{"id":645,"date":"2011-10-21T10:37:57","date_gmt":"2011-10-21T08:37:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=645"},"modified":"2011-10-21T10:37:57","modified_gmt":"2011-10-21T08:37:57","slug":"kunstler-im-kochtopf-der-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=645","title":{"rendered":"K\u00dcNSTLER IM KOCHTOPF (DER SPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Operndorf, das der 2010 gestorbene Christoph Schlingensief Burkina Faso schenken wollte, nimmt Gestalt an. In Afrika wird das Projekt gefeiert, in Deutschland regt sich Kritik.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Wolfgang H\u00f6bel<\/em><\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr afrikanische Menschen verdammt schwer, es ihren europ\u00e4ischen Freunden recht zu machen. Genau besehen ist es sogar unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Der Theatermacher Wilfrid Bambara und ein paar andere Bewohner von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou suchten eine Antwort auf die Frage: Wie sieht die ideale Party f\u00fcr eine Schuler\u00f6ffnung aus, wenn diese Schule von deutschen Geldgebern bezahlt wurde? Man kann, ganz klassisch, zwei- bis dreist\u00fcndige Politikerreden ansetzen, ein Streichquartett von Beethoven auff\u00fchren lassen oder einen Festvortrag \u00fcber die Bildungsideale Alexander von Humboldts bestellen.<\/p>\n<p>Wilfrid Bambara hat sich dann doch anders entschieden: Auf einem staubigen Platz 30 Kilometer \u00f6stlich von Ouagadougou hat er sechs Dutzend Kinder tanzen lassen. So klingen nun elektrisch verst\u00e4rkte Popmusik und gellendes Jubelgeschrei \u00fcber den Festplatz im &#8222;Operndorf de Christoph Schlingensief&#8220;, wie auf den Schildern am Ortseingang steht.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, ein tr\u00e4umerischer Revoluzzer und revolution\u00e4rer Tr\u00e4umer, wollte hier, in Afrika, sein liebstes Projekt realisieren, ein Dorf f\u00fcr die Oper, Oper f\u00fcr ein Dorf. Er hat es geplant, die Er\u00f6ffnung der zuerst fertiggestellten Schule findet ohne ihn statt. Im August 2010 ist er an Krebs gestorben. Mit 49 Jahren.<\/p>\n<p>12- bis 16-j\u00e4hrige T\u00e4nzer mit Masken, die Giraffen und Elefanten, Antilopen und L\u00f6wen darstellen, f\u00fchren nun, auch zu seinen Ehren, Freudent\u00e4nze auf. Und mittendrin dirigiert Bambara, 30 Jahre alt, ein sowohl in seiner Heimatstadt Ouagadougou als auch international aktiver Choreograf, mit einem Mikrofon l\u00e4ssig die Jungs und M\u00e4dchen. &#8222;Wir werden arbeiten, Freunde&#8220;, br\u00fcllen sie.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Dies ist ein wahnsinniger Tag&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Dies ist ein wahnsinniger Tag&#8220;, sagt Aino Laberenz, die zierliche Witwe Christoph Schlingensiefs, ins Mikrofon auf dem Festplatz. &#8222;Dies ist ein gl\u00fccklicher Tag&#8220;, sagt Koumba Boly-Barry, eine gro\u00dfe schwarze Frau mit Hornbrille, die Bildungsministerin von Burkina Faso.<\/p>\n<p>Und damit auch wirklich Festtagsstimmung aufkommt, steuert Madame Boly-Barrys Wagenkolonne aus blitzblank geputzten wei\u00dfen SUV ein bisschen Sirenengeheul bei, was vor allem die Ziegen und Rinder, die hier in der Savanne unter Affenbrotb\u00e4umen weiden, zu beeindrucken scheint.