{"id":642,"date":"2011-10-09T22:43:02","date_gmt":"2011-10-09T20:43:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=642"},"modified":"2011-10-09T22:43:02","modified_gmt":"2011-10-09T20:43:02","slug":"schlingensiefs-operndorf-ein-verruckter-traum-wird-wahr-dpa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=642","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS OPERNDORF: EIN VERR\u00dcCKTER TRAUM WIRD WAHR (DPA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Braucht Afrika ein Operndorf? F\u00fcr Christoph Schlingensief wurde die Idee zum letzten gro\u00dfen Lebenstraum. Jetzt nimmt das Dorf Gestalt an &#8211; zumindest ein St\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>Ouagadougou (dpa) &#8211; Christoph Schlingensief h\u00e4tte an dem Spektakel die gr\u00f6\u00dfte Freude gehabt: Mehr als 100 afrikanische Kinder f\u00fchren mit Trommelst\u00f6cken, Tiermasken und Wildkost\u00fcmen einen mythisch anmutenden Tanz auf. In der Gluthitze der Mittagssonne von Burkina Faso sind ihre Gesichter schwei\u00df\u00fcberstr\u00f6mt, aber f\u00fcr mehr als eine Stunde sind sie voller Ernst und Begeisterung bei der Sache.<\/p>\n<p>Sie feiern die Er\u00f6ffnung der Schule in dem von Schlingensief geplanten Operndorf Afrika. Gut ein Jahr nach dem Tod des genialen Filme- und Theatermachers wird damit seine schier unglaubliche Idee ein St\u00fcck Wirklichkeit.<\/p>\n<p>\u00abChristoph ist heute leider nicht hier. Aber ich bin mir sicher, dass er jetzt irgendwo sitzt und zuguckt\u00bb, sagt seine Witwe Aino Laberenz (30). Ihre Stimme ist fest, sie tr\u00e4gt den gro\u00dfen, schweren Ehering ihres Mannes an einer Kette um den Hals.<\/p>\n<p>Rund 500 Menschen sind an diesem Samstag zur Er\u00f6ffnung der Schule gekommen &#8211; H\u00e4uptlinge und \u00c4lteste aus der Gegend, viele K\u00fcnstler, der B\u00fcrgermeister, aber auch der Kulturminister und die Bildungsministerin aus der 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Quagadougou. Sie bringt die Zusage des Pr\u00e4sidenten mit, alles f\u00fcr eine gesicherte Zukunft des Operndorfs zu tun.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zeremonie kommen lautlos auch immer mehr Frauen in bunten Festtagsgew\u00e4ndern aus dem Busch. Sie tragen ihre Babys im Tuch auf dem R\u00fccken, die \u00e4lteren Kinder laufen voran. Zusammen bilden sie einen immer gr\u00f6\u00dferen Kreis um die Versammlung. \u00abChristoph h\u00e4tte sich vor allem gefreut, dass Ihr seinen Traum zu Eurem Traum gemacht habt\u00bb, sagt Aino Laberenz. \u00abHeute zieht das Leben in das Operndorf ein. Und morgen bauen wir weiter.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr 50 Kinder hat seit vergangener Woche die Schule begonnen. Sie stammen zu etwa gleichen Teilen aus den sechs umliegenden D\u00f6rfern. Es sind etwa gleichviele M\u00e4dchen und Jungen &#8211; ungew\u00f6hnlich in dem bitterarmen und stark m\u00e4nnerbeherrschten Land. Der Unterricht orientiert sich am normalen burkinischen Lehrplan, aber zus\u00e4tzlich gibt es Angebote f\u00fcr Kunst, Tanz und Musik. Mehrere K\u00fcnstler haben bereits Projekte zugesagt.<\/p>\n<p>Der sechsj\u00e4hrige Mojammed geh\u00f6rt zu den neuen Erstkl\u00e4ssern. \u00abIch bin stolz, dass ich eine Schule habe\u00bb, sagt er. \u00abIch habe schon ein Bild gemalt und Buchstaben gelernt.\u00bb Seine Eltern sind Bauern, er lebt mit ihnen und drei Geschwistern auf einem nahegelegenen Geh\u00f6ft. Sein \u00e4lterer Bruder bringt ihn mit dem Fahrrad \u00fcber die holprigen Sandwege zur Schule. W\u00e4hrend des Unterrichts bleibt der Bruder am Fenster stehen und schaut mit gro\u00dfen Augen durch die Jalousien. F\u00fcr ihn gibt es weit und breit keine Schule.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen ist es fast 40 Grad hei\u00df, in den beiden langgestreckten Schulgeb\u00e4uden bleibt es angenehme 25 Grad k\u00fchl. Der preisgekr\u00f6nte burkinische Architekt Francis K\u00e9r\u00e9, den Schlingensief fr\u00fch f\u00fcr das Projekt gewinnen konnte, hat schon an anderen Schulmodellen im Land ein beispielloses nat\u00fcrliches K\u00fchlsystem entwickelt.<\/p>\n<p>Die Mauern aus selbstgebrannten roten Ziegeln sind 30 Zentimeter dick, das Doppeldach mit Gew\u00f6lbedecke h\u00e4lt die Hitze ab, L\u00fcftungsschlitze und kippbare Holz-Jalousien sorgen f\u00fcr Durchzug. \u00abDie Architektur sieht kompliziert aus, aber wir haben alle Materialien auf der Baustelle erarbeitet\u00bb, sagt K\u00e9r\u00e9.