{"id":627,"date":"2011-05-02T13:19:34","date_gmt":"2011-05-02T11:19:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=627"},"modified":"2011-05-02T13:19:34","modified_gmt":"2011-05-02T11:19:34","slug":"ich-regel-das-von-oben-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=627","title":{"rendered":"\u00bbICH REGEL DAS VON OBEN\u00ab (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die afrikanische Mittagshitze hat die Gesichter der deutschen Touristen bereits rot gef\u00e4rbt, als Aino Laberenz vor einer Baugrube in der Savanne stoppt und versucht, Worte f\u00fcr das schwer Vorstellbare zu finden. Ein leichter Wind geht durch die knorrigen Karit\u00e9-B\u00e4ume, am Horizont heben sich zwei H\u00fcgel wie Br\u00fcste in den Himmel, und ringsherum starren mannshohe Granitfelsen auf die Besucher, als h\u00e4tte der Zeremonienmeister selbst sie dort abgeworfen.<\/strong><\/p>\n<p><i>VON ANITA BLASBERG<\/i><\/p>\n<p>Kein Baum wurde versetzt, kein Fels verr\u00fcckt, so hat er es verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Ein 60-k\u00f6pfiger Tross aus Urlaubern, Einheimischen und Entwicklungshelfern schaut erwartungsvoll auf Aino Laberenz, die Witwe von Christoph Schlingensief. Seit einer halben Stunde stapfen sie hinter ihr her \u00fcber diese Baubrache, etwa 30Kilometer \u00f6stlich von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Ein Reisebus des Goethe-Instituts hat sie hier im Niemandsland zwischen zwei D\u00f6rfern ausgesetzt, damit sie sich ein Bild machen k\u00f6nnen: von diesem ganzen Grenzen sprengenden Projekt, von diesem afrikanischen St\u00fcck Land, auf dem Schlingensiefs gro\u00dfer Traum Wirklichkeit werden soll.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/burkina_faso_540x304.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Ein Mann in Burkina Faso blickt auf die Baustelle von Christoph Schlingensiefs Opernhaus, August 2010\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Aino Laberenz ist hier, um ihn zu erf\u00fcllen, aber noch ist kaum etwas zu sehen. Sie deutet auf ein paar Grundmauern im roten Sand und erkl\u00e4rt, dass dies die Grundschule werden solle. Sp\u00e4ter komme die Krankenstation hinzu, erst am Ende, dort, wo das Gel\u00e4nde sich \u00f6ffne, das Festspielhaus. Die Besucher nicken h\u00f6flich. Operndorf hat er es genannt. Aber das einzige Geb\u00e4ude, das bereits ein Dach hat, ist das \u00bbPr\u00e4sidentenklo\u00ab, ein kleines Toilettenh\u00e4uschen, das sie eilends hinmauerten, als Horst K\u00f6hler, der Schirmherr, seinen Besuch angek\u00fcndigt hatte. Laberenz l\u00e4chelt in die Stille. Es gibt Leichteres, als die \u00dcbersetzerin einer Schlingensiefschen Vision zu sein. In den n\u00e4chsten Tagen wird sie Minister in Ouagadougou treffen, sie wird Kontakte zu einheimischen Lehrern und K\u00fcnstlern kn\u00fcpfen und daf\u00fcr sorgen, dass sein Letzter Wille Gestalt annimmt.<\/p>\n<p>Zwei Jahre ist es her, dass Schlingensief zum ersten Mal durch Burkina Faso reiste, bei 40 Grad im Schatten und gegen den Rat seiner \u00c4rzte. Der Krebs hatte ihn abmagern lassen. Er wusste, dass er vielleicht noch zwei Jahre hatte. Spielzeitverl\u00e4ngerung, sagte er jedes Mal, wenn er aus der R\u00f6hre kam. Er wolle nicht wieder in diesen blinden Trott verfallen, noch schneller, noch mehr, sondern \u00bbein Leben, das einen Sinn ergibt und sich den Menschen n\u00e4hert\u00ab. In Afrika genoss er die Ferne des Kulturbetriebs. Dieses Operndorf sollte etwas Bleibendes sein, ein lebender Organismus \u2013 nichts, wof\u00fcr man Applaus kassiert und was man dann ins Museum \u00fcberstellt.<\/p>\n<p>Ob es denn schon einen Er\u00f6ffnungstermin gebe, fragt jetzt einer der Besucher an der Baugrube. Langsam wie ein traditionelles Dorf solle das Ganze wachsen, erkl\u00e4rt Aino Laberenz. Im Oktober solle der Schulunterricht beginnen, ein Markt hinzukommen und schlie\u00dflich ein Fu\u00dfballfeld, aber es gebe keinen F\u00fcnfjahresplan.