{"id":690,"date":"2012-06-06T02:15:03","date_gmt":"2012-06-06T00:15:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=687"},"modified":"2012-06-06T02:15:03","modified_gmt":"2012-06-06T00:15:03","slug":"feuer-im-herzen-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=690","title":{"rendered":"FEUER IM HERZEN (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sibylle Dahrendorfs Film \u201eKnistern der Zeit\u201c begleitet Christoph Schlingensief in sein afrikanisches Operndorf. <\/strong><\/p>\n<p>Den Tod kann man nicht besiegen. Aber was sonst hat Christoph Schlingensief getan? Er schrieb, er inszenierte, er machte Pl\u00e4ne, er unternahm nach seiner Krebsoperation Reisen, die selbst einen kerngesunden Menschen auf eine harte Probe gestellt h\u00e4tten. Schlingensief hat dem Tod nichts geschenkt, denn er lie\u00df nicht zu, dass der Tod ihm noch vor der viel zu kurz bemessenen Zeit das Leben nahm. Dass der Tod sich allzu viel herausnahm, als er noch lebte und k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Im Februar 2010 legt er in Burkina Faso den Grundstein f\u00fcr sein gr\u00f6\u00dftes, sein letztes Projekt. Das Gel\u00e4nde liegt 30 Kilometer \u00f6stlich von Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Staats.<\/p>\n<p>Sibylle Dahrendorf ist dabei. Die Filmemacherin begleitet Schlingensief seit vielen Jahren, sie hat den K\u00fcnstler f\u00fcrs Fernsehen portr\u00e4tiert. Aber das hier ist etwas anderes, eine Elegie, wenn auch nicht allzu getragen; es w\u00e4re auch nicht in seinem Sinne gewesen.<\/p>\n<p>Dahrendorfs Kinofilm \u201eKnistern der Zeit \u2013 Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso\u201c unternimmt den Versuch, die Aufbruchsstimmung einzufangen, die Euphorie und auch die Skepsis, die Schlingensief mit der OperndorfIdee ausl\u00f6ste. Es ist also erst einmal ein Film \u00fcber eine Idee, etwas, das nur in einem Kopf existiert, der andere K\u00f6pfe damit infiziert; etwas, das man nicht sehen kann, daf\u00fcr aber umso kr\u00e4ftiger imaginiert. Oder infrage stellt. Aber das spielt keine Rolle. Jede Debatte befeuert. Das Operndorf hatte von Anfang an einen starken Wachstumsdrang in sich, wie ein soziales Netzwerk, eine \u201esoziale Plastik\u201c im Beuys\u2019schen Sinn. Es w\u00e4chst, w\u00e4hrend sein Erfinder dem Tod ins Auge sieht.<\/p>\n<p><strong>Wie ein flammender Ritter<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit muss also zur\u00fcckgedreht werden. Zur\u00fcck in die Wochen, Monate, Jahre, als Schlingensief in Afrika nach einem Bauplatz suchte. Als Hoffnung bestand, dass er die Krankheit vielleicht doch besiegen oder weiter zur\u00fcckdr\u00e4ngen k\u00f6nnte. Man erlebt hier ausschlie\u00dflich Christoph, den Afrikaner; nichts von seinen fr\u00fcheren Arbeiten, nichts von Bayreuth. \u201eKnistern der Zeit\u201c will keine Filmbiografie sein. Wer diesen Film sieht, ohne Schlingensiefs Regiearbeiten zu kennen, dem geht es \u00e4hnlich wie den Afrikanern, denen er hier mit diesem Irrsinnsding eines Operndorfs, einer Siedlung mit Schule, Krankenstation, G\u00e4steh\u00e4usern und Festspielhaus entgegentritt wie ein flammender Ritter. Die Zeit springt zur\u00fcck in die Phase, da noch kein Stein vermauert, kein Euro eingesammelt war.<\/p>\n<p>Und das ist, wenn auch nicht \u00fcber die gesamten 106 Minuten, fein eingefangen. Wie Christoph Schlingensief seine Ideen verspr\u00fcht, Menschen begeistert, unbeirrt und unaufhaltsam vorprescht. Seine unbedarfte Art, mit afrikanischen Politikern zu sprechen. Sein geistiges Zupacken, seine Zuversicht, die man mit Naivit\u00e4t oder, was die Krankheit angeht, mit Verdr\u00e4ngung verwechseln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In der flirrenden Hitze von Burkina Faso l\u00e4uft man einem fiebrigen Animateur hinterher. Kaum dass Kamera und Mikrofon seine Gedankenspr\u00fcnge nachzuvollziehen in der Lage sind. Francis K\u00e9r\u00e9, der Architekt aus Burkina Faso, Schlingensiefs wichtigster Partner, sagt einmal, in einem schwachen Moment, sinngem\u00e4\u00df: Da haben wir den Salat. Jetzt m\u00fcssen wir\u2019s bauen.Und