{"id":674,"date":"2012-03-29T11:45:39","date_gmt":"2012-03-29T09:45:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=674"},"modified":"2012-03-29T11:45:39","modified_gmt":"2012-03-29T09:45:39","slug":"das-schreien-war-nicht-die-kunst-selbst-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=674","title":{"rendered":"DAS SCHREIEN WAR NICHT DIE KUNST SELBST (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seine Vision von einem Operndorf in Afrika nimmt immer deutlichere Konturen an. Aber auch die Leerstelle, die der K\u00fcnstler Christoph Schlingensief durch seinen Tod hinterlie\u00df, wird immer sichtbarer. <\/strong><\/p>\n<p>Zuletzt wurden im Hamburger Bahnhof, dem Berliner \u201eMuseum f\u00fcr Gegenwart\u201c, 84 Kunstwerke versteigert: Bilder, Installationen, Videoarbeiten, gespendet von K\u00fcnstlern und Sammlern, zum Besten von Christoph Schlingensiefs \u201eOperndorf\u201c-Vision \u201eRemdoogo\u201c im fernen Burkina Faso. Munter schwang Peter Raue, Anwalt des Rechts und der K\u00fcnste, das H\u00e4mmerchen: \u201eLassen Sie mich nicht immer bis drei z\u00e4hlen, es geht schlie\u00dflich um eine gute Sache!\u201c Zur \u201eAuktion 3000\u201c hatte sich eine gemischte Gesellschaft versammelt: Neben dem erhofften Bieter-Publikum und den Berliner Kultur-Adabeis, gut unterscheidbar, auch die Freunde &#8211; die Mitglieder jenes erweiterten Familienbegriffs, den der 2010 gestorbene Regisseur pflegte und den andere als \u201eGemeinde\u201c bezeichnen, wenn nicht als \u201eJ\u00fcngerschaft\u201c. Das ist kein Wunder, denn Christoph Schlingensief, der sich so existentiell mit dem l\u00e4ngst erledigt geglaubten Thema der Erl\u00f6sung auseinandergesetzt hat wie lange kein K\u00fcnstler vor ihm, wurde und wird von manchen, die ihn nicht zum notorischen Provokateur oder wahlweise zum netten Schwiegersohn neutralisierten, selbst als Erl\u00f6serfigur wahrgenommen.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Tod im August 2010 bedeutete eine Z\u00e4sur f\u00fcr den Kulturmedienbetrieb. Schon die Nachrufe markierten mit ihrem Pathos den Einschnitt. Das reichte von der traurigen Prognose, es werde ohne ihn langweiliger in der deutschen Kultur, bis zur dunkel orchestrierten Feststellung, dass hier der Verlust eines gro\u00dfen K\u00fcnstlers zu beklagen sei. Anderthalb Jahre danach, am Abend der \u201eAuktion 3000\u201c, wird deutlich, was seitdem fehlt. Die Szene hat etwas Surreales und ist nicht ohne die besondere Schlingensiefsche Ironie: Die K\u00fcnstlerfreundin Patti Smith singt, spontan und unbegleitet und eigentlich herzzerrei\u00dfend, eine Liebeserkl\u00e4rung &#8211; es w\u00e4re ganz still im Raum, wenn nicht immer wieder ein Champagnerglas klirrte. So geht es um Andacht, aber auch darum, finanzstarke Bieter in Laune zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Die essentiellen Dinge von der Kunstsph\u00e4re trennen<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende war die Millionengrenze durchbrochen. Sie sei \u00fcberw\u00e4ltigt, sagt Aino Laberenz, die man kaum Schlingensiefs Witwe nennen mag &#8211; so m\u00e4dchenhaft erscheint sie, so erf\u00fcllt von der Mission, dass weiterleben m\u00f6ge, was Schlingensief als \u201eSoziale Skulptur\u201c vorschwebte: der ins Existentielle ge\u00f6ffnete Opernbegriff. In einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder Afrikas entsteht diese \u201eVillage Opera\u201c. Eine Schule gibt es schon, nicht nur f\u00fcrs Lesen und Schreiben, sondern auch f\u00fcrs Filmen und Tanzen. Jetzt kann weitergebaut und -gelehrt werden. Eine Krankenstation ist das N\u00e4chste, weitere Wohnmodule, G\u00e4steh\u00e4user, am Ende ein zentrales Hallen-Oval: das \u201eFestspielhaus\u201c.