{"id":664,"date":"2012-03-01T03:27:52","date_gmt":"2012-03-01T01:27:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=664"},"modified":"2012-03-01T03:27:52","modified_gmt":"2012-03-01T01:27:52","slug":"auktion-soll-schlingensiefs-afrikaprojekt-tragen-spiegel-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=664","title":{"rendered":"AUKTION SOLL SCHLINGENSIEFS AFRIKAPROJEKT TRAGEN (SPIEGEL ONLINE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Versteigerung von \u00fcber 80 Kunstwerken soll den Weiterbau von Christoph Schlingensiefs Operndorf im afrikanischen Burkina Faso garantieren. In der Auktion befinden sich viele Werke bekannter K\u00fcnstler, die eines gemeinsam haben: Sie sch\u00e4tzen Schlingensiefs Vision.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ingeborg Wiensowski<\/em><\/p>\n<p>Sein letztes und wichtigstes Projekt und sein letzter gro\u00dfer Wille war das Operndorf Afrika. Ein &#8222;sozialer Klangk\u00f6rper&#8220; sollte es nach Christoph Schlingensiefs Worten werden, eine &#8222;soziale Plastik&#8220;, in der das Leben die Kunst ist.<\/p>\n<p>Als Schlingensief am 21. August 2010 an Lungenkrebs starb, hatte er sein &#8222;Kraftzentrum&#8220; im westafrikanischen Staat Burkina Faso, 30 Kilometer \u00f6stlich der Hauptstadt Ouagadougou, schon angeschoben. Er hatte den Architekten Francis K\u00e9r\u00e9 engagiert und mit ihm seine Tr\u00e4ume und Ideen f\u00fcr eine Schule mit Film- und Musikklassen, f\u00fcr Werkst\u00e4tten, ein paar Wohn- und G\u00e4steh\u00e4user, f\u00fcr eine Siedlung, eine Kantine und ein Caf\u00e9, f\u00fcr B\u00fcros, einen Fu\u00dfballplatz, eine Krankenstation und f\u00fcr ein Theater mit B\u00fchne, Festsaal und Prober\u00e4umen in Pl\u00e4nen festgelegt. Und er hatte am 8. Februar 2010 den Grundstein f\u00fcr seine Vision eines afrikanischen Operndorfes gelegt.<\/p>\n<p><strong>Eine Schule f\u00fcr das Operndorf<\/strong><\/p>\n<p>Seine Frau Aino Laberenz hatte Schlingensief so tief in sein Projekt einbezogen, dass sie an seinem gro\u00dfem Lebenstraum weiterarbeiten kann. Und wie! Schon im Oktober 2011 wurden mit einem Fest zwei Schulgeb\u00e4ude, zwei Wohnh\u00e4user f\u00fcr Lehrer und f\u00fcnf K\u00fcchen- und Wirtschaftsgeb\u00e4ude auf den zur Verf\u00fcgung stehenden f\u00fcnf Hektar Land eingeweiht. Seitdem besuchen 25 Jungen und 25 M\u00e4dchen aus den umliegenden kleinen D\u00f6rfern die Schule, in der es auch Kunst-, Film- und Musikklassen gibt.<\/p>\n<p>Jetzt steht der n\u00e4chste Bauabschnitt an. Die Festspielhaus GmbH, der Laberenz vorsteht, will 2012 eine Krankenstation, eine gro\u00dfe Solaranlage, Wohnh\u00e4user f\u00fcr Krankenschwestern und Pfleger, G\u00e4steh\u00e4user und K\u00fcnstlerresidenzen realisieren. Auf rund 500.000 Euro werden sich die Kosten belaufen, und weil das Ausw\u00e4rtige Amt abgesprungen ist und nur noch vom Goethe-Institut \u00f6ffentliche Mittel kommen, muss nun fast der gesamte Betrag durch private Spenden aufgebracht werden.<\/p>\n<p><strong>Kunst f\u00fcr die Finanzierung der &#8222;sozialen Plastik&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wie das gehen kann, ist gerade im Hamburger Bahnhof, Museum f\u00fcr Gegenwart in Berlin, zu besichtigen. Dort h\u00e4ngen und stehen n\u00e4mlich in vier R\u00e4umen rund 80 zeitgen\u00f6ssische Kunstwerke &#8211; Gem\u00e4lde, Fotografien Zeichnungen, Videos und einige Skulpturen -, die von K\u00fcnstlern, von Galerien oder von privaten F\u00f6rderern geschenkt wurden und die in der &#8222;Auktion 3000&#8220; zugunsten des Operndorfs am 8. M\u00e4rz \u00f6ffentlich versteigert werden sollen. Gesch\u00e4tzter Wert: rund eine Million Euro.<\/p>\n<p>Zu verdanken ist das der unerm\u00fcdlichen Arbeit von Aino Laberenz, dem Team ihrer gemeinn\u00fctzigen GmbH, vielen Freunden und F\u00f6rderern Schlingensiefs und der Nationalgalerie, die die Ausstellung und die Auktion im Hamburger Bahnhof erm\u00f6glicht. Laberenz hat Kontakte zu K\u00fcnstlerfreunden und Kollegen ihres gestorbenen Mannes gekn\u00fcpft, ihr Anliegen zum Weiterbau des Operndorfes vorgetragen und um ein Werk f\u00fcr die Versteigerung gebeten. &#8222;Es war unglaublich sch\u00f6n, wie die K\u00fcnstler auf meinen Anruf oder einen Brief reagiert haben, wie sehr sie Christoph gesch\u00e4tzt haben, wie liebevoll und begeistert sie \u00fcber ihn und seine Arbeit sprechen und das Operndorf als sein Projekt unterst\u00fctzen wollen&#8220;, sagt Laberenz.