{"id":67,"date":"2006-01-12T22:45:53","date_gmt":"2006-01-12T20:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=67"},"modified":"2006-01-12T22:45:53","modified_gmt":"2006-01-12T20:45:53","slug":"die-globale-odipalpassion-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=67","title":{"rendered":"Die globale \u00d6dipalpassion (Der Standard)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer sich durch Schlingensiefs animatografischen Parcours im Burg-Zuschauerraum bewegt, \u00e4hnelt Parsifal&#8230;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Ronald Pohl<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nWer sich durch Christoph Schlingensiefs animatografischen Parcours im Zuschauerraum des Wiener Burgtheaters bewegt, \u00e4hnelt Parsifal: Ihm wird die Zeit, wo nicht lang, so doch zum Raum. Der Raum ist staatstheatralisch. Er beschreibt zugleich einen s\u00e4kularen Weihebezirk.<\/p>\n<p>Der Begehungsgast von Area 7 wird von einer Mythenzentrifuge erfasst, die ihn mit menschlicher Kotgeschwindigkeit (laut Schlingensief 320.000 km\/sec) in einen schlauchf\u00f6rmig gelegten Geburtskanal presst, der die avancierteste Videokunst mit Sperrm\u00fcllartefakten und Bruchholzkanten konfrontiert.<\/p>\n<p>Ein radikal menschenfreundlicher Dichter beschrieb den christlichen Sch\u00f6pfungsgott, von dessen Abschaffung Schlingensief unter anderem handelt, einst als &#8222;Schwein&#8220;: Der Herr habe den Sitz der Genitalien wohl absichtlich dort geparkt, wo \u00fcblicherweise dampfende Ausscheidungen hervorquellen. Welchem krankhaften Gem\u00fct ein solcher Gedanke entsprossen sei?<\/p>\n<p>Schlingensief, der um das s\u00e4kulare Gewicht des aller sakralen Lasten entbundenen K\u00fcnstlers wei\u00df, ist ein gewiefter Lottotrommeldreher. In den Verdauungsschl\u00e4uchen seiner Fantasie werden chemische Hochzeiten gez\u00fcndet: Parsifal, der &#8222;reine Tor&#8220;, ist dazu verdammt, die Moderne zu wiederholen.<\/p>\n<p>Er muss zu diesem Zweck eine &#8222;Arche&#8220; betreten, deren Grundriss zwar einem Sakralraum \u00e4hnelt, die aber, wenn sie nicht gerade Bayreuths Gr\u00fcnem H\u00fcgel aufhockt, dem Berg Ararat deutscher Selbstvergewisserung, selig durch Zeiten und Kontexte schippert. Es darf einem nicht schwindeln als Besucher von Area 7. Man muss mindestens die sieben Sch\u00f6pfungstage getreulich nachvollziehen wollen, um aus dem Assoziationstheater Schlingensiefs einen teutonischen, einen geradezu Teutoburger Kunstgenuss zu ziehen.<\/p>\n<p>Dann wird freilich wirklich alles gut. Die Gei\u00dfel des Eklektizismus, seit Theodor W. Adornos &#8222;Kulturindustrie&#8220;-Verdikt unter ideologischem Generalverdacht, kehrt als fr\u00f6hlich durchdrehender Reanimierungsmixer wieder. Schlingensiefs Verwertungsmaschine steht, was den Charme ihres Hyperaktivismus ausmacht, unausgesetzt unter Strom. Sie quirlt das Blut einer als Pumpe verstandenen Moderne.<\/p>\n<p>Schlingensief parkt auf dem zweifelhaftesten aller Kunst-Gemeinpl\u00e4tze: Dort, wo das Aus\u00fcben von Kunstpraktiken einen Zugang zu &#8222;unverstellten&#8220; Lebensmodellen gew\u00e4hrleisten soll. Schlingensiefs Idole hei\u00dfen, ohne jede Vollst\u00e4ndigkeit, Joseph Beuys, Dieter Roth oder Richard Wagner. Sie leben jeder fort in zimmergro\u00dfen Andachtsst\u00e4llen, deren Begehung einem Ritus des sch\u00f6pferischen Nachvollzugs folgt.<\/p>\n<p>Man begegnet Katzenb\u00e4lgern, die dem Physiker Schr\u00f6dinger entrissen worden sind. Man sieht Kaufhauszelte, die &#8222;Verwaltung&#8220; und &#8222;Obsession&#8220; hei\u00dfen und in lachhaften Tunnelkonstruktionen miteinander verbunden sind. Man f\u00fchlt sich auratisch von Fett und Filz bedr\u00e4ngt und ahnt dunkel: Im Wachrufen von Kunstgeschichtsschatten liegt Schlingensiefs kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzendes Ingenium.<\/p>\n<p>Wo nun alles zur Menschwerdung des lebenslangen Infantilmenschen mindestens \u00f6dipal zusammenschie\u00dft, braucht auch nichts mehr &#8222;gespielt&#8220; zu werden. Zweifelhafte physikalische Teilchenangaben wechseln im Mund des Vorf\u00fchrers (Schlingensief) mit noch viel okkulteren Angaben zu einem quasi &#8222;gegen\u00f6ffentlichen&#8220; Geschichtsentwurf.<\/p>\n<p>In einem Raum des Animatografen, der einer Kapelle mit Andachtsb\u00e4nken \u00e4hnelt, stehen in ungelenken Lettern die an die Wand gemalten S\u00e4tze des unseligen US-Pr\u00e4sidenten Richard Nixon, der die auf dem Mond verunfallten Astronauten mit Patriotismusfloskeln bedenkt. Es kam zwar bekanntlich anders; aber in Schlingensiefs Worten h\u00e4tte immerhin f\u00fcr Jesus Christus (!) die M\u00f6glichkeit bestanden, auf dem Mond zu sterben. &#8222;Sterben&#8220;, das meint: &#8222;\u00dcberleben&#8220;. Denn wer oder was stirbt, verdient es auch, von ihm auf seiner Globus-\u00fcberspannenden Passionsreise von Bayreuth \u00fcber Island und Namibia in den Himalaya recycelt zu werden.<\/p>\n<p>Schlingensief \u00fcber die Herzkammer seiner Installation, etwa an der Portalkante der Burgtheaterb\u00fchne gelegen: &#8222;Mich interessiert nicht die Schlange, die sich in den Schwanz bei\u00dft, sondern diejenige Schlange, die sich selbst in den Arsch hineinkriecht, um dann im eigenen Mund wiederaufzuerstehen!&#8220; Ihr Z\u00fcngeln ist das Theater eines, der das Theater endg\u00fcltig \u00fcberwunden hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich durch Schlingensiefs animatografischen Parcours im Burg-Zuschauerraum bewegt, \u00e4hnelt Parsifal&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=67"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/67\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=67"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=67"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=67"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}