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick sieht Schlingensiefs \u201eOperndorf\u201c aus wie ein Sozialprojekt in einem sehr armen Land. Es w\u00e4chst, nach den Pl\u00e4nen des burkinischen Architekten Francis K\u00e9r\u00e9, tats\u00e4chlich auf einem H\u00fcgel, etwa drei\u00dfig Kilometer \u00f6stlich der Hauptstadt, der aber kein gr\u00fcner, sondern eher ein gelber ist. F\u00fcr Schlingensief war es ein \u201esozialer Klangk\u00f6rper\u201c, in dem Kinder zur Schule gehen, f\u00fcnf Hektar Ackerfl\u00e4che bebaut, Sport getrieben, Kranke versorgt werden. Es wird aber auch getanzt und gesungen, es werden Filme gedreht, die in einem kleinen Kino zu sehen sind, H\u00f6rspiele im eigenen Tonstudio produziert.<\/p>\n<p>\u201cVon Afrika lernen\u201c, so das Motto, hei\u00dft hier, die f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndliche Trennung der Kunstsph\u00e4re von den essentiellen Dingen des Lebens zu ignorieren &#8211; wie auch die sehr europ\u00e4ische Frage, was genau denn daraus werden solle. Die geniale Wortsch\u00f6pfung \u201eOperndorf\u201c verwirrt die Menschen in Ouagadougou weniger als die Kulturmenschen hier, die sich fragen, was denn ein \u201eFestspielhaus\u201c in einem H\u00fcttendorf zu suchen habe? Und ob Schlingensief da wirklich ein afrikanisches Neubayreuth aus der Steppe stampfen wollte? Tats\u00e4chlich ist das Operndorf eben auch eine Luftspiegelung des hiesigen Kulturbetriebs, ein Ort, von dem aus das Eigene in Frage gestellt wird. \u201eWir erweitern den Opernbegriff\u201c, so steht es im Konzept, \u201eund lassen einfach mal alle Einschr\u00e4nkungen beiseite, die wir mit Oper verbinden: korpulente Menschen auf opulenten B\u00fchnen, die um den richtigen Ton k\u00e4mpfen, und Opernkenner, deren ganzes Gl\u00fcck darin besteht, herauszuh\u00f6ren, wann das mit dem richtigen Ton nicht geklappt hat. Damit haben wir nichts zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Darin liegt eine Grundsatzkritik an institutionellen Gewissheiten, die ihn durchaus mit dem Gesamtkunst-Erneuerer Wagner verband. Denn Schlingensief zielte leidenschaftlich aufs Ganze und setzte sich in immer neuen Selbstversuchen aufs Spiel. Es war ihm aber, bei allem Witz und Schlawinertum, unbedingt ernst. Inzwischen wird deutlich, was dem kulturell-medialen Komplex fehlt, seit er fehlt: gerade nicht der Spa\u00dfmacher, sondern der Ernstmacher.<\/p>\n<p><strong>Pierre Boulez nahm ihn an die Hand<\/strong><\/p>\n<p>Bereits w\u00e4hrend der Arbeit am Bayreuther \u201eParsifal\u201c war Afrika f\u00fcr den Regisseur zum Fluchtpunkt geworden. Zun\u00e4chst beschallte er Namibia mit Wagner-Musik und fand seine Gralsburg dort. \u00dcber Afrika f\u00fchrte f\u00fcr ihn der Weg zur \u201eR\u00fcckgewinnung unserer Kreativit\u00e4t\u201c: \u201eEs geht um die Entkernung unseres Kulturkomplexes, wie wir ihn hegen und pflegen, und um die Besinnung auf das urspr\u00fcnglich gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk aller Zeiten: das Leben und seine Entfaltungsm\u00f6glichkeiten.\u201c<\/p>\n<p>Dass diese Entdeckung f\u00fcr den K\u00fcnstler Schlingensief zusammenfiel mit der Gewissheit, das eigene Leben verlieren zu m\u00fcssen, hat ihn emp\u00f6rt. Er glaubte, es sei die Besch\u00e4ftigung mit dem \u201eParsifal\u201c gewesen, 2004 in Bayreuth, die seinen K\u00f6rper dem Krebs ausgeliefert habe. Als nach dem letzten Bild, dem zu Wagners \u201eErl\u00f6sung dem Erl\u00f6ser!