{"id":684,"date":"2012-06-08T01:58:52","date_gmt":"2012-06-07T23:58:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=684"},"modified":"2012-06-08T01:58:52","modified_gmt":"2012-06-07T23:58:52","slug":"der-geist-ist-gegenwartig-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=684","title":{"rendered":"DER GEIST IST GEGENW\u00c4RTIG (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sibylle Dahrendorfs &#8222;Knistern der Zeit&#8220; begleitet Christoph Schlingensief und dessen Operndorfprojekt in Burkina Faso<\/strong><\/p>\n<p><em>VON KATRIN BETTINA M\u00dcLLER<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Ich bin jetzt gar nicht mehr zu sehen, was f\u00fcr ein Signal f\u00fcr die Zukunft.&#8220; So spricht Christoph Schlingensief in sein Handy, w\u00e4hrend er ausprobiert, wie er es den halten muss, um sich mit der integrierten Kamera richtig herum ins Bild zu setzen und nicht auf dem Kopf zu stehen. Er scherzt \u00fcber sein technisches Ungeschick und seinen voraussichtlich nicht mehr weit entfernten Tod. Lapidar, gut gelaunt, gerade unterwegs in einer fremden Stadt, auf der Suche nach einem Ort f\u00fcr sein Operndorfprojekt in Afrika. So beginnt &#8222;Knistern der Zeit&#8220;, ein Film von Sibylle Dahrendorf, die Schlingensief bei seinen Recherchen begleitet und sp\u00e4ter, nach seinem Tod im August 2010, die ersten Bauphasen mit ihrem Filmteam verfolgt hat, bis zur Er\u00f6ffnung der Schule im Oktober 2011.<\/p>\n<p>Dass Christoph Schlingensief sich selbst gerne mit dem Handy filmte, dass eine Kamera dabei sein sollte, als er mit dem Architekten Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 \u00fcber m\u00f6gliche Baupl\u00e4tze strich, und selbstverst\u00e4ndlich auch dann, als ein Vertrag mit der Regierung von Burkino Faso unterschrieben werden konnte, all das kommt dem Film ebenso zugute wie das Sammeln von Filmbildern von Schlingensief selbst. Er nutzte ja zum Beispiel Video-Dokumentationen von den Anf\u00e4ngen seines Operndorfs in Laongo f\u00fcr die Inszenierung von &#8222;Via Intolleranza II&#8220; auf der B\u00fchne. F\u00fcr dieses St\u00fcck hatte er K\u00fcnstler in Ouagadougou gecastet, etwa den Komiker Amado Komi, den Griot-S\u00e4nger Issouf Kienou oder den T\u00e4nzer Ahmed Soura. Bilder vom Casting waren Teile der B\u00fchnenauff\u00fchrung, von ihm selbst und den Darstellern mit Kommentaren gerahmt.<\/p>\n<p><strong>Lebendige Verdichtung<\/strong><\/p>\n<p>Vieles davon taucht auch im Film von Sibylle Dahrendorf wieder auf, manchmal deutlich erkennbar als Teil einer Auff\u00fchrung, manchmal auch als unmittelbares Dokument. Das tr\u00e4gt auf der einen Seite zur lebendigen Verdichtung bei und transportiert viel von der Arbeit an der Verwirklichung eines Ideals, die Kunst m\u00f6ge im Leben aufgehen. Auf der anderen Seite verwehren einem die nahtlosen \u00dcberg\u00e4nge zwischen der Arbeit von Schlingensief und der der Filmemacherin die M\u00f6glichkeit, aus der Distanz auf das Projekt zu schauen. Man ist als Zuschauer immer nah dran und wird involviert in die emotionalen H\u00f6hen und Tiefen des Regisseurs.<\/p>\n<p>Christoph &#8222;Singlefinger&#8220;, so nennen ihn die Leute in Burkina Faso, die seinen deutschen Namen nicht aussprechen k\u00f6nnen. Einmal begleitet der Ruf &#8222;die Wei\u00dfen kommen&#8220; eine der vielen Fahrten auf der Suche nach dem Bauplatz. Die Landschaft schlie\u00dflich spielt eine gro\u00dfe Rolle, das Leuchten der roten Erde zwischen B\u00fcschen, niedrigen B\u00e4umen und Felsen, und die Weite, die jedes menschliche Bem\u00fchen immer wieder so ameisenhaft klein erscheinen l\u00e4sst. Wie einen das ergreifen kann, der Film l\u00e4sst es ahnen, ohne es auszuspielen. Einmal kommt die Dunkelheit, w\u00e4hrend Schlingensief und K\u00e9r\u00e9 irgendwo in der Savanne stehen und versuchen, die Pl\u00e4ne im Kopf in eine konkrete Situation zu \u00fcbersetzen, und mit der Dunkelheit kommt die Stille. Solche Momente tun dem Film sehr gut.