{"id":680,"date":"2012-05-25T13:39:37","date_gmt":"2012-05-25T11:39:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=679"},"modified":"2012-05-25T13:39:37","modified_gmt":"2012-05-25T11:39:37","slug":"weit-und-breit-keine-oper-fas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=680","title":{"rendered":"WEIT UND BREIT KEINE OPER (F.A.S.)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fast alle Bilder, die wir von Afrika kennen, haben wir gemacht. Das wollte Christoph Schlingensief \u00e4ndern. Deshalb entsteht dort ein Dorf und bald auch ein Festspielhaus.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Johanna Adorj\u00e1n<\/em><\/p>\n<p>Burkina Faso ist eins der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Es liegt in Westafrika, n\u00f6rdlich von Ghana oder der Elfenbeink\u00fcste, die Lebenserwartung liegt f\u00fcr M\u00e4nner bei 52, f\u00fcr Frauen bei 56 Jahren, fast drei Viertel der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnen nicht lesen und schreiben. Das Ausw\u00e4rtige Amt r\u00e4t derzeit bei Reisen in dieses Land zu erh\u00f6hter Vorsicht, da das Entf\u00fchrungsrisiko f\u00fcr Ausl\u00e4nder im an Mali grenzenden Norden gestiegen sei &#8211; die Hauptstadt, Ouagadougou, galt bisher als ziemlich sicher, sie scheint es aber nicht l\u00e4nger zu sein, doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Dass Christoph Schlingensief ausgerechnet hier ein \u201eOperndorf\u201c geplant hat, klingt zun\u00e4chst absurd. Die Burkinab\u00e9, wie man die Bewohner nennt, ben\u00f6tigen sicher vieles dringender als Opern oder ein Festspielhaus, muss denken, wer nichts weiter \u00fcber das Projekt wei\u00df.<\/p>\n<p><strong>Ein Extralehrer f\u00fcr Kunst<\/strong><\/p>\n<p>Am vergangenen Wochenende war Horst K\u00f6hler, vorletzter Bundespr\u00e4sident a. D., vor Ort, um sich zum ersten Mal pers\u00f6nlich ein Bild von dem Projekt zu machen, dessen Schirmherr er ist. Schlingensiefs Frau Aino Laberenz, die mit ihren 31 Jahren viel zu jung daf\u00fcr wirkt, Witwe genannt zu werden, ist aus Berlin angereist. Zusammen mit dem Architekten des Projekts Francis K\u00e9r\u00e9, der aus Burkina Faso kommt, aber die H\u00e4lfte des Jahres in Deutschland lebt, wird sie K\u00f6hler durch das Operndorf f\u00fchren, das sich noch im Bau befindet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/Adorjan__Johanna_2215603040.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\" Foto: Johanna Adorjan\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Es ist ein hei\u00dfer Tag, vierzig Grad im Schatten, und K\u00f6hler und seine Entourage lassen auf sich warten. Zeit f\u00fcr erste Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Das Operndorf befindet sich vierzig Autominuten nord\u00f6stlich von Ouagadougou, mitten auf dem Land. Ein Schild weist den Weg zum \u201eVillage Op\u00e9ra\u201c (die offizielle Landessprache ist Franz\u00f6sisch), \u00fcber einen unbefestigten Weg erreicht man eine Ansammlung von roten H\u00e4usern, gebaut aus mit Zement angemischtem Lehm. Das gr\u00f6\u00dfte Geb\u00e4ude, ein langgezogener Bau, beherbergt eine Schule. Seit Oktober l\u00e4uft der Unterricht. F\u00fcnfzig Grundsch\u00fcler aus den umliegenden D\u00f6rfern und Geh\u00f6ften, 25 M\u00e4dchen und 25 Jungen, lernen jetzt Schreiben und Lesen, Franz\u00f6sisch und Rechnen, der Lehrplan entspricht den staatlichen Vorschriften; au\u00dferdem gibt es einen Extralehrer f\u00fcr Kunst.