{"id":715,"date":"2012-10-08T08:00:01","date_gmt":"2012-10-08T06:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=715"},"modified":"2012-10-08T08:00:01","modified_gmt":"2012-10-08T06:00:01","slug":"die-sache-war-auch-missverstandlich-orf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=715","title":{"rendered":"&#8222;DIE SACHE WAR AUCH MISSVERST\u00c4NDLICH&#8220; (ORF)"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDas Wetter ist wundersch\u00f6n und soll auch so bleiben, eigentlich m\u00fcsste ich mich nur freuen. Aber so ist es eben leider nicht.\u201c Christoph Schlingensief hat ein Jahr vor seinem Krebstod im Alter von 49 Jahren damit begonnen, die Erinnerungen an sein Leben auf Tonband zu sprechen, mit dem Plan, sie als Autobiografie zu ver\u00f6ffentlichen. Nun hat seine Witwe Aino Laberenz dieses Vorhaben postum in die Tat umgesetzt und die Memoiren unter dem Titel \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c herausgegeben.<\/strong><\/p>\n<p>Das Buch, in dem neben den transkribierten Tonbandaufnahmen auch Briefe, Blog-Eintr\u00e4ge, E-Mails und Vortragstexte ihren Platz finden, sollte ein \u201eBand der vorletzten Worte\u201c werden, \u201eder unvollendeten Gedanken\u201c. Schlingensief habe sich weder erkl\u00e4ren noch sich selbst Kapitel f\u00fcr Kapitel abhandeln wollen, beschreibt Laberenz die Intention des Buches. Und so ist \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c eine absichtlich sehr l\u00fccken- und sprunghafte Autobiografie, in typischer Schlingensief-Manier bissig, absurd komisch und pathetisch zugleich.<\/p>\n<p><strong>Anekdoten und k\u00fcnstlerische Stationen<\/strong><\/p>\n<p>Gew\u00fcrzt sind die Erz\u00e4hlungen \u00fcber seine k\u00fcnstlerischen Stationen von den ersten Filmexperimenten \u00fcber seine Parteigr\u00fcndung bis zum Traum vom Operndorf in Burkina Faso mit allerhand Anekdoten von Begegnungen mit Prominenz aus Kunst, Kultur und Politik.<\/p>\n<p>Recht lustig lesen sich auch Passagen \u00fcber Schlingensiefs Zusammentreffen mit dem \u201eheimlichen deutschen K\u00f6nigspaar\u201c Wolfgang und Gudrun Wagner vor seiner \u201eParsifal\u201c-Inszenierung in Bayreuth und die Berichte von den Proben auf dem \u201egr\u00fcnen H\u00fcgel\u201c. Man h\u00e4tte sich eben gut verstanden, so von Wohnmobilfan zu Wohnmobilfan, schreibt Schlingensief (auch wenn sich Gudrun Wagner \u00fcber die Entleerung der \u201evollgeschissenen Eimer\u201c beschwert habe).<\/p>\n<p>Eine Freundschaft, die nicht lange hielt &#8211; denn nach der Skandalpremiere versuchte man den Regisseur aus dem Vierjahresvertrag zu ekeln, was dieser zu verhindern wusste. \u201eDas war prima: Die Familie Wagner musste blechen und blechen f\u00fcr ihren wahnsinnig teuren Anwalt, w\u00e4hrend meiner da aus Freundschaft loslegte.\u201c<\/p>\n<p><strong>Weinen und knutschen mit Tilda Swinton<\/strong><\/p>\n<p>Genauso humorvoll beschreibt Schlingensief seine Liaison mit der Schauspielerin Tilda Swinton, die ihm nach der Premiere seines Aufregerfilms \u201eMenu total\u201c 1986 vorgestellt wurde. \u201eIch sitze depressiv in diesem Cafe rum und warte, da kommt tats\u00e4chlich eine Wahnsinnsfrau an, lange rote Haare, wundersch\u00f6nes blasses Gesicht: Tilda Swinton. Ich sehe die und denke: Klingeling, wow, was ist denn das? Bei ihr hat\u2019s auch geklingelt\u201c, beschreibt Schlingensief die erste Begegnung.<\/p>\n<p>\u201eIch konnte kaum Englisch, und sie konnte kein Wort Deutsch, aber das machte nichts, wir haben sowieso nur geweint und geknutscht, immer abwechselnd.