{"id":638,"date":"2011-08-22T15:12:53","date_gmt":"2011-08-22T13:12:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=638"},"modified":"2011-08-22T15:12:53","modified_gmt":"2011-08-22T13:12:53","slug":"hugel-der-hoffnung-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=638","title":{"rendered":"H\u00dcGEL DER HOFFNUNG (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Jahr nach seinem Tod nimmt Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso Gestalt an. Ein Ortstermin.<\/strong><\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrt durch die Savanne, vorbei an Lehmh\u00fctten und Betonquadern, die als Wohnh\u00e4user dienen, an Mais- und Hirsefeldern, Gras und B\u00e4umen, braunwei\u00dfen Rinder- und Schafherden. Das satte Gr\u00fcn der Regenzeit wechselt mit rotbrauner Erde. Noch ein paar Schlagl\u00f6cher, dann kommt der H\u00fcgel. Zwischen Gestr\u00fcpp und den f\u00fcr die Gegend typischen Granitsteinen taucht die Baustelle des Operndorfs auf, das sich Christoph Schlingensief vor seinem Tod vor einem Jahr ertr\u00e4umt hat. Arbeiter mauern, spachteln, schwei\u00dfen. Im Operndorf von Laongo in Burkina Faso stehen die ersten Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Unten im Tal arbeiten Frauen auf den Feldern. Eine kunstvoll errichtete Steintreppe f\u00fchrt hinunter.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00fcgel stehen bunte Container aus Deutschland, in denen eine komplette Theaterausstattung darauf wartet, aufgebaut zu werden: die f\u00fcr Stefan Bachmanns Ruhrtriennale-Inszenierung gestaltete Amphitheaterb\u00fchne f\u00fcr Paul Claudels St\u00fcck \u201eDer seidene Schuh\u201c. Eine plattgewalzte Fl\u00e4che im Zentrum des Gel\u00e4ndes deutet an, wo das schneckenf\u00f6rmige Festspielhaus einmal stehen soll.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/BUREAU_ATELIER_ENTREPOTS__CUISINE_ET_CANTINE_02.JPG\" width=\"450\" height=\"337\" alt=\"Baustelle Operndorf Afrika, August 2011 (c) Arnaude Dandjinou\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Laongo liegt rund 30 Kilometer nord\u00f6stlich der Hauptstadt Ouagadougou. Bislang verschlug es Fremde h\u00f6chstens wegen eines Parks mit Granitskulpturen hierher. Auf dem riesigen, sauber gepflasterten Parkplatz davor steht kein einziges Auto. In diese Gegend sollen einmal Theaterbesucher kommen.<\/p>\n<p>Salif Sanfo, ein junger K\u00fcnstler aus Ouagadougou, kann sich das gut vorstellen. \u201eDas k\u00f6nnte ein neues Freizeitgebiet werden, die Leute aus Ouaga k\u00f6nnten hier ihr Wochenende verbringen\u201c, und ebenso die Bewohner der nahe gelegenen Bezirkshauptstadt Ziniar\u00e9. Gegen Dezentralisierung hat auch Kulturmanager Ousmane Boundaon\u00e9 nichts, aber die Konkurrenz auf kleinem Raum h\u00e4lt er mit Blick auf den Skulpturenpark von Laongo f\u00fcr ein Problem. Die Gelegenheit, ein Projekt aus Deutschland zu ergattern, h\u00e4tten die Beh\u00f6rden ohne kritische Pr\u00fcfung der Gegebenheiten beim Schopf ergriffen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Ortswechsel ist es zu sp\u00e4t. \u201eEs muss nur noch das Dach drauf\u201c, sagt Architekt Dieudonn\u00e9 Wango beim Rundgang durch die Grundschule, die als erstes Geb\u00e4ude des Dorfs fertig wird. Im Oktober sollen 50 Erstkl\u00e4ssler die R\u00e4ume beziehen. Wango zeigt die Lehmziegelh\u00e4user, in denen ein k\u00fchles Raumklima herrscht, spricht von der Wertsch\u00e4tzung der heimischen Baustoffe. Er leitet die Baustelle, wenn der Berliner Architekt Di\u00e9b\u00e9do Francis K\u00e9r\u00e9 nicht vor Ort sein kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/klein_Ganlaky_workshop_warehouse_kitchen_canteen.