<\/p>\n<p>Es herrscht eine l\u00e4rmende Euphorie an diesem Morgen. Er markiert f\u00fcr 25 M\u00e4dchen und 25 Jungen den Beginn ihrer Schulausbildung. Sie sind zwischen sechs und neun Jahre alt und kommen aus den umliegenden D\u00f6rfern. Mit ihren Eltern und Geschwistern haben sie sich am Rand des Festplatzes unter einem auf Holzstelzen aufgespannten blauen Zeltdach versammelt und sehen den T\u00e4nzern zu. Der aufgewirbelte rote Savannenstaub zieht in gro\u00dfen Wolken in Richtung der Politikertrib\u00fcne, wo sich manche der G\u00e4ste T\u00fccher vor Mund und Nase halten.<\/p>\n<p>In der Sonnenglut gl\u00e4nzen die Wellblechd\u00e4cher der H\u00e4user, die der burkinische Architekt Francis K\u00e9r\u00e9 entworfen hat, zwei langgestreckte Schulh\u00e4user geh\u00f6ren dazu, die beiden schmal aufragenden Lehrerwohnungsgeb\u00e4ude und f\u00fcnf ebenso schmale K\u00fcchen- und Wirtschaftsgeb\u00e4ude. Die H\u00e4user haben hohe Fenster mit t\u00fcrkisfarbenen L\u00e4den aus Metalllamellen, sie sind auf einfachste Art aus vor Ort gebrannten Lehmziegeln gebaut und doch mit einer raffinierten Bel\u00fcftung ausger\u00fcstet. &#8222;Christoph Schlingensief w\u00e4re wahnsinnig happy mit dem, was hier entstanden ist und wie wir es feiern&#8220;, sagt K\u00e9r\u00e9, der fehlerfrei Deutsch spricht und seit 20 Jahren zwischen Berlin und Burkina Faso pendelt. &#8222;Ich bin es auch.&#8220;<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ein historisierendes Kitschprodukt&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Leider fand der Kritiker der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; das Schulfest nicht so toll wie die 500 Zuschauer, die den tanzenden Kindern begeistert applaudierten. Das Spektakel von Wilfrid Bambara belebe &#8222;Traditionen, die in der lokalen Bev\u00f6lkerung kaum noch eine Rolle spielen&#8220;, schrieb der Rezensent, es habe viel zu wenig mit dem &#8222;gegenw\u00e4rtigen landestypischen Theater&#8220; zu tun, ein historisierendes Kitschprodukt also, diktiert von &#8222;Fachleuten aus der Ferne&#8220;.<\/p>\n<p>Ein erstaunliches Urteil. Winfrid Bambara, der Choreograf, hat sechs Wochen lang mit \u00fcber 70 Jugendlichen aus den D\u00f6rfern, die rund um das Operndorf liegen, \u00fcber ihre Gedanken und Ideen zur Schuler\u00f6ffnung diskutiert. Er trainierte fast t\u00e4glich mit ihnen, bei weit \u00fcber 30 Grad Celsius und stets unter freiem Himmel, weil es an schattenspendenden D\u00e4chern fehlte. Und er hat einen wilden, heutigen Popspa\u00df zustande gebracht.<\/p>\n<p>Der Kritiker der &#8222;S\u00fcddeutschen&#8220; aber war nicht nach Burkina Faso ins Operndorf gekommen. F\u00fcr sein Urteil gen\u00fcgten ihm ein paar Zeilen auf der Web-Seite des Goethe-Instituts von Ouagadougou \u00fcber das dramaturgische Konzept des Tanz-Workshops: willkommener Beleg f\u00fcr die Behauptung des Zeitungsfachmanns aus der Ferne, das Schlingensief-Projekt sei eine &#8222;Schwarzwaldklinik f\u00fcr die Seele&#8220;.<\/p>\n<p>Die Schule ist f\u00fcr insgesamt 300 Kinder ausgelegt, die in den kommenden Jahren nach und nach hier aufgenommen werden sollen. Sie ist der erste Baustein eines Unternehmens, zu dem am Ende eine Krankenstation, eine G\u00e4ste-Unterkunft und ein Festspielhaus geh\u00f6ren sollen. &#8222;Ein Gesamtkunstwerk, das afrikanische und europ\u00e4ische Kulturen verbindet und so zu einer Erneuerung der totgespielten Oper f\u00fchrt&#8220;, hat sich der K\u00fcnstler Schlingensief hier in den Monaten vor seinem Tod gew\u00fcnscht, einen &#8222;Ort der Transzendenz im Alltag&#8220;. Die Schule soll auch Musik- und Filmunterricht anbieten.