{"id":685,"date":"2012-06-08T02:04:34","date_gmt":"2012-06-08T00:04:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=685"},"modified":"2012-06-08T02:04:34","modified_gmt":"2012-06-08T00:04:34","slug":"regisseurin-schlingensiefs-idee-vom-operndorf-war-ein-traum-dradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=685","title":{"rendered":"REGISSEURIN: SCHLINGENSIEFS IDEE VOM OPERNDORF WAR EIN TRAUM (DRADIO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief wollte mit einem Operndorf in Afrika eine kulturelle Begegnungsst\u00e4tte schaffen. In ihrem Film erz\u00e4hlt Sibylle Dahrendorf nun die Geschichte des Projekts &#8211; und wie die Menschen in Burkina Faso darauf reagiert haben.<\/strong><\/p>\n<div style=\"padding-top:20px;padding-bottom:25px;\"><object type='application\/x-shockwave-flash' data='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/2012-06-05_drk_20120605_1411_e5c7fc15.mp3&amp;autostart=1' width='450' height='20'><param name='movie' value='..\/mediathek\/dewplayer.swf?mp3=2012-06-05_drk_20120605_1411_e5c7fc15.mp3&amp;autostart=1' \/><\/object><\/div>\n<p><strong>Klaus Pokatzky:<\/strong> Hier werde ich 80, sagt Christoph Schlingensief in dem Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220; von Sibylle Dahrendorf. Und er sagt das auf dem platten Land nicht weit von Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso, da, wo sein Operndorf entstehen soll. Er wurde dann nur 49 Jahre alt und ist wenige Monate nach der feierlichen Grundsteinlegung im August 2010 gestorben. Von 2009 bis 2011 hat Sibylle Dahrendorf in Burkina Faso ihren biografischen Film \u00fcber Christoph Schlingensief gedreht. Tobias Wenzel \u00fcber &#8222;Knistern der Zeit&#8220;.<\/p>\n<p>Tobias Wenzel \u00fcber den Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220; von Sibylle Dahrendorf, die ich nun im Studio begr\u00fc\u00dfen darf. Herzlich Willkommen!<\/p>\n<p><strong>Sibylle Dahrendorf:<\/strong> Danke, dass ich da sein darf!<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Frau Dahrendorf, wer oder was knistert denn bei dieser Vision von Christoph Schlingensief?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Da knistert vieles, und das finde ich auch immer schwer, in der K\u00fcrze zusammenzufassen. Um beim Operndorf zu bleiben und bei den Erfahrungen, die wir mit ihm in Burkina Faso gemacht haben, hat das ganze Projekt geknistert, die Zeit hat geknistert, und das Land hat geknistert, die T\u00f6ne haben geknistert, die Bilder haben geknistert, und allen voran Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Gleich zu Beginn wird ja ganz deutlich gesagt, auf welches Wagnis er sich da eingelassen hat: kein Wasser, kein Strom, kein Internet, also fast das blanke Nichts. Woher hat Christoph Schlingensief diese unglaubliche Zuversicht genommen, dass das alles trotzdem schon wird?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich glaube, dass das was damit zu tun hat &#8230; oder ich kann ja nur dar\u00fcber sprechen, was ich sehe oder an was ich mich wie erinnere. Ich kann schwer \u00fcber die Intentionen von ihm sprechen, aber wie ich das erlebt habe, war das ein derartiges Projekt zu schaffen dort, wo gar nichts ist, also wo man sich erst mal etwas vorstellen muss. Also aus der reinen Vorstellungskraft her etwas herauszuspinnen im guten Sinne, Fantasiefreude an den Tag zu legen, das zu koppeln mit einer unglaublichen Energie, um etwas zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Haben ihn die Menschen in Ouagadougou denn auch f\u00fcr so einen Spinner gehalten, oder war er gleich so der sympathische Vision\u00e4r, der ihnen Arbeit beschafft und sp\u00e4ter dann auch noch eine Schule f\u00fcr die Kinder?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich glaube nicht, dass Christoph Schlingensief als Spinner betrachtet wurde in Burkina Faso, ganz im Gegenteil, sondern ich glaube, dass das was damit zu tun hat, was ich eben meinte, dass jemand da ist mit einer Energie, mit einer Idee, meinetwegen kann man diese Idee auch als Vision oder als Traum bezeichnen, dadurch aber etwas anzusprechen, n\u00e4mlich wiederum auf Energie zu treffen, und das erzeugt neue Energie.