{"id":64,"date":"2005-12-23T16:52:39","date_gmt":"2005-12-23T14:52:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=64"},"modified":"2005-12-23T16:52:39","modified_gmt":"2005-12-23T14:52:39","slug":"deutschland-ist-das-land-der-trockenen-kekse-der-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=64","title":{"rendered":"&#8222;Deutschland ist das Land der trockenen Kekse&#8220; (Der Tagesspiegel)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lesen Sie hier die wirkliche, weil ungek\u00fcrzte (!) Version des Tagesspiegel-Gespr\u00e4chs mit Christoph Schlingensief<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Herr Schlingensief, Sie sind katholisch erzogen worden und sind dem Pfarrer als Me\u00dfdiener zur Hand gegangen. Sie haben in der Kirche beichten gelernt. Bekommen Sie die sieben Tods\u00fcnden noch zusammen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, beim besten Willen nicht. Da bin ich ganz ehrlich. Mu\u00df man die unter Ratzinger wieder wissen?<\/p>\n<p>Du sollst nicht l\u00fcgen ist eines der zehn Gebote.<\/p>\n<p>Schlingensief: Auch die zehn Gebote k\u00f6nnte ich nicht mehr alle aufz\u00e4hlen. Dabei hatte ich in Religion mal eine Eins, habe mich aber langsam vom Kirchenapparat abgenabelt. Ich glaube nicht an den einen Gott, der ist wie seine Artgenossen auch von Menschen gemacht. Die G\u00f6tter der griechischen Mythologie sind aus dem Chaos entstanden, die G\u00f6tter der nordischen Sagenwelt, mit denen ich in meinem Projekt \u201eDer Animatograph\u201c kooperiere, kommen aus dem Nichts. Ich fahre in meiner Nu\u00dfschale herum, lande hier mal im W\u00fcstensand und kollidiere da mal mit einem Eisberg, aber ich fahre nicht automatisch ins Land wo Milch und Honig flie\u00dfen. Im Schlaraffenland ist die Motivation, etwas zu ver\u00e4ndern, ziemlich gering, im ewigen Eis entsteht vielleicht was Neues, etwas\u2026<\/p>\n<p>Herr Schlingensief!<\/p>\n<p>Schlingensief: Im wirklich gro\u00dfartigen Museum f\u00fcr bildende K\u00fcnste in Leipzig habe ich neulich ein Bild von Max Klinger gesehen, auf dem Jesus und Zeus aufeinander treffen \u2013 ein t\u00eate \u00e0 t\u00eate der G\u00f6tter. Hochinteressant! Auch wenn man sich in der katholischen Kirche damit keine Freunde macht \u2013 auch nicht bei meinen Eltern.<\/p>\n<p>Die sieben Tods\u00fcnden sind, als kleine Hilfe f\u00fcr Sie: Habgier, Wollust, Wut, Neid, Tr\u00e4gheit, V\u00f6llerei, Stolz. Die sind Ihnen alle fremd?<\/p>\n<p>Schlingensief: \u00dcberhaupt nicht. Wut kenne ich, Stolz und Neid auch. Habgier ist mir sehr fremd. Tr\u00e4ge bin ich nicht. Tr\u00e4gheit selbst wiederum macht mich w\u00fctend, wenn Herrschaften, die jahrelang bequem in ihren Sesseln hocken, Leuten wie mir vorhalten, sie w\u00fcrden st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Was neiden Sie anderen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Keine materiellen Werte, daf\u00fcr ist mir die Zeit zu schade. Zeit ist ein wertvoller Besitz. Neid ist das falsche Wort. Wut! W\u00fctend machen mich die Leute, die Millionen an Opern oder in Sendeanstalten verplempern. Gelder, die man lieber in kulturelle Filmb\u00fcros stecken sollte.  <\/p>\n<p>Und worauf sind Sie stolz?