<\/p>\n<p>In Kamerun, Namibia und Mosambik haben Schlingensief und seine Frau Aino Laberenz nach Standorten f\u00fcr das Operndorf gesucht, in Burkina Faso, einem der \u00e4rmsten und seit vielen Jahren friedlichsten L\u00e4nder Afrikas, wurden sie f\u00fcndig. Rund 500.000 Euro an Spendengeldern wurden bislang verbaut, der S\u00e4nger Herbert Gr\u00f6nemeyer hat 100.000 Euro gegeben, der Regisseur Roland Emmerich und der Schriftsteller Henning Mankell ebenso viel, der ehemalige Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler ist Schirmherr. Bei der Schuler\u00f6ffnung fehlte er. Daf\u00fcr sind der neubestellte deutsche Botschafter und der Leiter der \u00f6rtlichen Goethe-Niederlassung da.<\/p>\n<p><strong>Der hemmungslose Forschergeist ist das Einzigartige am Operndorf<\/strong><\/p>\n<p>Der Goethe-Mann hei\u00dft Peter Stepan und ist ein grauhaariger spirreliger Mann, der eine gewisse Abgebr\u00fchtheit zur Schau stellt. Die Politiker in Burkina Faso rechneten ihr Land m\u00f6glicherweise ein bisschen \u00e4rmer, als es wirklich sei, sagt er, wirklich hungern m\u00fcsse derzeit wohl niemand. In gewisser Weise sei es &#8222;der totale Luxus&#8220;, der den Operndorf-Kindern geboten werde, schon deshalb, weil sie anders als in allen anderen Schulen des Landes kein Schulgeld und kein Essensgeld bezahlen m\u00fcssten. Die Idee Schlingensiefs, &#8222;hier einen Ort des k\u00fcnstlerischen Austauschs zu schaffen&#8220;, findet Stepan &#8222;einzigartig, in jeder Hinsicht gro\u00dfartig&#8220;.<\/p>\n<p>Nur herrscht \u00fcber die genauen Inhalte dieser Idee derzeit Unklarheit.<\/p>\n<p>Seit Monaten halten Stepan und seine Mitarbeiter sogenannte Dorfgespr\u00e4che ab, um ja niemanden vor den Kopf zu sto\u00dfen, weder die Anrainer des Operndorfs noch die Politiker in Ouagadougou. Stepan will Neugier wecken und erfahren, wie die Arbeit des Projekts nach Ansicht der Einheimischen aussehen k\u00f6nnte. Manchmal holen sich die Goethe-Leute auch bei Experten aus Deutschland Rat.<\/p>\n<p><strong>Umsetzung &#8222;schwieriger als urspr\u00fcnglich geplant&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Und deren Urteile finden sich auch in deutschen Zeitungen. In der &#8222;Zeit&#8220; kam ein Ethnologenpaar aus M\u00fclheim an der Ruhr und Trier nach einem Besuch in Burkina Faso im Fr\u00fchjahr zu dem Befund, die Umsetzung von Schlingensiefs Ideen sei &#8222;schwieriger als urspr\u00fcnglich gedacht&#8220;. Die beiden Ethnologen h\u00e4tten, so Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz, zuvor Interesse bekundet, am Projekt beratend mitzuwirken. Nach Darstellung der Ethnologen hat es ein solches Beratungsangebot nicht gegeben.<\/p>\n<p>In der &#8222;Zeit&#8220; schrieben die Ethnologen dann, sie h\u00e4tten herausgefunden, dass es den Operndorf-Pl\u00e4nen an &#8222;breiter Zustimmung&#8220; im Land mangele, zudem seien heimische K\u00fcnstler nicht genug eingebunden in den Beirat des Dorfes, &#8222;weder in der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung noch im illustren Kreis der Festspielhausleitung fanden sich bisher ausgewiesene Burkina-Kenner oder gar lokale Vertreter&#8220;.<\/p>\n<p>Angesichts der positiven Berichte in Burkina Fasos Zeitungen und im Fernsehen der Region, die nun dem Schulstart galten, wirkt das Urteil etwas vorschnell.