dann sein herrliches, optimistisches Lachen. Dahrendorf besucht den alten K\u00e9r\u00e9, einen H\u00e4uptling, in einem anderen Teil des Landes. Papa K\u00e9r\u00e9 hat Tr\u00e4nen in den Augen, denn er vermisst Christoph. Da sp\u00fcrt man: Schlingensief ist in Afrika angekommen, auch \u00fcber seinen Tod hinaus. Und pl\u00f6tzlich stehen da H\u00e4user, das Dorf nimmt Gestalt an. Christoph Schlingensief stirbt, 49-j\u00e4hrig, im August 2010. Vierzehn Monate sp\u00e4ter, im Oktober 2011, er\u00f6ffnet an dem Ort, der nichts als eine Fata Morgana, ein Hirngespinst gewesen war, die Schule. Die Kinder kommen aus der Umgebung, versammeln sich in der elegant-einfachen Architektur, die K\u00e9r\u00e9 entworfen hat. Es passt.<\/p>\n<p><strong>Der Sterbende ist zu nah \u2013 und dann wieder zu weit weg<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur die Zeit knistert, wenn Schlingensief den Raum betritt, es knistert auch auf der Baustelle, es bleibt eine schwierige, riskante Unternehmung. Schlingensiefs Frau (niemand sagt Witwe), Aino Laberenz, f\u00fchrt sie mit unfasslicher Liebe, Kraft und Geduld weiter.<\/p>\n<p>Der Film geht irgendwann zu sehr in die L\u00e4nge, dreht sich im Kreis. Er hat nichts Neues mehr zu erz\u00e4hlen, die \u00e4lteren Geschichten, die Volksb\u00fchne usw., stehen hier nicht zur Debatte. Etwas Theaterarbeit gibt es doch, Ausschnitte aus den Proben zu \u201eVia Intolleranza\u201c, Schlingensiefs letzter Inszenierung. Zum Br\u00fcllen komisch, wie er einem afrikanischen Rapper beibringen will, die W\u00f6rter klarer zu betonen. Da sp\u00fcrt man die kulturelle Differenz, die Hierarchie, die hier herrscht, wie in jeder k\u00fcnstlerischen Produktion.<\/p>\n<p>Das Musiktheater \u201eVia Intolleranza\u201c war f\u00fcr die Zuschauer hierzulande eine Geduldsprobe. Und ein wenig erlebt man das auch so in diesem bewegenden Film. Der sterbende K\u00fcnstler ist zu nah \u2013 und dann wieder zu weit weg. Sibylle Dahrendorf, und da geht es ihr wie vielen, will einfach nicht, dass es zu Ende ist. Der Film bleibt in Afrika, er geht nicht nach Deutschland, k\u00fcmmert sich nicht um einen Kulturbetrieb, in dem Christoph Schlingensief heftig vermisst wird.<\/p>\n<p>Bald j\u00e4hrt sich sein Todestag zum zweiten Mal, was man auch nicht glauben mag. Denn dieses Knistern hat nie ganz aufgeh\u00f6rt. Wunderbare Helfer reisen nach wie vor nach Burkina Faso, um das Operndorf voranzubringen. Es ist schrecklich hei\u00df dort, die Reise beschwerlich. Die Mitglieder des Beirats nehmen das auf sich. Man muss Schlingensief nicht zur heiligen Figur verkl\u00e4ren \u2013 aber seine Aura wirkt fort. Sie ist nicht mit ihm gestorben. Nach dem Sommer soll nun bei Kiepenheuer &#038; Witsch seine Autobiografie erscheinen. Aino Laberenz bearbeitet das Material, den schriftlichen Nachlass. Und Anfang 2013 soll eine Schlingensief-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken eingerichtet werden. Keine Retrospektive, aber etwas Umfassendes, wie man h\u00f6rt.<\/p>\n<p>So kann man dieses \u201eKnistern der Zeit\u201c beschreiben: Es ist das Gef\u00fchl, das einen nie mehr verl\u00e4sst, wenn man einmal mit einer K\u00fcnstlernaturgewalt in Ber\u00fchrung gekommen ist. Es hat etwas mit Elektrizit\u00e4t zu tun. Es kommt von der Spannung, wenn ein Mensch seine Lebensspanne derart aufl\u00e4dt wie Christoph Schlingensief, der bis nach Afrika l\u00e4uft, um den Tod abzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ab Donnerstag im Babylon Kreuzberg, Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche H\u00f6fe.<\/p>\n<p><em>Quelle: Der Tagesspiegel vom 06.06.2012<br \/>\nVon R\u00fcdiger Schaper<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sibylle Dahrendorfs Film \u201eKnistern der Zeit\u201c begleitet Christoph Schlingensief in sein afrikanisches Operndorf. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/690"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=690"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/690\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=690"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}