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich bin stolz, nicht aufgegeben zu haben. Am Anfang, da ist es knochenhart. Man wird gelobt, will den Erfolg wiederholen, verbiegt sich und st\u00fcrzt in die Schlucht. Ich habe kiloweise Artikel gelesen, in denen meine Arbeiten fertig gemacht wurden, aber eigentlich haben sie mir nur geholfen. Im Nachhinein betrachtet hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, immer wieder an einen Punkt zu kommen, an dem es scheinbar nicht mehr weiterging, an dem ich k\u00e4mpfen mu\u00dfte. Ich habe bestimmt die eine oder andere Macke dabei abbekommen, aber es erdet auch ungemein. Pfeiffersches Dr\u00fcsenfieber, ein geplatzter Blinddarm, Darmverschlu\u00df, sechs Wochen Intensivstation \u2013 mit 18, 19 Jahren schon. Es ging und ging nicht aufw\u00e4rts, ein Schlauch hier und ein Schlauch da, Abpumpen usw. Neben mir starben die Leute. Da habe ich mich zum ersten Mal entschlossen, die Dinge im Flu\u00df zu sehen. Wer mir meine Grenzen zeigen will, der darf es gerne versuchen. Ich bin stolz, schwach sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie dachten nie: Das war\u2019s dann.<\/p>\n<p>Schlingensief: Im Krankenhaus nicht, nein. Als mich wenig sp\u00e4ter meine Freundin verlassen hat, habe ich einen Selbstmordversuch unternommen, ziemlich schlampig und sehr erfolglos. Als man mich fand und ich wieder aufwachte, hatte ich das Zeitgef\u00fchl verloren: Ich dachte es sei Mittwoch, und wenn es mit dem Jenseits schon nicht klappte, dann wollte ich wenigstens die Apotheke meines Vaters \u00fcberfallen, um mit dem Geld abzuhauen. Es war aber Samstag, und er hatte schon geschlossen.<\/p>\n<p>Der Stolz ist als Tods\u00fcnde nahe bei der Eitelkeit. Der Bayreuth-S\u00e4nger Endrik Wottrich sagt \u00fcber Sie: \u201eIch wundere mich, weshalb er solch ein ungeheures Bed\u00fcrfnis hat, in die Kamera zu gucken.\u201c<\/p>\n<p>Schlingensief: Langweilig. Mir ist zu fr\u00fcheren Zeiten auch schon aufgefallen, wor\u00fcber sich der weltengr\u00f6\u00dfte Wagnerexperte so alles wundert. Nicht mal ignorieren, sagt Valentin. Ich streite aber gar nicht ab, da\u00df ich mich darum schere, wie ich wirke. Wenn ich zum Abendessen eingeladen werde, w\u00e4hle ich zwischen zwei Hosen und 4 Paar Socken. Der Rest ist beim afrikanischen Zoll h\u00e4ngen geblieben. Aber wieso fallen Stolz und Eitelkeit \u00fcberhaupt in eine Kategorie? Stolz im Sinne von W\u00fcrde ist doch absolut ehrenhaft. Ein HartzIV-Empf\u00e4nger, der sich nicht abstempeln l\u00e4\u00dft, hat allen Grund, stolz zu sein. Er hat um ein Vielfaches mehr Grund, stolz zu sein, als Herr HartzIV, der trotz Millionengehalts noch auf Firmenkosten \u00fcber die Prostituierten rutscht. So hat jeder seinen Stolz, nichts dagegen.<\/p>\n<p>Wie halten Sie\u00b4s mit den anderen Tods\u00fcnden?<\/p>\n<p>Schlingensief: Du liebe G\u00fcte sind Sie depressiv unterwegs! Ist es inzwischen so schlimm in Berlin? Ich war ja schon l\u00e4nger nicht mehr da. V\u00f6llerei und Ma\u00dflosigkeit sind nicht mein Problem. Ich mache Trennkost.<\/p>\n<p>Bitte? Sie sind bekannt als Moralapostel, nicht als Gesundheitsapostel.