<\/p>\n<p>Zu den &#8222;illustren&#8220; Menschen, die inzwischen einen Operndorf-Beirat von einheimischen K\u00fcnstlern bilden, geh\u00f6rt neben anderen ein Mann, den sie in Burkina Faso Smockey nennen. Er ist ein breitschultriger H\u00fcne, er hat lange in Frankreich gelebt und betreibt nun ein Musikstudio in der Hauptstadt. Vor allem aber singt er popul\u00e4re Lieder, in denen er gegen die M\u00e4chtigen und Korrupten rappt, vor Monaten wurde er daf\u00fcr zum besten Rapper Afrikas gek\u00fcrt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Er\u00f6ffnungsfeier der Dorfschule steht Smockey auf einem gro\u00dfen Felsbrocken am Rand des Festplatzes und stemmt die H\u00e4nde in die H\u00fcften. &#8222;Bis heute denken viele Menschen in Afrika, mit Musik und Theater besch\u00e4ftigen sich nur diejenigen, die nichts Besseres zu tun und alles andere verloren haben&#8220;, sagt er. &#8222;Ich erhoffe mir von der Schule, dass die Kinder hier lernen, welche befreiende Kraft die Kultur haben kann.&#8220;<\/p>\n<p>So macht sich jeder in Burkina Faso seinen Reim auf das Traumgebilde, das der sterbende K\u00fcnstler Schlingensief mit gro\u00dfer Energie, aber auch mit der ihm eigenen Widerspr\u00fcchlichkeit in die afrikanische Savanne halluziniert hat.<\/p>\n<p><strong>Die Suche nach neuen Ausdrucksformen als Lebensjob<\/strong><\/p>\n<p>Sosehr Schlingensief in seiner letzten Arbeit um sozialen Ausgleich bem\u00fcht war, mit soziologischen, ethnologischen, \u00fcberhaupt wissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben ist sie wohl nur bedingt zu messen. Mehr als andere K\u00fcnstler hat der Theater- und Filmemacher die Suche nach neuen Lebens- und Ausdrucksformen als Lebensjob begriffen, dabei stets die beinah zu Tode zitierte Losung &#8222;Scheitern als Chance&#8220; wie einen Schutzschild pr\u00e4sentierend.<\/p>\n<p>Man kann Schlingensiefs Afrika-Sehnsucht naiv finden. Man kann ganz zu Recht fragen, ob er mit dem Begriff &#8222;Oper&#8220; im Operndorf-Projekt nicht eigentlich etwas ganz anderes meinte als ein noch so weit gefasstes Musiktheater; das Wort von der &#8222;totgespielten&#8220; Kunst beschrieb bei ihm jedenfalls eher die Summe aller k\u00fcnstlerischen Bet\u00e4tigungen des wei\u00dfen Mannes. Auch im Operndorf sollte es um alle Ausdrucksmittel gehen.<\/p>\n<p>Und man kann argumentieren, dass die ums \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Menschen in Burkina Faso Wichtigeres brauchen k\u00f6nnten als ein geschenktes Operndorf. Sinn und Erfolg dessen, was vor den Toren Ouagadougous entsteht, sind ungewiss. Die Experimentierlust aber, die der Architekt K\u00e9r\u00e9, Aino Laberenz und ihre Crew mit echt schlingensiefschem Furor f\u00fcr sich reklamieren, ist vielleicht schon dadurch gerechtfertigt, dass beim Operndorf-Bau vorwiegend gespendetes und nur sehr begrenzt \u00f6ffentliches Geld eingesetzt wird.<\/p>\n<p>Obsessiv betonte Schlingensief zu Lebzeiten die Ziellosigkeit dieser Aktion, seinen Wunsch, die Einheimischen m\u00f6chten die Fremden das Staunen und das F\u00fcrchten lehren. Man schicke das Geld einfach nach Afrika nach dem Motto &#8222;Macht damit, was ihr wollt&#8220;, sagte er \u00fcber das Projekt. Dieser hemmungslose Forschergeist ist, im Guten wie im Schlechten, das Einzigartige am Operndorf.