\u201c Kurz darauf drehte der Regisseur mit seiner Freundin und Udo Kier seinen n\u00e4chsten Film \u201eEgomania &#8211; Insel ohne Hoffnung\u201c &#8211; ein irrwitziges Drama, in dem sich bereits der Hang zum Gesamtkunstwerk erahnen lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Gegen die Trennung von Kunst und Leben<\/strong><\/p>\n<p>\u201eKunst ist f\u00fcr mich nur interessant, wenn sie auf das Leben bezogen ist, wenn sie an der Trennung von Kunst und Leben kratzt\u201c, beschreibt Schlingensief seinen inneren Antrieb, der ihn im Laufe seines Lebens zu einem K\u00fcnstler werden lie\u00df, dessen Namen nur erw\u00e4hnt werden musste, um Kritiker &#8211; auch aus ansonsten kulturuninteressierten Kreisen &#8211; auf den Plan zu rufen. Die Angst, nicht ernst, sondern nur als \u201eBerufsprovokateur\u201c (als der er oft bezeichnet wurde) wahrgenommen zu werden, ist zwischen den Zeilen von \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c oft herauszulesen.<\/p>\n<p>\u201eDer Wunsch, diese Menschen zu mobilisieren, war v\u00f6llig ernst gemeint\u201c, erkl\u00e4rt er zur Gr\u00fcndung seiner Partei Chance 2000, mit der er 1998 in den Bundestagswahlkampf zog. \u201eChance 2000 war keine Spa\u00dfpartei &#8211; auch wenn wir nat\u00fcrlich eine gewisse Art von Humor vertraten und oft ziemlich viel Spa\u00df hatten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eBaden im Wolfgangsee\u201c als Wahlkampfaktion<\/strong><\/p>\n<p>Das verwundert wiederum nicht, denkt man unter anderem an die legend\u00e4re Aktion \u201eBaden im Wolfgangsee\u201c, bei der Schlingensief die sechs Millionen deutschen Arbeitslosen dazu aufrief, gleichzeitig den See im Salzkammergut zu st\u00fcrmen. Seinen Berechnungen nach w\u00e4re das Wasser um drei Meter angestiegen und h\u00e4tte Helmut Kohls Ferienhaus geflutet, w\u00e4ren nicht nur 600 Menschen (\u201einklusive Medien\u201c) gekommen. \u201eEin Totaldesaster, das ich als Politiker aber nat\u00fcrlich entsprechend wenden konnte\u201c, zeigt sich Schlingensief selbstironisch.<\/p>\n<p>Mit den Schnittstellen von \u201eRealit\u00e4t und Fiktion, zwischen Leben und Kunst\u201c habe er auch sp\u00e4ter immer wieder gespielt, wenn auch, wie er betont, nicht immer absichtlich. So sei er etwa keineswegs auf das riesige Echo vorbereitet gewesen, das seine \u201eAusl\u00e4nder raus!\u201c-Container-Aktion im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 hervorgerufen habe. Proteste, Demos, Ratlosigkeit. Und danach: der Ruf als St\u00f6renfried und gro\u00dfer K\u00fcnstler zugleich.<\/p>\n<p>\u201eIch war pl\u00f6tzlich Everybody\u2019s Darling. Nat\u00fcrlich habe ich mich \u00fcber den Erfolg gefreut, aber die Sache war auch missverst\u00e4ndlich.\u201c Es sei ihm nicht darum gegangen, zu zeigen, \u201ewie beschissen rechtsradikal die \u00d6sterreicher sind\u201c, erkl\u00e4rt Schlingensief. \u201eIch wollte eine Bilder-St\u00f6rungsmaschine bauen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Geordnetes Durcheinander<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4tte Schlingensief das Buch selbst gemacht, w\u00e4re es ein anderes geworden, schreibt Laberenz im Vorwort zu \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c. Trotzdem: In der Zusammensetzung ist die Autobiografie sehr authentisch und pointiert. \u201eAll dieses Durcheinander hat mir eigentlich erst Aino genommen\u201c, beschreibt der K\u00fcnstler einmal, \u201edamals im Krankenhaus, als ich sie wegekeln wollte, sie aber geblieben ist. Nur gesagt hat: Ich bleibe, weil ich dich liebe.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/orf.at\/stories\/2144864\/2144887\/\" target=\"_blank\">ORF.at vom 08.10.2012<\/a>, von Sophia Felbermair<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief hat ein Jahr vor seinem Tod damit begonnen, die Erinnerungen an sein Leben auf Tonband zu sprechen, mit dem Plan, sie als Autobiografie zu ver\u00f6ffentlichen. 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