<\/p>\n<p>Denn so oft Christoph Schlingensief von seinem Projekt redet, von dem Dorf, das organisch entstehen soll, mit einer Schule und einem Krankenhaus zuerst, G\u00e4steh\u00e4usern, einer Filmschule und dem Theater dann, so h\u00f6rt man, gerade da, wo er euphorisch wird, auch den unausgesprochenen Zweifel mitschwingen, die Notwendigkeit, sich selbst zu \u00fcberzeugen, dass all das, gegen alle Unw\u00e4gbarkeiten, Wirklichkeit werden kann. Das Unw\u00e4gbare, das Nichteinsch\u00e4tzbare, das deutet der Film nur an. Man sieht zum Beispiel Frauen mit Kindern, die Getreide f\u00fcr ihre Nahrung stampfen und Bastmatten f\u00fcr ihre H\u00fctten flechten, und gro\u00dfe Hoffnung auf die Schule setzen, f\u00fcr ihre Kinder. Aber wovon sie selbst in naher Zukunft leben werden, wissen sie nicht. Ob das Operndorf ihnen Arbeit geben wird? In solchen Augenblicken wird einem ziemlich bange, ob die Hoffnungen, die das Projekt erweckt, denn auch eingel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gibt auch den Moment des ausgesprochenen Zweifels, eine Arbeitsbesprechung, in der Schlingensief, nun Bauherr geworden, am Arbeitsrhythmus seiner afrikanischen Partner zweifelt: Dass alle immer voll aktiv sind, wenn er oder der deutsche Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler zu Besuch sind, in Phasen seiner Abwesenheit aber gar nichts vorangeht. Der Architekt K\u00e9r\u00e9 versucht ihn zu beschwichtigen; wenn die Zeit der Ernte komme, habe das f\u00fcr die Arbeiter Vorrang. Dann wieder sieht man die ersten Bungalows und die Mauern der Schule hochwachsen, alles in Handarbeit, Lehmziegel auf Lehmziegel, und das macht einen als Betrachter gl\u00fccklich. Mit den ersten Unterrichtsstunden in der Schule endet der Film.<\/p>\n<p>Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 ist nicht nur der Architekt des Dorfes, er ist auch der Vermittler zwischen Schlingensief und dem Land Burkina Faso. Im Film erz\u00e4hlt er seine Geschichte, ganz knapp. Sein Vater, ein Dorfchef, schickte ihn in die n\u00e4chste Stadt zu Schule, um lesen und schreiben zu lernen, damit er ihm beim Schriftverkehr hilft. Sein Dorf selbst hatte keine Schule, erst K\u00e9r\u00e9 hat dort eine gebaut, viele Jahre sp\u00e4ter, nachdem er Architekt geworden war. Man sieht, dass die Verantwortung, die Schlingensief ihm mit dem Operndorf angetragen hat, schwer auf ihm lastet und weit \u00fcber die Aufgaben eines Architekten hinausgeht.<\/p>\n<p><strong>Hang zur Verehrung<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Christoph n&#8217;est pas mort&#8220;, singt am Anfang Issouf Kienou, der bei &#8222;Via Intolleranza II&#8220; dabei war, und auch andere der Afrikaner reden von seinem Geist, der gegenw\u00e4rtig ist. Das hat nat\u00fcrlich etwas Ber\u00fchrendes und Tr\u00f6stendes vor allem f\u00fcr die, die jetzt ohne ihn das Projekt am Leben erhalten m\u00fcssen, wie seine junge Frau Aino Laberenz. Und doch wird daraus, auf Leinw\u00e4nden in deutschen Kinos und Theatern ausgestrahlt, auch ein Moment von befremdlicher Verehrung und \u00dcberh\u00f6hung.<\/p>\n<p>&#8222;Knistern der Zeit &#8211; Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso&#8220;. Regie: Sibylle Dahrendorf. Dokumentarfilm, Deutschland 2012, 106 Min.<\/p>\n<p>Man sieht, wie die Mauern der Schule hochwachsen, alles in Handarbeit, Lehmziegel auf Lehmziegel.<\/p>\n<p><em>Aus: Die Tageszeitung vom 07.06.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sibylle Dahrendorfs &#8222;Knistern der Zeit&#8220; begleitet Christoph Schlingensief und dessen Operndorfprojekt in Burkina Faso<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/684"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=684"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/684\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}