{"id":69,"date":"2006-01-14T14:46:50","date_gmt":"2006-01-14T12:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=69"},"modified":"2006-01-14T14:46:50","modified_gmt":"2006-01-14T12:46:50","slug":"exzessiver-seelenschreiber-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=69","title":{"rendered":"Exzessiver Seelenschreiber (Die Presse)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie kam es zu &#8222;Area 7&#8220; &#8211; und was ist ein Animatograph?  \u00dcber Ziele, Perspektiven, m\u00f6gliche Wurzeln von &#8222;Area 7&#8220;. <\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Barbara Petsch <\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nAlles begann Anfang 2004, am gr\u00fcnen H\u00fcgel, als Christoph Schlingensief sich im Auftrag von Wolfgang Wagner auf den &#8222;Parsifal&#8220; st\u00fcrzte. So einem Stoff entkommt ein K\u00fcnstler nun einmal nicht so leicht. Im November darauf zeigte sich das bei &#8222;Kunst und Gem\u00fcse, A. Hipler&#8220; an der Berliner Volksb\u00fchne. Und im Mai 2005, als man mit dem spitzb\u00fcbischen Maniac zu seinem j\u00fcngsten Exzess, dem &#8222;Animatographen&#8220;, in einen Reykjaviker Keller hinabstieg, stie\u00df man immer noch auf Bayreuth. Schlingensief ist mit Wagner eben noch nicht fertig. Dagegen hatte Bachs &#8222;Matth\u00e4us-Passion&#8220; &#8211; mit der sich der Berufsprovokateur eigentlich f\u00fcrs Burgtheater besch\u00e4ftigen wollte &#8211; anscheinend keine Chance mehr.<\/p>\n<p>Nach Island vergangenen Mai, dem ehemaligen DDR-Milit\u00e4rflughafen in Neuhardenberg (&#8222;Odins Parsipark&#8220;) im September und der jetzt f\u00fcr Wien titelgebenden Containersiedlung &#8222;Area 7&#8220; in Namibia, wo Schlingensief im Oktober den Film &#8222;African Twin Towers&#8220; drehte, ist das Burgtheater jetzt die vierte Station des &#8222;Animatographen&#8220;. Dabei handelt es sich um eine stetig anwachsende, begehbare Installation samt mobiler Drehb\u00fchne, in der Theater, Oper, Film und Aktionismus zum superlativen Schlingensief-Abenteuerpark verschmolzen sind. Als &#8222;Aktionistische Fotoplatte&#8220;, &#8222;Seelenschreiber&#8220; oder &#8222;\u00fcberlebensgro\u00dfes Portr\u00e4t der Allt\u00e4glichkeit&#8220; beschreibt der Regisseur seine Materialschlacht selbst. Zitiert wird hier vom interkulturellen Neo-Mythenforscher so ungef\u00e4hr alles und viel mehr, was man sich im positiven wie negativen von der nordischen bis zur afrikanischen Tradition unter Geistern, G\u00f6ttern, Helden vorzustellen vermag. <\/p>\n<p>Die Idee zum &#8222;Animatographen&#8220; hat Schlingensief sich \u00fcbrigens vom britischen Filmproduzenten Robert W. Paul geliehen, der unter diesem Namen Ende des 19. Jahrhunderts einen Apparat pr\u00e4sentierte, mit dem bewegliche Fotos auf die B\u00fchne projiziert werden konnten. So sollte das Theater durch den Film reformiert werden.<\/p>\n<p>Genie oder Scharlatan? F\u00fcr konservative Theaterbesucher ist das keine Frage bei Christoph Schlingensief: Wenn \u00fcberhaupt Genie, dann eines in Eigen-Vermarktung, meinen sie. Freunde des Aktionsk\u00fcnstlers haben ab kommender Woche Gelegenheit, nach &#8222;Atta Atta&#8220; und Jelineks &#8222;Bambiland&#8220; eine weitere Schlingensief-Kreation im Haus am Ring zu besichtigen: Aus einer Bearbeitung von Bachs &#8222;Matth\u00e4us Passion&#8220; im Gefolge des Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220; wurde &#8222;Area 7, Matth\u00e4us-Expedition&#8220;, auch eine Art Leidensgeschichte als begehbare Aktions-Installation. &#8222;Area 7&#8220; ist ein Slum in Namibia, Schlingensief drehte dort im Oktober 2005 seinen Spielfilm &#8222;African Twin Towers&#8220;. <\/p>\n<p>Im J\u00e4nner sind sechs Auff\u00fchrungen. Das Projekt ist aufwendig, ein Work in Progress, das sich auf Kunst-Verwandte Schlingensiefs bezieht wie Dieter Roth, Joseph Beuys oder Elfriede Jelinek. Sie hat einen Text f\u00fcr die Auff\u00fchrung geschrieben, und liest ihn auf Video; Jelineks Text-Fl\u00e4chen, wie es sie auch in der Musik heute gibt, passen gut zu Schlingensief. US-Rocks\u00e4ngerin Patti Smith tritt pers\u00f6nlich auf, auch beim Info-Abend. <\/p>\n<p>&#8222;Ich will das Leben \u00fcberzeugen, dass es zum gro\u00dfen Teil inszeniert ist, und das Theater, dass es ohne das Leben \u00fcberhaupt nicht auskommt.