{"id":63,"date":"2005-12-22T00:42:04","date_gmt":"2005-12-21T22:42:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=63"},"modified":"2005-12-22T00:42:04","modified_gmt":"2005-12-21T22:42:04","slug":"ich-habe-keine-frohe-botschaft-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=63","title":{"rendered":"&#8222;Ich habe keine frohe Botschaft&#8220; (Die Welt)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber Religion, Mitleid, Zw\u00e4nge und die Frage, wie er seit 45 Jahren mit seinen Eltern Weihnachten feiert<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON KAI L\u00dcHRS-KAISER<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie Welt: Christoph Schlingensief, da\u00df Ihnen Glauben viel bedeutet, kann man sich nicht unbedingt vorstellen.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Sie t\u00e4uschen sich, Religion ist ein gro\u00dfes Thema f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Die Welt: Was bedeutet Religion?<\/p>\n<p>Schlingensief: Sie hat mit der Suche nach verlorenen Bildern zu tun. Ohne vergessene, versch\u00fcttete Bilder, die in uns weiterwirken, gibt es keinen Glauben. Die &#8222;Church of Fear&#8220;, die ich mitgegr\u00fcndet habe, ist der Versuch, unsere verdr\u00e4ngte Angst als Kraft neu zu entdecken. Die Religion ist eine T\u00fcr, in der sich Obsessionen und versch\u00fcttete \u00c4ngste abbilden. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, da\u00df wir wieder Unpriester brauchen, die uns die Zeit neu beibringen. Die uns verlorene Bilder noch einmal zeigen.<\/p>\n<p>Die Welt: Sehen Sie sich selber als einen solchen Un-Priester?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, ich eigne mich nicht zum Priester, ich habe weder eine Frohe noch eine schlechte Botschaft. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich habe ich aber eine gro\u00dfe Hoffnung, weil ich an Kreisl\u00e4ufe glaube, es gibt keinen Anfang und eben auch kein Ende. Meine Botschaft lautet einfach: Es gibt das Untermenschliche, das Menschliche und das \u00dcbermenschliche. Im Untermenschlichen f\u00fchle ich mich wohl, im Menschlichen halte ich mich auf, und beim \u00dcbermenschlichen halte ich mich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Welt: Findet Weihnachten bei Ihnen statt?<\/p>\n<p>Schlingensief: Es gibt f\u00fcr mich einen triftigen Grund, regelm\u00e4\u00dfig Weihnachten zu feiern, und das sind meine Eltern. Dieses Jahr feiern wir zum 45. Mal, das hat Jesus selbst nicht einmal geschafft. Aber jedes Jahr wird das Fest karger. Wir haben jetzt keinen S\u00fc\u00dfigkeiten-Teller mehr, es gibt keine Geschenke, und von echten Kerzen sind wir auf k\u00fcnstliches Geflimmer umgestiegen. Weil mein Vater unter einer fortschreitenden Erblindung leidet, tat ihm irgendwann das Kerzenlicht in den Augen weh. Wir feiern ein entm\u00fclltes Weihnachten.<\/p>\n<p>Die Welt: Aber Sie feiern.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich sage mir schon seit Jahren: Vielleicht ist es das letzte Mal. Es ist das Gegenteil von Heinrich B\u00f6lls &#8222;Nicht nur zur Weihnachtszeit&#8220;. Seit zehn bis 20 Jahren feiere ich immer das letzte Weihnachtsfest. Ich f\u00fcrchte, da\u00df es eines Tages mit meinen Eltern auch f\u00fcr mich sterben wird. Dann werde ich da sitzen und mich erinnern an die Uhr, die tickte.<\/p>\n<p>Die Welt: Singen Sie Weihnachtslieder?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das ist vorbei. Meine Mutter hat bis vor einigen Jahren aus einer gro\u00dfen, schweren Bibel vorgelesen, die sie irgendwann nicht mehr halten konnte.<\/p>\n<p>Die Welt: Schm\u00fccken Sie einen Tannenbaum?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wir haben etwas Gr\u00fcnes um eine Kerze. Meine Mutter sitzt im Rollstuhl, sie ist froh, wenn sie mit einer Kr\u00fccke drei Schritte tun kann. Wenn ich Kinder h\u00e4tte, w\u00fcrde ich wahrscheinlich den gro\u00dfen Zirkus veranstalten. Es bleibt mir erspart.<\/p>\n<p>Die Welt: Gehen Sie in die Kirche?