{"id":707,"date":"2012-10-09T07:59:19","date_gmt":"2012-10-09T05:59:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=707"},"modified":"2012-10-09T07:59:19","modified_gmt":"2012-10-09T05:59:19","slug":"schlingensief-uber-krebs-wagner-und-zadeks-porno-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=707","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF \u00dcBER KREBS, WAGNER UND ZADEKS PORNO (WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor knapp zwei Jahren starb Christoph Schlingensief. Jetzt erscheinen seine Memoiren. Eine urkomische und ber\u00fchrende Lekt\u00fcre mit vielen Anekdoten \u00fcber ber\u00fchmte Kollegen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Matthias Heine<\/em><\/p>\n<p>N\u00e4hern wir uns Christoph Schlingensief doch ausnahmsweise mal durch eine entlegene Hintert\u00fcr \u2013 mit Hilfe von Arnold Schwarzenegger und Julian Barnes: Im neuesten Erz\u00e4hlband des britischen Romanciers Barnes gibt es eine wunderbare Kulturbetriebssatire \u00fcber zwei mittelm\u00e4\u00dfige alternde Schriftstellerfreundinnen. Eine von den beiden \u00fcberlegt, nun ihre Memoiren zu schreiben.<\/p>\n<p>Sie kennt das erste Gesetz dieses Literaturgenres: Verrate, dass Du mit einer sehr bekannten Person geschlafen hast! Doch leider hat es bei ihr nur zu einem verzweifelt notgeilen Anbandelungsversuch mit John Updike gereicht. Besser dran war naturgem\u00e4\u00df Arnold Schwarzenegger, der seine soeben erschienenen Memoiren immerhin mit der Enth\u00fcllung bewerben konnte, er habe zu seiner &#8222;Conan der Barbar&#8220;-Zeit mit Brigitte Nielsen gev\u00f6gelt. Manchmal gen\u00fcgt es f\u00fcr die Reklame offenbar auch, mit einer nicht ganz so bekannten Person im Bett gewesen zu sein.<\/p>\n<p><strong>Knutschen mit Tildas Swinton<\/strong><\/p>\n<p>Bettgeschichten bieten die Memoiren des 2010 kurz vor seinem f\u00fcnfzigstem Geburtstag gestorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief nicht sehr viele. Seine Liaison im Jahre 1986 mit der damals noch genauso unbekannten Schauspielerin Tilda Swinton hatte er bereits \u00f6ffentlich gemacht, als beide 2009 in der Berlinale-Jury sa\u00dfen.<\/p>\n<p>So wie es jetzt im Buch steht, ist das vor allem eine r\u00fchrende Knutschgeschichte \u00fcber zwei junge Welt-und-Kinoverbesserer, die weinend vor Verwirrung durchs graue eisige Vorwendeberlin turteln. Dort war auf dem Filmfestival gerade Schlingensiefs &#8222;Men\u00fc total&#8220; gelaufen ( &#8222;Nach zehn Minuten stand Wim Wenders auf und ging. Mit ihm 400 andere. Ein richtiges Solidarit\u00e4tskommando&#8220;), und Tilda Swinton verliebte sich sofort in dessen Sch\u00f6pfer.<\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr gibt es eine sehr hei\u00dfe Krankenbettgeschichte. Als Peter Zadek mitkriegte, dass Schlingensief im Hospital lag, rief er ihn an: &#8222;Hallo Christoph, hier ist der Peter. Sag mal, wie geht\u2019s dir denn?&#8220; &#8222;Mir geht\u2019s schei\u00dfe.&#8220; &#8222;Wirklich? Was hast du denn?&#8220; &#8222;Ich hab Krebs, Lungenkrebs.&#8220; &#8222;Ja, das ist schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Das ist echt schei\u00dfe. Du ich schick dir ein Buch, das wird dich befreien, die Elisabeth steckt dir das gleich in die Post.