{"id":631,"date":"2011-05-24T22:56:43","date_gmt":"2011-05-24T20:56:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=631"},"modified":"2011-05-24T22:56:43","modified_gmt":"2011-05-24T20:56:43","slug":"der-wilde-kern-der-theaterkunst-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=631","title":{"rendered":"DER WILDE KERN DER THEATERKUNST (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seht her, welche Energie: Mit Christoph Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220; geht am Montag ein sehr reiches Berliner Theatertreffen zu Ende. <\/strong><\/p>\n<p><em>VON KATRIN BETTINA M\u00dcLLER<\/em><\/p>\n<p>BERLIN taz | Es gibt so viele Motive, Theater zu spielen. Das Theatertreffen 2011 in Berlin lie\u00df einiges davon sehen: sich am Versagen einer Stadt zu reiben und lustvoll ihre Pleiten zu begleiten (Schauspiel K\u00f6ln, &#8222;Ein Sturz&#8220;); Anerkennung einer Identit\u00e4t einzuklagen, die im Einwanderungsland Deutschland noch immer als Problem der anderen marginalisiert wird, statt sich damit als Produkt der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen (Ballhaus Naunynstra\u00dfe, &#8222;Verr\u00fccktes Blut&#8220;); die Sprache eines Klassikers beinahe bruchlos mit dem Gef\u00fchlshaushalt der Gegenwart zu synchronisieren (Schauspiel Dresden, &#8222;Don Carlos&#8220;); den Zuschauer am Schlafittchen seiner Am\u00fcsierwilligkeit in finstere Abgr\u00fcnde zu f\u00fchren (die Inszenierungen von Herbert Fritsch aus Oberhausen und Schwerin); und schlie\u00dflich von einer Flucht vor sich selbst zu erz\u00e4hlen und der Beinahe-Ankunft in einem ganz anderen Kontext, n\u00e4mlich in Burkino Faso, wie in der letzten Inszenierung des Theatertreffens, &#8222;Via Intolleranza II&#8220; von Christoph Schlingensief.<\/p>\n<p>Die Ausweitung der Spielzone tat dem Theatertreffen gut. Schon bei der Nominierung war die Erleichterung zu sp\u00fcren, neuen Akteuren zu begegnen, auch freie Produktionen (zweimal von Kampnagel Hamburg mitgetragen) und kleinere Stadttheater beteiligt zu sehen. Selbst das Publikum wirkte erneuert, noch nie fragten so oft Ortsunkundige nach dem Weg zum Haus der Berliner Festspiele.<\/p>\n<p>Die Volksb\u00fchne Berlin, vor zehn Jahren das hipste Theater der Republik, spielt zurzeit keine gro\u00dfe Rolle mehr. Sie hat aber den Schutzraum geboten, in dem sowohl Herbert Fritsch wie Christoph Schlingensief den wilden Kern ihrer Kunst keimen lassen konnten. Fritsch hat den nun in die Provinz getragen und einen neuen Funken daraus geschlagen, der all die Vorurteile gegen\u00fcber dem Provinztheater, von Anachronismus und Armut \u00fcber den Hang zum Ranschmei\u00dferischen bis zum Zwang, Unterhaltung um jeden Preis bieten zu m\u00fcssen, aufnimmt und so ma\u00dflos in die Affirmation treibt, bis es b\u00f6se wird. Sein Theater zerrt die Leute vom Fernseher weg mit dem Versprechen, deren Comedy- und Slapstickformate noch zu toppen. Dennoch hat er auch von der Stilisierung eines Robert Wilson und der Beschleunigung eines Michael Thalheimer im Umgang mit den Klassikern gelernt. Eine Synthese, wie man sie nur mit viel Erfahrung hinkriegen kann. <\/p>\n<p><strong>Essayistische Zugriffe<\/strong><\/p>\n<p>Wenn das Theatertreffen heute zu Ende geht, mit Christophs Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220;, ist das mehr als eine nachtr\u00e4gliche Abschiedsgeste an den im August 2010 gestorbenen Regisseur. Mehr, weil die Performance mit zehn Darstellern aus Burkino Faso, Stellvertreter f\u00fcr das Operndorf, dessen Bau Schlingensief initiiert hat, den Blick geografisch weitet und vor diesem Hintergrund auch die Frage, wer wir eigentlich sind, neu verhandelt. Mehr aber auch, weil damit die L\u00fccke, die er hinterl\u00e4sst, so sichtbar wird. Niemandem sonst gelingt so ein essayistischer Zugriff auf ein Thema.