<\/p>\n<p>Als sie zum Beispiel Matthew Barney anrief, dessen Telefonnummer sie im Mobiltelefon ihres Mannes gefunden hatte, sagte der sofort eine Arbeit zu. &#8222;Cremaster 3: Plumb Line&#8220; hei\u00dft die wunderbare Fotoarbeit des Amerikaners im typischen Barney-Acrylrahmen, die gleich im ersten Raum h\u00e4ngt, auf 19.500 Euro gesch\u00e4tzt ist und mit Sicherheit bei der Auktion mehr einbringen wird.<\/p>\n<p>Auch &#8222;Gasherd&#8220;, ein fr\u00fches Foto von Andreas Gursky, kommt direkt vom K\u00fcnstler und wird sicherlich die gesch\u00e4tzte Summe von 25.000 Euro \u00fcbersteigen. Bekannte K\u00fcnstlernamen gibt es viele: Olafur Eliasson hat ein silbern reflektierendes Skateboard in einem Glaskasten gestiftet, vom Fotografen Thomas Struth kommt das Foto &#8222;Pacific Heights Place&#8220; von 2006 f\u00fcr 10.000 Euro, und auf den gleichen Wert ist die Fotografie &#8222;Streetcorner in Butte, Montana&#8220; von Wim Wenders gesch\u00e4tzt. Von Patti Smith, die noch kurz vor Schlingensiefs Tod in M\u00fcnchen zusammen mit ihm ausgestellt hatte, ist eine gro\u00dfe MDF-Platte mit geschriebenen und gezeichneten Freundschaftsbezeugungen in der Auktion.<\/p>\n<p>Wie sehr Schlingensief, seine Haltung und Arbeit von seinen Kollegen gesch\u00e4tzt wurde, zeigt die prominente K\u00fcnstlerliste: Rebecca Horn, Marina Abramovic, Georg Baselitz, Gotthard Graubner, Hermann Nitsch, G\u00fcnther Uecker oder Robert Wilson. Und es finden sich Namen junger Kollegen wie Keren Cytter, Martin Eder, John Bock, Monica Bonvicini, Eberhard Havekost, Nairy Baghramian oder Michael Sailstorfer. Auch ein B\u00fchnenkost\u00fcm von Schlingensief kann man ersteigern, das er in seiner Burgtheater-Produktion &#8222;Bambiland&#8220; selbst getragen hat.<\/p>\n<p><strong>Von Afrika lernen<\/strong><\/p>\n<p>Kein Zweifel, die Arbeit an Schlingensiefs Operndorf geht weiter, von der anfangs heftig ge\u00e4u\u00dferten Skepsis ist kaum noch etwas zu h\u00f6ren. Und wer danach fragt, warum eine Krankenstation noch vor einem Festspielhaus zu einem Operndorf geh\u00f6rt, der muss sich nur mit Aino Laberenz unterhalten. &#8222;Von Afrika lernen&#8220;, das sei keine eing\u00e4ngige Parole, sagt sie und spricht wie Schlingensief von &#8222;den spirituellen und kulturellen Sch\u00e4tzen Afrikas&#8220;, die wir l\u00e4ngst schon &#8222;verspielt haben&#8220;, von der Realit\u00e4t eines Krankenhauses, in dem ein Kind geboren, wo das soziale Umfeld im Auge behalten wird und Menschen aus der Gegend Arbeit finden. &#8222;Wir m\u00fcssen die Kunst im Leben ansiedeln&#8220;, sagt Laberenz, dann k\u00f6nne die Trennung von Kunst und Leben aufgehoben werden.<\/p>\n<p>Sie sei viel realistischer und pragmatischer als ihr Mann, sagt sie. Aber wenn sie von ihren Besuchen bei den zwei benachbarten H\u00e4uptlingen erz\u00e4hlt und den Ritualen, mit denen die beiden das Land befragten, ob das Operndorf willkommen sei, von der Respektierung ihres Wunsches, dass gleich viele M\u00e4dchen und Jungen in die Schule kommen sollten, von ihren Pl\u00e4nen, den Dorfplatz zu befestigen und vielleicht dort schon jetzt Filme zu zeigen oder K\u00fcnstlern einen Platz f\u00fcr Aktionen zu geben, dann h\u00f6rt man die gleiche Begeisterung, mit der Schlingensief jeden \u00fcberzeugen konnte.<\/p>\n<p>Und man ist \u00fcberzeugt, dass hier im \u00e4rmsten Land Afrikas Schlingensiefs Wunsch f\u00fcr alle wahr werden wird, n\u00e4mlich &#8222;dass wir unsere Begriffe von Kultur, Kunst, Oper usw. neu aufladen&#8220;.<\/p>\n<p>Auktion 3000 f\u00fcr das Operndorf am 8.3. um 20 Uhr in Berlin im Hamburger Bahnhof und im Internet. Besichtigung bis 4. M\u00e4rz und unter der Website www.auktion3000.com<\/p>\n<p><em>Quelle: SPIEGEL ONLINE vom 28.2.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Versteigerung von \u00fcber 80 Kunstwerken soll den Weiterbau von Christoph Schlingensiefs Operndorf im afrikanischen Burkina Faso garantieren. 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