{"id":73,"date":"2006-01-15T14:03:17","date_gmt":"2006-01-15T12:03:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=73"},"modified":"2006-01-15T14:03:17","modified_gmt":"2006-01-15T12:03:17","slug":"wenn-sich-alles-dreht-die-buhne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=73","title":{"rendered":"Wenn sich alles dreht (Die B\u00fchne)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief. Der Theater-Aktionist gastiert mit seiner Rieseninstallation Animatograph am Wiener Burgtheater<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Susanne Zobl<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n&#8222;Man mu\u00df das wie ein Gem\u00e4lde sehen, wie eine Komposition. Und diese Komposition haben der Raum und die Zeit geschrieben\u201c, erl\u00e4utert Christoph Schlingensief. Er probt, konzipiert, besser: Er komponiert gerade die Partitur zu seinem Burgtheater-Projekt AREA 7 \u2013 Sadochrist Matth\u00e4us \u2013 Eine Expedition von Christoph Schlingensief. <\/p>\n<p>Jelinek-Text. <\/p>\n<p>Elfriede Jelinek hat dazu einen eigenen Text verfa\u00dft, der sich um den K\u00fcnstler selbst dreht, und ihn f\u00fcr Schlingensiefs Auff\u00fchrung gelesen. Dabei hat er sie gefilmt. Auch dieser Film wird im Burgtheater zu sehen sein. Ob als Teil einer Installation, als \u00dcberblendung oder als \u201eSonnenscheibe\u201c, wird der Betrachter im J\u00e4nner in der Burg selbst erleben.<br \/>\nEines ist aber jetzt schon klar, wer sich auf eine Provokation freut, wird herb entt\u00e4uscht werden. Denn Schlingensief macht Ernst mit Kunst am Theater. Wir trafen den Regisseur, Filmemacher und Theaterk\u00fcnstler bei den Proben im Arsenal und wurden Zeuge einer Momentaufnahme des Forschers auf dem Weg zu einem \u201eTheater als Versuchsanstalt\u201c; Schlingensief war gerade damit besch\u00e4ftigt, seine sogenannten Animatographen, eine Rieseninstallation  aus f\u00fcnf begehbaren Drehb\u00fchnen, zu konstruieren.<\/p>\n<p>Dieser typisch Schlingensiefschen Konstruktion war allerdings im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von k\u00fcnstlerischen Stationen vorangegangen:<br \/>\nStation I: Bayreuth. Der Ausgangspunkt: sein Bayreuther Parsifal. Als Schlingensief 2004 in Bayreuth Wagner inszenierte, war f\u00fcr ihn eines klar: Bayreuth braucht eine Drehb\u00fchne. Wolfgang Wagner gehorchte dem Wunsch seines Sch\u00fctzlings, und Schlingensief stellte ein B\u00fchnenweihspiel auf die B\u00fchne, das auch noch im zweiten Jahr nach seiner Entstehung die Opernwelt aufmischte. Der Erl\u00f6sungsmythos begann sich im besten Wortsinne zu drehen. Schlingensief verwob afrikanische Mythen mit dem Gralsmythos. Denn er sieht Kundry aus Afrika stammend und den \u201etumben Toren\u201c als Hasen, der in der afrikanischen Sagenwelt den Menschen die Erl\u00f6sung verk\u00fcndet. So projizierte er Filme von Hasen und Seel\u00f6wen \u2013 diese als Anspielung auf die Tr\u00e4gheit der Gralsritter \u2013 auf die B\u00fchne.<br \/>\nDie S\u00fcddeutsche Zeitung fa\u00dfte zusammen: \u201eSo kommt es in Bayreuth nicht zu einer Auseinandersetzung mit dem Parsifal, sondern zu einer Fortschreibung \u2013 was derzeit eine der spannendsten Formen ist, sich solch einem St\u00fcck zu n\u00e4hern.\u201c Da\u00df Schlingensief ein Jahr sp\u00e4ter seine Arbeit selbst fortschrieb, \u00fcberrascht keineswegs.<\/p>\n<p>Station II: Reykjav\u00edk. Wo die europ\u00e4ische auf die amerikanische Kontinentalplatte trifft, wo der Dichter und Universalk\u00fcnstler Dieter Roth immer wieder lebte und wirkte, installierte Christoph Schlingensief seinen ersten Animatographen, eine Drehb\u00fchne, die nordische, europ\u00e4ische und afrikanische Mythen verbindet. Dabei zeigte er filmische Visionen von Wagners Gral, die er mit den schamanistischen Br\u00e4uchen Afrikas und Elementen der isl\u00e4ndischen Sagenwelt der Edda verkn\u00fcpfte.