{"id":661,"date":"2012-02-15T10:28:30","date_gmt":"2012-02-15T08:28:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=661"},"modified":"2012-02-15T10:28:30","modified_gmt":"2012-02-15T08:28:30","slug":"die-neuen-kurzfilme-das-ende-der-geschichten-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=661","title":{"rendered":"DIE NEUEN KURZFILME: DAS ENDE DER GESCHICHTEN (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kryptisch, hektisch, radikal: Die Beitr\u00e4ge der Kurzfilmreihe Berlinale Shorts feiern das filmische Experiment &#8211; auch mit einem posthumen Werk von Christoph Schlingensief.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Johannes Schneider<\/em><\/p>\n<p>Irgendwann ist das ein bisschen enervierend: wie man sich da in rudiment\u00e4re Handlungen hineinkonzentrieren muss. Wie Kameras best\u00e4ndig Protagonisten fixieren, von denen man \u00fcberhaupt nicht wei\u00df, was sie denn nun f\u00fcr den Film bedeuten. Die insgeheime Hoffnung, dass das Gezeigte doch irgendwie eine Erz\u00e4hlung ist, muss bei dieser Ausgabe der Berlinale Shorts besser fr\u00fcher als sp\u00e4ter begraben werden. 27 Kurzfilme sind an den ersten vier Festivaltagen in f\u00fcnf Sektionen zu sehen (Cinemaxx 3 und 5). Sie machen Ernst mit der Hingabe an das filmische Experiment, an atmosph\u00e4rische Tiefenanalysen und narrative Br\u00fcche, kurz: mit der Abkehr vom Geschichtenerz\u00e4hlen, die laut Kuratorin Maike Mia H\u00f6hne auch das Leitmotiv des diesj\u00e4hrigen Auftritts sein soll.<\/p>\n<p>Dabei bleibt zu oft eine dr\u00e4ngende Frage bestehen, die von einer produktiven Filmlekt\u00fcre ablenkt: Was tun all diese Menschen? Warum sucht der13-j\u00e4hrige Protagonist in \u201eRafa\u201c des Portugiesen Joao Salaviza, alleine bei der Lissaboner Polizei nach seiner Mutter? Warum nehmen die Polizisten ihn in eine Art Kreuzverh\u00f6r, und warum taucht pl\u00f6tzlich noch seine \u00e4ltere Schwester mit ihrem Baby auf? Und wer sind die M\u00e4nner, die im Beitrag \u201eYi chang ge ming zhong hai wei lai de ji ding yi de xing wei\u201c des Chinesen Sun Xun einen alten Mann aus seinem Unterschlupf auf einem Brachland vertreiben wollen? Kriminelle? Immobilienhaie? Und in welchem Verh\u00e4ltnis stehen sie zu der S\u00e4ngerin aus dem Zirkus, die sich st\u00e4ndig auszieht?<\/p>\n<p>Kryptische Erz\u00e4hlweisen, hektische Untertitelungen, semantische Unklarheiten, von denen man nicht wei\u00df, ob sie filmisch gewollt oder dem Sprach- und Kulturtransfer geschuldet sind \u2013 es ist nicht ganz einfach, den Filmen zu folgen. Und es ist auch nicht ganz einfach, an ihnen ein gemeinsames Ganzes zu beschreiben. Denn nat\u00fcrlich gibt es unter ihnen auch welche, die dem Leitmotiv v\u00f6llig zuwider laufen: die beiden koreanischen Beitr\u00e4ge etwa, die sich \u2013 beinahe unambitioniert\u2013 darauf beschr\u00e4nken, Figuren zu entwickeln, Geschichten zu erz\u00e4hlen, Konflikte aufzuzeigen. Wie da in Kim Souk-youngs \u201eMah-Chui\u201c ein ganz simpler Plot abgespult wird (Krankenschwester beobachtet Arzt bei der Vergewaltigung einer narkotisierten Patientin, will ihn anzeigen, ger\u00e4t dabei in Konflikt mit ihren Kolleginnen, schlie\u00dflich sogar mit dem Opfer selbst), das hat denkbar wenig etwa mit Christoph Schlingensiefs \u201eSay Goodbye to the Story\u201c zu tun.<\/p>\n<p>Dass just dieses Kurzfilmverm\u00e4chtnis die anderen Wettbewerbsbeitr\u00e4ge, die konventionelleren ebenso wie die experimentellen, locker zu \u00fcberstrahlen scheint, l\u00e4sst sich derweil auf eine F\u00fclle von Gr\u00fcnden zur\u00fcckf\u00fchren. Nicht nur, dass Schlingensief als Titelgeber der diesj\u00e4hrigen Shorts ein Thema ausf\u00fcllen darf, das er, in gewisser Weise, selbst gesetzt hat. Nicht nur, dass das von Schlingensief angerichtete Wahrnehmungschaos gegen\u00fcber denen von anderen Kontinenten seltsam vertraut wirkt. Schlingensiefs Film t\u00e4nzelt, indem er das Entstehen zweier Filmszenen mit all den \u00fcblichen Wiederholungen, Regieanweisungen, Pannen und Abschweifungen offenlegt, \u00fcberzeichnet und mit Musik einwagnert, einmal mehr m\u00fchelos zwischen filmischer Aktion, ihrer Ironisierung und Dekonstruktion. Dabei beinhaltet er etwas, das den oft bleiernen Beitr\u00e4gen von indischen M\u00fcllkippen, aus chinesischen Abbruchgebieten und dem lateinamerikanischen Hinterland \u2013 vielleicht zu Recht, vielleicht zu oft \u2013 abgeht: Komik.<\/p>\n<p>So l\u00e4sst sich denn auch das Unbehagen an dieser Auswahl auf die Abwesenheit der zwei gro\u00dfen H zur\u00fcckf\u00fchren: Handlung und Humor. Zwischen Experimenten, die etwa im Fall der flackernden Farbstreifen von Billy Roisz\u2019 Animationsfilm \u201eZounk!\u201c schwerlich noch Film zu nennen sind, verliert das Kino seine Mitteilsamkeit. Dabei g\u00e4be es doch noch so viel zu berichten. Und sei es nur \u2013 Schlingensief hat vorgemacht, wie es gehen kann \u2013 vom Ende der Geschichten.<\/p>\n<p><em>Quelle: Der Tagesspiegel vom 10.02.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kryptisch, hektisch, radikal: Die Beitr\u00e4ge der Kurzfilmreihe Berlinale Shorts feiern das filmische Experiment &#8211; auch mit einem posthumen Werk von Christoph Schlingensief. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/661"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=661"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/661\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}