<\/p>\n<p>Der Lack an den T\u00fcren riecht noch frisch, die B\u00fccherschr\u00e4nke werden erst am Er\u00f6ffnungstag geliefert, aber dennoch verr\u00e4t der Ort schon heute viel von seiner Faszination. Neben den Schulh\u00e4usern ordnen sich kreisf\u00f6rmig kleine B\u00fcros, Aufenthaltsr\u00e4ume und die Kantine f\u00fcr die Kids an. Von den drei Lehrerh\u00e4usern oben am Hang geht der Blick weit in die Savanne mit den alten Karit\u00e9-B\u00e4umen und den verwunschen wirkenden Granitfelsen.<\/p>\n<p>Und mittendrin, im Herz der Anlage, ist mit wei\u00df-roten St\u00f6cken schon der kreisrunde Platz f\u00fcr das Opernhaus markiert. Es soll einmal bis zu 500 oder 600 Schauspieler aufnehmen und ist als dritte und letzte Bauphase geplant. Als n\u00e4chstes soll eine Krankenstation kommen. In bunte Container verpackt, steht am Rand schon die riesige B\u00fchne der Ruhrtriennale, die das Festival Schlingensief noch zu Lebzeiten f\u00fcr sein Operndorf vermacht hatte.<\/p>\n<p>\u00abChristoph mochte das Bild eines Schneckenhauses, das sich nach und nach ausbreitet mit dem Festspielhaus als Mittelpunkt &#8211; wie ein Organismus, der weiterw\u00e4chst\u00bb, sagt Laberenz und f\u00fcgt leise hinzu: \u00abLetztlich halte ich mich noch sehr, sehr streng an das, was Christoph entwickelt hat.\u00bb<\/p>\n<p>Die Grundsteinlegung f\u00fcr das Dorf im Februar 2010 hatte der Regisseur noch miterlebt &#8211; bereits schwer gezeichnet von seiner Krankheit. \u00abHier kommen Helfen und Sch\u00f6nheit zusammen, die Reinheit des Lebens und der Kunst vereinen sich\u00bb, sagte er damals. Einige Monate sp\u00e4ter starb er mit 49 Jahren an Lungenkrebs.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schien die Zukunft des Projekts ungewiss, doch Laberenz brachte es mit Hilfe eines prominenten Unterst\u00fctzerteams wieder ans Laufen. Die Schirmherrschaft hat der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler \u00fcbernommen. Auch der Berliner Rechtsanwalt und Kunstm\u00e4zen Peter Raue geh\u00f6rt zu den antreibenden Kr\u00e4ften. \u00abDie Schule kann nicht das letzte Wort sein\u00bb, sagt er. \u00abDas w\u00e4re, als w\u00fcrden wir bei einem Theaterst\u00fcck nur einen von drei Akten auff\u00fchren.\u00bb<\/p>\n<p>Rund 500 000 Euro hat das Projekt bisher gekostet, mehr als 300 Arbeiter aus der Gegend waren beteiligt. Anders als sonst im Land oft \u00fcblich, m\u00fcssen die Kinder kein Schulgeld zahlen, die Eltern sollen sich aber, wenn m\u00f6glich, durch Spenden, vor allem aber durch Mitarbeit etwa am Bau oder in der Schulkantine einbringen. In den kommenden f\u00fcnf Grundschuljahren sollen jeweils weitere 50 Kinder neu aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit \u00f6rtlichen Journalisten und sp\u00e4ter mit betroffenen Eltern im Schatten des gro\u00dfen Palaverbaums kommen immer wieder die Fragen nach der Nachhaltigkeit des Projekts. L\u00e4uft es weiter? Wo finden die Kinder nach einer so besonderen Schule Anschluss? K\u00f6nnen die umliegenden Orte ihr Identit\u00e4t erhalten?<\/p>\n<p>\u00abWir haben nicht das Ziel, unsere Sch\u00fcler alle zu kleinen K\u00fcnstlern zu machen\u00bb, sagt der Lehrer und k\u00fcnstlerische Direktor Abdoulaye Ouedraogo. \u00abAber wir sind sicher, dass die Kinder sehr viel lieber lernen, wenn es kreativ und mit Spa\u00df passiert.\u00bb Und der Journalist Richard Ti\u00e9n\u00e9 (32) vom Lokalsender Pulsar gesteht: \u00abAm Anfang haben wir geglaubt, dieser Schlingensief ist verr\u00fcckt. Aber Burkina Faso braucht genau so einen Ort, wo sich der Reichtum unserer Kultur entfalten kann.\u00bb<\/p>\n<p>Auch das Goethe-Institut, das zusammen mit dem Ausw\u00e4rtigen Amt und der Kulturstiftung des Bundes zu den Unterst\u00fctzern geh\u00f6rt, sieht das Operndorf als gute Andockstation, um den Dialog mit den afrikanischen K\u00fcnstlern anzukurbeln. \u00abEs ist ein Wagnis, aber ein tolles Wagnis. Und wenn alle daran glauben, dann passiert es auch\u00bb, sagt die f\u00fcr S\u00fcdafrika und die Subsahara zust\u00e4ndige Institutsdirektorin Katharina von Ruckteschell, die zur Er\u00f6ffnung 22 Stunden von Johannesburg angereist ist.<\/p>\n<p>Als sich die D\u00e4mmerung schon langsam \u00fcber das Land legt und die Sonne den roten Sand in warmes Gold verwandelt, traut sich ein junger Student aus der Stadt doch noch zu einer entscheidenden Frage. Ob das Projekt nicht letztlich sehr europ\u00e4isch sei, will er wissen. \u00abEs ist zwar im Kopf eines Deutschen entstanden\u00bb, sagt Moderator Salif Sanfo, \u00ababer es braucht Burkina Faso, damit wirklich so etwas herauskommen kann.\u00bb<\/p>\n<p><em>Von Nada Weigelt, dpa, 8.10.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Braucht Afrika ein Operndorf? F\u00fcr Christoph Schlingensief wurde die Idee zum letzten gro\u00dfen Lebenstraum. 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