<\/p>\n<p>In Monologen des Regisseurs, den jetzt Stefan Kolosko spielt, wird das Verh\u00e4ltnis Europas zu Afrika auf einen Punkt gebracht: Wir, die selbst Gesch\u00e4digten, die sich selbst nicht helfen k\u00f6nnen, suchen jetzt andere, denen wir helfen k\u00f6nnen, um von der eigenen Nabelschau wegzukommen. Wie, bitte sch\u00f6n, soll das denn funktionieren? Der Zweifel, mit dem der Regisseur seinen eigenen Enthusiasmus kommentiert, wurde 2010 noch best\u00e4rkt von geophysikalischen Vorg\u00e4ngen: Die K\u00fcnstler aus Burkino Faso konnten, weil ein Vulkan in Island ausgebrochen war, nicht rechtzeitig zu den Proben nach Deutschland kommen.<\/p>\n<p>Wie dennoch ein Teil von ihnen seinen eigenen Raum in der Collage des Abends erh\u00e4lt, der Rap von Abdoul Kader Traore, die w\u00fctende Komik von Amado Komi, der ob seiner Kleinheit immer mit einem Kind verwechselt wird und zum Objekt von Besch\u00fctzerinstinkten, wie sie dem Hunger nach Echtheit unter lauter falschen Bildern einerseits entgegenkommen, andererseits in ihren Texten aber auch das Ambivalente dieses Wunsches herausstellen, geh\u00f6rt zu den Wundern dieses Abends.<\/p>\n<p>Ihr Franz\u00f6sisch, von einem Dolmetscher oder in \u00dcbertitel \u00fcbersetzt, legt sich \u00fcber Schlingensiefs Monologe oder die Briefe des mitorganisierenden Goethe-Instituts. \u00dcber viele Szenen schichten sich Filmbilder, auf d\u00fcnne Vorh\u00e4nge projiziert, voller Engel und anderer Wesen aus dem Jenseits, aus einem Stummfilm nach Dantes &#8222;Inferno&#8220;. Die Bilder sind ein Vorschein des Todes, der w\u00e4hrend der Produktion den schwerkranken Regisseur bedrohte. Sie sind zugleich Repr\u00e4sentanten jener wei\u00dfen Geistesgeschichte und Ausdruckstradition, in die durch Nachahmung einzutreten f\u00fcr die Schwarzen keinen Sinn macht, wie einige Slapstick-Szenen beweisen. Das Flackern und Flimmern des Films bezeugt aber auch die Verg\u00e4nglichkeit der Kunst selbst.<\/p>\n<p>Von diesem letzten Abend aus lassen sich B\u00f6gen zu den vorher gesehenen Inszenierungen schlagen. Man kann zum Beispiel Schlingensief und Nurkan Erpulat als die beiden Regisseure sehen, die sich neuen Herausforderungen an die Identit\u00e4t des Deutschseins stellen. Schlingensief verlie\u00df daf\u00fcr Europa, Erpulat taucht in &#8222;Verr\u00fccktes Blut&#8220; in den Mikrokosmos eines Klassenzimmers ein. Er bearbeitet die Vorurteile, Projektionen und Selbstethnifizierungen, die junge Deutsche mit Familien aus den Einwanderergenerationen treffen, mit einem pointen- und fintenreichen Theater, das auch ein neues Volkstheater sein m\u00f6chte. Manchmal wirkt das naiv. Aber er hat damit, wie die vielen Einladungen des St\u00fccks zeigen, eben einen Nerv getroffen, eine Leerstelle gef\u00fcllt, f\u00fcr die es bisher kaum Angebote gibt.