/p>\n<p>Und das ist eben nichts anderes als eine Beschreibung seiner Generation, dieser Nachkriegs-, Nach-68er-, Nach-so-vielem-Generation, der er selbst als Projektionsfl\u00e4che diente, doppelt, dreifach, sechsfach belichtet: Wie im Film, so laufen ihm selbst die Menschen \u00fcber den Bauch und \u00fcbers Gesicht, Hitler, Beuys und Tilda Swinton und all die anderen, die er mochte, oder die er nicht mochte, oder die ihn mochten, oder die ihn nicht mochten. Seine Politisierung der \u00c4sthetik ist dabei, so hat das Walter Benjamin einmal an einem anderen Beispiel erkl\u00e4rt, die Kehrseite der \u00c4sthetisierung der Politik, die den Faschismus kennzeichnet.<\/p>\n<p>Frei ist Schlingensief damit davon allerdings nicht. Wie auch. Er ist ja Deutscher.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/georg-diez-ueber-christoph-schlingensiefs-neues-buch-a-864939.html\">S.P.O.N. &#8211; Der Kritiker<\/a>, 02.11.2012, eine Kolumne von Georg Diez<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er steht auf der Bestsellerliste, \u00fcber zwei Jahre nach seinem Tod. Eigentlich d\u00fcrfte das gar nicht sein, denn so ber\u00fchmt Christoph Schlingensief als Person ist, so unbekannt ist sein Werk. 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