{"id":677,"date":"2012-04-16T11:11:38","date_gmt":"2012-04-16T09:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=677"},"modified":"2012-04-16T11:11:38","modified_gmt":"2012-04-16T09:11:38","slug":"zwischen-vision-und-wirklichkeit-stuttgarter-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=677","title":{"rendered":"ZWISCHEN VISION UND WIRKLICHKEIT (STUTTGARTER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Simone Gaul<\/em><\/p>\n<p>Burkina Faso &#8211; Hier ist es also. Etwa eine Stunde braucht man mit dem Taxi von der Hauptstadt Ouagadougou bis ins \u201eVillage op\u00e9ra de Schlingensief\u201c. Der Taxifahrer hat sich den Weg erkl\u00e4ren lassen, er ist noch nie hier gewesen. Ja, er habe von einer neuen Schule geh\u00f6rt, drau\u00dfen in der N\u00e4he von Ziniar\u00e9, dem Geburtsort des Pr\u00e4sidenten Blaise Compaor\u00e9. Ach, ein Kunstprojekt? Ein Operndorf? S\u00e9tou Soro, eine junge Frau, die uns begleitet, hat noch nie von Schlingensief geh\u00f6rt. \u201eSehr h\u00fcbsch\u201c findet sie den modernen Komplex. Dann meldet ihr vierzehn Monate alter Sohn Hunger an, und sie wendet sich ihm zu.<\/p>\n<p>S\u00e9verin Sobgo, der Assistent der burkinischen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung f\u00fchrt routiniert \u00fcber das Gel\u00e4nde. Hier, links, die fast fertigen G\u00e4stepavillons; rechts Lagerr\u00e4ume, K\u00fcche, Speisesaal; dort, am anderen Ende, die sanit\u00e4ren Anlagen. Doch die sind noch nicht in Benutzung. Drei deutsche Touristen streunen zwischen den leeren Geb\u00e4uden umher und machen Fotos. Nur aus einem Klassenraum ert\u00f6nen aufgeregte Kinderstimmen. Denn seit Oktober herrscht Leben in der westafrikanischen Dauerbaustelle, die ersten f\u00fcnfzig Sch\u00fcler sind eingeschult, montags bis samstags kommen sie aus den umliegenden D\u00f6rfern und lernen hier Lesen, Schreiben und Rechnen. Gerade machen sie eine Pause und warten auf den Lehrer. Schlingensiefs Erstkl\u00e4ssler. Von ihrer gro\u00dfen Bestimmung wissen sie noch nichts, auch mit Film und Theater k\u00f6nnen sie bisher wenig anfangen. \u201eLa pipe de papa\u201c steht mit bunter Kreide auf der Tafel, \u201edie Pfeife von Papa\u201c. Heute steht der Buchstabe P auf dem Programm.<\/p>\n<p>Das Operndorf von Christoph Schlingensief ist ein kultureller Schmelztiegel mitten im kleinen west\u00adafrikanischen Bin\u00adnenland Burkina Faso, rund 35 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Ouagadougou. Ein Ort, an dem Kinder lernen, leben und sich k\u00fcnstlerisch entfalten k\u00f6nnen, ohne institutionalisierte Kulturbilder aus dem Westen, ohne vorgefertigte Ma\u00dfst\u00e4be dessen, was Kunst bedeutet, ohne Zeit- und Leistungsdruck. Ein Ort, an dem Kunst \u201eaus sich heraus entsteht\u201c und ein Ort, von dem wir Europ\u00e4er lernen sollen. So oder so \u00e4hnlich sah Christoph Schlingensiefs letzte Vision aus.<\/p>\n<p><strong>Zwanzig Prozent k\u00fcnstlerische Kurse<\/strong><\/p>\n<p>Dreizehn Geb\u00e4ude aus rotem Lehm sind seit der Grundsteinlegung vor gut zwei Jahren fertiggestellt. Sie sind schlicht, f\u00fcgen sich gut in die Umgebung ein und fallen doch auf mit ihrer modernen Architektur mitten im l\u00e4ndlichen Savannengebiet Burkina Fasos. Entworfen hat den Komplex der in Berlin lebende Burkinab\u00e9 Francis Kerr\u00e9. \u201eInsgesamt soll es sechs Klassen geben. Achtzig Prozent des Unterrichts sind klassische Schulf\u00e4cher, zwanzig Prozent werden k\u00fcnstlerische Kurse\u201c, erkl\u00e4rt S\u00e9verin Sobgo in nahezu fehlerfreiem Deutsch.<\/p>\n<p>In Planung sind eine Krankenstation, eine Solaranlage und irgendwann einmal das Herzst\u00fcck des kleinen Dorfes: das schneckenf\u00f6rmige Festspielhaus. Wo es entstehen soll, ist das Gel\u00e4nde mit wei\u00df-roten Holzpfosten abgesteckt, dreizehn Container voller Sitzb\u00e4nke und anderer n\u00fctzlicher Gegenst\u00e4nde stehen am Rand des Grundst\u00fccks und warten auf ihren Einsatz.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz war Aino Laberenz mal wieder f\u00fcr zwei Wochen in Burkina Faso. Die Witwe von Christoph Schlingensief und Erbin seiner gigantischen Operndorf-Vision hat nach der gro\u00dfen Kunstauktion im M\u00e4rz eine Million Euro f\u00fcr den Weiterbau des Projektes zur Verf\u00fcgung. Wie genau der nun vorangehen soll, wollte sie vor Ort planen, bis zum Beginn der Regenzeit im Juni\/Juli m\u00fcssen zumindest die Fundamente der Krankenstation fertig sein.