{"id":672,"date":"2012-03-11T14:14:20","date_gmt":"2012-03-11T12:14:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=672"},"modified":"2012-03-11T14:14:20","modified_gmt":"2012-03-11T12:14:20","slug":"lasst-das-spiel-beginnen-welt-am-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=672","title":{"rendered":"LASST DAS SPIEL BEGINNEN (WELT AM SONNTAG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die gro\u00dfe Benefiz-Auktion f\u00fcr Schlingensiefs Operndorf in Afrika brachte eine Million Euro ein. Der Weiterbau ist damit gesichert<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Tim Ackermann<\/em><\/p>\n<p>Was, wenn man diesen Abend doch als eine soziale Plastik begreifen w\u00fcrde? Hunderte Menschen sitzen in einer riesigen Halle und h\u00f6ren um sich herum die Tausender purzeln. Vier Tausender sind es hier, sechs dort, dr\u00fcben zw\u00f6lf, dann hier wieder neun und zwischendrin auch mal vierundzwanzig. Und ohne, dass man es recht bemerkt, sind drei Stunden vorbei und die vielen Tausender haben sich zu einem siebenstelligen Ergebnis aufgeh\u00e4uft. Da reibt sich dann der Auktionator mit dem Taschentuch den Schwei\u00df aus dem Gesicht und gesteht, dass es sein gro\u00dfer Traum gewesen sei, die Million zu erreichen.<\/p>\n<p>Wenn Christoph Schlingensief hier gewesen w\u00e4re, an diesem Abend, mit in der Halle, dann h\u00e4tte er sich wohl sehr gefreut. Denn er war ein K\u00fcnstler, dem es unendlichen Spa\u00df machte, die Menschen und die Massen zu bewegen. Und eine Million sind in Afrika so gut wie zwei oder f\u00fcnf &#8211; auf jeden Fall kann man damit sowohl Menschen als auch Massen mobilisieren und eine Vision in den Sand stellen, sodass die soziale Plastik zugleich eine reale wird.<\/p>\n<p>Exakt 1,025 Millionen Euro sammelte der flei\u00dfige Gelegenheitsauktionator Peter Raue am vergangenen Donnerstagabend bei einer Benefiz-Auktion in Berlin zugunsten von Christoph Schlingensiefs Operndorf Remdoogo ein. Damit lie\u00dfe er sich nun wohl realisieren, der zweite Bauabschnitt des Kultur- und Entwicklungsprojekts, das der 2010 verstorbene Regisseur und Auktionsk\u00fcnstler f\u00fcr die Savanne von Burkina Faso ertr\u00e4umt hatte. Zur Versteigerung im Hamburger Bahnhof in Berlin hatten bekannte deutsche und internationale K\u00fcnstler wie Georg Baselitz, Martin Creed, Olafur Eliasson, Gotthard Graubner oder Andreas Gursky, sowie einige Privatsammler wie Friedrich Christian Flick oder Brigitte und Arend Oetker Werke gespendet.<\/p>\n<p>Dass die Veranstaltung mit dem schlingensiefesk-gigantomanischen Titel &#8222;Auktion 3000&#8220; ein solcher Erfolg wurde, hatte man nur hoffen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich er\u00f6ffneten am gleichen Tag mit der Armory Show in New York und der Art Karlsruhe noch zwei Kunstmessen. Doch eine erfreuliche Erkenntnis der &#8222;Auktion 3000&#8220; ist, dass die Berliner Szene, wenn es drauf ankommt, immer noch zusammenh\u00e4lt. Neben schlingensiefaffinen Museumsdirektoren wie Susanne Gaensheimer vom Museum f\u00fcr Moderne Kunst in Frankfurt, Chris Dercon von der Tate Modern und Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann nahmen bekannte ans\u00e4ssige Sammler wie Christian Boros und Stephan Landwehr in den Stuhlreihen Platz &#8211; verst\u00e4rkt durch ausw\u00e4rtige Sammlergr\u00f6\u00dfen wie Julia Stoschek (D\u00fcsseldorf) oder Friedrich Christian Flick (Gstaad). Die Fraktion der vermutlich gnadenlos unterbezahlten und daher kunstkaufungeeigneten Berliner Schauspielprominenz wurde von Fritzi Haberlandt vertreten.<\/p>\n<p>Und es gab eine \u00dcberraschung: Zu Anfang des Abends stieg die amerikanische Rocks\u00e4ngerin Patti Smith auf die B\u00fchne. F\u00fcr die Auktion hatte sie bereits ein eigenes Werk gespendet, eine Art visuelles Gedicht an Schlingensief mit Filzstift auf eine MDF-Platte skizziert: Herz, Pfeile und einige W\u00f6rter, die in sparsamer Smith-Prosa, die ihre &#8222;Freundschaft auf der Erde und in der Stratosph\u00e4re der Liebe und Erinnerung beschw\u00f6ren&#8220;. Vor den Auktionsg\u00e4sten widmete die S\u00e4ngerin ihrem Freund ein A-cappella-Lied. Mit tiefer, trauriger Stimme erz\u00e4hlte sie von wei\u00dfen Fl\u00fcgeln, die frei durchs Blau des Berliner Himmels ziehen.