<\/p>\n<p><strong>Kathrin R\u00f6gglas Vampire<\/strong><\/p>\n<p>Der Hunger nach dem Echten und das Leiden an Erfahrungen aus zweiter Hand verbindet Schlingensief aber auch mit Fritschs Inszenierung von Ibsens &#8222;Nora&#8220; und Kathrin R\u00f6gglas St\u00fcck &#8222;Die Beteiligten&#8220;, das Stefan Bachmann am Wiener Burgtheater inszeniert hat. Wie Vampire h\u00e4ngen n\u00e4mlich die nachtschattengrau geschminkten M\u00e4nner in &#8222;Nora&#8220; an der zu Niedlichkeit und Sexyness verdammten Protagonistin, als f\u00e4nden sie nur bei ihr zum Leben zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wie Vampire h\u00e4ngen auch die &#8222;Beteiligten&#8220; an einer Phantomgestalt, einem Rotk\u00e4ppchen des Medienzeitalters, einem verschleppten Kind. \u00dcber die Teilhabe an dessen grausamer Geschichte wollen sie sich selbst eine sinnvolle Existenz zurechtschneidern, als Therapeutin, als Journalist, als Freundin, als Berater &#8211; aber die Figur, die ihnen Sinn geben soll, entzieht sich ihnen. Die Rache der &#8222;Beteiligten&#8220; ist die gnadenlose Besetzung des verschwundenen M\u00e4dchens mit Redefiguren, die aus Verst\u00e4ndnis Bedrohung machen, aus Beratung diktatorische Zuschreibung. Dass ihnen eine Geschichte, die sie vermarkten wollen, vorenthalten wird, treibt sie immer mehr in die Raserei.<\/p>\n<p>Kathrin R\u00f6gglas Text ist sperrig, das Sichn\u00e4hren von der Fiktion des Lebens eines anderen stellt sie in indirekter Rede aus. Der Regisseur Stefan Bachmann hat ihrem Text einerseits sehr beklemmende Texte und Bilder hinzugef\u00fcgt, die vom Leiden des M\u00e4dchens bei ihrem Entf\u00fchrer und von Rotk\u00e4ppchen im Bauch des Wolfes erz\u00e4hlen. Der Weg \u00fcber das M\u00e4rchen hilft der Vorstellungskraft dabei \u00fcber das hinweg, was man sich auch nicht vorstellen will. Andererseits treibt er die Emp\u00f6rung \u00fcber den vorenthaltenen Skandal in sehr formalen Spielanordnungen auf die Spitze. Da sitzen die &#8222;Beteiligten&#8220; eng zusammen, schauen Chips essend fern und synchronisieren mit unbewegter Mine die grausamen Texte der Monster, die das unsichtbare M\u00e4dchen \u00fcberfallen. <\/p>\n<p>Es war ein Festival der ungleichen Gr\u00f6\u00dfen, das Schlauchboote mit Hilfsmotor, wie das Ballhaus aus Berlin-Kreuzberg, zwischen die gro\u00dfen Dampfer schickte, wie die Theater aus Wien, Z\u00fcrich und K\u00f6ln, und die mittelgro\u00dfen, die aus Dresden, Schwerin und Oberhausen kamen. Aber gerade deshalb wirkte das Programm reich. Die Applausordnungen, mit denen Herbert Fritsch seine Inszenierungen beendet, suggerieren, dass das Theater sich wie eine Spieluhr immer weiter dreht und auch, wenn wir nicht hinschauen, das St\u00fcck weitergeht, wom\u00f6glich f\u00fcr Gespenster. Ein \u00e4hnliches Bild erzeugte das Theatertreffen selbst: Als \u00f6ffneten sich mit den eingeladenen St\u00fccken zehn Fenster, die sehen lie\u00dfen, was sich im deutschsprachigen Theaterraum hinter f\u00fcnf bis sechsmal so vielen Fenstern beinahe Abend f\u00fcr Abend abspielt. Das hatte die Anmutung eines vitalen Existenzbeweises: Seht her, welche Energie.<\/p>\n<p><em>Quelle: taz vom 23.05.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seht her, welche Energie: Mit Christoph Schlingensiefs &#8222;Via Intolleranza II&#8220; geht am Montag ein sehr reiches Berliner Theatertreffen zu Ende. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/631"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=631"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/631\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}