<\/p>\n<p><strong>Das Fundament ist gegossen<\/strong><\/p>\n<p>Weiter oberhalb auf dem leicht ansteigenden Gel\u00e4nde sind einige kleinere Geb\u00e4ude. K\u00e9r\u00e9 hat so gebaut, dass zwischen Grundmauern und Wellblechdach ein Freiraum bleibt, der f\u00fcr eine nat\u00fcrliche L\u00fcftung sorgen soll &#8211; tats\u00e4chlich geht innerhalb der H\u00e4user ein angenehmer, leichter Wind. Hier werden einmal Magazine und Werkst\u00e4tten untergebracht sein, m\u00f6glicherweise werden die H\u00e4user auch bewohnt. Dahinter liegt die Kantine, ein Speisesaal mit angeschlossener K\u00fcche. Hier bereiten die M\u00fctter der Sch\u00fcler t\u00e4glich eine warme Mahlzeit zu.<\/p>\n<p>Einen H\u00fcgel hinab geht es zur aktuellen Baustelle: Hier entsteht eine Krankenstation. Sie ist wichtigster Bestandteil der zweiten Bauphase, in der sich das Projekt gerade befindet. Um keine Konkurrenz zu den Krankenh\u00e4usern der Umgebung darzustellen, soll dort nicht operiert werden; vorgesehen sind medizinische Erstversorgung und eine Geburtsstation. Das Fundament ist gegossen, die Bauarbeiten schreiten t\u00e4glich voran. In Bauphase drei wird dann das Festspielhaus entstehen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas Endergebnis ist offen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Von jenem ist bislang nur zu sehen, dass es einen runden Grundriss bekommen wird, \u201e\u00e4hnlich einem Schneckenhaus, so hat Christoph sich das ausgedacht\u201c &#8211; aber sollen dort allen Ernstes Opern aufgef\u00fchrt werden, ein kleines Bayreuth mitten in der Savanne von Burkina Faso? Aino Laberenz sch\u00fcttelt freundlich den Kopf.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/Adorjan__Johanna_319575965.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Foto: Johanna Adorjan\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>\u201cFast alle Bilder, die wir von Afrika kennen, sind von uns gemacht. Es geht darum, das zu \u00e4ndern. Dass wir endlich die Gelegenheit bekommen, ein anderes Bild von diesem Land zu sehen, eines, das von den Menschen von hier kommt.\u201c Deshalb wird in der Schule irgendwann auch Film unterrichtet werden, die technische Ausr\u00fcstung wird zur Verf\u00fcgung gestellt, ein Tonstudio gibt es schon. \u201eIch sehe das Operndorf wie einen Werkzeugkasten, der den Menschen hier zur freien Verf\u00fcgung stehen soll\u201c, sagt Laberenz. \u201eDa sollen die sich bedienen und ihrer Kreativit\u00e4t freien Lauf lassen k\u00f6nnen. Kunst ist ja immer auch ein Schutzraum, in dem man Dinge sagen kann, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, dass das politische Folgen hat.\u201c<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat unter Kunst immer mehr verstanden als etwas, das dem Zuschauer vorgef\u00fchrt wird und er bequem konsumiert. Seine Arbeit hatte konkret mit dem Leben zu tun, mit politischen Missst\u00e4nden, sozial Ausgegrenzten und ganz pers\u00f6nlichen \u00c4ngsten, als Regisseur leistete er leidenschaftlich und in einer fast kindlichen Offenheit Widerspruch. \u201eNat\u00fcrlich wusste er, dass es f\u00fcr Diskussion sorgen w\u00fcrde, wenn er den Begriff ,Oper\u2019 in Zusammenhang mit Afrika stellt\u201c, sagt Laberenz. \u201eEr wollte den Blick auf Burkina Faso lenken, ein so kleines, armes Land mit so einem gro\u00dfen kulturellen Reichtum. Es gibt hier die gr\u00f6\u00dfte Filmszene Westafrikas, das Filmfestival, das alle zwei Jahre stattfindet, ist ziemlich ber\u00fchmt. Au\u00dferdem gibt es eine gro\u00dfe Theater- und Tanztradition.