<\/p>\n<p>Schlingensief: Jetzt verwechseln Sie mich aber mit dem letzten Bundestagspr\u00e4sidenten. Wie hie\u00df der noch\u2026? Wie schnell man die Namen vergi\u00dft\u2026 Der mit dem Bart, der die Steine vor den Reichstag gestellt hat, damit er drinnen die DDR besser vertreten konnte. Auch egal\u2026 Der Gesundheitsapostel wei\u00df wovon er spricht, der Moralapostel nicht. Also alles im Gleichgewicht. Mir schmeckt die \u00f6sterreichische K\u00fcche genauso gut wie das Essen in Afrika, auf beides st\u00fcrze ich mich in Ma\u00dfen. Von Wollust kann hier keine Rede sein. Bedeutet Wollust eigentlich sexueller \u00dcberdrang? <\/p>\n<p>Nur wenn er, so ist es religi\u00f6s definiert, andere erniedrigt oder Beziehungen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Schlingensief: Dann bin ich nicht woll\u00fcstig. Ich bin sexuell eher normal und habe zum Gl\u00fcck eine Freundin, die Spa\u00df daran hat.<\/p>\n<p>Welche Tods\u00fcnde k\u00f6nnen Sie anderen leicht verzeihen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Bei Wut und Neid bin ich gn\u00e4dig. Habgier und Tr\u00e4gheit werden nicht verziehen, da kann ich keine Absolution erteilen. Dar\u00fcber hinaus arbeitet die Zeit f\u00fcr uns. Also ich lasse mir Zeit, auch f\u00fcr Ihre Tods\u00fcnden. Wenn ich das mal schnell als Weihnachtsbotschaft ans Volk loswerden darf: Wir haben Zeit! La\u00dft Euch nicht pausenlos unter Druck setzen! Du bist vielleicht nicht Deutschland, auch wenn diese v\u00f6llig abstruse Kampagne das behauptet, aber Du bist ganz bestimmt Deine eigene Zeiteinheit! Ich merke, da\u00df es Kr\u00e4fte und Kraftfelder gibt, die ich aufsp\u00fcre und die mich optimistisch stimmen; Schauspieler etwa, mit denen ich nach Jahren wieder zusammenkomme, oder meine Arbeit in Island, Frankreich oder Namibia. Dabei entsteht Kraft, auch aus dem Bewu\u00dftsein heraus, da\u00df ich hier und jetzt nur einmal da bin, um vom n\u00e4chsten Endpunkt aus neu zu starten.<\/p>\n<p>Ach ja\u2026?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ach ja! Da sind Sie baff? Ich dachte, der Tagesspiegel bes\u00e4\u00dfe einen Reise- und Glaubensteil! &#8230;Keine Angst, ich bin kein Esoteriker. Ich pendele nicht und z\u00fcnde keine R\u00e4ucherst\u00e4bchen an. Aber es gibt einen metaphysischen Kontext, in dem ich mich bewege, Kr\u00e4fte, die mich \u00f6ffnen und beschleunigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn es eine Tods\u00fcnde w\u00e4re.<\/p>\n<p>Sie haben mal gesagt, \u201eIch bin ein Soldat Gottes\u201c und\u2026<\/p>\n<p>Schlingensief: Wirklich, \u201eSoldat Gottes\u201c? Verwechseln Sie mich da nicht mit George Bush? Deshalb reden Sie auch die ganze Zeit \u00fcber Tods\u00fcnden. Jetzt verstehe ich: Sie wollten gar kein Interview mit mir! Und ich hab mich schon gewundert\u2026<\/p>\n<p>Das waren Ihre Worte. Wenn Sie sich als solcher das Jahr 2005 anschauen, wer h\u00e4tte denn Belohnung oder eine gerechte Strafe verdient?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das ist eine heikle Frage. Es gibt Leute die meinen, ich h\u00e4tte einmal J\u00fcrgen M\u00f6llemann verhext\u2026<\/p>\n<p>\u2026indem Sie dem FDP-Politiker zuriefen: \u201eM\u00f6llemann, ich verfluche dich!\u201c<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich stand ihm dabei nicht gegen\u00fcber, sondern im Eingang seiner dubiosen Firma in D\u00fcsseldorf. Trotzdem war er kurz darauf tot. Wir waren mit der \u201eChurch of Fear\u201c auf der Biennale in Venedig. Meine Mutter rief mich an und sagte \u00e4ngstlich: \u201eChristoph, der M\u00f6llemann ist eben vom Himmel gefallen. Sag\u00b4 nichts, wenn die Polizei dich danach fragt!\u201c Sie hatte kurzfristig tats\u00e4chlich die Angst, ich k\u00f6nnte das bewirkt haben. Die Wahrheit war nat\u00fcrlich viel banaler, wie bei M\u00f6llemann oder der FDP nicht anders zu erwarten. Aber Voodoo ist schon eine interessante und manchmal vielleicht ideale Religion. Ich habe zu Hause auch so eine Puppe.