{"id":734,"date":"2012-10-23T07:45:01","date_gmt":"2012-10-23T05:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=734"},"modified":"2012-10-23T07:45:01","modified_gmt":"2012-10-23T05:45:01","slug":"schlingensiefs-unfertige-memoiren-rp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=734","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS UNFERTIGE MEMOIREN (RP)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er hat sich ein letztes Mal zu Wort gemeldet. Keine klassischen Memoiren verfasst, keine Lebensnacherz\u00e4hlung, sondern freier, ungezwungener gesammelt, was ihm zum eigenen Leben und Schaffen eingefallen ist. Christoph Schlingensief hat doch nie ohne Br\u00fcche, ohne L\u00fccken, ohne Raum zum Hinterfragen erz\u00e4hlt. So ist auch das Werk, das nun posthum noch einmal seine Stimme h\u00f6ren l\u00e4sst, keine ordentliche Aufz\u00e4hlung seiner Stationen, sondern ein sprunghaftes Buch der &#8222;Erinnerungen und Erwartungen&#8220;, wie Aino Laberenz im Vorwort schreibt. Die Witwe des 2010 im Alter von nur 47 Jahren gestorbenen K\u00fcnstlers hat dem Werk die Form gegeben, hat sortiert und montiert, was Schlingensief in den letzten Monaten seines Lebens zu Papier gebracht, aufs Tonband gesprochen oder bei seinen Lesungen frei erz\u00e4hlt hat \u2013 gro\u00dfherzig, widerspr\u00fcchlich, charmant wie es seine Art war.<\/strong><\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig geht es um Bekanntes wie Schlingensiefs Parteiengr\u00fcndung &#8222;Chance 2000&#8220;, seinen Asylbewerber-Container in Wien, seinen Versuch, mit badenden Arbeitslosen Kohls Feriendomizil am Wolfgangsee zu fluten, um Bayreuth oder das Operndorf in Burkina Faso. Trotzdem hat dieses Buch die Frische, die viele Schlingensief-Arbeiten hatten, weil er ein wahrhaft kritischer Geist war, stets um den unverbrauchten Gedanken gerungen hat. Und weil er sich bis zur letzten Sekunde nicht abgefunden hat mit den Verh\u00e4ltnissen, sondern sie ver\u00e4ndern wollte \u2013 mit den Mitteln der Kunst. Darum hat er vielleicht auch auf diesem Titel bestanden: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; \u2013 das Buch ist ein Bekennerschreiben. Schlingensief blickt auf Schlingensief, berichtet, wie seine Projekte entstanden sind, erz\u00e4hlt von Wegbegleitern, Gegnern, urteilt ohne Scheu, regt sich auf, heuchelt nicht.<\/p>\n<p>Der Provokateur hatte auch Lust an der Anekdote, wenn er etwa erz\u00e4hlt, wie ihm Gudrun Wagner bei der ersten Begegnung in Bayreuth Leberpastete von der d\u00e4nischen K\u00f6nigin weiterschenkt. Doch sind solche Geschichten nie harmlose Plauderei, sondern zielen auf D\u00fcnkel, auf Machtgef\u00fcge. Und wenn Schlingensief so schmerzlich schw\u00e4rmerisch von seiner Hochzeit erz\u00e4hlt, von seiner Angst, das Gl\u00fcck nicht aushalten zu k\u00f6nnen mit dem Krebs in der Lunge, dann ist der Leser kein Voyeur, sondern soll wieder etwas verstehen: dass Krankheit den radikalen Verlust von Unbeschwertheit bedeutet.<\/p>\n<p>Einmal schreibt Schlingensief, er hoffe, dass die Leute seine Arbeit nicht als Kriegserkl\u00e4rung oder Gr\u00f6\u00dfenwahn verst\u00fcnden, sondern als seine Suche nach Gemeinsamkeiten. Schlingensiefs Werk ist Kriegserkl\u00e4rung, ist Gr\u00f6\u00dfenwahn, aber es zielt auf das Miteinander von Menschen. So sehr er um sich selbst gekreist ist, eitel war, egomanisch, so war seine Kunst doch nie selbstgen\u00fcgsam. Schlingensief hat Engstirnigkeit, Borniertheit, Rassismus bek\u00e4mpft, doch ist ihm dabei die \u00dcberh\u00f6hung gegl\u00fcckt, ist Kunst entstanden, nie Parole oder Dekor. Wer Schlingensief nun in dieser eigenwilligen Autobiografie begegnet, versteht, dass ihm dies gelingen konnte, weil er sich eingelassen hat auf das Leben. Darum war er auch der Direktheit behinderter Darsteller gewachsen, darum plante er noch kurz vor seinem Tod einen Film \u00fcber einen sterbenden Regisseur. Er fand das genauso absurd wie sein &#8222;Sterbensollen&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist gut, dass Schlingensiefs Erinnerungsbuch nichts abschlie\u00dft, nichts Allgemeing\u00fcltiges \u00fcber ihn verk\u00fcndet. Mit Schlingensief darf man nicht fertig werden, so bleibt er lebendig.<\/p>\n<p>Das Buch: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;, Kiepenheuer &#038; Witsch, 290 Seiten<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/nachrichten.rp-online.de\/kultur\/schlingensiefs-unfertige-memoiren-1.3040561\" target=\"_blank\">RP vom 23.10.2012<\/a>, von Dorothee Krings<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hat sich ein letztes Mal zu Wort gemeldet. 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