\u201c Was letztlich auf der B\u00fchne im Operndorf passieren wird, wei\u00df sie nicht. \u201eDas Endergebnis ist offen, und so soll das auch sein. Das soll keine B\u00fchne f\u00fcr uns sein, sondern f\u00fcr die Burkinab\u00e9, und im besten Fall k\u00f6nnen wir dazukommen und von ihnen lernen oder gemeinsam, auf Augenh\u00f6he, etwas untersuchen, machen oder diskutieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Kein deutsches Projekt<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt viele, die sagen, Projekte wie dieses seien in Afrika doch nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein (es ist dann auch immer dieser Ausdruck, der f\u00e4llt). Um dem Kontinent wirklich zu helfen, m\u00fcssten ganz andere Sachen geschehen, die Subventionierung europ\u00e4ischer Importe gestoppt werden, damit afrikanische Produkte auf dem heimischen Markt eine Chance h\u00e4tten und so weiter. Auch wenn das richtig ist, ist es dann falsch, \u00fcberhaupt etwas zu tun?<\/p>\n<p>Aino Laberenz will das Operndorf nicht als deutsches Projekt verstanden wissen, nicht als Hilfe zur Selbsthilfe, nicht als ein aus einem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl heraus entstandenes \u201egutes Werk\u201c. In gewisser Weise ist es das nat\u00fcrlich trotzdem, jedenfalls in seiner Entstehung. Aber wenn alles gut l\u00e4uft, wird es einmal zu einem Projekt der Menschen aus Burkina Faso. Im Idealfall wird der Staat die Schule irgendwann \u00fcbernehmen &#8211; an den Kosten f\u00fcr die Stromlegung hat er sich schon mal zur H\u00e4lfte beteiligt. Um den Kunstunterricht festzulegen, hat Laberenz ein Komitee gegr\u00fcndet, das aus K\u00fcnstlern aus Burkina besteht; die M\u00e4nner auf dem Bau kommen aus Nachbard\u00f6rfern; verschiedene Ministerien sind involviert. Vielleicht l\u00e4sst sich bei diesem Projekt einfach von deutscher Unterst\u00fctzung sprechen.<\/p>\n<p><strong>Auf Spenden angewiesen<\/strong><\/p>\n<p>Als Schlingensief starb, im August 2010, hatte er f\u00fcrs Operndorf gerade einen Baustopp verh\u00e4ngt. Es hatte mit praktischen, die Bauarbeiten betreffenden Dingen zu tun. Nach seinem Tod stellte sich nat\u00fcrlich die Frage, wie es mit dem Projekt weitergeht. Aino Laberenz sagt, sie habe nur kurz \u00fcberlegt. Sie habe sich zuerst informieren m\u00fcssen, was genau es bedeutet, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin zu sein &#8211; ihr eigentlicher Beruf ist Kost\u00fcmbildnerin. \u201eIch wei\u00df, wie wichtig Christoph dieses Projekt war, und es aufzugeben war nie eine Option. Auch deshalb, weil ich von den Menschen aus Burkina Faso, die daran beteiligt sind, wirklich sehr darum gebeten wurde, es fortzuf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcrs Operndorf ist sie auf Spenden angewiesen, die zu bekommen nach dem Tod ihres Mannes schwieriger geworden ist. \u201eChristoph konnte mit seinem Charme Leute ganz anders begeistern, als ich es kann\u201c, sagt sie. Vor kurzem hat sie bei einer Auktion in Berlin, f\u00fcr die K\u00fcnstler wie Marina Abramovic, Matthew Barney oder John Bock Arbeiten zur Verf\u00fcgung stellten, etwas \u00fcber eine Million Euro gesammelt. \u201eF\u00fcr die Krankenstation reicht das dicke, wie es weitergeht, wei\u00df ich noch nicht. Da muss ich mir halt wieder was einfallen lassen\u201c, sagt sie und lacht.<\/p>\n<p><strong>Warum Burkina Faso?