{"id":692,"date":"2012-06-08T02:37:31","date_gmt":"2012-06-08T00:37:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=691"},"modified":"2012-06-08T02:37:31","modified_gmt":"2012-06-08T00:37:31","slug":"ein-stuck-von-christoph-lebt-in-afrika-weiter-wdrde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=692","title":{"rendered":"&#8222;EIN ST\u00dcCK VON CHRISTOPH LEBT IN AFRIKA WEITER&#8220; (WDR.DE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein afrikanisches Bayreuth &#8211; davon hat der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief zu Lebzeiten getr\u00e4umt. Der Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220;, der am Donnerstag (07.06.2012) in den Kinos anl\u00e4uft, erz\u00e4hlt die Geschichte eines scheinbar unm\u00f6glichen Projekts. WDR.de hat Regisseurin Sibylle Dahrendorf interviewt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Frau Dahrendorf, wie ist es denn zu der Begegnung zwischen Ihnen und Herrn Schlingensief gekommen?<\/p>\n<p><strong>Sibylle Dahrendorf:<\/strong> Das ist eine etwas l\u00e4ngere Geschichte. Ich habe Christoph Schlingensief 1998 kennengelernt und habe dann im Lauf der Zeit immer mal wieder Berichte und Reportagen \u00fcber ihn realisiert.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Ist dann eine Art von Freundschaft zwischen Ihnen beiden entstanden, oder war das in erster Linie eine professionelle Beziehung?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Eine professionelle Beziehung, die aber nat\u00fcrlich mit der Zeit freundschaftlich gewachsen ist. Wir sind uns  ja immer wieder begegnet, und nat\u00fcrlich ist da dann ein Vertrauen entstanden, so dass wir filmisch auch Entstehungsprozesse begleiten konnten. Ich durfte und konnte einige Stationen seines Weges begleiten. Daf\u00fcr bin ich dankbar.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Sie haben ihn dann von Anfang an bei der Suche nach einem Ort f\u00fcr das Operndorf begleitet. Wie haben Sie das denn damals empfunden? Es schien ja erst einmal eine waghalsige Idee zu sein, in Afrika ein Operndorf mit einer Theaterb\u00fchne und Film- sowie Musikwerkst\u00e4tten aufzubauen. Man brauchte ziemlich viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass das auch klappt.<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Das ist ja das Sch\u00f6ne an der Arbeit mit Schlingensief gewesen. Ein gro\u00dfer Teil der Arbeit bestand darin, sich mit der Vorstellung auseinanderzusetzen, dass Gedanken Kraft spenden k\u00f6nnen. Klar, am Anfang wusste man nicht, was am Ende dabei herauskommt. Das war aber oft so in der Arbeit mit ihm. Auch bei der Gr\u00fcndung seiner Partei &#8222;Chance 2000&#8220; war das so, in den 90er-Jahren. Das konnte man sich auch nicht vorstellen, aber die Partei wurde ja tats\u00e4chlich gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> K\u00f6nnen Sie das Besondere dieses Ortes benennen?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf: <\/strong>Das Besondere an dem Ort ist seine Reinheit. Das h\u00f6rt sich klischeehaft an, aber so ist es. Es ist nicht umsonst dieser Ort geworden. Er ist nicht vergleichbar mit einer Handvoll anderer Orte, die Christoph Schlingensief mit seinem Team ebenfalls im Einzugsgebiet von Ouagadougou aufgesucht hatte. Der Ort hat keine Ablenkung. Man h\u00f6rt den Wind, die Tiere, die Stimmen der Menschen und alles das, wovon man in der Stadt abgelenkt ist. Das waren auch die Gr\u00fcnde, warum er sich daf\u00fcr entschieden hat.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> In Ihrem Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220; sieht man dann, dass irgendwann der Ort Laongo in Burkina Faso gefunden wurde. Ein Ort, der dem ersten Anschein nach tats\u00e4chlich mitten in der W\u00fcste liegt.<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Das ist der europ\u00e4ische Blick, den man darauf hat. Dort, wo das Operndorf entsteht, leben aber viele Menschen \u2013 auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Die Menschen leben ihren normalen Alltag, in ihren Geh\u00f6ften in der Umgebung, bestellen ihre Felder, ernten und so weiter. Ein harter Alltag auch wegen des Klimas. Es gibt auch einen gr\u00f6\u00dferen Ort, ungef\u00e4hr f\u00fcnf Kilometer von dem Operndorf entfernt. Und man ist nur 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Es ist also nicht am Ende der Welt.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> K\u00f6nnen Sie sich an den Augenblick erinnern, als klar war, dass der Ort f\u00fcr das Operndorf gefunden war?