{"id":710,"date":"2012-10-09T08:07:45","date_gmt":"2012-10-09T06:07:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=710"},"modified":"2012-10-09T08:07:45","modified_gmt":"2012-10-09T06:07:45","slug":"ich-weis-ich-wars-swr2-kulturgesprach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=710","title":{"rendered":"&#8222;ICH WEI\u00df, ICH WAR&#8217;S&#8220; (SWR2 KULTURGESPR\u00c4CH)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aino Laberenz \u00fcber die Autobiografie des verstorbenen Theatermachers Christoph Schlingensief<\/strong><\/p>\n<p>In wenigen Tagen w\u00e4re er 52 geworden, vor wenigen Wochen j\u00e4hrte sich zum zweiten Mal sein Todestag: Christoph Schlingensief \u2013 Filmemacher, Regisseur, Aktionsk\u00fcnstler und manches mehr. Zuletzt hat er an seiner Autobiografie gearbeitet. Fertig gestellt hat sie jetzt seine Witwe, die B\u00fchnenbildnerin Aino Laberenz.<\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2012-10-08_SWR2_kulturgespraech-ich-weiss-ich-wars-swr2-am-morgen.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2012-10-08_SWR2_kulturgespraech-ich-weiss-ich-wars-swr2-am-morgen.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p><strong>Frau Laberenz, heute erscheint die von Ihnen fertig gestellte Autobiografie Christoph Schlingensiefs mit dem Titel &#8222;Ich wei\u00df, ich war&#8217;s&#8220;. Warum haben Sie dem Buch diesen Titel gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>Den Titel habe nicht ich festgelegt. Den hat wirklich noch mein Mann seiner Autobiografie gegeben. Der stand schon relativ fr\u00fch fest. Ich musste keinen Titel suchen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich seine Notizen und Diktate vorgenommen. Sie haben sie abgeh\u00f6rt, transkribiert, gesichtet, erg\u00e4nzt. Haben Sie bei dieser intensiven, posthumen Auseinandersetzung mit Ihrem Mann neue, unbekannte Seiten von Christoph Schlingensief kennen gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Das kann ich eigentlich nicht sagen, zumal ich zusammen mit ihm an dem Material gesessen habe. Es gab eine Zeit, da habe ich so gut wie alle Interviews gelesen, die Christoph gegeben hatte. Und dann habe ich nachvollzogen, wie er in seinem Leben an bestimmten Themen dran war. Wie er die hinterfragt hat. Was ihn begleitet hat. Und was er komplett umgeschmissen hat. Das fand ich wahnsinnig spannend, ihn noch mal anders kennen zu lernen. Oder genauer kennen zu lernen. Das war f\u00fcr mich auch wahnsinnig sch\u00f6n. Und wahnsinnig schmerzhaft. Ja, da habe ich schon eine Menge \u00fcber ihn gelernt und gefunden.<\/p>\n<p><strong>Zu welchem Bild von Christoph Schlingensief verdichtet sich jetzt f\u00fcr Sie die Pers\u00f6nlichkeit aufgrund seiner Notizen?<\/strong><\/p>\n<p>Ach, das ist ganz schwer in ein Wort oder in einen Satz zu fassen. Ich kannte ihn nat\u00fcrlich als Privatperson und als Arbeitsperson. Er war ein totaler Egoist. Ein widerspr\u00fcchlicher Mensch, ein total liebevoller Mensch, der anderen Menschen zuh\u00f6ren konnte, der aufnahmef\u00e4hig war. Und trotzdem wusste er genau, was er wollte. Er war jemand, der sich permanent hinterfragt hat und immer in Bewegung war. F\u00fcr mich war Christoph wahnsinnig im Jetzt verankert. Jemand, der die Gegenwart extrem aufgenommen hat. Und jemand, der unfassbar lustig war und einen unschlagbaren Humor hatte.