{"id":727,"date":"2012-10-15T07:35:11","date_gmt":"2012-10-15T05:35:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=727"},"modified":"2012-10-15T07:35:11","modified_gmt":"2012-10-15T05:35:11","slug":"gott-gewahrte-keine-spielzeitverlangerung-kurier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=727","title":{"rendered":"GOTT GEW\u00c4HRTE KEINE SPIELZEITVERL\u00c4NGERUNG (KURIER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Posthum erschien Schlingensiefs Buch &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220;: Ein autobiografischer R\u00fcckblick.<\/strong><\/p>\n<p>Als er nach einer Premiere in M\u00fcnchen auf die B\u00fchne kam, und das Publikum frenetisch jubelte, trampelte, und er sich artig verbeugte, dachte er: &#8222;Die applaudieren mir nicht, die verabschieden mich.&#8220;<\/p>\n<p>Es gibt ein Buch von Christoph Schlingensief. Ein letztes. &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220;. Ein Band voller unvollendeter Gedanken, Selbstbefragungen, die er in seinen letzten Lebensmonaten auf Tonband sprach. Ohne auf den Beipackzettel zu achten.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Frau Aino Laberenz hat diese Aufzeichnungen als Erinnerung konserviert. Das Buch ist eine einzige Liebeserkl\u00e4rung. Und eigentlich nicht zum Aushalten. Nicht zum Derlesen. Eine unredigierte Transkription von Schlingensiefs Sprachf\u00fclle, eine Assoziationskette mit Leerstellen. So viel Gier auszuufern, so wenig Lust, etwas zu erkl\u00e4ren. Und die Bitte an Gott um eine &#8222;Spielzeitverl\u00e4ngerung&#8220;.<\/p>\n<p>Schlingensief, der Film- und Theaterregisseur, der Aktionsk\u00fcnstler, der auf der Messerschneide Realit\u00e4t und Fiktion ausbalancierte, der &#8222;B\u00fcrgerschreck&#8220; den die Bourgeoisie bald als ihren Liebling fest umklammerte, starb 2010 an Krebs. Mit 49.<\/p>\n<p>Wie sehr er sich \u00fcber dieses &#8222;Hofnarr des Hochkulturbetriebs&#8220;-Image gekr\u00e4nkt f\u00fchlte, auch davon liest man im Buch. Zwischen den Zeilen. Zwischen den herrlichen Geschichten und den grandiosen Anekdoten, die Schlingensief zu erz\u00e4hlen hat. Er hat\u2019s immer ehrlich gemeint mit der Kunst. War verwundert, ver\u00e4rgert, wenn\u2019s andere nicht taten.<\/p>\n<p><strong>\u00d6sterreich-Aktionen<\/strong><\/p>\n<p>Etwa als er die Partei &#8222;Chance 2000&#8220; gr\u00fcndete und Deutschlands sechs Millionen Arbeitslose an den, das hei\u00dft: in den Wolfgangsee, rief, um durch die Erh\u00f6hung des Wasserstands Bundeskanzler Helmut Kohls Villa zu fluten. Gekommen sind aber nur 600 Protestschwimmer.<\/p>\n<p>Oder als er bei den Wiener Festwochen 2000 einen &#8222;Ausl\u00e4nder raus!&#8220;-Container neben die Staatsoper stellte und die ersten beiden Tage gar nichts passierte. Wiener Passanten sind gut im achtlos vor\u00fcbergehen &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Am schlimmsten traf das nat\u00fcrlich meine Eltern&#8220;, hei\u00dft\u2019s im Buch. &#8222;Die sa\u00dfen da die ganzen Jahre in Oberhausen rum und bekamen eigentlich nur mit, dass ihr Sohn merkw\u00fcrdige Sachen macht.&#8220; All die S\u00f6hne der Nachbarn waren was geworden. Arzt oder Anwalt. Und er, der Apothekersohn?<\/p>\n<p>Dreht Kettens\u00e4genfilme und veranstaltet Blutexzesse auf B\u00fchnen. Wird in Bayreuth, &#8222;wo der regierende Wahnsinn gr\u00f6\u00dfer ist als mein eigener&#8220;, mitten in der Arbeit zu Parsifal gefragt: &#8222;Ist das Ihr Ernst, Herr Schlingensief?&#8220;<\/p>\n<p>Hat ein Pantscherl mit Tilda Swinton \u2013 er konnte kaum Englisch, sie kein Wort Deutsch, aber &#8222;wir haben sowieso nur geweint und geknutscht, immer abwechselnd.&#8220; Quatscht in Venedig Wim Wenders Vater, einen Oberhausener Chirurgen wegen eines Termins beim Sohn an (er fand nie statt).<\/p>\n<p>Inszeniert am Burgtheater Jelineks &#8222;Bambiland&#8220;, &#8222;Mea Culpa&#8220; und &#8220; Via Intolleranza II&#8220;. Gr\u00fcndet die Church of Fear. Und schreit beim Biofleischhauer eine ihm zu lang gustierende Kundin an, ob sie denn nicht sehe, dass er vor Schmerzen kaum noch stehen k\u00f6nne. &#8222;120 Gramm Rindfleisch, bitte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>(Freuden-?)tr\u00e4nen<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein sterbender Elefant, erz\u00e4hlt er, h\u00e4tte er sich in die Einsamkeit zur\u00fcckziehen wollen. Und dann von seiner Hochzeit mit Aino auf einer Insel in einem See. Und von den (Freuden-?)tr\u00e4nen, deren Flie\u00dfen er so dringend verhindern wollte und es doch nicht konnte.<\/p>\n<p>Schlingensiefs letztes gro\u00dfes Projekt, das Operndorf in Burkina Faso, stellen nun seine Frau und Freunde fertig. Ein Film dar\u00fcber hatte diese Woche am Akademietheater Premiere.<\/p>\n<p>1975, da war Schlingensief 15 Jahre alt, sollte er einen Aufsatz zum Thema &#8222;Was will ich werden?&#8220; schreiben. Er schrieb: Regisseur!<\/p>\n<p>Beurteilung des Lehrers: &#8222;Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr deine jugendlichen Berufstr\u00e4ume erscheinen mir deine Vorstellungen und Erwartungen doch teilweise etwas naiv und unrealistisch &#8230; So kann die Gesamtleistung noch als befriedigend bezeichnet werden.&#8220;<\/p>\n<p>Gut, dass Schlingensief nie auf Lehrer h\u00f6rte. Sein Schlusswort: &#8222;Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte. Weil, ich gar nicht wusste, wer ich mal sein k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/kurier.at\/kultur\/4515617-gott-gewaehrte-keine-spielzeitverlaengerung.php\" target=\"_blank\">Der Kurier<\/a> vom 13.10.2012, von Michaela Mottinger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Posthum erschien Schlingensiefs Buch &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220;: Ein autobiografischer R\u00fcckblick.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/727"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=727"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/727\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}