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Baustelle Operndorf Afrika, August 2011 (c) Noel Ganlaky\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>K\u00e9r\u00e9, der aus Burkina Faso stammt und das Operndorf entworfen hat, wendet seine ganze Energie darauf, das Projekt im Sinne Schlingensiefs zu realisieren \u2013 und den Erwartungen der Burkiner gerecht zu werden. \u201eDas Projekt\u201c, sagt er, \u201ehat ohne Christoph seine Seele verloren. Aber ich hoffe, dass wir trotzdem eine Infrastruktur schaffen, die die Menschen nutzen k\u00f6nnen.\u201c Dass zuerst die Grundschule gebaut wird, war Schlingensiefs ausdr\u00fccklicher Wunsch. Die Kinder aus den umliegenden D\u00f6rfern sollen hier nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, sondern auch einen Zugang zur Kunst finden. In den Lehmgeb\u00e4uden werden ein Tonstudio und Ateliers eingerichtet.<\/p>\n<p>In der zweiten Bauphase soll eine Krankenstation entstehen, ein G\u00e4stehaus, ein Restaurant und der Sportplatz f\u00fcr die Schule. Erst zum Schluss wird als eigentliches Herz der Anlage das Festspielhaus errichtet. Vielleicht in zwei Jahren, vielleicht sp\u00e4ter, hei\u00dft es im Berliner B\u00fcro der Festspielhaus Afrika GmbH, die unter Federf\u00fchrung von Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz das Projekt weiterf\u00fchrt. Entscheidend ist die Finanzlage. Die F\u00f6rderungen von Ausw\u00e4rtigem Amt, Goethe-Institut und der Bundeskulturstiftung sind erst einmal ausgelaufen, neue Sponsoren werden dringend gesucht.<\/p>\n<p>Dass es weitergeht, hoffen nicht zuletzt die Anwohner. Dutzende M\u00e4nner fanden auf der Baustelle Arbeit, w\u00e4hrend die Frauen den Arbeitern Essen verkaufen \u2013 eine Entsch\u00e4digung daf\u00fcr, dass mancher Dorfbewohner im wahrsten Sinne des Wortes das Feld r\u00e4umen musste. \u201eWir waren bereit, auf Land zu verzichten, um das Dorf voranzubringen,\u201c sagt Prosper Tapsoba, der einen Job als Wachmann \u00fcbernommen hat. Die Anwohner gaben sogar einen spirituellen Ort am Fu\u00dfe des H\u00fcgels auf. Wo bisher Opferzeremonien abgehalten wurden soll der Sportplatz entstehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/klein_Ganlaky_Classroom_at_the_left__administration_room_at_the_right.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Baustelle Operndorf Afrika, August 2011 (c) Noel Ganlaky\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Dass die Bauarbeiten nicht auf halber Strecke stecken bleiben, hoffen auch viele in Ouagadougou, wenngleich nicht alle sofort in Begeisterungsst\u00fcrme ausbrachen, als die Deutschen kamen. \u201eAm Anfang habe ich das Projekt nicht verstanden, ich war skeptisch\u201c, sagt Etienne Minoungou, Schauspieler, Autor, Regisseur und Leiter des Theaterfestivals Recr\u00e9atrales. Minoungou, Jahrgang 1968, sitzt mit dem T\u00e4nzer und Choreografen Seydou Boro zum Feierabendbier in einem Maquis, einer der typischen Bars der Hauptstadt. Die Freunde leben und arbeiten einen gro\u00dfen Teil des Jahres in Europa, kehren aber regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Projekte in ihre Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eIn Burkina Faso hole ich meine Inspiration, hier habe ich Ideen\u201c: Boro gastierte im Juni im Berliner HAU und arbeitet in seinem Tanzzentrum La Termiti\u00e8re an einer neuen Choreografie. Hier treffen sich K\u00fcnstler aus aller Welt zu Workshops, alle zwei Jahre wird ein Festival veranstaltet. Es gibt ein G\u00e4stehaus, ein Restaurant und ein Theater f\u00fcr 300 Zuschauer. Ausgelastet ist der Saal oft nicht.