<\/p>\n<p><strong>Mit knapp 50 ist Christoph Schlingensief an Lungenkrebs gestorben. Er hat bis zuletzt seine unterschiedlichen Projekte verfolgt. Sie versuchen sie nun zu einem guten Ende zu bringen, etwa das Operndorf in Burkina Faso. Gab es noch andere Projekte, von denen Sie jetzt erfahren haben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Es gab nat\u00fcrlich eine Menge, woran Christoph noch arbeiten wollte. Aber er war nie jemand, der extrem in die Zukunft geplant hat. Da gab&#8217;s nichts Unvollendetes oder Fertiges, das man jetzt irgendwo im Keller suchen kann. Auf der anderen Seite gibt&#8217;s ganz viele Drehb\u00fccher. Und ich wei\u00df nicht, ob man schon alles gesehen hat.<\/p>\n<p><strong>Eine Autobiografie ist der Versuch, sich selber quasi von au\u00dfen zu beobachten und zu interpretieren. Dieser Br\u00fcckenschlag zwischen dem Eigenen und dem scheinbar Fremden ist ja schwierig, weil Ego und Alter Ego sich nicht sauber trennen lassen. Wenn Sie jetzt die Reflexionen von Christoph \u00fcber Schlingensief noch einmal lesen: Gab es Punkte, wo er in seiner Selbstwahrnehmung sehr weit von sich weg war. Wo Sie ihn anders erlebt haben \u2013 wo es Differenzen gibt zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung?<\/strong><\/p>\n<p>Schwierig zu sagen. F\u00fcr mich war Christoph einer der ehrlichsten Menschen, die ich kennen gelernt habe &#8211; im Umkehrschluss auch jemand, der ein schlechter L\u00fcgner war, beziehungsweise sich nichts vormachen konnte. Es gab diese Momente: Wenn er sich unwohl in seiner Arbeit gef\u00fchlt hat \u2013 ob das eine Auftragsarbeit war oder irgendetwas, wo er anderen gefallen wollte und nicht bei sich geblieben ist \u2013 dann hat er k\u00f6rperlich reagiert und hat eine Allergie bekommen: so eine autoaggressive Allergie. Die \u00c4rzte haben das damit begr\u00fcndet, dass er sich dann selber nicht mochte. F\u00fcr mich, so wie ich ihn kenne, ist erstaunlich, was f\u00fcr ein gutes Gef\u00fchl er f\u00fcr sich selbst hatte.<\/p>\n<p><strong>Ein Schl\u00fcsselsatz seiner Autobiografie scheint mir zu sein: &#8222;Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte.&#8220; Wissen Sie jetzt, wer er sein wollte?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich wei\u00df es nicht. Er war das, was er war. Ich habe keine Ahnung, ob Christoph genau wusste: Das uns das m\u00f6chte ich mal werden. F\u00fcr mich war er wie ein Schwamm, der alles aufgesogen hat und gleichzeitig abgegeben hat. Er war st\u00e4ndig in Bewegung. Er war auf seinem Weg. Sicherlich ist er im Prinzip das geworden, was er werden wollte. Aber er ist halt auch nicht stehen geblieben.<\/p>\n<p><em>Das SWR2 Kulturgespr\u00e4ch mit Aino Laberenz, Witwe und Arbeitspartnerin des verstorbenen Theatermachers Christoph Schlingensief, f\u00fchrte Reinhard H\u00fcbsch am 8.10.2012 um 7.45 Uhr.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/kultur-info\/kulturgespraech\/aino-laberenz-vollendet-biografie\/-\/id=9597128\/vv=teaser-12\/nid=9597128\/did=10420526\/rzuwo8\/\" target=\"_blank\">SWR2 Kulturgespr\u00e4ch vom 08.10.2012<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aino Laberenz \u00fcber die Autobiografie des verstorbenen Theatermachers Christoph Schlingensief<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,4,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/710"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=710"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/710\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=710"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=710"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=710"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}