{"id":671,"date":"2012-03-10T12:37:26","date_gmt":"2012-03-10T10:37:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=671"},"modified":"2012-03-10T12:37:26","modified_gmt":"2012-03-10T10:37:26","slug":"eine-million-euro-fur-schlingensiefs-operndorf-berliner-morgenpost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=671","title":{"rendered":"EINE MILLION EURO F\u00dcR SCHLINGENSIEFS OPERNDORF (BERLINER MORGENPOST)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist ein Abend der gemischten Gef\u00fchle. Ein wenig traurig, auch lustig, ja, auf jeden Fall pathetisch. Irgendwie scheint er immer noch anwesend. Christoph Schlingensief h\u00e4tte es ganz bestimmt gefallen.<\/strong><\/p>\n<p>\ufeff<em>Von Gabriela Walde<\/em><\/p>\n<p>\ufeffDenn es war vor allem sein Abend. Ganz besonders als Patti Smith in ihren offenen, schluffigen Meilenstiefeln und dem l\u00e4ngst zur Marke gewordenen Fusselhaar im Hamburger Bahnhof zum Mikro greift und mit ihrer heilig-kratzigen Stimme ein Lied f\u00fcr ihren verstorbenen Freund anstimmt. &#8222;I am over the ocean&#8230; I am free&#8220;, singt sie. Bei so viel Himmel, so viel Liebe, so viel Zusammenhalt hatte mancher &#8211; zumindest kurz &#8211; mit den Tr\u00e4nen zu k\u00e4mpfen angesichts des fr\u00fchen Todes des 49-j\u00e4hrigen Regisseurs. Vor zwei Jahren starb er an Lungenkrebs.<\/p>\n<p><strong>Freunde, G\u00f6nner, Sammler<\/strong><\/p>\n<p>Nun versucht seine Witwe, Aino, wie alle vertraut das m\u00e4dchenhafte, durchscheinende Wesen nennen, sein letztes gr\u00f6\u00dftes Projekt zu vollenden: das afrikanische Operndorf in der N\u00e4he der Hauptstadt von Burkina Faso. Die Schule ist er\u00f6ffnet, nun soll eine Krankenstation folgen, als Kr\u00f6nung sp\u00e4ter einmal die gro\u00dfe B\u00fchne. Das ist Verm\u00e4chtnis und Last zugleich. Schlie\u00dflich war Schlingensief stets Dreh- und Angelpunkt der eigenen Arbeit, und ohne den charismatischen Kunst-Schamanen ist es schwer, die Mitte dieses Projektes zu halten. Geld ist sehr hilfreich, doch ein ganzes Dorf von Europa aus am Laufen zu halten, ist nicht ganz so einfach. Das braucht volle Leistung &#8211; und Ideale.<\/p>\n<p>Dabei hat Aino Laberenz freilich ein tolles Unterst\u00fctzerteam, sie erf\u00e4hrt viel Hilfsbereitschaft aus Berlin. Wie an diesem Abend. Sie sind alle da, etwa 400 Leute. Freunde, Bekannte, G\u00f6nner und Sammler wie Friedrich Christian Flick, Christian Boros und Julia Stoschek haben sich im Hamburger Bahnhof zur Versteigerung zusammengefunden. Insgesamt 84 Kunstwerke von prominenten K\u00fcnstlern wie Baselitz, Havekost, Uecker, Graubner waren eingeliefert worden. Zum Ersten, zum Zweiten&#8230; &#8211; drei Stunden brauchte &#8222;Auktionator&#8220; Peter Raue, dann hatte er exakt 1,025 Millionen Euro mit dem Hammer eingetrieben &#8211; ein wunderbarer Erfolg. Der Erl\u00f6s wird in den n\u00e4chsten Bauabschnitt des Operndorfes flie\u00dfen. &#8222;Im April geht es weiter&#8220;, sagt Aino Laberenz, die ganz aufgedreht ist, &#8222;weil alle Christophs Projekt so unterst\u00fctzen.&#8220;<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Versteigerungserfolg hatte Raue mit einer abstrakten, ein Meter gro\u00dfen Gouache des verstorbenen K\u00fcnstlers Sigmar Polke, entstanden 1987. 66.000 Euro brachte sie &#8211; der Sch\u00e4tzwert lag bei 35.000 Euro. Sie ging an einen Hamburger Produzenten. Flick hatte das Werk aus seiner Sammlung spendiert. Nicht alle Werke waren freilich so erfolgreich, f\u00fcr Nairy Baghramians eigenwilligen &#8222;Waste Basket&#8220; (gesch\u00e4tzt 6000 Euro) aus Draht konnte keiner sein Herz erw\u00e4rmen. So manches Werk ging allerdings unter dem Sch\u00e4tzwert an den Mann, darunter auch Hermann Nitschs blutrotes Sch\u00fcttelbild und erstaunlicherweise Havekosts Gem\u00e4lde &#8222;Glanz&#8220;. Daf\u00fcr brachte Gurskys gro\u00dfer &#8222;Gasherd&#8220; immerhin 33.000 Euro, der Sch\u00e4tzwert lag bei 25.000 Euro. Leicht fiel es Aino Laberenz sicher nicht, sich von einem &#8222;Burg&#8220;-Kost\u00fcm, das ihr Mann 2003 getragen hatte, zu trennen. Ein junger Mann schl\u00fcpfte zur Demonstration in rote Plateauschuhe, Puschelper\u00fccke und R\u00fcstung. Alle klatschten, alle dachten wieder an Schlingensief. Der Hammer fiel bei 20.000 Euro.<\/p>\n<p>Jenseits des reichen Geldsegens f\u00fcr Afrika war es ein sch\u00f6ner, solidarischer Abend. Dieser Moment der Gemeinsamkeit, der Verbundenheit aller Beteiligten sagt viel \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe der Ideen Christoph Schlingensiefs.<\/p>\n<p><em>Quelle: Berliner Morgenpost, 10.3.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Abend der gemischten Gef\u00fchle. Ein wenig traurig, auch lustig, ja, auf jeden Fall pathetisch. Irgendwie scheint er immer noch anwesend. 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