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wir hatten einmal eine Ferienwohnung im Sauerland, da gab es so eine Diaspora-Kirche. Da kam der Priester mit seinem Me\u00df-Koffer angereist. Ein schwerer, v\u00f6llig verschrumpelter Jesus hing an zwei ganz d\u00fcnnen Seilchen \u00fcber seinem Kopf. Ich habe immer wie gebannt hingeschaut. Wenn die Bauern dann &#8222;Gro\u00dfer Gott, wir loben dich&#8220; sangen, stie\u00dfen sie Fahnen kalter Luft aus ihren M\u00fcndern: Das war gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Die Welt: Wie geht es Ihnen nach Weihnachten?<\/p>\n<p>Schlingensief: Gut. Auch ersch\u00f6pft. Wir haben zwei Betreuer f\u00fcr meine Eltern, von denen vielleicht einer \u00fcber Weihnachten bleiben wird. Da ist viel zu tun. Mein Vater ist dem Tod k\u00fcrzlich knapp von der Schippe gesprungen. Ich war in Namibia, ein einziges Funkloch. Als ich endlich Handyempfang hatte, klingelte das Telefon, und ich bekam die Nachricht, mein Vater l\u00e4ge mit Magenbluten, Rippenfellentz\u00fcndung und Herzinfarkt auf der Intensivstation. Mit 81 Jahren.<\/p>\n<p>Die Welt: Konnten Sie zur\u00fcckfahren?<\/p>\n<p>Schlingensief: Es ging nicht. In der Nacht hatte ich starke Trauergef\u00fchle, aber ohne direkt beten zu k\u00f6nnen: &#8222;Gott, steh&#8216; ihm bei!&#8220; oder &#8222;Antonius, Michael, Johannes, Thomas&#8230;: helft!&#8220; Mir kamen nur Tr\u00e4nen \u00fcber die Lippen. Als wir nach der R\u00fcckkehr aus Afrika zweieinhalb Wochen an seinem Bett sa\u00dfen, ihn gepflegt und aufgep\u00e4ppelt haben, und er sich tats\u00e4chlich berappelte, da habe ich mir gesagt: Ich wei\u00df nicht, ob er das geschafft h\u00e4tte, wenn man noch l\u00e4nger weggeblieben w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Welt: Hatten Sie Mitleid?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, Mitleid ist f\u00fcr mich eines der gr\u00f6\u00dften \u00dcbel unserer Zeit. Man betrauert eigentlich nur sich selbst, auch \u00fcber Umwege. Das Leiden mit anderen kn\u00fcpft man ganz automatisch an die Bedingung, da\u00df man von der Trauer auch was f\u00fcr sich selbst abhaben will. Da wird der eigentlich Leidende schnell zur Nebensache. Mitleid hei\u00dft, sich immer nur durch den eigenen Kakao zu ziehen. Ich habe sogar bei meinem Vater im Krankenhaus entschieden, ihn nicht mehr zu bemitleiden. Er hat sein Leben gelebt. Dieses Leben hatte seine Zw\u00e4nge, so wie jedes Leben seine Zw\u00e4nge hat. Auch was seine Blindheit angeht, versp\u00fcre ich momentan kein Mitleid mehr. Es tut mir leid, das ist schon klar. Aber ich leide nicht mit, weil ich dann selber Sehst\u00f6rungen kriege.<\/p>\n<p>Die Welt: Sie waren als Kind Me\u00dfdiener. Wie lange?<\/p>\n<p>Schlingensief: 13 Jahre, von 1966 bis 1979. Als guter Me\u00dfdiener hatte ich zwei bis drei Vorstellungen in der Woche, f\u00fcr einen Schauspieler ein guter Schnitt. Meine erste Messe habe ich v\u00f6llig vermasselt. Zwanzig Frauen, einschlie\u00dflich meiner Mutter, sa\u00dfen in der Herz-Jesu-Kirche in Oberhausen, und ich habe alles falsch gemacht. Als ich schlie\u00dflich zur Sakristei abging, packte mich der Pfarrer beim Kragen und raunzte: &#8222;Zur\u00fcck zum Altar, Kniebeuge vergessen!&#8220; Anschlie\u00dfend habe ich geheult und war v\u00f6llig fertig.<\/p>\n<p>Die Welt: Eine Initialz\u00fcndung?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, eine Feuertaufe. Der Monsignore hat mir dann einen entscheidenden Satz mit auf den Weg gegeben: &#8222;Egal, was du machst, welche Fehler du begehst und welche Katastrophen du verursachst, eines steht fest: Der Papst bleibt bei seinem Glauben.&#8220; Das war meine Botschaft im Jahr 1966, morgens gegen 6.45 Uhr. Seither will ich es gut machen. Das hat eine Sehnsucht in mir erzeugt.<\/p>\n<p>Die Welt: Haben Sie heute noch Glaubensbedarf?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe Wissensbedarf. Die Kombination von Wissensdrang und Ungl\u00e4ubigkeit kann t\u00f6dlich sein &#8211; glaube ich. Das interessiert mich. Ich habe vor allem einen immensen Bedarf, in unbekanntes Terrain vorzusto\u00dfen. Ich suche immer noch den Ort, an dem es niemanden interessiert, da\u00df ich einmal &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl!&#8220; gerufen habe. Ich wei\u00df, da\u00df es ihn gibt. Aber ich kann es nicht glauben&#8230;<\/p>\n<p>Die Welt: W\u00e4re es vorstellbar, da\u00df sie einer Partei beistehen au\u00dfer der eigenen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich denke nicht. Es juckt einen ja immer, seinen Senf dazuzugeben, wenn man sieht, wieviel Schwachsinn und Heuchelei da praktiziert wird. Ich denke aber mehr in Bildern als in Botschaften. Werner Brecht, einer meiner Lieblingsschauspieler, ist vorletztes Jahr gestorben. Er hatte ein sehr schwaches Herz, brauchte seine ganze Luft zum Atmen und hielt sich deshalb mit ausufernden Ansprachen zur\u00fcck. Als die \u00c4rzte ihm zur Operation rieten, mu\u00dfte er sein Blutgerinnungsmittel absetzen. Das war sein Todesurteil. Wenn jemand wie er ans Mikrophon trat und \u00f6ffentlich schwieg, dann sagte das mehr als jede Kampfparole. Glauben bedeutet, nach Bildern zu suchen. In eine Partei zu gehen hei\u00dft, mit Bildern um sich zu werfen.<\/p>\n<p>Die Welt: Wie finden Ihre Eltern, was Sie machen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Sie sind noch nicht vom Glauben abgefallen. (Lacht.) Sie haben mitgelitten, aber kein Mitleid gehabt, wenn Dinge schiefgingen. Als ich in Bayreuth bei den Proben zu &#8222;Parsifal&#8220; nach zwei Wochen aufh\u00f6ren wollte, sagte mein Vater: &#8222;Du wirst dich dein Leben lang \u00e4rgern. Das machst du sch\u00f6n zu Ende.&#8220;<\/p>\n<p>Die Welt: Wie haben Sie die Krise bei den &#8222;Parsifal&#8220;-Proben \u00fcberwunden?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich habe Wolfgang Wagner davon \u00fcberzeugt, da\u00df Kundry in Wirklichkeit eine Schwarze ist.<\/p>\n<p>Die Welt: Wie das?<\/p>\n<p>Schlingensief: In den Regieanweisungen Wagners steht, da\u00df Kundry einen &#8222;kn\u00f6chellangen&#8220; Schlangenrock tr\u00e4gt. Europ\u00e4ische Schlangen reichen aber nur bis zum Knie. Mit diesem Ausflug in die Tierkunde hatte ich ihn! \u00dcbrigens sind in Bayreuth selbst die Buhs saftig und lustvoll. In Bayreuth bin ich immer gest\u00e4rkt und aufgetankt von der B\u00fchne gewankt.<\/p>\n<p>Die Welt: Warum haben Sie eigentlich nicht mitgespielt?<\/p>\n<p>Schlingensief: Man h\u00e4tte es f\u00fcr eitel gehalten. Ich gehe in Deutschland auch in keine Talkshow mehr. Ich bin bis auf weiteres nicht mehr auf Sendung.<\/p>\n<p>Die Welt: Hatten Sie Angst vor der &#8222;Parsifal&#8220;-Premiere?<\/p>\n<p>Schlingensief: Total. Ich war innerlich zerrissen und habe gelitten wie ein Schwein. Ich wu\u00dfte: Die Arbeit ist gut geworden. Und das hat anschlie\u00dfend viele \u00fcberrascht! Sie hat gezeigt, da\u00df ich mit Bildern umgehen kann. Vorher war es f\u00fcr mich nat\u00fcrlich klar zu denken, da\u00df Bayreuth meine letzte Pr\u00fcfung werden w\u00fcrde, ganz im Sinne des &#8222;Parsifal&#8220;-Textes &#8222;Zum letzten Mal&#8230;&#8220;. Parsifal ist wie Tinnitus. Der geht nicht mehr weg, wenn man ihn einige male geh\u00f6rt hat. Auf jeder Probe habe ich die Szenen wieder und wieder geh\u00f6rt und es total genossen.<\/p>\n<p>Die Welt: Haben Sie sich in Ihren Arbeiten stark ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Schlingensief: In meinem Leben gab es vier wichtige Stationen: 1968 habe ich versehentlich einen Film meines Vaters doppelt belichtet und entdeckt, was man damit alles machen kann; 1979 habe ich nach geplatztem Blinddarm, sechs Wochen Krankenhaus und einem sehr dilettantischen Selbstmordversuch meinen Lehrer Werner Nekes kennengelernt; 1993 kam der Wechsel zum Theater; 2004 Bayreuth.<\/p>\n<p>Die Welt: Gibt es etwas, das Ihnen heilig ist?<\/p>\n<p>Schlingensief: Meine Eltern. Meine Freundin. Meine Freunde. Und das Gef\u00fchl: Es ist noch lange nicht vorbei.<\/p>\n<p>Die Fragen stellte Kai Luehrs-Kaiser<br \/>\nArtikel erschienen am Do, 22. Dezember 2005\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber Religion, Mitleid, Zw\u00e4nge und die Frage, wie er seit 45 Jahren mit seinen Eltern Weihnachten feiert<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}