\u201c-Musik projizierten Film eines verwesenden Hasen, die erwartbaren Wut-St\u00fcrme \u00fcber den Opernanf\u00e4nger Schlingensief hereinbrachen, geriet dies zu einem der bleibenden Momente in der Festspielgeschichte: Der gerade noch gefeierte Pierre Boulez trat demonstrativ gemeinsam mit Schlingensief vor den Vorhang und nahm ihn bei der Hand.<\/p>\n<p>Boulez wird sich erinnert haben an die Aufregungen nach Ch\u00e9reaus \u201eJahrhundertring\u201c 1976. Auch damals hatte man sich erregt \u00fcber einen angeblich respektlosen Umgang mit Wagner. Schlingensiefs den Rahmen jeder \u201eInterpretation\u201c sprengender \u201eParsifal\u201c verst\u00f6rte vor allem diejenigen, die \u00fcberall immer nur Provokation sehen wollten. Dabei hat sich kaum je ein Regisseur so r\u00fcckhaltlos auf Wagners finster-heillose Theater-Theologie der blutenden Wunden und des Mitleids eingelassen. Dies &#8211; und nicht die nach au\u00dfen getragenen Querelen \u00fcber Schlingensiefs Arbeitsweise &#8211; war der Festspielleitung wohl derart unheimlich, dass sie die Inszenierung schon 2007 aus dem Programm nahm. Dass es von dieser au\u00dferordentlichen Auff\u00fchrung keine Dokumentation gibt, bleibt ein Jammer. Jetzt kann sie nur noch Legende werden.<\/p>\n<p><strong>Den Faxen schaute man gerne zu<\/strong><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief suchte das Ungesicherte, das Dunkle zwischen den Bildern, als Aktionsk\u00fcnstler, Film- und Theatermann, auch in seinen H\u00f6rspielen, die (seit \u201eRocky Dutschke, 68\u201c von 1997) f\u00fcr den WDR entstanden und f\u00fcr die er die zu Lebzeiten gr\u00f6\u00dfte Anerkennung erfuhr. Gerade da, wo er seine Wurzeln sah, im Film, hatte er es hingegen am schwersten. Doch wie auch immer: Hier w\u00fctete ein Radikaler, der mit allen Mitteln aufs Ganze zielte. Das machte den Schritt nach Bayreuth so logisch wie wundersam. All sein Rennen und Schreien, das Entbl\u00f6\u00dfen des Privaten waren Mittel zur Herstellung von Aufmerksamkeit f\u00fcr die Sache.<\/p>\n<p>Zur Tragik des K\u00fcnstlers Schlingensief geh\u00f6rte aber auch, dass das Schreien, Rennen und Entbl\u00f6\u00dfen von den Medien, die nichts anderes kennen, f\u00fcr die Sache selbst genommen wurde, seine Kunst aber \u00fcbersehen. So wurde er zum Provokateur und Faxenmacher verk\u00fcrzt. Den Faxen schaute man gern zu, um den bereitwillig mitentfachten Schlingensief-Rummel dann irgendwie oberfl\u00e4chlich zu finden. Es ist nur der andere Fl\u00fcgel dieses Diptychons der Verkehrtheit, wie dann sein beklommen verfolgtes \u00f6ffentliches Sterben den Blick f\u00fcr die Kunst wieder abgleiten lie\u00df: Seinen letzten Oratorien \u00fcber den eigenen Tod wurde von der Kritik reihenweise die differenzierte Einlassung verweigert mit dem Hinweis, dar\u00fcber lasse sich nicht mehr schreiben.<\/p>\n<p>Mit dem Erl\u00f6s einer guten Million aus der \u201eAuktion 3000\u201c wird das \u201eOperndorf\u201c in Ouagadougou jetzt zum Nachbild einer im Kulturbetrieb einzigartigen K\u00fcnstlerexistenz, die sich immer gut eignete f\u00fcr Projektionen aller Art. Er liebte es, mit den Medien zu spielen, und war eine Lieblingsfigur der Medien. Stur sahen sie an dem vorbei, worauf Schlingensief, schreiend und rennend und am Ende immer verzweifelter, zeigte. Jetzt wird es sichtbar &#8211; als Leerstelle.<\/p>\n<p><em>Quelle: F.A.Z.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine Vision von einem Operndorf in Afrika nimmt immer deutlichere Konturen an. 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