&#8220; Typisch griffiger Schlingensief-Sager &#8211; und zutreffend, aus vielen Gr\u00fcnden: Simulation, Virtualit\u00e4t, Realit\u00e4t sind eins geworden. &#8222;Wie in einer Blackbox wird die Welt aufgesogen, das Hirn als Archiv und die Kamera als Auge&#8220;, hei\u00dft es im Ank\u00fcndigungstext. Schlingensiefs Welten sind Reise-Erinnerungen zwischen Oberhausen, wo er geboren ist, Berlin, Afrika, Brasilien. Es sind Welt- und innere Reisen in der Art von Chris Markers Film &#8222;Sans Soleil&#8220;, wobei der Zugriff ebenso opulent wie zeitkritisch ist. Schlingensief freilich mischt der Wirklichkeit Fiktion und Fantasy bei. <\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t bietet Fundst\u00fccke, ist Material, das nach den Ideen der Konzeptkunst bearbeitet, auch brachial ver\u00e4ndert wird. In Schlingensiefs Kreationen leben aber auch alte Modelle weiter, etwa jenes des barocken Welttheaters (Vom Himmel durch die Welt zur H\u00f6lle) wie es heute noch in Hofmannsthals &#8222;Jedermann&#8220; in Salzburg erscheint oder in den ebenfalls h\u00f6chst beliebten Passionsspielen. Die pr\u00e4zis kalkulierte Wirkung soll sakral, mythisch, aber auch politisch sein. Der ehemalige Ministrant Schlingensief verbindet missionarisch-religi\u00f6se Emphase mit Agitprop wie etwa in provokanten Slogans (&#8222;T\u00f6tet Kohl!&#8220;) oder in seinen Container-Aktionen, die auch in Wien Aufsehen erregten. Die Idee ist, dem Theater &#8222;Blut&#8220; zur\u00fcckzugeben, welches vor allem ein j\u00fcngeres Publikum in alten Texten aus fernen Zeiten vermisst. Erstaunlich ist immerhin, wie viel Sinnlichkeit Schlingensiefs Medien-Welttheater vermittelt, das, fl\u00fcchtig und assoziativ wie Gedanken von einem Ort zum anderen eilt. <\/p>\n<p>So alt wie das Theater selbst ist die f\u00fcr Schlingensief typische Sehnsucht, den Raum zu sprengen. Bei den Griechen durfte sich das Drama, wenn auch streng formalisiert, hinter Masken verborgen, unter freiem Himmel ereignen. Seit die B\u00fchnenkunst in H\u00e4user gezw\u00e4ngt wurde, holt sie sich die Natur, oft mit gro\u00dfem Aufwand (Karl-Ernst Herrmann) in diese, erweitert die Guckk\u00e4sten durch Podien. Das Theater flieht aber auch gern aus den Repr\u00e4sentationsbauten, zur\u00fcck an die frische Luft (im Sommer), noch lieber aber in Hallen, Fabriken (Peter Steins &#8222;Faust&#8220;-Inszenierung fand in Wien im Meidlinger Kabelwerk statt). <\/p>\n<p>Im Burgtheater soll nun der Hallen-, Baustellen-Charakter, das Provisorische der Welt nachgestellt werden: Konvention kreuzt Revolte, eine Quadratur des Kreises, die die Burg-Maschinerie schon bei Nitsch zum St\u00f6hnen brachte. Wird auch das Publikum schwitzen? Hoffentlich, aber wenn nicht, macht es auch nichts. Der Weg ist das Ziel. Auch in der Kunst. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kam es zu &#8222;Area 7&#8220; &#8211; und was ist ein Animatograph?  \u00dcber Ziele, Perspektiven, m\u00f6gliche Wurzeln von &#8222;Area 7&#8220;.  <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=69"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=69"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=69"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=69"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}