{"id":712,"date":"2012-10-08T06:30:55","date_gmt":"2012-10-08T04:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=712"},"modified":"2012-10-08T06:30:55","modified_gmt":"2012-10-08T04:30:55","slug":"schlingensiefs-witwe-vollendet-sein-werk-rp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=712","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS WITWE VOLLENDET SEIN WERK (RP)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sieben Jahre hat Aino Laberenz ihr Leben mit Christoph Schlingensief geteilt. Seit der Regisseur 2010 an Lungenkrebs starb, arbeitet die Witwe daran, sein vielseitiges Werk zu runden. Jetzt gibt sie eine Biografie heraus, an der Schlingensief noch selbst gearbeitet hat.<\/strong><\/p>\n<p>Packen Sie Ihre Koffer und verschwinden Sie aus Deutschland, hat ihr mal einer geraten. Der Mann meinte es gut mit Aino Laberenz, er wollte sie warnen vor der Last des Erbes, das sie angetreten hat. Doch die junge Frau, die sieben Jahre ihr Leben mit dem Regisseur und Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief geteilt hat, will nicht anders. Sie m\u00f6chte doch, dass die k\u00fcnstlerische Leistung ihres Mannes gew\u00fcrdigt wird. Sie findet, dass er das verdient hat \u2013 internationale Anerkennung. &#8222;Ich hab ja die Freiheit, meine Koffer jederzeit zu packen&#8220;, sagt sie, &#8222;aber das k\u00e4me mir vor, als liefe ich davon.&#8220;<\/p>\n<p>Stattdessen arbeitet Aino Laberenz (31) seit dem Tod ihres Mannes im August 2010 still und beharrlich daran, das bewusst heterogene Werk dieses mutigen, rastlosen, wirr-weisen Performancek\u00fcnstlers zu runden. Sie hat bei der Biennale in Venedig den deutschen Pavillon gestaltet, den eigentlich Schlingensief einrichten sollte, und gewann den Goldenen L\u00f6wen f\u00fcr den besten L\u00e4nderpavillon. Sie baut das Operndorf weiter, das Schlingensief in Burkina Faso gegr\u00fcndet hat. Und sie gibt nun seine autobiografischen Erinnerungen heraus. Ein Buch, das Texte montiert, die Schlingensief selbst geschrieben oder gesprochen hat. In &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220; sind Mitschriften von Lesungsabenden versammelt, Blogbeitr\u00e4ge, Texte, die Schlingensief ins Diktierger\u00e4t gesprochen hat. Man kommt ihm nahe in diesen Zeilen. &#8222;Die Arbeit am Buch hat mir gut getan, sie war aber schmerzhaft&#8220;, sagt Laberenz, &#8222;ich bekam durch die Texte ja st\u00e4ndig gesagt: Dein Mann ist tot. Dabei habe ich das noch immer nicht verstanden. Werde ich vielleicht auch nie.&#8220; Ihren Ehering tr\u00e4gt sie am Finger, seinen an einer Kette um den Hals. Es ist eine goldene Panzerkette.<\/p>\n<p>Irgendwann hat Laberenz dann doch so viel Abstand gefunden, dass sie den Worten ihres Mannes wieder begegnen konnte. Sie hat ihm zugeh\u00f6rt, wie er aus den Texten spricht, hat sortiert, mit einer Struktur gerungen. Das Ergebnis ist nun eine Montage, die das Leben des K\u00fcnstlers nicht chronologisch nacherz\u00e4hlt, daf\u00fcr aber Positionen festh\u00e4lt, Schlingensiefs Haltungen zum Leben, zur Gesellschaft, zur Kunst. &#8222;Ich beanspruche Christoph nicht f\u00fcr mich, ich will sein Werk nicht okkupieren&#8220;, sagt Laberenz, &#8222;jeder hat seine Wahrheit mit ihm, das ist ja das Tolle. Ich m\u00f6chte, dass dieses Werk freigelassen und wahrgenommen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Darum