<\/p>\n<p>Zumindest in einem ist dieses Jahr gut f\u00fcr Sie verlaufen. Im Sommer sagten Sie \u00fcber Angela Merkel, sie sei \u201esupers\u00fc\u00df\u201c \u2013 und prompt ist sie Kanzlerin geworden.<\/p>\n<p>Schlingensief: Merkel ist wirklich supers\u00fc\u00df. Sie hat mir in Bayreuth mal zugel\u00e4chelt, mit kecker Schnute und Augenblinzeln. Ich bin sicher, sie wird ihren Weg gehen und die Chancen stehen vielleicht gar nicht so schlecht, da\u00df sie uns ein St\u00fcck mitnimmt. Ihr gro\u00dfer Vorteil ist, da\u00df jeder glaubt, er k\u00f6nne sie packen und in die eigene Westentasche stecken \u2013 die Parteisoldaten grabschen nach ihr, die Lobbyisten fingern an ihr rum, Christiansen und Kerner pinschern sie an\u2026 Aber sie greifen ins Leere, Merkel ist schon wieder ein St\u00fcck weitergegangen. Das ist Quantentheorie. Sie hat neulich einmal gesagt, sie lasse bei sich zu Hause die Radieschen nicht fotografieren, die seien zu mager. Sie sagt damit, beurteilt mich nach meiner Arbeit, aber la\u00dft mir mein Privatleben. Ich schlie\u00dfe aus den Radieschen, da\u00df sie ein mageres Privatleben hat. Das macht sie mir sympathisch. Sie vermarktet Ihre Privatsph\u00e4re noch (!) nicht, so wie Schr\u00f6der das getan hat, inklusive Hundesalon und Kinderadoption.<\/p>\n<p>Da spricht ein Fan. Merkel ist Pfarrerstochter und Protestantin, welche Tods\u00fcnde w\u00fcrden Sie Ihr zutrauen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich glaube, eine Protestantin kann mit diesem Konzept von S\u00fcnde, Beichte und Bu\u00dfe nicht viel anfangen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, da\u00df sie gerade in ihrer Rolle als Kanzlerin Tods\u00fcnden einfach mal au\u00dfen vor l\u00e4\u00dft, auf dem Gebiet waren ihre Vorg\u00e4nger schon aktiv genug. Kohl stand f\u00fcr Ma\u00dflosigkeit und falschen Stolz, Schr\u00f6der f\u00fcr Eitelkeit und Gier, sein Vize-Kanzler f\u00fcr V\u00f6llerei. Was bliebe da noch f\u00fcr Merkel? Wollust? Nein. W\u00fctend darf sie sein, auf diejenigen, die weiter nur Lobbypolitik f\u00fcr die Fernsehkameras betreiben. Aber eine Tods\u00fcnde kann ich ihr nicht zuordnen. Bei Frau Merkel f\u00e4llt mir der Begriff Gewieftheit ein, dar\u00fcber hinaus aber kann ich nicht einmal erkl\u00e4ren, was diese Frau antreibt. F\u00fcr ihre Gegner ist das sicher ein Problem. Wie kriegt man diese Frau rum? Sicher nicht mit Champagner oder tollem Sex? Vielleicht mit einer Packung trockener Kekse, irgend etwas Handfestem. Deutschland hatte immer die Kanzler, die in die Zeit pa\u00dften: Schmidt war der Staat als Gro\u00dfkotz, Willy Brandt der Seelenklempner \u2013 Kniefall in Warschau, Sex im Zug, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen. So gesehen brechen jetzt magere Jahre an. Gro\u00dfe Emotionen sind von Merkel nicht zu erwarten, vielleicht ist das aber auch gut so. Sie regiert das Deutschland der trockenen Kekse.<\/p>\n<p>Gerhard Schr\u00f6der hat den Weg frei gemacht f\u00fcr Neuwahlen, damit ein Ruck durch Deutschland gehen kann. Das sollte sogar Ihnen ein Lob wert sein.