{"id":718,"date":"2012-10-09T22:47:20","date_gmt":"2012-10-09T20:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=718"},"modified":"2012-10-09T22:47:20","modified_gmt":"2012-10-09T20:47:20","slug":"schlingensief-in-der-suite-mit-wagner-im-bett-mit-zadek-mopo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=718","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF \u2013 IN DER SUITE MIT WAGNER, IM BETT MIT ZADEK (MOPO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Memoiren des K\u00fcnstlers Christoph Schlingensief sind erschienen. &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; ist ein Buch mit Humor, Traurigkeit und Klatsch.<\/strong><\/p>\n<p>N\u00e4hern wir uns Christoph Schlingensief doch ausnahmsweise mal durch eine entlegene Hintert\u00fcr \u2013 mit Hilfe von Arnold Schwarzenegger und Julian Barnes: Im neuesten Erz\u00e4hlband des britischen Romanciers Barnes gibt es eine wunderbare Kulturbetriebssatire \u00fcber zwei mittelm\u00e4\u00dfige alternde Schriftstellerfreundinnen. Eine von den beiden \u00fcberlegt, nun ihre Memoiren zu schreiben. Sie kennt das erste Gesetz dieses Literaturgenres: Verrate, dass Du mit einer sehr bekannten Person geschlafen hast!<\/p>\n<p>Doch leider hat es bei ihr nur zu einem verzweifelt notgeilen Anbandelungsversuch mit John Updike gereicht. Besser dran war naturgem\u00e4\u00df Arnold Schwarzenegger, der seine soeben erschienenen Memoiren immerhin mit der Enth\u00fcllung bewerben konnte, er habe zu seiner &#8222;Conan der Barbar&#8220;-Zeit mit Brigitte Nielsen gev\u00f6gelt. Manchmal gen\u00fcgt es f\u00fcr die Reklame offenbar auch, mit einer nicht ganz so bekannten Person im Bett gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Bettgeschichten bieten die Memoiren des 2010 im Alter von erst 49 Jahren gestorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief nicht sehr viele. Seine Liaison im Jahre 1986 mit der damals noch genauso unbekannten Schauspielerin Tilda Swinton hatte er bereits \u00f6ffentlich gemacht, als beide 2009 in der Berlinale-Jury sa\u00dfen.<\/p>\n<p>So wie es jetzt im Buch steht, ist es vor allem eine r\u00fchrende Knutschgeschichte \u00fcber zwei junge Welt-und-Kinoverbesserer, die weinend vor Verwirrung durchs graue eisige Vorwendeberlin laufen. Dort war auf dem Filmfestival gerade Schlingensiefs &#8222;Men\u00fc total&#8220; gelaufen ( &#8222;Nach zehn Minuten stand Wim Wenders auf und ging. Mit ihm 400 andere. Ein richtiges Solidarit\u00e4tskommando&#8220;) und Tilda Swinton verliebte sich sofort in dessen Sch\u00f6pfer.<\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr gibt es eine sehr hei\u00dfe Krankenbettgeschichte. Als Peter Zadek mitkriegte, dass Schlingensief im Hospital lag, rief er ihn an: &#8222;Hallo Christoph, hier ist der Peter. Sag mal, wie geht\u2019s dir denn?&#8220; &#8222;Mir geht\u2019s schei\u00dfe.&#8220; &#8222;Wirklich? Was hast du denn?&#8220; &#8222;Ich hab Krebs, Lungenkrebs.&#8220; &#8222;Ja, das ist schei\u00dfe. Das ist echt schei\u00dfe. Du ich schick dir ein Buch, das wird dich befreien, die Elisabeth steckt dir das gleich in die Post.&#8220; Drei Tage sp\u00e4ter bekam Schlingensief einen Pornocomic \u2013 statt Blumen: &#8222;Wahnsinnig toll gezeichnet, aber nur ficken, lecken, blasen, alles auf dem Rasen.&#8220;<\/p>\n<p>Kaum einer wei\u00df ja, dass sich Schlingensief und Peter Zadek in den letzten Jahren angefreundet hatten. Zwar nur so oberfl\u00e4chlich, wie in der Nomadenwelt des Theaters \u00fcblich. Aber doch immerhin.<\/p>\n<p>Diese Enth\u00fcllung \u00fcberrascht mehr, als es jede Bettgeschichte unterhalb einer Liaison mit Angela Merkel vermocht h\u00e4tte. Denn der Altmeister des deutschen Regietheaters und der grelle Grenz\u00fcberschreiter Schlingensief schienen doch k\u00fcnstlerisch so weit voneinander entfernt, wie zwei Sonnen auf den entgegengesetzten Seiten einer Galaxie. Aber man verga\u00df in den letzten Lebensjahren Zadeks eben gern, dass auch er mal als wilder Theaterprovokateur angefangen hatte. Die Erfahrung, dass man als Revoluzzer irgendwann zum Liebling des Establishments werden kann, teilten sie beide.<\/p>\n<p><strong>Ketzerischer Katholik<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief hat in seinen letzten Lebensjahren an seinen Memoiren gearbeitet, ist aber nicht damit fertig geworden. Nachdem von seinem Krebsbuch &#8222;So sch\u00f6n wie hier kann\u2019s im Himmel gar nicht sein&#8220; mehr als 150.000 Exemplare verkauft worden waren, konnte man allerdings absehen, dass diese Fragmente nicht unver\u00f6ffentlicht bleiben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz hat sie geordnet und durch andere autobiographische Aufzeichnungen erg\u00e4nzt \u2013 von Tagebuchnotizen bis zum langen Online-Kommentar, mit dem ihr Gatte auf Vorw\u00fcrfe reagierte, er w\u00fcrde seine Krankheit kommerziell ausschlachten. &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; befriedigt jetzt wieder die Krebs-Voyeure. Ausgefallene Fu\u00dfn\u00e4gel wachsen nach der Chemotherapie wieder, erf\u00e4hrt man.