<\/p>\n<p>Und jetzt auch noch ein Festspielhaus. Boro kommentiert das mit Schweigen, Minoungou findet, die einheimischen K\u00fcnstler seien zu sp\u00e4t in die Planungen einbezogen worden. Als die Schauspielerin Odile Sankara, j\u00fcngste Schwester des 1987 ermordeten Staatschefs Thomas Sankara, vorbeischaut, erkl\u00e4rt er gerade, dass es in der internationalen Zusammenarbeit eine bestimmte Art gebe, sich Afrikas Realit\u00e4ten anzun\u00e4hern. \u201eMan entwickelt nicht die Menschen, sondern die Menschen wollen sich selbst entwickeln.\u201c Sankara war der Che Guevara von Afrika, auch er wollte, dass sich das bitterarme Land aus eigener Kraft entwickelt, ohne Hilfe des Westens. Bis heute wird er von den Burkinern verehrt.<\/p>\n<p>Jetzt, da das Operndorf im Bau ist, will Minoungou immerhin die Richtung mitbestimmen. Er ist Mitglied des k\u00fcrzlich geschaffenen Lenkungs-Komitees, das den burkinischen Kulturschaffenden eine Plattform zum Mitgestalten bietet. Im Gremium sitzt auch Gaston Kabor\u00e9. Wenn der 60-j\u00e4hrige Regisseur vom Operndorf spricht, strahlt sein freundliches Gesicht noch mehr als sonst. Gemeinsam mit Schlingensief geh\u00f6rte er 2009 der Berlinale-Jury an, er f\u00fchlt sich nicht ganz unschuldig daran, dass das Festspielhaus in seinem Heimatland entsteht. \u201eChristoph hat mir viel davon erz\u00e4hlt\u201c, erinnert sich Kabor\u00e9 in seiner Filmschule Imagine in Ouagadougou, die er in Eigeninitiative aufgebaut hat. \u201eAuf den ersten Blick erscheint es total verr\u00fcckt. Aber wenn man immer alles zu Ende denken und s\u00e4mtliche Kosten kalkulieren w\u00fcrde, w\u00fcrde man nie etwas wagen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Kabor\u00e9 hat das Projekt sein Ziel erreicht, wenn es andere zu ungew\u00f6hnlichen Wegen inspiriert, etwa in der Bildung. \u201eEs wird der Anfang einer Revolution in der Wahrnehmung des Grundschulunterrichts in Burkina Faso sein\u201c, hofft er. Das Theater, fernab vom st\u00e4dtischen Publikum, k\u00f6nne der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung neue Horizonte er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Kunst, gegen den Strom zu schwimmen, gef\u00e4llt Kabor\u00e9. Vielleicht ist das Operndorf ja ein steinernes Manifest dieser Kunst. Auch wenn die Organisatoren das Projekt nicht als Denkmal f\u00fcr den viel zu fr\u00fch gestorbenen K\u00fcnstler verstanden wissen wollen, so ist es doch der Versuch, Christoph Schlingensiefs sch\u00f6pferische Kraft am Leben zu halten \u2013 zumindest in Afrika. Solche Aktionskunst braucht einen langen Atem.<\/p>\n<p><em>Aus: Der Tagesspiegel vom 20.08.2011. Text: Susanne Rieper. Fotos: Arnaude Dandjinou, Noel Ganlaky<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Jahr nach seinem Tod nimmt Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso Gestalt an. 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