<\/strong><\/p>\n<p>Laberenz hat ein Team von zwei Mitarbeiterinnen, auch der Anwalt Peter Raue unterst\u00fctzt das Projekt. Doch es ist sie, die die Verantwortung f\u00fcr Bauarbeiten und den laufenden Schulunterricht tr\u00e4gt, die sich, wenn es zwischen verschiedenen Parteien vor Ort zu Spannungen kommt (was auf einem Bau ebenso passiert wie in jeder anderen Zusammenarbeit), mit allen zusammensetzt und nach L\u00f6sungen sucht, was sie mit ruhiger Autorit\u00e4t tut. Und sie war es auch, die zwischen den H\u00e4uptlingen vermittelt hat, in deren Einflussbereich das Operndorf liegt. Drei haben in dieser Gegend das Sagen, und zwei von ihnen sind seit Jahren miteinander verfehdet. Dass es einer Deutschen gelungen ist, sie an einen Tisch zu bekommen und von beiden ihr Okay zu diesem Projekt, wird von den Menschen vor Ort als mittleres Wunder angesehen, wie dem ungl\u00e4ubig lachenden Kopfsch\u00fctteln zu entnehmen ist, mit dem sie mir von dieser Tatsache berichten. Die zerstrittenen H\u00e4uptlinge sind f\u00fcr den K\u00f6hler-Besuch beide erschienen &#8211; sehr eindrucksvoll in bodenlangen Gew\u00e4ndern, der eine mit S\u00e4bel &#8211; w\u00e4hrend des Wartens tun beide so, als s\u00e4hen sie den anderen nicht, sitzen aber nicht weit voneinander entfernt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/Adorjan__Johanna4090342171.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Foto: Johanna Adorjan\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Warum eigentlich ausgerechnet Burkina Faso? \u201cChristoph hatte ja eine lange Geschichte mit Afrika\u201c, sagt Laberenz. \u201eEr hat da oft gearbeitet, ist immer wieder dorthin gereist. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass er sich sehr mit dem Begriff von Heimat auseinandergesetzt hat. Und auch wenn es kitschig klingt, ist man in der Fremde nat\u00fcrlich viel mehr mit sich selbst konfrontiert und damit, woher man kommt.\u201c Nachdem die Idee zum Operndorf entstanden war, seien sie viel durch Afrika gereist, auf der Suche nach dem richtigen Ort. \u201eDann hat Christoph den Filmemacher Gaston Kabor\u00e9 kennengelernt, der aus Burkina kommt und mit ihm zusammen in der Berlinale-Jury war. Der hat ihm von der Filmszene hier erz\u00e4hlt. Und als wir dann hier waren, hat sich der Kultusminister f\u00fcr das Projekt begeistert und uns das St\u00fcck Land geschenkt, auf dem wir jetzt bauen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ein kurzes Gruppenfoto<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen ist es fast vier, K\u00f6hlers Besuch war f\u00fcr zwei Uhr angesagt, und die Kinder, die an ihrem schulfreien Tag gekommen sind, um f\u00fcr den hohen Besuch aus Deutschland ein Lied zu singen, das sie eigens f\u00fcr diesen Anlass einstudiert haben, stehen etwas unschl\u00fcssig herum. Viele scheinen Freunde oder Geschwister mitgebracht zu haben, es sind auf jeden Fall weit \u00fcber f\u00fcnfzig. Auch vom Goethe-Institut ist jemand da; au\u00dferdem der Mitarbeiter der Organisation Gr\u00fcnhelme, der die Bauarbeiten leitet; und viele andere, Schwarze und Wei\u00dfe. Schlingensiefs Berlinale-Jurykollege Gaston Kabor\u00e9 muss schon wieder gehen, was er bedauert, er habe aber leider einen anderen Termin. Und dann, als alle schon ganz matt sind vom langen Warten in der Hitze, kommt auf einmal Nervosit\u00e4t auf, ein Auto-Konvoy n\u00e4hert sich der Anlage, wird von motorisierten Polizisten mit Blaulicht begleitet, wirbelt roten Staub auf.