<\/p>\n<p>Weniger freischwebend oder gar schlingensief-anarchisch, sondern streng alphabetisch-protokollarisch verlief dann die Auktion: Ein Foto aus Matthews Barneys &#8222;Cremaster&#8220;-Zyklus konnte Stephan Landwehr fr\u00fch f\u00fcr 22 000 statt erwartete 19 500 Euro erwerben. Das erste spektakul\u00e4re Bietgefecht l\u00f6ste ein Aquarell von Georg Baselitz aus, das ein junger Berliner Sammler und sein Lebenspartner praktisch zeitgleich mit dem Hammerschlag noch schnell auf 42 000 Euro (Taxe: 30 000) hoben und sich so f\u00fcr die gemeinsame Wohnung sicherten.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe bei jedem Gebot gleich mitgerechnet: Jetzt haben wir die Krankenstation drin, jetzt die Solaranlage&#8220;, sagte Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, nach der Auktion. Seit Oktober 2011 steht in Remdoogo eine Schule, in der 50 Kinder unter anderem auch Kunst-, Musik und Filmunterricht bekommen. Im zweiten Schritt sollen nun eine Krankenstation, eine autonome Energieversorgung, Ateliers, Wohn- und G\u00e4steh\u00e4user sowie ein Sportplatz entstehen. Denn anders als vielleicht vermutet, soll Schlingensiefs Operndorf kein Tempel der europ\u00e4ischen Hochkultur in der Savanne sein, sondern eher eine freie Spielst\u00e4tte, wo Menschen miteinander leben und voneinander lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diesem Ziel ist man am Donnerstag ein gro\u00dfes St\u00fcck n\u00e4her ger\u00fcckt. Zu den K\u00e4ufern, die am teuersten zuschlugen, geh\u00f6rte Flick, der sich ein Aquarell von Martin Creed f\u00fcr 33 000 Euro sicherte (Sch\u00e4tzpreis: 19 000). Julia Stoschek kaufte Valie Exports gro\u00dfformatige Performance-Fotografie &#8222;K\u00f6rperfiguration WVZ 229&#8220; f\u00fcr 30 000 Euro (gesch\u00e4tzt: 25 000) und freute sich, &#8222;weil das Bild perfekt in die Sammlung passt&#8220;. Der Berliner Galerist Johann K\u00f6nig erwarb ein violettes Acrylbild von Katharina Grosse f\u00fcr 22 000 Euro (Taxe: 20 000 Euro). Den spektakul\u00e4rsten Auftritt aber hatte zweifellos der Filmproduzent Peter Schwartzkopff, der gegen zwei Telefon- und einen Saalbieter eine unbetitelte Gouache von Sigmar Polke auf 66 000 Euro steigerte (Taxe: 35 000). Schwartzkopff erwarb noch ein Gem\u00e4lde von Gregor Hildebrandt und ein Aquarell von Martin Eder. Als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender des Hamburger Theaterfestivals f\u00fchlt sich Schlingensief verbunden, seit man 2010 dort kurz nach seinem Tod seine Oper &#8222;Mea Culpa&#8220; auff\u00fchrte.<\/p>\n<p>Auch wenn im Laufe der &#8222;Auktion 3000&#8220; die Tausender einmal z\u00f6gerlich purzelten, sprangen immer wieder helfende Bieter ein. Auktionator Raue neckte Sammler Christian Boros pers\u00f6nlich noch von 10 000 auf 13 000 Euro f\u00fcr eine John-Bock-Skulptur hoch. Und in die Stille um eine Papierarbeit von G\u00fcnter Brus rief Patti Smith: &#8222;8000 Euro&#8220;. Danach freute sie sich \u00fcber das Werk eines ihrer Lieblingsk\u00fcnstler, das sie \u00fcber ihren Schreibtisch h\u00e4ngen will.<\/p>\n<p>Smiths eigenes Werk ging f\u00fcr 20 000 Euro an die Berliner Nationalgalerie. &#8222;Es war ein fantastischer Abend&#8220;, sagte die S\u00e4ngerin. &#8222;Nun k\u00f6nnen wir das Operndorf weiterbauen. Und ich bin auch sehr gl\u00fccklich, dass mein Werk f\u00fcr Christoph nun in einem Museum aufbewahrt wird. Ich habe es an dem Tag geschrieben, an dem ich ihn zum letzten Mal sah.&#8220; Man kann Smith gut verstehen, denn darum ging es an diesem Abend &#8211; abgesehen von den Spenden &#8211; wohl auch: Die Erinnerungen an Schlingensief und seine Visionen lebendig zu halten. Und so erz\u00e4hlt Aino Laberenz noch, als man gemeinsam das Museum verl\u00e4sst, was ihr die Menschen in Remdoogo sagten, nachdem Schlingensief gestorben war: &#8222;Bitte lasst uns jetzt nicht im Stich.&#8220;<\/p>\n<p><em>Quelle: WELT AM SONNTAG vom 11.3.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gro\u00dfe Benefiz-Auktion f\u00fcr Schlingensiefs Operndorf in Afrika brachte eine Million Euro ein. 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