{"id":657,"date":"2012-02-02T16:25:30","date_gmt":"2012-02-02T14:25:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=657"},"modified":"2012-02-02T16:25:30","modified_gmt":"2012-02-02T14:25:30","slug":"schlingensiefs-operndorf-ist-ein-erbe-das-verpflichtet-hamburger-abendblatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=657","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS OPERNDORF IST EIN ERBE, DAS VERPFLICHTET (HAMBURGER ABENDBLATT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heute stellt Aino Laberenz im Rahmen der Thalia-Lessingtage das westafrikanische Kultur-Projekt ihres verstorbenen Mannes vor.<\/strong><\/p>\n<p><em>VON JOACHIM MISCHKE<\/em><\/p>\n<p>Berlin. Seit dem Krebstod des K\u00fcnstlers Christoph Schlingensief im August 2010 ist Aino Laberenz, 30, die treibende Kraft hinter seinem &#8222;Operndorf&#8220; in Burkina Faso, einem &#8222;Gesamtkunstwerk, das afrikanische und europ\u00e4ische Kulturen verbinden&#8220; soll. Wir trafen Laberenz, die 2005 von &#8222;Theater heute&#8220; als &#8222;Beste Nachwuchs-Kost\u00fcmbildnerin&#8220; geehrt wurde, in Berlin. <\/p>\n<p><strong>Hamburger Abendblatt: Es gibt ein Lessing-Zitat, das bestens passt: &#8222;Nur die Sache ist vertan, die man aufgibt.&#8220; Nach Aufgabe sieht Ihr Projekt aber nun wirklich nicht aus.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aino Laberenz:<\/strong> \u00dcberhaupt nicht. Als Christoph gestorben war und ich sehr schnell kl\u00e4ren musste, wie es weitergehen kann, habe ich die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung angetreten. Diese Verantwortung zu \u00fcbernehmen, Strukturen zu schaffen und nicht aufzugeben &#8211; das war neu f\u00fcr mich. Nach Christophs Tod gab es einen Baustopp, dann haben wir Firmen ausgesucht, uns um die Auflagen gek\u00fcmmert und im letzten Februar den Bau wieder aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>Der erste Bauabschnitt ist vollendet. Der zweite soll in diesem Jahr begonnen werden, im dritten soll das Opernhaus entstehen. Wie gro\u00df ist der Finanzbedarf?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Die laufenden Kosten sind momentan relativ gering. Wir tragen den Lohn der drei Lehrer und die Versorgung der Kinder. Das wird steigen, wenn wir eine Krankenstation unterhalten. F\u00fcr 2012 und 2013 k\u00f6nnen wir die laufenden Kosten bezahlen.<\/p>\n<p><strong>Die ersten vier W\u00f6rter, die mir zum Operndorf in den Sinn kamen, waren: romantisch, heroisch, naiv und verr\u00fcckt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Romantisch ist es nicht, daf\u00fcr ist das Projekt viel zu real. Heroisch? Kann ich nicht sagen. Verr\u00fcckt? Ich bin pragmatischer als Christoph. Und die Vision hat sich in eine ganz andere Realit\u00e4t entwickelt, da kann man nicht allzu verr\u00fcckt sein. Naiv? Also ich bin es nicht. Das Operndorf w\u00e4re heute auch nicht da, wo es schon ist, w\u00e4re ich das naiv angegangen.<\/p>\n<p><strong>In &#8222;Emilia Galotti&#8220; steht ein Satz, der zu Schlingensiefs Operndorf-Devise &#8222;Macht mit unserem Geld, was ihr wollt&#8220; passt: &#8222;Tu, was du nicht lassen kannst.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Mein Wunsch f\u00fcr dieses Projekt ist, dass es autonom w\u00e4chst. Dass es sich &#8211; wie Christoph einmal sagte &#8211; wie ein Organismus verh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen wir in Westeuopa von dieser Idee, die f\u00fcr ein Land in Westafrika entstand, mitnehmen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Mich interessiert die Begegnung auf Augenh\u00f6he sehr, ohne Perspektive von oben herab. Das Land ist wirklich arm, und trotzdem gibt es dort eine gro\u00dfe Kulturlandschaft und gro\u00dfes Selbstbewusstsein. Christoph hat es geschafft, sich sehr auf die Menschen und die Gegebenheiten einzulassen.<\/p>\n<p><strong>Ein Operndorf k\u00f6nnten Sie, ganz banal gesagt, ja auch in Sachsen-Anhalt aufbauen. W\u00e4re das zu nah? Zu einfach?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Ich k\u00f6nnte jetzt antworten, dass Christoph zu Sachsen-Anhalt nicht wirklich einen kreativen Zugang hatte. Afrika war f\u00fcr ihn immer auch ein Kontinent, zu dem er eine klare Bindung hatte. \u00dcber Deutschland hat er gesagt: &#8222;Mir brechen hier die Antennen ab. Hier wird man permanent mit Meinungen und Haltungen zugeballert, man kann sich kaum noch \u00f6ffnen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>F\u00fchlen Sie sich durch das Operndorf \u00e4lter, als Sie sind? M\u00fcssen Sie reifer sein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Ja, ich denke schon. Da spielt nat\u00fcrlich auch der Tod eine gro\u00dfe Rolle. Ich bin mit noch nicht einmal 30 Witwe geworden. Ich verstehe mich mit den alten Damen auf dem Friedhof und bin dann auch eine 80-J\u00e4hrige. Die Dinge verschieben sich.<\/p>\n<p><strong>Ist das Operndorf f\u00fcr Sie eine Lebensaufgabe?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Ich wei\u00df, dass es noch lange Zeit braucht, und ich werde es auch nie verlieren. Und wenn ich irgendwann sehe, es ist eigenst\u00e4ndig, ist das gro\u00dfartig.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht Ihr eigener Zukunftsplan aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz<\/strong> (lacht): Den hab ich nicht. Christoph hat mir immer sehr viel mehr vertraut als ich mir selber. Ohne ihn ist es jetzt an mir, das zu tun. In Projekten geht das ganz gut, weil es dann nicht immer nur um den eigenen Schmerz geht. Da \u00f6ffnen sich andere T\u00fcren.<\/p>\n<p><strong>Wie gehen Sie damit um, von vielen nur als &#8222;die Witwe von&#8220; gesehen zu werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Das ist sehr schwierig. Man wird sehr auf ein Wort reduziert und hat teilweise noch nicht mal einen eigenen Namen. Ich w\u00fcsste nicht, wie ich mich dagegen wehren soll. Es ist abstrus.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchlt sich das Operndorf f\u00fcr Sie wie &#8222;mein&#8220; Projekt an oder ist es nach wie vor noch &#8222;seins&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Laberenz:<\/strong> Es ist auf jeden Fall unser Projekt. Ich suche sehr gern in dem, was er gesagt hat. Diese Vision vom Operndorf ist f\u00fcr mich ganz konkret.<\/p>\n<p><strong>Operndorf Afrika: Zwischenstand<br \/>\nHeute 20 Uhr, Thalia Gau\u00dfstra\u00dfe.<br \/>\nMit Aino Laberenz, John Bock (K\u00fcnstler), Harald Falckenberg (Sammler u. M\u00e4zen), Matthias Lilienthal (HAU Berlin). Restkarten an der Abendkasse.<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.operndorf-afrika.com\">www.operndorf-afrika.com<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: Hamburger Abendblatt vom 02.02.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute stellt Aino Laberenz im Rahmen der Thalia-Lessingtage das westafrikanische Kultur-Projekt ihres verstorbenen Mannes vor.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/657"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/657\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}