<\/p>\n<p>Schlingensief: Sie glauben doch nicht allen Ernstes, da\u00df es Schr\u00f6der bei seiner Neuwahlposse um Deutschland gegangen ist! Das war kein Akt der Demut, sondern in erster Linie ein Ausdruck von Vermessenheit und Machtgier, wie er sie den Deutschen in der Elefantenrunde am Wahlabend dann vollends vor die F\u00fc\u00dfe gekotzt hat. Dann das wochenlange Hickhack um seinen Abtritt, auch die Arroganz, mit der der weise Herr Fischer seinen R\u00fcckzug proklamiert hat; das hat doch deutlich gemacht, in welchem Verh\u00e4ltnis zu Deutschland sich diese Pfauen sehen. Auch das Geschw\u00e4tz vom Friedenskanzler, einfach unertr\u00e4glich. Da beginnt um f\u00fcnf nach Zw\u00f6lf schon wieder die Geschichtsverbiegung. Ich sage Ihnen jetzt mal die einzige historische Wahrheit \u00fcber den Kanzler: Ja, Gerhard Schr\u00f6der hat sich die Haare repigmentieren lassen! Egal wie, er hat es getan.<\/p>\n<p>Das Jahr hatte auch ein woll\u00fcstiges Thema: Manager und Betriebsratsbosse mit \u00fcppigen Spesenkonten und M\u00e4tressen in aller Welt.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, ein wirklich sch\u00f6ner Skandal, von den Boulevardmedien aber viel zu mies ausgeschlachtet. Da wurde wieder in die Guten und in die B\u00f6sen unterteilt, anstatt einfach mal zu sagen, da\u00df wir alle unsere Leichen im Keller haben. Diese Wollustaff\u00e4re hat die deutsche Urseele zwar geweckt, das populistische Gutmenschentum der Berichterstatter hat sie dann aber auch wieder eingeschl\u00e4fert. Am Ende ist dann alles nur noch lustig. Herr HartzIV mit seinen tschechischen Nutten und geilen Brasilianerinnen, davon kann Harald Schmidt Wochen leben. So wie wir solche Schweinerein angehen, bringt das nichts. Was wir brauchen ist Transparenz, die Offenlegung von Geh\u00e4ltern und Abfindungen, die offene Aussprache \u00fcber den deutlichen Zusammenhang von Puff und Profit. P&#038;P! <\/p>\n<p>Sie haben vor zwei Jahren das \u201eRecht auf Terror\u201c (ACHTUNG: \u201eRecht auf pers\u00f6nlichen Terror\u201c!!! habe ich gesagt!!! Also kein Staatsterror oder Glaubensterror!!! \u2013 Bitte das unbedingt richtig!!! zitieren: \u201eRecht auf pers\u00f6nlichen Terror\u201c!!!) verk\u00fcndet. Als in den Pariser Vorst\u00e4dten Hunderte Autos brannten, was haben Sie da gedacht?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wir haben das Recht auf \u201epers\u00f6nlichen Terror\u201c gegen das Monopol der Staats- und Glaubensterroristen gesetzt. Beides mu\u00df man unbedingt unterscheiden! Die Pariser Unruhen waren ja auch alles andere als ein organisiertes Verbrechen, wie es die Medien gerne darstellen, sondern eine ganz nat\u00fcrlich gewachsene Antwort auf perverse Zust\u00e4nde, zumal wenn ein franz\u00f6sischer Innenminister seinerseits durch die Stra\u00dfen marodiert und von 200 Leibw\u00e4chtern umzingelt diese Menschen als Abschaum bezeichnet. Da zeigt sich, von welch dekadentem Standpunkt aus diese Probleme betrachtet werden. Die brennenden Autos wirkten deshalb wie ein Lebenszeichen: Wir sind noch da! Nat\u00fcrlich erschrecken einen solche Bilder, aber ich fand sie auch beeindruckend. In Deutschland hei\u00dft demonstrieren: Demo anmelden, in einen Bus setzen, Gewerkschaftsf\u00e4hnchen schwingen, warmer Tee aus Thermoskannen und abends hoffen, da\u00df man im \u201eheute journal\u201c mal durchs Bild l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher haben Sie die Partei \u201eChance 2000\u201c gegr\u00fcndet und den Aufruf \u201eT\u00f6tet Helmut Kohl\u201c gestartet. Sie wollten vom Dach des Reichstags 100.000 Mark in Banknoten