<\/p>\n<p>Und die Menschen in Burkina Faso, die &#8211; zumindest die, die ich kennengelernt habe, die ja auch Teil des Filmes sind, sind ja viele Menschen auch integriert in den Film, die um das Operndorf herum leben, oder die den Weg mit f\u00fcr das Operndorf geebnet haben in Burkina Faso &#8211; die haben alle sehr freundschaftlich, kollegial und enthusiastisch auf die Idee des Operndorfes reagiert.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Aber es gab vielleicht doch mal Phasen, wo das Ganze zu platzen drohte, weil Schlingensiefs Krankheit &#8211; sein D\u00e4mon, wie er das ja immer genannt hat &#8211; wieder einmal dazwischen kam oder es andere Probleme gab, die drohten, einen Strich durch die Rechnung zu machen?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich glaube nicht, dass das Ding drohte zu platzen. Ich glaube, um auf das Knistern und auf die Zeit zu kommen, dass das Thema Zeit das Problem war. Und wenn ich mich selber befrage oder wir uns selber befragen, was wir tun w\u00fcrden, wenn wir merken w\u00fcrden, uns l\u00e4uft die Zeit davon, dann ist es verst\u00e4ndlich, dass man mit Ungeduld reagiert.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Wie sehr nahe war denn die Krankheit, der Krebs, also der m\u00f6gliche nahe Tod von Christoph Schlingensief, immer anwesend bei diesem Projekt &#8211; dem Operndorf &#8211; und Ihrem Projekt &#8211; dem Film? Er hat ja unentwegt Anspielungen darauf gemacht, in fast jeder Rede. Hatten Sie selber da auch nicht dauernd Angst, es k\u00f6nnte bald soweit sein, oder haben Sie an das Wunder glauben wollen, bei all der Vitalit\u00e4t, die er dann ja auch wieder ausgestrahlt hat?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ja, das ist sehr komplex. Ich habe am Anfang nat\u00fcrlich gedacht, eine Geschichte erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, um mit den Worten von Christoph da jetzt vielleicht kurz zu reden oder sie zu zitieren, eine Geschichte, die erz\u00e4hlt, dass Kunst heilen kann, so wie er das damals bei der Rede seiner Grundsteinlegung sagte.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Hier werde ich 80.<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ja, das ist nicht die Rede, das ist bei der Ortssuche, weil er sagt &#8230;<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Aber das hat er gesagt: Hier werde ich 80.<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> &#8230; Hier werde ich 80 &#8211; genau, das war die Vision, die er hatte. Oder vielleicht muss man die Vision auch haben, wenn man krank ist, weil man ja \u00fcberleben m\u00f6chte. Und bei der Rede eben zur Grundsteinlegung fielen S\u00e4tze wie: Kunst ist Balsam f\u00fcr die Seele. Kunst kann heilen. Und das war nat\u00fcrlich auch meine oder unsere Vision oder unser Traum vom Filmteam, diese Geschichte zu erz\u00e4hlen, das hei\u00dft, den Gedanken der Sterblichkeit oder dass Christoph sterben k\u00f6nnte, w\u00e4hrend dieses Projekt entsteht, den habe ich zumindest verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Den wollte ich in der Arbeit nicht haben, weil ich glaube, dass man das selber nicht aushalten kann, wenn man permanent daran denkt, dass es morgen zu Ende sein k\u00f6nnte, und das erzeugt auch keine positive Energie, sondern die positive Energie, die Christoph einem ja auch vorlegte, war die, dass er etwas schaffen wollte dort mit den Menschen, und wir wollten mit dem Film das einfangen. Und alles andere an Gedanken, dass das morgen vorbei sein k\u00f6nnte, das habe ich mir verboten.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Sibylle Dahrendorf ist zu Gast beim Deutschlandradio Kultur, die den Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220; \u00fcber das afrikanische Operndorf von Christoph Schlingensief gedreht hat. Positive Energie, es gibt auch manchmal Aufnahmen, da kommt doch eher negative Energie raus. Es gibt da so eine Stelle, da scheint die Luft wirklich raus zu sein, da ist dieser fantasievolle, tolerante Menschenfreund auf einmal ein leidender Schlingensief und wird zum Antreiber aller ohne jede Geduld. Dieses Schei\u00df-Afrika, ruft er da und will mit dem Taxi nach Europa zur\u00fcckfahren. Wie haben Sie diese Situation erlebt?