{"id":632,"date":"2011-05-22T23:12:30","date_gmt":"2011-05-22T21:12:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=632"},"modified":"2011-05-22T23:12:30","modified_gmt":"2011-05-22T21:12:30","slug":"und-gruss-mir-die-schwarzen-tt-blog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=632","title":{"rendered":"UND GR\u00dcSS MIR DIE SCHWARZEN (THEATERTREFFEN BLOG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs Via Intolleranza II ist weder Entwicklungshilfe noch Dokutheater, auch wenn eine Menge Afrikaner auf der B\u00fchne stehen. Via Intolleranza II ist ein Gesamtkunstwerk, im Schlingensiefschen Sinne.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Fadrina Arpagaus<\/em><\/p>\n<p>\u201eDu kannst ihn lieben, so viel du willst, aber er ist kein guter Regisseur\u201c, sagte vor vielen Jahren ein Freund zu mir. Doch ich selbst sehe mich noch heute au\u00dfer Stande, auf Christoph Schlingensief und seine Inszenierungen die Kategorien \u201egut\u201c oder \u201eschlecht\u201c anzuwenden. Er f\u00e4llt bei mir noch immer durchs Bewertungsraster. Das spricht wohl gegen meine kritische Kompetenz, vielleicht aber auch f\u00fcr Schlingensief als K\u00fcnstler. Denn ein K\u00fcnstler war er, auch wenn er wie kaum ein anderer seine eigene Existenz daf\u00fcr benutzte, und vielleicht macht das eine Bewertung so schwierig.<\/p>\n<p>Via Intolleranza II, Christoph Schlingensiefs letzte Inszenierung vor seinem Tod, funktioniert auch ohne ihn. Schlingensief ist jetzt eine Rolle im St\u00fcck, gespielt vom langj\u00e4hrigen Crew-Mitglied, dem Schauspieler Stefan Kolosko. Der tut das hervorragend. Nie gibt er vor, Schlingensief zu sein, und doch schafft er es, unter den ganzen Abend eine Schlingensief-Spur zu legen.<\/p>\n<p>Doch die B\u00fchne geh\u00f6rt vordergr\u00fcndig den Schauspielern aus Burkina Faso. Via Intolleranza II beginnt mit burkinesischer Folklore, und man f\u00fchlt sich erst einmal wie auf einem interkulturellen Afrika-Abend des Goethe-Instituts. Oje, denkt man, das ist wohl ein Missverst\u00e4ndnis. Doch auch Schlingensief denkt von Anfang an laut \u00fcber die Zweifelhaftigkeit seiner Afrika-Produktion nach: Da veranstaltet er ein Schauspieler-Casting in Ougadougou, und von rund 400 Bewerbern d\u00fcrfen zehn mit nach Europa. Dann ist das Boot voll. Was soll das eigentlich? W\u00e4hrenddessen sterben er und seine Mitarbeiter weg, das kanns doch wohl auch nicht sein. Was sind das auch f\u00fcr komische bunte H\u00e4uschen, die die Schwarzen da bauen? Und \u00fcberhaupt, er versteht sie nicht, kann denn mal einer \u00fcbersetzen?<\/p>\n<p>Doch Schlingensief versucht sich nie interkultureller Kompetenz, er haut und benimmt sich daneben, verletzt sich und andere, und das ist ehrlicher als dieses ganze Entwicklungshilfeged\u00f6ns des Westens, das mit falscher Reue und postimperialisitscher Hilflosigkeit sich nur schon in der Wahl des richtigen Wortes f\u00fcr \u201edie Afrikaner\u201c verkrampft.<br \/>\nDas soll nicht hei\u00dfen, dass Schlingensief alles richtig macht. Nat\u00fcrlich benutzt er Afrika. Aber er ist ehrlich genug, es zuzugeben. Sein \u201eBitte lasst mich euch helfen!\u201c zeigt deutlich, dass ihn nicht die Frage qu\u00e4lt, wie er andere Menschen retten kann, sondern wie man als kranker, kaputter Mensch noch Liebe geben und f\u00fcr das Sch\u00f6ne eintreten kann. Man k\u00f6nnte jetzt sagen: Das ist klein, weil sich alles nur um ihn selbst dreht.<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig ist das gro\u00df: Schlingensief hat den Mut, sich und seine \u00c4ngste aus- und zur Disposition zu stellen. Er erz\u00e4hlt von der menschlichen Sehnsucht, immer Teil des Lebens zu bleiben, egal in welcher Form: \u201eIch habe euch nichts zu geben als meinen kranken K\u00f6rper, kocht ihn, esst ihn, schei\u00dft ihn aus und d\u00fcngt damit die Felder, damit etwas Neues auf ihnen w\u00e4chst.\u201c D\u00fcnger werden f\u00fcr die Welt \u2013 das bedeutet, in etwas aufgehen, das gr\u00f6\u00dfer ist als man selbst, und das gelingt Schlingensief in Via Intolleranza II, irgendwo zwischen Versatzst\u00fccken aus Wagner und Luigi Nono, Krankenstation und Operndorf, Film und Ton, Pappkarton und billigem Stoff, zwischen Afrikanern und Behinderten, schwarzen K\u00f6rpern und den gro\u00dfen Denkern des Westens.<\/p>\n<p>Via Intolleranza II ist kein Entwicklungshilfeprojekt, sondern ein Kunstwerk, das von Angst und Krankheit erz\u00e4hlt. Vielleicht hat Schlingensief das selbst manchmal vergessen. Er \u00fcberwindet keine Kulturgrenzen, und auch die gro\u00dfe Verbr\u00fcderung zwischen Afrika und Europa bleibt aus. Das wird deutlich, als die Burkinesen nach dem Applaus das Publikum zum Mitsingen anregen wollen. Doch der Versuch scheitert, die gro\u00dfe interkulturelle Sause kommt nicht zu Stande. Zum Gl\u00fcck. Es w\u00fcrde Via Intolleranza II entwerten. Denn der Abend ist Kunst, eine Kunst, die nach wie vor von der geheimnisvollen und nie versiegenden Quelle Christoph Schlingensief gespiesen wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.theatertreffen-blog.de\/tt11\/artikel-zu\/via-intolleranza-ii\/und-grus-mir-die-schwarzen\/\" target=\"_blank\">Theatertreffen Blog<\/a> vom 22. Mai 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs Via Intolleranza II ist weder Entwicklungshilfe noch Dokutheater, auch wenn eine Menge Afrikaner auf der B\u00fchne stehen. 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