regnen lassen, Sie haben Asylbewerber in Container gesteckt und f\u00fcnf Millionen Arbeitslose aufgerufen, in den Wolfgangsee zu h\u00fcpfen, damit er \u00fcberl\u00e4uft. Seit einer Weile verkr\u00fcmeln Sie sich nach Afrika und Tibet, reden von Kraftfeldern und Buddhismus. <\/p>\n<p>Schlingensief: Auch so ein kurioser Medienreflex: Solange man mit Arbeitslosen am Wolfgangsee oder mit Asylbewerbern in der Wiener Innenstadt steht, ist man der Provokateur, der Skandalregisseur; sobald man andere Kraftfelder bewirtschaft, die eher nach innen gehen, gilt man als fahnenfl\u00fcchtig oder altersm\u00fcde. In meiner Chronologie f\u00fchren \u201eChance 2000\u201c, die Wien-Container oder die \u201eChurch of Fear\u201c nach Bayreuth und zum Animatographen; nicht immer auf dem direkten Weg, aber die Zusammenh\u00e4nge sind ganz klar. Kein aktuelles Projekt k\u00f6nnte ohne den Input vorangegangener Projekte existieren, Alles h\u00e4ngt mit Allem zusammen. Das ist grunds\u00e4tzlich schon voodooistisch. Was die Stra\u00dfenk\u00e4mpfe in Paris angeht, funktioniert der Medienmechanismus \u00e4hnlich: F\u00fcr die ersten brennenden Autos wird noch das Hauptprogramm unterbrochen, dann wird langsam runtergez\u00e4hlt; am zweiten Tag noch 400 Autos, am dritten nur noch 150&#8230; In der Laufleiste am unteren Bildschirm laufen zeitgleich die B\u00f6rsendaten. Alles versendet sich, auch der Notstand. Als deutsches Gewohnheitstier wartet man ab, bis sich der Medienhype nach ein, zwei Wochen gelegt hat. Wir sind durchimmunisiert, und ich bin es auch.<\/p>\n<p>Das klingt fatalistisch.<\/p>\n<p>Schlingensief: Na, Sie reden doch die ganze Zeit von Tods\u00fcnden. Sie m\u00f6gen das fatalistisch, buddhistisch, voodooistisch oder Politikflucht nennen, ich nenne es Notwehr. Ich gehe an Orte, in Nepal oder Namibia, die mich noch \u00fcberfordern k\u00f6nnen, die mir zeigen, was f\u00fcr ein zentralistisches Weltbild wir hier pflegen. F\u00fcr mich ist das der Wiedereinstieg in das Unternehmen \u201eLeben\u201c, ein anderer, menschlicher Begriff von Politik. Oder sind wir davon inzwischen schon komplett ausgeschlossen und Politik ist nur noch, wenn sonntags bei Christiansen einge\u00fcbter Nonsens gefaselt wird? Da bewegt sich nichts, keine neue Idee, kein neues Bewu\u00dftsein, nicht einmal die gestrafften Gesichtsz\u00fcge von Frau Christiansen \u2013 alles tot, totgeredet, totgesendet. Wie soll aus solchen Fernsehgruften noch Aktionspotential nach drau\u00dfen dringen? Wenn Christiansen das Wachstum ihrer Fu\u00dfn\u00e4gel in Echtzeit filmen w\u00fcrde, es steckte mehr Bewegung drin.<\/p>\n<p>Sie selbst haben\u2026<\/p>\n<p>Schlingensief: Moment! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, die Zahl der Tods\u00fcnden auf sieben zu beschr\u00e4nken? Ich m\u00f6chte noch Dummheit und Ignoranz hinzuf\u00fcgen. Politisch gesehen sind diese beiden schlimmer als Wollust und V\u00f6llerei.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Wochenzeitung sind Sie der \u201eProvokationsprofi\u201c, ein Kritiker schrieb: \u201eWo er auftaucht, ist permanent Hysterie.\u201c Und der \u201eSpiegel\u201c nennt Sie \u201eein Genie des Grauens\u201c. Da mu\u00df Ihnen wenigstens die R\u00fcckkehr von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine auf die politische B\u00fchne sympathisch sein.