<\/p>\n<p>\u201eWir haben noch keinen Zehnjahresplan, wir gehen Schritt f\u00fcr Schritt vor\u201c, sagt Aino Laberenz, die tapfer in die Fu\u00dfstapfen ihres verstorbenen Mannes getreten ist. Mehrfach hat die 31-j\u00e4hrige Kost\u00fcmbildnerin betont, wie wenig wohl sie sich im Rampenlicht f\u00fchle, wie ungern sie Interviews gebe. Klein, zart und zur\u00fcckhaltend \u2013 sie ist nun diejenige, die Schlingensiefs Vision vorantreibt. Doch sie scheint in ihre Rolle hineingewachsen zu sein, hat sein Projekt zu ihrem gemacht. Aino Laberenz spricht mittlerweile selbstsicher mit Journalisten und hat gelernt, das Operndorf gegen\u00fcber Zweiflern zu verteidigen.<\/p>\n<p>Solche gibt es reichlich. Geht das Projekt nicht an der Lebensrealit\u00e4t der Burkinab\u00e9 vorbei, fragen sie. Und wie das denn \u00fcberhaupt zu finanzieren sei. Wo Afrika f\u00fcr die meisten Deutschen doch so weit weg ist, ein Kontinent f\u00fcr den Kinderpatenschaften verkauft und rostige Fahrr\u00e4der gesammelt werden. Aber ein Kulturprojekt? Wer soll \u00fcberhaupt hierher aufs Land kommen, \u00fcber die unbeleuchteten Stra\u00dfen und sich die Auff\u00fchrungen der Sch\u00fcler anschauen? Diese Fragen stellt sich auch Henner Lichtenfels, einer der drei Touristen, die das Gel\u00e4nde an diesem Mittwoch besichtigen. Der Rentner lebt seit August in Burkina Faso, seine Frau arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Der Begriff der Oper an diesem Ort verwirrt auch ihn, vermutlich mehr als die meisten Burkinab\u00e9.<\/p>\n<p>\u201eChristoph hat das Dorf nicht als Opernbetrieb im klassischen Sinne gesehen\u201c, antwortet Aino Laberenz auf solche Fragen. Und dass es den Kindern eine Art gro\u00dfer Werkzeugkasten sein soll. Sie wird nicht m\u00fcde das Konzept ihres verstorbenen Mannes immer und immer wieder zu erkl\u00e4ren. \u201eChristoph hat sich selbst gefragt: Wie kam ich zum Film? Spielerisch.\u201c Es seien die ersten Jahre, in denen sich entscheide, wohin es geht. Sie meint die Kinder, k\u00f6nnte aber auch f\u00fcr das Operndorf sprechen.<\/p>\n<p><strong>Von gro\u00dfer Kunst ist noch nicht viel zu sp\u00fcren<\/strong><\/p>\n<p>Das Festspielhaus selbst ist erst f\u00fcr die dritte Bauphase geplant. Jetzt, in der kommenden zweiten Bauphase, sollen weitere Klassenr\u00e4ume hinzukommen, eine Solaranlage und die Krankenstation. \u201eChristoph hat diese Abschnitte eingeteilt, ich richte mich danach\u201c, sagt sie. Die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde ist vorerst genommen: Durch das Geld der Kunstauktion, bei der am 8. M\u00e4rz von K\u00fcnstlern wie Georg Baselitz, Christo oder Sigmar Polke gespendete Werke zugunsten des Projekts versteigert wurden, ist der Weiterbau gesichert. Was eine Million Euro \u00fcberhaupt bedeuteten, sei ihr erst nach und nach klar geworden, sagt Aino Laberenz. \u201eDas ist eine ganz andere Form von Freiheit.\u201c Vorher habe sie sich f\u00fcr jeden Euro etwas einfallen lassen m\u00fcssen. Der Kunstm\u00e4zen Friedrich Christian Flick versprach au\u00dferdem, als Grundstock f\u00fcr eine Stiftung 250\u2009000 Euro zu spenden.<\/p>\n<p>Vom Geist der gro\u00dfen Kunst ist noch nicht viel zu sp\u00fcren. Aber in Ouagadougou dauert vieles seine Zeit. Das Leben folgt nicht unbedingt dem Rhythmus der Armbanduhr. Nach Schlingensiefs Tod waren Unsicherheit und Ratlosigkeit zun\u00e4chst gro\u00df. Wohin steuert das Schiff ohne seinen Kapit\u00e4n? Doch seit einem halben Jahr beantworten 25 M\u00e4dchen und 25 Jungen diese Frage, zumindest zum Teil. Im Herbst wird die zweite Klasse eingeschult. Dann sind es schon hundert Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Um diese Schule als Teil eines \u201eOperndorfs\u201c zu sehen, braucht es noch einiges an Vorstellungskraft. \u201eAber das Potenzial ist da\u201c, sagt Aino Laberenz. Sie hat eine eigene Vision: \u201eDass das Dorf eines Tages eigenst\u00e4ndig bestehen kann.\u201c Dass burkinische Kinder von burkinischen Lehrern lernen, Workshops mit internationalen K\u00fcnstlern stattfinden und sich eigene Projekte entwickeln. Hier in dem Land, das alle zwei Jahre zum gr\u00f6\u00dften afrikanischen Filmfestival Fespaco einl\u00e4dt, das eine rege Theaterszene hat und in dem Musiker wie der Rapper Smockey die Bev\u00f6lkerung aufr\u00fctteln. Er geh\u00f6rt zum burkinischen Operndorfkomitee. Und Smockey ist auch dem Taxifahrer Issa und der jungen S\u00e9tou Soro ein Begriff.<\/p>\n<p><em>Aus: Stuttgarter Zeitung vom 15.4.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Besuch im Operndorf von Christoph Schlingensief in Burkina Faso<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/677"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=677"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/677\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}