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Das war ein sehr besonderer Moment, ein Gl\u00fccksmoment. Das sieht man ja auch im Film. Die Filmsequenz hatte bei mir den Arbeitstitel &#8222;Moonlanding&#8220;. Christoph Schlingensief  hat in dem Moment gesagt: &#8222;Jetzt sind wir auf dem Mond&#8220; \u2013 also ein quasi historischer Moment. Das best\u00e4tigten ihm dann auch Francis K\u00e9r\u00e9, der Architekt, und  Stanislas Meda aus dem Kulturministerium von Burkina Faso. Die haben das auch als solchen Moment erlebt. Man hatte ja lange gesucht &#8211; so lange, bis alle wirklich \u00fcberzeugt waren: Das ist jetzt der Ort. Vorher war man ja noch in Kamerun und in Mosambik. Und als dann der Ort gefunden war, sieht man, wie Christoph Schlingensief mit seinen Leuten einen Rundgang macht, der in der Dunkelheit endet, und Francis K\u00e9r\u00e9 dann sagt: &#8222;Wenn wir jetzt mal einen Augenblick unseren Mund halten, k\u00f6nnen wir das erfahren, was man Spiritualit\u00e4t nennt.&#8220; Genau danach hatte man gesucht.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> K\u00f6nnen Sie das Besondere an diesem Ort benennen?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Das Besondere an dem Ort ist diese Reinheit. Das h\u00f6rt sich bl\u00f6d und klischeehaft an, aber so ist es. Es ist nicht umsonst dieser Ort geworden. Der ist nicht vergleichbar mit einer Handvoll anderer Orte, die Christoph Schlingensief mit seinem Team ebenfalls im Einzugsgebiet von Ouagadougou, der Hauptstadt, aufgesucht hatte. Der Ort hat keine Ablenkung. Man h\u00f6rt den Wind, die Tiere, die Menschen. Da h\u00f6rt man alles das, wovon man in der Stadt abgelenkt ist. Das waren die Gr\u00fcnde, warum man sich daf\u00fcr entschieden hat.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Christoph Schlingensief sagt in dem Film: &#8222;Ich bekomme hier die Kraft, die ich in 100 Jahren nicht bekommen habe.&#8220; Wie haben Sie denn das Zusammentreffen von Christoph Schlingensief mit den Menschen aus Burkina Faso erlebt?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich glaube, die Begegnung mit den Menschen dort hat ihm wirklich sehr viel Kraft zugef\u00fchrt. Und allein die Entscheidung f\u00fcr Burkina Faso war eine extrem gro\u00dfe Energiezufuhr. Das hat ganz viel bei ihm freigesetzt. Er hat aber umgekehrt nat\u00fcrlich viel gegeben.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Irgendwann erlebt man einen Punkt innerhalb des Films, an dem Christoph Schlingensief relativ desillusioniert wirkt. Da sagt er: &#8222;Die Phase der Verliebtheit ist vorbei.&#8220; Hat diese Desillusionierung l\u00e4nger angehalten, oder war das nur eine Momentaufnahme?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich w\u00fcrde das nicht als Desillusionierung bezeichnen, sondern als Ungeduld. Da war schon nicht mehr viel Zeit, das war zwei Monate vor seinem Tod. Er hatte die Sehnsucht, die Realisierung des Projektes zu erleben. Er hat dann aber gemerkt, dass ihm die Zeit davon l\u00e4uft \u2013 und ist deshalb verst\u00e4ndlicherweise ungeduldig geworden. Die Zeit ist ihm unter den H\u00e4nden zerronnen.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Christoph Schlingensief ist dann im Verlauf der Dreharbeiten im August 2010 im Alter von 49 Jahren an seiner Krebserkrankung gestorben. War f\u00fcr Sie dennoch klar, dass Sie den Film auch ohne ihn zu einem Ende bringen?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich habe ganz lange nicht gewusst, wie es weiter geht. Ich dachte, ich kann der Geschichte nicht mehr gerecht werden. Man ist in dem Moment auch nicht nur in seiner Profession \u00fcberfordert, sondern auch in seinem privaten Empfinden. Da muss man erst mal Zeit gewinnen und sich orientieren. Ich bin dann im Herbst 2010 noch mal nach Burkina Faso geflogen \u2013 aber nicht mit dem Ziel, ich muss jetzt was filmisch Produktives mit nach Hause bringen. Ich wollte herausfinden, wie kann der Film weiter gehen. So etwas entscheidet sich nicht zu Hause am Schreibtisch. Daf\u00fcr war es extrem wichtig, dorthin zu fliegen und auf die Menschen zu treffen. Die Energie der Menschen hat uns dann Mut gemacht. Und Mut gemacht hat auch die Tatsache, dass Aino Laberenz, Christoph Schlingensiefs Frau weitergemacht hat, und der Architekt, Francis K\u00e9r\u00e9, auch nicht aufgegeben hat.<\/p>\n<p><strong>WDR.de:<\/strong> Am Ende des Films sieht man, dass das Operndorf inzwischen ein sehr lebendiger Ort ist. Wie haben Sie selbst den Ort erlebt, als Sie zuletzt dort waren?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Das war ein besonderer, aber auch ambivalenter Moment. Da war viel Freude, da war aber nat\u00fcrlich viel Traurigkeit, weil man immer daran gedacht hat, dass Christoph Schlingensief nicht dabei sein kann. Man hat sich das Leben im Operndorf ja immer mit Christoph vorgestellt \u2013 und nicht ohne ihn. Ich habe dann aber auch daran zur\u00fcckgedacht, wie der Ort aussah, als er ihn gefunden hatte. Zwischen der Ortsfindung und der Schuler\u00f6ffnung liegen ja mehr als zwei Jahre. Vor Jahren war alles nur reine Vorstellung, jetzt lebt das \u2013 und ein St\u00fcck von Christoph lebt dort auch weiter.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Nina Giaramita.<br \/>\nQuelle: WDR.DE vom 07.06.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein afrikanisches Bayreuth &#8211; davon hat der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief zu Lebzeiten getr\u00e4umt. 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