<\/p>\n<p>Schlingensief: Gregor Gysi habe ich als politischen Rechtsanwalt sehr gemocht. Sein Wiedereintritt in die Stratosph\u00e4re der Politik ist mir aber aus freundschaftlichen Gr\u00fcnden gesundheitlich unverantwortbar!  Ich m\u00f6chte ihn als Teilnehmer jeder politischen Diskussion sehen und h\u00f6ren, aber nicht mehr unter dem Deckmantel der politischen Initiation. Er und Lafontaine haben es zumindest geschafft, da\u00df wir eine wie auch immer ernst zu nehmende Kraft neben den Gr\u00fcnen haben. Lafontaine wei\u00df wovon er spricht. Ich genie\u00dfe es sehr, wenn er seinen Kollegen von der SPFDP gegen\u00fcbersitzt und alle wissen, da\u00df er jederzeit auspacken k\u00f6nnte. Er hat sicher auch bei \u201eChance 2000\u201c gelernt. Sein Potential besteht darin, viele Sauereien der anderen zu kennen, die ihm vor Jahren noch als Sozi von internationalem Format gehuldigt haben. Da werden die Herrschaften ganz unruhig. Er hat zumindest eine Idee im Kopf, die er hartn\u00e4ckig vertritt. Wie es mit der Idee auss\u00e4he, m\u00fc\u00dfte er sie umsetzen, ist eine andere Frage. Neben Merkel und Koch ist er eigentlich der Einzige, der mich noch interessieren k\u00f6nnte. Der Rest kommt mir vor wie ein m\u00fcder Furz. Es mu\u00df schon stinken, nach Verwesung oder nach Pl\u00e4tzchen\u2026<\/p>\n<p>63 Prozent aller Westdeutschen, 72 Prozent aller Ostdeutschen sehnen sich, einer neuen Umfrage zufolge, nach einer \u201egeistig-moralischen Wende\u201c. Was hat das zu bedeuten?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das kann man doch nicht ernst nehmen! Wer gibt denn solche Umfragen in Auftrag? Wahrscheinlich hat das parteinahe Forschungsinstitut die Fragen so geschlossenen formuliert, da\u00df man sich nur zwischen \u201eJa\u201c, \u201eNein\u201c und \u201eWei\u00df ich nicht\u201c entscheiden konnte. Immer mehr private Haushalte sind verschuldet, mittelst\u00e4ndische Unternehmen gehen hopps und gleichzeitig laufen die Klums und Beckenbauers \u00fcber die Mattscheibe, als Inbegriff des erfolgreichen und engagierten Deutschen. Was hei\u00dft denn da neue Werte? Geordnete Verh\u00e4ltnisse sind ja immer sch\u00f6n, aber man mu\u00df den Menschen auch die M\u00f6glichkeit zur eigenen Ordnung geben. Vielleicht sind die neuen Werte ja auch B\u00f6rsenkurse und die Legalisierung von Steuerbetrug, Bankraub, Mord und Vergewaltigung die Wachstumsmodelle der Zukunft. Und selbst dann noch ist die geistig-moralische Wende Schnee von gestern.<\/p>\n<p>In diese Richtung zielten die Fragen mit Sicherheit nicht. Es scheint eine neue Sehnsucht nach alten Werten und Tugenden zu geben. Auch die Benimmkurse haben gro\u00dfen Zulauf.<\/p>\n<p>Schlingensief: Das hat nichts mit Sehnsucht nach alten Werten zu tun, sondern mit der Sehnsucht nach einer Ordnung, die uns Neue M\u00e4rkte und alte Politik genommen haben. Politiker brauchen Benimmkurse, nicht die Leute, die an l\u00e4cherlichen Umfragen teilnehmen. Irgendwann laufen wir alle wieder in Schlips und Karottenjeans durch die Gegend und gehen abends in die Tanzschule; zehn Jahre sp\u00e4ter kommen die Langhaarigen zur\u00fcck und sagen \u201eEy Leute, macht euch mal locker\u201c und diskutieren \u00fcber Schlafen f\u00fcr den Weltfrieden. Der Rhythmus ist nicht neu. <\/p>\n<p>Die Gesellschaft f\u00fcr deutsche Sprache hat soeben den Aufschrei \u201eWir sind Papst\u201c auf den zweiten Platz zum Wort des Jahres 2005 gew\u00e4hlte. Papst Benedikt, ein deutscher Papst, verschafft Ihnen das als Katholik gro\u00dfe Gef\u00fchle?