&#8220; Drei Tage sp\u00e4ter bekam Schlingensief einen Pornocomic \u2013 statt Blumen: &#8222;Wahnsinnig toll gezeichnet, aber nur ficken lecken, blasen, alles auf dem Rasen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Freundschaft mit Zadek<\/strong><\/p>\n<p>Kaum einer wei\u00df ja, dass sich Schlingensief und Peter Zadek in den letzten Jahren angefreundet hatten. Zwar nur so oberfl\u00e4chlich, wie in der Nomadenwelt des Theaters \u00fcblich. Aber doch immerhin. Diese Enth\u00fcllung \u00fcberrascht mehr, als es jede Bettgeschichte unterhalb einer Liaison mit Angela Merkel vermocht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Denn der Altmeister des deutschen Regietheaters und der grelle Grenz\u00fcberschreiter Schlingensief schienen doch k\u00fcnstlerisch so weit voneinander entfernt, wie zwei Sonnen auf den entgegengesetzten Seiten einer Galaxie. Aber man verga\u00df in den letzten Lebensjahren Zadeks eben gern, dass auch er mal als wilder Theaterprovokateur angefangen hatte. Die Erfahrung, dass man als Revoluzzer irgendwann zum Liebling des Establishments werden kann, teilten sie beide.<\/p>\n<p>Schlingensief hat in seinen letzten Lebensjahren an seinen Memoiren gearbeitet, ist aber nicht damit fertig geworden. Nachdem von seinem Krebsbuch &#8222;So sch\u00f6n wie hier kann\u2019s im Himmel gar nicht sein&#8220; mehr als 150.000 Exemplare verkauft worden waren, konnte man allerdings absehen, dass die hinterlassenen Fragmente nicht unver\u00f6ffentlicht bleiben w\u00fcrden. Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz hat sie geordnet und durch andere autobiographische Aufzeichnungen erg\u00e4nzt \u2013 von Tagebuchnotizen bis zum langen Online-Kommentar, mit dem er auf Vorw\u00fcrfe reagiert, er w\u00fcrde seine Krankheit kommerziell ausschlachten.<\/p>\n<p><strong>Futter f\u00fcr die Krebs-Voyeure<\/strong><\/p>\n<p>Auch &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; befriedigt jetzt wieder die Krebs-Voyeure. Ausgefallene Fu\u00dfn\u00e4gel wachsen nach der Chemotherapie wieder, erf\u00e4hrt man. Solche Stellen \u00fcberraschen so wenig, wie die Erkenntnis, dass Schlingensief lebenslang ein ketzerischer Katholik blieb, der zuletzt mit Hilfe eines dekonstruktivistischen Theologen lernte, seine Religiosit\u00e4t auch intellektuell zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Erstaunlicher ist schon, dass der in den jungen gesunden Jahren doch manchmal recht pr\u00e4potente Schlingensief sich nachdenklich und selbstzweifelnd gibt. \u00dcber seinen in Simbabwe gedrehten Film &#8222;United Trash&#8220; schreibt er beispielsweise, dieser sei total misslungen, weil er Afrika nur benutzt habe.<\/p>\n<p>Es fehlen nat\u00fcrlich nicht die erhofften Anekdoten \u00fcber seine schwierige Zusammenarbeit mit der deutschen K\u00f6nigsfamilie (so nennt Schlingensief sie selbst) Wagner. Das erste Anbahnungstreffen f\u00fcr die heute l\u00e4ngst legend\u00e4re Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung 2004 fand ausgerechnet in der &#8222;Beethoven-Suite&#8220; des Berliner Hyatt-Hotels statt. Aber endg\u00fcltig brach das Eis zwischen Wolfgang Wagner und Schlingensief erst, als die beiden Wohnmobilfans sich beim Essen \u00fcber das appetitanregende Thema der F\u00e4kalienentsorgung unterhielten und Gudrun Wagner dagegen einwendete, wie eklig sie es f\u00e4nde, mit dem &#8222;vollgeschissenen Eimer zur G\u00fcllestation&#8220; zu rennen: &#8222;Und dann immer dieses Krutz, Glutsch, Glutz.&#8220; Wie so viele K\u00fcnstler, die sich im Beruf nach den h\u00f6chsten Sternen des Sublimen strecken, mussten offenbar auch die Wagners alltags zum Ausgleich verbal ins Klo greifen.