<\/p>\n<p>Station III: Odins Parsipark. Gleichsam als Fortschreibung des Island-Projekts erweiterte Schlingensief im August seinen Animatographen und lie\u00df auf dem ehemaligen Milit\u00e4rflughafen und im angrenzenden Wald in Neuhardenberg eine neue Kunstlandschaft aus mehreren Stationen entstehen, die er Odins Parsipark nannte. Elemente seines Bayreuther Parsifal, wie der Erl\u00f6ser als Hase, trafen hier auf Gestalten aus der isl\u00e4ndischen Sagenwelt. Ein Film zeigte den Schauspieler Klaus Beyer, wie er den \u201eTerror-Strau\u00df\u201c jagt, ein Video pr\u00e4sentierte Affen in Nazi-Kost\u00fcmen, ein Raum war dem \u201eHasenfisch\u201c gewidmet und thematisierte den Erl\u00f6sungmythos, ein anderer die Mondlandung.<br \/>\nNeben Joseph Beuys\u2019 Idee von der \u201eSozialen Plastik\u201c fanden sich auf dem Gel\u00e4nde Elemente von Weltk\u00fcnstlern wie Bruce Nauman. Horst aus Schlingensiefs Truppe agierte als Hitler. Der Betrachter konnte \u2013 wie bald auch im Burgtheater \u2013 die Drehb\u00fchnen begehen, wurde Teil der Installation, konnte frei entscheiden, wie lange er sich wo aufh\u00e4lt, wurde Beobachter und Beobachteter zugleich. Verwunderung. Verwirrung, Verwunderung \u2013 und auch Bewunderung \u2013 herrschten beim Publikum vor. Christoph Schlingensief hatte sich auf die Suche nach einem neuen Begriff von \u201eGesamtkunstwerk\u201c begeben, wo Oper, Theater, Film und Aktionskunst miteinander verschmelzen.<br \/>\nDie amerikanische Punkrockk\u00fcnstlerin Patti Smith, die Schlingensief bereits in Bayreuth kennengelernt hatte \u2013 sie berichtete dort f\u00fcr die Hamburger Zeit \u2013, mischte sich am ersten Abend unter die Betrachter und war so fasziniert, da\u00df sie den Theatermacher nach Namibia begleitete. Patti Smith wird auch im Burgtheater  pr\u00e4sent sein wird, ob auf Zelluloid, als Beteiligte oder Betrachterin, ist, wie so oft bei Schlingensief, noch nicht fix.<\/p>\n<p>Station IV: L\u00fcderitz\/Namibia. Im Oktober zog Schlingensief dann mit seinem Animatographen nach Afrika weiter: nach L\u00fcderitz in Namibia. In der ehemaligen deutschen Kolonie fand er ein Barackendorf, genannt Area 7, das schlie\u00dflich auch als Titelgeber f\u00fcr sein neues Burgtheater-Projekt fungiert. Hier wurde Dieter Roth w\u00f6rtlich genommen: \u201eDie Umgebung wird zum Werk.\u201c Schlingensief baute dort die n\u00e4chste Version seines Animatographen auf. Inmitten der Baracken lie\u00df er ein Schiff schleppen \u2013 es wird auch an der Burg zu sehen sein \u2013 und zeigte damit Bilder, die die Welt sonst nie gesehen h\u00e4tte. Denn Area 7 ist eine vor der Welt verborgene Landschaft, wo Menschen gleichsam auf ihre \u201eEntsorgung\u201c warten.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich hatte Schlingensief sein Personal der vorangegangenen Stationen mitgenommen: Patti Smith im schwarzen Mantel oder den jungen \u00f6sterreichische Filmschauspieler Robert Stadlober \u2013 er wird auch im Burgtheater mit von der Partie sein.<\/p>\n<p>Station V: Burgtheater. Was also werden wir im Burgtheater sehen? Faktum ist: Christoph Schlingensief wird f\u00fcnf Animatographen aufbauen, die sich zu einem ganzheitlichen Gedankengang vereinen sollen. Dazu wird er die Sessel im Parkett ausr\u00e4umen lassen.<br \/>\nDie urspr\u00fcnglich angek\u00fcndigte Passionsgeschichte wird nur noch ein Teil des Ganzen sein. \u201eDas Errichten, das Vollenden, das Abwarten, das Zerst\u00f6ren, das ist eine Passion. Man wird geboren, man baut sich auf, man entwickelt sich, man steht ein bi\u00dfchen rum, und dann wird man abgebaut, dann zerf\u00e4llt man. Area 7, das ist eine Passion\u201c, sagt Schlingensief. Wie sehr man sich auch in Schlingensiefs Gedankenlabyrinth verlaufen mag \u2013 man erf\u00e4hrt, wie  \u201eRaum zur Zeit und Zeit zum Raum\u201c werden kann.<\/p>\n<p>Eine Weltreise. <\/p>\n<p>Projekt-Start ist am 14. J\u00e4nner im Kasino mit einem Einf\u00fchrungsgespr\u00e4ch, am 17. J\u00e4nner folgt eine erste animatographische Begehung, und am 20. J\u00e4nner geht die erste Auff\u00fchrung \u00fcber die B\u00fchne.<br \/>\nDann wird der Animatograph seine Weltreise fortsetzen, vielleicht nach Nepal, und er wird sich weiter drehen. Denn wie hei\u00dft es doch bei Joseph Beuys: \u201e\u2026 aber die Ursache liegt in der Zukunft.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief. 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