<\/p>\n<p>K\u00f6hler, der einen Sonnenhut tr\u00e4gt und trotz der Hitze schwarze Str\u00fcmpfe, steigt aus einem der Wagen, sch\u00fcttelt im Gehen H\u00e4nde, steht schon nach kurzer Zeit im Klassenraum, in dem sich die Sch\u00fcler flugs an ihre B\u00e4nke gesetzt haben, h\u00f6rt sich das Lied an, alle strahlen sich an. Beim anschlie\u00dfenden Rundgang \u00fcbers Gel\u00e4nde stellt er viele Fragen, ob zum Bau ausschlie\u00dflich lokale Materialien verwandt wurden (ja), ob die Arbeiter aus der Gegend stammen (ja), bekommt die fertigen Geb\u00e4ude und das Fundament der Krankenstation gezeigt, wird den H\u00e4uptlingen vorgestellt, scheint insgesamt sehr interessiert und angetan. H\u00f6hepunkt seines Besuchs bildet die offizielle Einweihung des neuen Fu\u00dfballplatzes. Unter der langsam milder werdenden Sonne des sp\u00e4ten Nachmittags liefern sich die Sch\u00fcler ein rasantes Match. Kurzes Gruppenfoto mit Pr\u00e4sident a. D. und beiden Mannschaften, dann rauscht K\u00f6hler mit seiner Entourage wieder ab, die Blaulichter verlieren sich schnell in der roten Landschaft.<\/p>\n<p><strong>Lebenserwartung bei 52 Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Hauptstadt, erfahre ich am selben Abend, dass es in diesem Land f\u00fcr Besucher nicht ganz ungef\u00e4hrlich ist. Auf dem R\u00fcckweg vom Restaurant ins Hotel &#8211; belebte Gegend mitten in der Stadt, aber eben auch die Gegend, in der sich die Hotels f\u00fcr die Touristen befinden &#8211; wird mir von zwei M\u00e4nnern auf einem Moped die Handtasche entrissen. Dass ich sie extra auf der von der Stra\u00dfe abgewandten Seite trage, n\u00fctzt nichts &#8211; das Moped n\u00e4hert sich von hinten auf dem Gehsteig, als ich das Motorenger\u00e4usch h\u00f6re, ist es zu sp\u00e4t, geben sie schon Gas, und weil ich aus einem dummen Reflex nicht gleich loslasse, werde ich noch mehrere Meter \u00fcber den Boden mitgeschleift, bis, endlich, der Tr\u00e4ger rei\u00dft und sie mit meiner Tasche entkommen. Doch im Vergleich dazu, was wenig sp\u00e4ter passieren soll, habe ich, die ich nur Sch\u00fcrfwunden davontrage, unendlich viel Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p>Selbe Stra\u00dfe, ein Abend sp\u00e4ter: Der Mitarbeiter der Gr\u00fcnhelme, eine Frau aus dem Operndorf-Team und eine weitere Frau finden sich auf einmal von mit Messern bewaffneten M\u00e4nnern umringt. Den genauen Tathergang kenne ich nicht, doch es endete damit, dass der Gr\u00fcnhelme-Mitarbeiter ein Messer in den R\u00fccken bekam. Er wurde noch in derselben Nacht notoperiert, verlor ziemlich viel Blut, doch es geht ihm den Umst\u00e4nden entsprechend gut.<\/p>\n<p>Burkina Faso ist eins der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Die Lebenserwartung f\u00fcr M\u00e4nner liegt bei 52 Jahren, fast drei Viertel der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnen nicht schreiben und lesen &#8211; dass es dort zu \u00dcbergriffen gegen reichere Ausl\u00e4nder kommt, ist nicht wirklich verwunderlich. Umso wichtiger ist ein Projekt wie Schlingensiefs Village Op\u00e9ra. Es geht die wichtigsten Dinge im Leben der Menschen dort an: Bildung, medizinische Versorgung und ein Selbstbewusstsein, das sich aus dem kulturellen Reichtum des Landes speist &#8211; und uns endlich andere Bilder aus Afrika liefern kann als die von Armut oder Gewalt. Im Herbst wird die n\u00e4chste Grundschulklasse eingeschult.<\/p>\n<p><em>Quelle: F.A.S. vom 19.05.2012 (mit freundlicher Genehmigung der F.A.S.), Fotos: Johanna Adorjan<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast alle Bilder, die wir von Afrika kennen, haben wir gemacht. Das wollte Christoph Schlingensief \u00e4ndern. 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