<\/p>\n<p><strong>Eine Telefonrechnung \u00fcber 600 Mark<\/strong><\/p>\n<p>Jenseits solcher D\u00f6nekes ist &#8222;Ich wei\u00df, ich war\u2019s&#8220; aber vor allem eine Hymne an die Eltern und das deutsche Kleinbildungsb\u00fcrgertum. Was musste das Oberhausener Apothekerehepaar, dessen Kunstgeschmack mit realistischen Landschaftsdarstellungen v\u00f6llig zufrieden gestellt war, nicht alles aushalten! Das beginnt mit den 600 Mark, die der 16-j\u00e4hrige Schlingensief vertelefonierte, weil er sich in Hollywood nach einem bestimmten Scheinwerfer erkundigen wollte, wobei er obendrein die Leitung stundenlang f\u00fcr die Medikamentebestellungen des Vaters blockierte. Es geht weiter mit dem Anruf der Mutter, die den Sohn besorgt warnte: &#8222;Christoph, der M\u00f6llemann ist vom Himmel gefallen. Sag nichts, wenn die Polizei anruft&#8220;.<\/p>\n<p>Offenbar f\u00fcrchtete sie einen magischen Zusammenhang mit einer Theateraktion, die Schlingensief vor M\u00f6llemanns D\u00fcsseldorfer Exportfirma veranstaltet hatte. Und es steigert sich immer weiter mit der Scham, die die Eltern empfinden, als der Sohn und seine Filme allm\u00e4hlich ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt werden: &#8222;Das war immer ein Riesendilemma f\u00fcr mich, wenn mein Vater die Filme gesehen hat. Zum Beispiel ,Men\u00fc total\u2019, mein zweiter Langfilm. (\u2026) Als er rauskam, hat ja jeder gedacht: Oh Gott, oh Gott, der Schlingensief, schwieriges Elternhaus, \u00fcberall alte Nazis, Inzest, Perversionen hier, Perversion da. Das war nat\u00fcrlich alles Quatsch.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Geburt des Genies im Schrankwandmilieu<\/strong><\/p>\n<p>Im Gegenteil: Ausgerechnet in diesem liebevollen Schrankwandmilieu hatte Schlingensief seine Erweckungserlebnisse und wurde auf eine Spur gesetzt, bei der Begegnungen wie die mit dem Experimentalfilmer Werner Nekes nur noch Weichenstellungen waren, aber kein Neustart. Hier erlebte er seine &#8222;Urszene&#8220;, als er beim Super-8-Abend im Oberhausener Wohnzimmer einen Film sah, den sein Vater versehentlich doppelt belichtet hatte: &#8222;Was ist, wenn wir in Wahrheit alle doppelt, dreifach, vierfach belichtet werden? (\u2026) Und wir alle wahnsinnig damit besch\u00e4ftigt sind, diese Mehrfachbelichtungen und \u00dcberblendungen zu ignorieren bzw. zu bek\u00e4mpfen, statt sie produktiv zu nutzen?&#8220; Hier hatte er seinen ersten Theaterauftritt: 1972 als &#8222;Blume&#8220; in einer Auff\u00fchrung des &#8222;Kleinen Prinzen&#8220; vom Staatlichen Gymnasium Oberhausen.<\/p>\n<p>Und im Essener Lions Club, wo sein Vater Mitglied war, begegnete Schlingensief 1976 seinem Leitstern Joseph Beuys. Der vortragende K\u00fcnstler provozierte das Publikum mit dem Satz &#8222;Ich garantiere Ihnen, dass dieses Gesellschaftssystem in sieben Jahren komplett zerst\u00f6rt ist.&#8220;<\/p>\n<p>Was den Kapitalismus betraf, irrte Beuys bekanntlich. Vielmehr wurde bald darauf ja dessen Gegenpart komplett zerst\u00f6rt. Was das Milieu der huttragenden bildungsbeflissenen Provinzhonoratioren mit ihren Heimfilmabenden betrifft, sollte Beuys leider recht behalten. Davon ist nicht mehr viel \u00fcbrig. Aber es ist nur zu bedauern. Denn eine Schicht, die solche weltumarmenden, produktiv gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen, typisch deutschen Universalk\u00fcnstler wie Christoph Schlingensief hervorgebracht hat, kann nicht so schlecht gewesen sein.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/buehne-konzert\/article109679572\/Schlingensief-ueber-Krebs-Wagner-und-Zadeks-Porno.html\" target=\"_blank\">Die WELT vom 07.10.2012<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor knapp zwei Jahren starb Christoph Schlingensief. Jetzt erscheinen seine Memoiren. 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