{"id":709,"date":"2012-10-09T08:04:03","date_gmt":"2012-10-09T06:04:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=709"},"modified":"2012-10-09T08:04:03","modified_gmt":"2012-10-09T06:04:03","slug":"aufgerissen-fur-die-welt-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=709","title":{"rendered":"AUFGERISSEN F\u00dcR DIE WELT (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs Verm\u00e4chtnis: seine letzten Worte zu Gott und Glaube und die spirituelle Wichtigkeit von Afrika f\u00fcr uns.<\/strong><\/p>\n<p>Nun, wo Christoph Schlingensief gut zwei Jahre tot ist, sp\u00fcrt man noch deutlicher, wie wichtig er war. Mit welcher Kraft er seine Projekte verfolgt hat, wie offen er war, \u201eaufgerissen\u201c sagt er einmal, wie sehr er Widerspr\u00fcche aushalten und darstellen konnte, wie er Verbindungen herstellen konnte, die Ausgegrenzten reinholte, am kranken Gesellschaftsk\u00f6rper arbeitete, das war einzigartig.<\/p>\n<p>Jetzt ist sein Buch \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c erschienen, und noch einmal ist er da. Aber es sind, daran kommt man schwer vorbei, so etwas wie letzte Worte und ein Blick zur\u00fcck. Das Buch, noch von Schlingensief geplant, ist von seiner Witwe Aino Laberenz aus Tonb\u00e4ndern, Mitschnitten von der Lesereise des letzten Jahres und aus E-Mails oder anderen \u00c4u\u00dferungen Schlingensiefs zusammengesetzt worden.<\/p>\n<p>Trotz der M\u00fche, die sich Laberenz gibt, das Buch nicht \u201ebleischwer\u201c, sondern offen, vorl\u00e4ufig, in sich widerspr\u00fcchlich zu gestalten, wie sie im Vorwort schreibt, das Abschlie\u00dfende dr\u00e4ngt in den Vordergrund. Es liest sich immer wieder wie ein Verm\u00e4chtnis. \u201eIm Kern habe ich mich in diesem Land nicht wohlgef\u00fchlt\u201c, steht da. Oder: \u201eIn meinem tiefsten Inneren habe ich nie glauben k\u00f6nnen, dass mich jemand wirklich m\u00f6gen, wirklich lieben kann.\u201c<br \/>\nWenn Schlingensief ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine offene, nicht erfolgsorientierte Filmf\u00f6rderung schreibt, hat das etwas von Verm\u00e4chtnis. Oder wenn er \u00fcber seine Liebe zu Afrika sagt: \u201eIch glaube, dass Afrika spirituell und kulturell extrem wichtig ist f\u00fcr unsere Zukunft hier in Europa.\u201c Auch seine Arbeiten beurteilt der K\u00fcnstler nun in der R\u00fcckschau.<\/p>\n<p><strong>Eigene Zug\u00e4nge sind typisch<\/strong><\/p>\n<p>Wie Schlingensief zu Gott und Glaube stand, war ambivalent. In diesem Buch wird er deutlicher. Er glaubte naiv und direkt, aber wer dieser Gott ist, darauf gibt er immer wieder neue Antworten. Am Ende hat er sich einen Porzellanjesus gekauft, um sich Christus tastend n\u00e4hern zu k\u00f6nnen. Eigene Zug\u00e4nge, das war typisch f\u00fcr ihn. \u00dcber Religion hei\u00dft es einmal: \u201eWenn der Papst dazu stehen w\u00fcrde und sagen w\u00fcrde: Die besten Projekte sind die unscharfen Projekte, der Mensch ist ein unscharfer Organismus, dann h\u00e4tte man eine sensationelle Religionsm\u00f6glichkeit, glaube ich.\u201c<br \/>\nSchlingensief schreibt ausf\u00fchrlich \u00fcber die Containeraktion \u201eAusl\u00e4nder raus!\u201c (\u201eIch wei\u00df bis heute nicht, warum das damals geklappt hat.\u201c), \u00fcber seine Filme und sein Verh\u00e4ltnis zum Theater, an dem er vor allem die Spiritualit\u00e4t liebte. Es geht um Bayreuth und den \u201eParsifal\u201c, die \u201eChurch of Fear\u201c, immer wieder die Drehb\u00fchne, die Bewegung der Zeit im Raum, die Avantgarde, Hitler, und vor allem das Operndorf in Afrika, in dem er das Ziel seiner Arbeit sah: \u201eSelbst wenn das Operndorf nicht klappen sollte, ist da kein Haufen Schei\u00dfe, der zur\u00fcckbleibt, sondern etwas sehr Sch\u00f6nes und Edles.\u201c<br \/>\nOffen redet er \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zu den Eltern, die Zeit als Kind in Oberhausen, als Student in M\u00fcnchen. Er schreibt \u00fcber Werner Nekes, Helge Schneider und Thomas Meinecke, die wichtige Rollen gespielt haben. Freundinnen kommen in der R\u00fcckschau dagegen kaum vor (mit Ausnahme von Tilda Swinton).<\/p>\n<p><strong>Abgekl\u00e4rt, harmonisch, ausgleichend<\/strong><\/p>\n<p>Man liebt ihn einfach f\u00fcr S\u00e4tze wie: \u201eDer Behinderte hat eine ganz andere Qualit\u00e4t, er hat die M\u00f6glichkeit, mit metaphysischen Dingen zu arbeiten, aber er wird gezwungen, so zu sein wie Klaus Maria Brandauer.\u201c<\/p>\n<p>Eine Szene wird als Urszene bezeichnet, es geht um die Projektionsgesetze des Films, eine andere, mit seinem Vater, der ihn mit seiner Freundin erwischt hat, kommt nur beil\u00e4ufig vor, wirkt aber wie eine Schl\u00fcsselszene: \u201eMitten auf den Altmarkt bin ich gelaufen, habe so getan, als sei er (der Vater) ein Fremder, und gebr\u00fcllt: Lassen Sie uns in Ruhe, Sie Schwein, Sie Drecksau! Das war nat\u00fcrlich ein Riesenskandal.\u201c<\/p>\n<p>Einerseits ist Schlingensiefs Energie in diesem Buch weiterhin am Leben. Andererseits ist es erstaunlich abgekl\u00e4rt, harmonisch, ausgleichend. Schlingensief interpretiert sein Leben als eine Bewegung, die auf eine Erf\u00fcllung, das Operndorf, zulief. Es wirkt wie ein beruhigter, altersweise gewordener Christoph Schlingensief, der einem da entgegentritt.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich wei\u00df, ich war\u2019s. Kiepenheuer &#038; Witsch, K\u00f6ln 2012. 294 Seiten, 19,99 Euro.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/sachbuch\/christoph-schlingensief-aufgerissen-fuer-die-welt,20324626,20286386.html\" target=\"_blank\">Frankfurter Rundschau vom 06.10.2012<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs Verm\u00e4chtnis: seine letzten Worte zu Gott und Glaube und die spirituelle Wichtigkeit von Afrika f\u00fcr uns.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/709"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=709"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/709\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}