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Na ja, das ist ja auch eine Szene, die sozusagen auch in einem Kunstraum, n\u00e4mlich im Theater entstanden ist. Das ist ja eine Szene aus seinem letzten St\u00fcck, Via Intolleranza II, und dieses St\u00fcck diente ja auch dazu, sich selber zu befragen, was ist das da, was in Burkina Faso entsteht. Also das &#8230;<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Also war das alles nur gespielt?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Na ja, was hei\u00dft &#8211; das ist ja das, womit Christoph Schlingensief meiner Meinung nach gespielt hat, ist eben die Grenze zwischen Inszenierung und Realit\u00e4t, zwischen Traum und Wirklichkeit. Und nat\u00fcrlich hat er sein eigenes Projekt, was f\u00fcr meine Begriffe auch immer noch ein Kunstprojekt auch ist, nat\u00fcrlich auch im Theater wiederum befragt, obwohl es in der Realit\u00e4t schon Wirklichkeit wurde, und das ist ja dieses Spiel mit Grenzen, was er ja fr\u00fcher auch schon auf die Spitze getrieben hat.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Wie viel M\u00f6glichkeit hatte Christoph Schlingensief, dass er neben dem Projekt noch pers\u00f6nlichen Kontakt zu den Menschen in Burkina Faso bekommen hat? Da ist eine Szene im Film, ein alter Mann zu sehen, der sagt: Ich habe ja nur einen Tag lang Gespr\u00e4che mit Christoph Schlingensief f\u00fchren k\u00f6nnen, aber dabei ist mehr geredet worden, als ich zum Beispiel jemals mit meinem Vater sprechen konnte. Und nun fehlt ihm der Christoph, und er hofft, ihm bald im Paradies zu begegnen.<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Dieser \u00e4ltere Mann ist der Vater von Francis K\u00e9r\u00e9, dem Architekten des Operndorfes, der ja inzwischen auch verstorben ist, der Vater von Francis K\u00e9r\u00e9. Das hei\u00dft, dieser Satz erf\u00e4hrt nat\u00fcrlich jetzt eine doppelte Bedeutung: Wenn der Papa von Francis K\u00e9r\u00e9 zu uns damals sagte, wenn es ein Paradies gibt, dann glaube ich fest daran, dass ich Christoph dort wieder sehen werde, kann man sich jetzt vorstellen, was im Paradies passiert.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> Was passiert mit dem Operndorf? Wird es eine Vollendung geben, auch ohne den Motor Schlingensief, steht eines Tages das ganze Operndorf?<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Also, der Begriff der Vollendung, \u00fcber den m\u00fcsste man separat diskutieren, weil was hei\u00dft hier in dem Kontext des Projektes Operndorfsvollendung. Was klar ist, dass Aino Laberenz, Christoph Schlingensiefs Frau, das Projekt nach seinem Tod sehr respektvoll vorangetrieben hat, wiederum eine unglaubliche Energie in dieses Projekt legt oder auch gelegt hat und weiterlegen wird.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, die Schuler\u00f6ffnung hat im Oktober 2011 stattgefunden, das war das Ende unserer Dreharbeiten. Aino Laberenz ist weiterhin mit dem Architekten Francis K\u00e9r\u00e9 dabei, die Krankenstation zu bauen &#8211; da sind die Fundamente jetzt gegossen, wenn ich richtig informiert bin -, das wird sozusagen das Ende der Bauphase zwei dann sein. In diesem Jahr soll das Ziel sein, eben diese Krankenstation auch fertigzustellen, und dann kommt im n\u00e4chsten Jahr, wenn Sie so wollen, die Vollendung mit dem Theater.<\/p>\n<p><strong>Pokatzky:<\/strong> sagt Sibylle Dahrendorf, die den Film &#8222;Knistern der Zeit&#8220; \u00fcber Christoph Schlingensief und seinen Lebenstraum vom Operndorf in Westafrika gedreht hat. Der Film ist ab Donnerstag in unseren Kinos. Vielen Dank, Frau Dahrendorf!<\/p>\n<p><strong>Dahrendorf:<\/strong> Ich bedanke mich auch!<\/p>\n<p><em>Aus: Deutschlandradio Kultur Radiofeuilleton vom 05.06.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief wollte mit einem Operndorf in Afrika eine kulturelle Begegnungsst\u00e4tte schaffen. 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