<\/p>\n<p>Solche Stellen \u00fcberraschen so wenig, wie die Erkenntnis, dass Schlingensief lebenslang ein ketzerischer Katholik blieb, der zuletzt mit Hilfe eines dekonstruktivistischen Theologen lernte, seine Religiosit\u00e4t auch intellektuell zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Es fehlen nat\u00fcrlich nicht die erhofften Anekdoten \u00fcber seine schwierige Zusammenarbeit mit der deutschen K\u00f6nigsfamilie (so nennt Schlingensief sie selbst) Wagner. Das erste Anbahnungstreffen f\u00fcr die heute l\u00e4ngst legend\u00e4re Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung 2004 fand ausgerechnet in der &#8222;Beethoven-Suite&#8220; des Berliner Hyatt-Hotels statt. Aber endg\u00fcltig brach das Eis zwischen Wolfgang Wagner und Schlingensief erst, als die beiden Wohnmobilfans sich beim Essen \u00fcber das appetitanregende Thema F\u00e4kalienentsorgung unterhielten und Gudrun Wagner dagegen einwendete, wie eklig sie es f\u00e4nde, mit dem &#8222;vollgeschissenen Eimer zur G\u00fcllestation&#8220; zu rennen: &#8222;Und dann immer dieses Krutz, Glutsch, Glutz.&#8220; Wie so viele, die sich in der Kunst nach den h\u00f6chsten Sternen des Sublimen strecken, mussten offenbar auch die Wagners alltags zum Ausgleich verbal ins Klo greifen.<\/p>\n<p>Jenseits solcher D\u00f6nekes ist &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; aber vor allem eine Hymne an die Eltern und das deutsche Kleinbildungsb\u00fcrgertum. Was musste das Oberhausener Apothekerehepaar, dessen Kunstgeschmack mit Landschaftsdarstellungen v\u00f6llig zufrieden gestellt war, nicht alles aushalten! Das beginnt mit den 600 Mark, die der 16-j\u00e4hrige Schlingensief vertelefonierte, weil er sich in Hollywood nach einem bestimmten Scheinwerfer erkundigen wollte, wobei er obendrein die Leitung stundenlang f\u00fcr die Medikamentenbestellungen des Vaters blockierte.<\/p>\n<p>Und es steigert sich immer weiter mit der Scham, die die Eltern empfinden, als der Sohn und seine Filme allm\u00e4hlich ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt werden: &#8222;Das war immer ein Riesendilemma f\u00fcr mich, wenn mein Vater die Filme gesehen hat. Zum Beispiel ,Men\u00fc total\u2019, mein zweiter Langfilm. (\u2026) Als er rauskam, hat ja jeder gedacht: Oh Gott, oh Gott, der Schlingensief, schwieriges Elternhaus, \u00fcberall alte Nazis, Inzest, Perversionen hier, Perversion da. Das war nat\u00fcrlich alles Quatsch.&#8220;<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Schlingensief widerlegt das Klischee, dass K\u00fcnstler leiden m\u00fcssen, um gro\u00df zu werden. Ausgerechnet im liebevollen Oberhausener Schrankwandmilieu hatte er seine Erweckungserlebnisse. Hier erlebte er seine &#8222;Urszene&#8220;, als er beim Super-8-Abend im Wohnzimmer einen Film sah, den sein Vater versehentlich doppelt belichtet hatte: &#8222;Was ist, wenn wir in Wahrheit alle doppelt, dreifach, vierfach belichtet werden? Und wir alle wahnsinnig damit besch\u00e4ftigt sind, diese Mehrfachbelichtungen und \u00dcberblendungen zu ignorieren bzw. zu bek\u00e4mpfen, statt sie produktiv zu nutzen?&#8220; Und im Essener Lions Club, in dem sein Vater Mitglied war, begegnet Schlingensief 1976 seinem Leitstern Joseph Beuys. Der vortragende K\u00fcnstler provozierte die Mittelst\u00e4ndler mit dem Satz &#8222;Ich garantiere Ihnen, dass dieses Gesellschaftssystem in sieben Jahren komplett zerst\u00f6rt ist.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Erweckungserlebnis mit Beuys<\/strong><\/p>\n<p>Was den Kapitalismus betraf, irrte sich Beuys bekanntlich. Vielmehr wurde einige Jahre sp\u00e4ter ja dessen Gegenpart komplett zerst\u00f6rt. Nur was das Milieu der huttragenden bildungsbeflissenen Provinzhonoratioren mit ihren Heimfilmabenden betrifft, sollte Beuys recht behalten. Es existiert nicht mehr. Aber das ist zu bedauern. Denn eine Gesellschaft, die solche weltumarmenden, produktiv gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen, typisch deutschen Universalk\u00fcnstler wie Christoph Schlingensief hervorgebracht hat, kann nicht so schlecht gewesen sein.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; (Kiepenheuer &#038; Witsch)<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/berlin-kultur\/article109691806\/Schlingensief-in-der-Suite-mit-Wagner-im-Bett-mit-Zadek.html#\" target=\"_blank\">Berliner Morgenpost vom 08.10.2012<\/a>, von Matthias Heine<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Memoiren des K\u00fcnstlers Christoph Schlingensief sind erschienen. &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; ist ein Buch mit Humor, Traurigkeit und Klatsch.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/718"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=718"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/718\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}