{"id":721,"date":"2012-10-09T04:10:45","date_gmt":"2012-10-09T02:10:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=721"},"modified":"2012-10-09T04:10:45","modified_gmt":"2012-10-09T02:10:45","slug":"schlingensiefs-vermachtnis-dradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=721","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS VERM\u00c4CHTNIS (DRADIO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das letzte Projekt des 2010 verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief liegt nun vor: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; sammelt Geschichten und Eindr\u00fccke aus Schlingensiefs Leben, von ihm selbst w\u00e4hrend der Lesereise zu seinem Krebstagebuch erz\u00e4hlt und transkribiert.<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2012-10-04_ich_weiss_ich_wars_drk_20121004_1133.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2012-10-04_ich_weiss_ich_wars_drk_20121004_1133.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p>&#8222;Ich habe mein Leben lang das Gleiche gemacht, ich habe mich noch nie ver\u00e4ndert in meinem Leben&#8220;, stellt Christoph Schlingensief gegen Ende seines Buches &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; trocken fest. Tats\u00e4chlich belegt die Text- und Bildsammlung, die seine Frau Aino Laberenz jetzt postum herausgibt, diesen erstaunlichen Satz &#8211; und zeigt zugleich, was f\u00fcr ein abenteuerliches und wildes Werk auf dieser Basis entstehen konnte.<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; geh\u00f6rt zu den letzten Projekten des im August 2010 gestorbenen Regisseurs, geschmiedet im Wissen um seine unheilbare Krebserkrankung. Das Material dazu entstammt seiner Meisterdisziplin, der freien Rede. Auf jeder Station der Lesereise zu seinem Krebstagebuch &#8222;So sch\u00f6n wie hier kann&#8217;s im Himmel gar nicht sein&#8220;, erkl\u00e4rt Aino Laberenz im Vorwort, habe Schlingensief seinem Publikum aus seinem Leben erz\u00e4hlt. Diese Berichte wurden transkribiert und mit weiteren Aufzeichnungen sowie Fotomaterial erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Entstanden ist dabei ein letzter gro\u00dfer und sehr Schlingensief-typischer K\u00fcnstlermonolog: sprunghaft und fragmentarisch, ausufernd und m\u00e4andernd, sich selbst bezweifelnd und befragend, bissig und komisch und immer wieder auch voll Pathos predigend. Man merkt, dass es um ein Verm\u00e4chtnis geht, dass Schlingensief hier noch einmal die Kontrolle \u00fcber sich selbst, seine Kunst und ihre Deutung beansprucht.<\/p>\n<p>Ungeachtet der verschieden Genres, Institutionen und Medien, durch die Schlingensief sich ausdr\u00fcckte, vermittelt &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; den Eindruck eines geschlossenen Werks. Die Urszene daf\u00fcr ist ein Super-8-Filmabend 1968 im Oberhausener Wohnzimmer der Apothekerfamilie Schlingensief, bei dem seiner am Strand von Norderney liegenden Mutter Leute \u00fcber den Bauch laufen. Ein klassischer Fall von Doppelbelichtung &#8211; f\u00fcr die einen ein Missgeschick, f\u00fcr den achtj\u00e4hrigen Christoph aber ein faszinierender Widerspruch: Bauch und Menschen waren real, aber trotzdem sind die Leute nie \u00fcber den Bauch gelaufen.<\/p>\n<p>\u00dcberblendungen, Fehler, Irritationen, Transformationen: F\u00fcr Schlingensiefs von einer konkreten Filmpraxis abgeleitete \u00c4sthetik sind das wichtige Schl\u00fcsselbegriffe, egal ob im trashig-anarchischen Filmwerk, in den Theaterhappenings und Drehb\u00fchnen-Installationen oder in der Wagneroper &#8222;Parsifal&#8220;, deren \u00dcberblendung mit dem Schlingensief-Kosmos aus toten Hasen, behinderten Freunden und afrikanischen Motiven der K\u00fcnstler m\u00fchsam gegen den Wagnerclan durchk\u00e4mpfen musste. Selbst im Operndorf in Burkina Faso, \u00fcber das Schlingensief hier selbstkritisch nachdenkt, spielen sie eine Rolle.<\/p>\n<p>Auch Schlingensiefs Gabe, stets als Mittelpunkt eines Teams zu agieren, wird bereits in der &#8222;Amateur Film Company&#8220; offensichtlich. Der filmvernarrte Teenager durfte Fluchtszenen auf Waggond\u00e4chern drehen, sogar ein Hubschrauber wurde dem noch nicht Vollj\u00e4hrigen zur Verf\u00fcgung gestellt. Teuer waren nur die Telefonrechnungen im Elternhaus, denn schon damals war Schlingensiefs wichtigstes Mobilisierungswerkzeug die Rede.<br \/>\nDeren \u00dcberzeugungskraft entsprang Schlingensiefs radikaler Offenheit, die nat\u00fcrlich jede Menge Widerspr\u00fcche erzeugte. Wie mitrei\u00dfend und anregend das bis zum Schluss und dar\u00fcber hinaus ist, davon erz\u00e4hlt &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;.<\/p>\n<p>Besprochen von Eva Behrendt<\/p>\n<p><strong>Christoph Schlingensief: Ich wei\u00df, ich war&#8217;s<br \/>\nHg. von Aino Laberenz<br \/>\nKiepenheuer und Witsch, K\u00f6ln 2012<br \/>\n304 Seiten, 19,99 Euro<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/1882930\/\" target=\"_blank\">Deutschlandradio Kultur <\/a> vom 04.10.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das letzte Projekt des 2010 verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief liegt nun vor: &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; sammelt Geschichten und Eindr\u00fccke aus Schlingensiefs Leben, von ihm selbst w\u00e4hrend der Lesereise zu seinem Krebstagebuch erz\u00e4hlt und transkribiert.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/721"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/721\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}