<\/p>\n<p>Schlingensief: Meine Mutter war nicht sein gr\u00f6\u00dfter Fan, als er noch Kardinal Ratzinger hie\u00df. Als er dann Papst wurde, fand sie es dann ganz gut so. Eventuell hat sie am Lebensabend das Gef\u00fchl, da\u00df man es sich mit dieser Instanz besser nicht verscherzen sollte. Mir ist der Papst egal, das meine ich ganz unfatalistisch. Ich habe mich von diesen Kircheninszenierungen entfernt, so wie ich mich vom Gebet entfernt habe. Es l\u00e4\u00dft mich kalt. Ich glaube an die Quantentheorie. Ein Afrikaner als Papst, das h\u00e4tte mir gefallen. Es gibt zwei Eing\u00e4nge, das Reiche und das Arme, und genau da teilt sich das Universum. Merkw\u00fcrdig, wo wir gerade davon sprechen, irritiert es mich, da\u00df mich ein deutscher Papst nicht erregt.<\/p>\n<p>Sind Sie noch Mitglied der Kirche?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich zahle Kirchensteuer und m\u00f6chte auch f\u00fcr meine Eltern mal eine Freuden-Trauer-Messe und einen Beerdigungszug. Der Pfarrer soll etwas sagen, ich kriege da sicher nichts aus mir heraus.<\/p>\n<p>Vogelgrippe, Feinstaub, Gammelfleisch \u2013 hat Sie das besorgt gemacht? Sie sind Gr\u00fcnder der \u201eKirche der Angst\u201c und fordern: \u201eF\u00fcrchtet Euch!\u201c<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, das waren doch Inszenierungen. Aber ich habe schon eine stark hypochondrische Veranlagung, auch Platzangst, wenigstens Fliegen kann ich inzwischen. Hier, schauen Sie mal auf meine Zunge, das habe ich aus Afrika mitgebracht.<\/p>\n<p>Die Zunge ist kalkwei\u00df.<\/p>\n<p>Schlingensief: Als Hypochonder war meine erste Diagnose nat\u00fcrlich Zungenkrebs. Es ist aber nur ein Pilz mit Fisteln.<\/p>\n<p>Herr Schlingensief, Sie sind Gastprofessor f\u00fcr szenisches Gestalten und darstellendes Spiel. Weihnachten ist die ideale Gelegenheit, sich auszutoben.<\/p>\n<p>Schlingensief: Das w\u00fcrden Sie sich w\u00fcnschen, da\u00df ich nach der Bescherung mit dem brennenden Weihnachtsbaum \u00fcber den Altmarkt in Oberhausen renne. Das machen jetzt andere. Meine Eltern und ich schaffen Weihnachten seit Jahren peu \u00e0 peu ab. Wir feiern ohne Baum, es gibt nicht einmal mehr Geschenke, keine Pl\u00e4tzchenteller, keine Krippe mit Ochs und Esel. Das Essen kommt aus der Dose.<\/p>\n<p>Das machen die Eltern mit?<\/p>\n<p>Schlingensief: Mein Vater ist blind und sieht nicht einmal die Kerzen, meine Mutter kann nach einem Sturz keinen Baum mehr dekorieren. Auch die schwere Bibel kann sie nicht mehr halten. Wir sitzen gem\u00fctlich zusammen, von Jahr zu Jahr mehr in dem Bewu\u00dftsein, da\u00df es das letzte gemeinsame Weihnachten sein k\u00f6nnte. Die beiden H\u00e4ndchen haltend in ihren Rollst\u00fchlen sitzen zu sehen, ist das gr\u00f6\u00dfte Geschenk f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Es spricht der erste Vorsitzende der Bewegung \u201eNie wieder Lametta\u201c. Wenn Sie Kinder h\u00e4tten&#8230;<\/p>\n<p>Schlingensief: \u2026dann w\u00e4re ich der Erste, der den ganzen Zirkus wieder mitmachen w\u00fcrde. Wenn mein Kind bei seinen Freunden sieht, wie die halbe Bude brennt, kann ich zu Hause nicht die Roll\u00e4den runterlassen und Ravioli kochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen Sie hier die wirkliche, weil ungek\u00fcrzte (!) 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