<\/p>\n<p>Schlingensief war ein ungest\u00fcmer Phantast, ein Freund und Feind \u00fcberrumpelnder Wirrkopf. Aber bis fast zuletzt war er wach und schlau genug, die Argumente der Operndorf-Skeptiker mitzudenken; oft m\u00fcnzte er sie um in Selbstanklagen.<\/p>\n<p>Im Filmsaal des Dorfes in Burkina Faso sitzen am Er\u00f6ffnungstag Dutzende Kinder und Erwachsene vor einem Flachbild-Fernsehschirm, gezeigt wird eine Aufzeichnung der letzten Theaterarbeit Schlingensiefs. Sie hei\u00dft &#8222;Via Intolleranza II&#8220; und ist teils in Burkina Faso entstanden, ein Spektakel mit kruder Musik, Wehgeschrei, Lichtblitzen auf einem Vorhang und Filmclips aus &#8222;Tristan und Isolde&#8220;. Es ist nicht der Stoff, mit dem man Schulanf\u00e4nger in irgendeinem Land der Welt zuballern sollte.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Nehmt mich, steckt mich in einen Kochtopf&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Aber es ist eine prima Lektion f\u00fcr alle Erwachsenen, die verstehen wollen, aus welcher Not und welchem lustigen Wahnsinn ein deutscher K\u00fcnstler die Idee zu diesem Operndorf in Afrika geboren hat. Inmitten der wilden &#8222;Via Intolleranza&#8220;-Show fordert ein Schlingensief-Darsteller von seinen schwarzen Mitspielern mit viel Gebr\u00fcll: &#8222;Nehmt mich, steckt mich in einen Kochtopf, und schei\u00dft mich raus!&#8220;<\/p>\n<p>Fr\u00fch in seiner Karriere, im Jahr 1988, formulierte Christoph Schlingensief, damals noch vor allem Filmemacher, einen Appell an die Zuschauer, der den Gegensatz zwischen der Kaputtheit und der Unschuld, zwischen Glanz und Elend seiner Kunst sch\u00f6n auf einen Nenner bringt. Wir lebten &#8222;in einer Zeit, in der man uns alles erkl\u00e4rt hat&#8220;, schrieb er damals. &#8222;Wie gro\u00dfartig sind da gerade die Dinge, die nichts erkl\u00e4ren. Wie gro\u00dfartig ist die Monstranz, die etwas zeigt, was wir nicht wissen.&#8220;<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Monaten werde weitergebaut werden im Operndorf, sagt Aino Laberenz. &#8222;Ich frage mich nicht dauernd, ob ich die Arbeit hier so vorantreibe, wie Christoph es wollte. Ich wei\u00df, dass ich grunds\u00e4tzlich sein Okay habe, das reicht.&#8220; Sie habe sich nie als J\u00fcngerin begriffen. &#8222;J\u00fcnger halten jeden Satz des Meisters f\u00fcr ein Gesetz und machen so seine Gedanken kaputt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Schneckenform des Festspielhauses, das in Burkina Faso entstehen soll, ist mit wei\u00df-roten Holzpfl\u00f6cken im Sand des Operndorfs abgesteckt. Laberenz schreitet den Parcours entlang. Um den Weiterbau und um die Spenden, die daf\u00fcr eingetrieben werden m\u00fcssen, werden sich in den n\u00e4chsten Monaten vor allem ihre Mitstreiter im Operndorf-Verein k\u00fcmmern. Laberenz will aus ihrer Rolle als Nachlassverwalterin heraus, in K\u00f6ln wird sie in den n\u00e4chsten Wochen zum ersten Mal seit Schlingensiefs Tod wieder in ihrem Beruf als Kost\u00fcmbildnerin arbeiten.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcsse das Dorf, von dem ihr Ehemann tr\u00e4umte, in Burkina Faso neu erfinden, sagt die Witwe, &#8222;aber ich habe gemerkt, dass ich auch mich neu erfinden muss&#8220;.<\/p>\n<p><em>Quelle: DER SPIEGEL Nr. 42\/2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Operndorf, das der 2010 gestorbene Christoph Schlingensief Burkina Faso schenken wollte, nimmt Gestalt an. 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