ist Aino Laberenz jetzt auch mit Bauarbeiten in Afrika besch\u00e4ftigt. Wenn sie von ihrer Arbeit im Operndorf erz\u00e4hlt, sp\u00fcrt man, wie energisch, wie stark sie sein kann. &#8222;Ich wei\u00df, dass ich jung und zart und klein wirke&#8220;, sagt sie. St\u00e4ndig werde sie gefragt, wie sie sich als Frau allein in Afrika durchsetzen k\u00f6nne. &#8222;Aber darum geht es gar nicht&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich glaube ganz stark an dieses Projekt, die Menschen vor Ort auch, darum machen wir es gemeinsam weiter.&#8220;<\/p>\n<p>16 H\u00e4user sind gebaut, eine Krankenstation er\u00f6ffnet demn\u00e4chst, das Kulturprogramm ist in Arbeit. Alle zwei, drei Monate fliegt Laberenz nach Afrika, begutachtet die Bauarbeiten, spricht mit Ministern, mit \u00c4rzten, den Menschen vor Ort. &#8222;Ich wei\u00df um die Verantwortung, immerhin gehen dort schon 50 Kinder zur Schule, 50 weitere werden bald kommen&#8220;, sagt sie, &#8222;aber das macht mir keine Angst.&#8220; Und wenn sie dann wieder heimkehrt nach Europa setzt Aino Laberenz ihre Arbeit als B\u00fchnenbildnerin fort.<\/p>\n<p>Gerade hat sie die Kost\u00fcme f\u00fcr das St\u00fcck &#8222;Sender Freies D\u00fcsseldorf&#8220; des Punk-Musikers und Theatermachers Schorsch Kamerun geschaffen, das am D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus Premiere hatte. &#8222;Ich arbeite gern mit Regisseuren, die sich wirklich f\u00fcr die Ideen ihres Teams interessieren&#8220;, sagt Laberenz. &#8222;Ich will nicht \u00fcber die L\u00e4nge irgendeines Rocks diskutieren. Ich beobachte den Probenprozess, ich habe eine Haltung zum St\u00fcck, und die m\u00fcndet dann in die Kost\u00fcme.&#8220;<\/p>\n<p>So hat sie auch mit Schlingensief zusammengearbeitet. &#8222;Wir hatten die gleichen Fantasien, konnten gut gemeinsam Welten ausdenken&#8220;, sagt sie. Kennengelernt haben sie einander in Z\u00fcrich, er inszenierte dort, sie war Assistentin. Als sie sich auf einem Flur begegneten, wusste sie gar nicht, wer er war. Doch auf diesem Flur trafen sich ihre Blicke. &#8222;Ich war ihm gegen\u00fcber v\u00f6llig unvoreingenommen&#8220;, sagt sie, &#8222;aber vielleicht w\u00e4re ich sonst auch gar nicht frei gewesen f\u00fcr diesen Blick.&#8220;<\/p>\n<p>Er hat Laberenz f\u00fcr immer ver\u00e4ndert. Sie hat ihr Leben mit Schlingensief geteilt und sein Sterben. Wer ihr begegnet, sp\u00fcrt, wie jung die Trauer ist und wie schmerzhaft. Doch zu sp\u00fcren ist auch, dass sie ihrem Weg gewachsen ist.<\/p>\n<p>Aino Laberenz muss nicht ihre Koffer packen, nicht davonlaufen. Sie floh auch nicht, als Christoph Schlingensief von seiner Krebserkrankung erfuhr. Er erz\u00e4hlt davon im letzten Buch, das den Sound seiner Stimme und seines Denkens verr\u00e4t. Aino Laberenz wird dieser Stimme weiter Geh\u00f6r verschaffen. Sein Erbe ist in starken H\u00e4nden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/nachrichten.rp-online.de\/kultur\/schlingensiefs-witwe-vollendet-sein-werk-1.3023064\" target=\"_blank\">RP Online vom 08.10.2012<\/a>, von Dorothee Krings<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieben Jahre hat Aino Laberenz ihr Leben mit Christoph Schlingensief geteilt. Seit der Regisseur 2010 an Lungenkrebs starb, arbeitet die Witwe daran, sein vielseitiges Werk zu runden. 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