<\/p>\n<p>Ob die Schule tats\u00e4chlich kostenlos sei, will eine Afrikanerin wissen, und als Laberenz sagt, dass es auch ein freies Mittagessen gebe, r\u00fcckt einer der Deutschen seinen Schlapphut zurecht. \u00bbAber noch net mal Deutschkurse anbieten\u00ab, sagt er. Wenig sp\u00e4ter versammelt sich die Gruppe zu einer Diskussionsrunde unter einem Bambusdach. Wo der Strom herkomme, fragen ein paar Einheimische, und wer diese Schule besuchen d\u00fcrfe. Es ist seltsam: W\u00e4hrend die Afrikaner praktische Fragen stellen, formulieren die Entwicklungshelfer vor allem Einw\u00e4nde. Warum denn ausgerechnet hier und nicht in der Hauptstadt, fragen sie. Ein Dorf, das sich selbst entwickelt \u2013 wie solle denn das gehen, fragt ein Tourist.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re wohl kein Schlingensief-Projekt, w\u00fcrde es nicht irritieren. Es gibt Leute, die Karten bestellen wollten f\u00fcr den ersten Wagner. Und es gibt Leute, die aufschreien: Ein Opernhaus in einem Land voller Analphabeten! Vielleicht haben nur wenige verstanden, was Schlingensief da eigentlich suchte, und doch hat er sie alle mit seiner Begeisterung in den Bann gezogen: Die burkinische Regierung und das Ausw\u00e4rtige Amt f\u00f6rdern das Projekt, das Goethe-Institut und die Kulturstiftung des Bundes. Mehr als tausend Anteilscheine f\u00fcr den Bau hat Schlingensief noch verkauft. Roland Emmerich, Henning Mankell und Herbert Gr\u00f6nemeyer spendeten jeweils \u00fcber 100.000 Euro. Ein Arbeitsloser weist monatlich sechs Euro an.<\/p>\n<p>Als der Bus am Horizont verschwindet und eine schwere Staubwolke hinterl\u00e4sst, ist es wieder still in Laongo. Die Dorf\u00e4ltesten beten im Schatten der Schulmauer. Aino Laberenz sitzt allein mit angezogenen Beinen auf dem gro\u00dfen Felsh\u00fcgel, Schlingensiefs Lieblingsplatz. Er genoss diesen Blick, sagt sie, diese Ruhe.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Orte hatten sie in den zwei Jahren zuvor besichtigt, um einen Platz f\u00fcr sein Operndorf zu finden. In Kamerun waren sie, in Mosambik und Namibia. Aber als Schlingensief im str\u00f6menden Regen diese Anh\u00f6he bei Laongo erklommen hatte und sein Blick \u00fcber das weite Land schweifte, da fiel er allen um den Hals. \u00bbDas ist es!\u00ab<\/p>\n<p>Kurz darauf trafen sich die \u00c4ltesten der umliegenden D\u00f6rfer, um die Geister ihrer Ahnen zu befragen. In der D\u00e4mmerung schnitten sie ein Huhn der L\u00e4nge nach auf, warfen es in die Luft, und als es vom Himmel fiel, landete es auf dem R\u00fccken, nicht auf dem Bauch. Die Ahnen, bedeutete das, hie\u00dfen den Wei\u00dfen willkommen.<\/p>\n<p>Schlingensief war schon an ein Atemger\u00e4t angeschlossen, als er seine \u00c4rzte um sich versammelte. Es werde nun wirklich ernst, hatten sie ihm gesagt, und da geriet er au\u00dfer sich: Die Medizin solle das verdammt noch mal hinbekommen, im Oktober sei Einschulung! Eine halbe Stunde redete er sich in Rage, \u00fcber das Leben, die Kunst und Beuys. Die \u00c4rzte waren ersch\u00fcttert von dieser Energie, wenige Tage sp\u00e4ter fiel er ins Koma.<\/p>\n<p>\u00bbPl\u00f6tzlich war er weg\u00ab, sagt Laberenz. \u00bbDabei war er bis zum Schluss so lebendig.\u00ab<\/p>\n<p>Sie spricht gefasst und klar, eine schmale Frau von 30 Jahren. Ihre Finger spielen an seinem Ring, den sie um den Hals tr\u00e4gt. \u00bbHier in Afrika kann ich mich auf ihn konzentrieren\u00ab, sagt sie. In Deutschland hatte sie ja kaum Zeit zum Trauern. Da musste sie seinen Nachlass verwalten, da sind all die Entscheidungen, die sie jetzt treffen muss: Der Verlag m\u00f6chte, dass sie seine Memoiren abnimmt. Die Biennale will, dass sie an seiner Stelle den Deutschen Pavillon in Venedig gestaltet, und irgendwer muss die Proben zu Via IntolleranzaII leiten, seinem letzten St\u00fcck, das bei den Berliner Theatertagen gezeigt werden soll. Und einmal im Monat fliegt sie jetzt nach Burkina Faso.<\/p>\n<p>Sie habe gr\u00fcndlich \u00fcberlegt, ob sie seine Arbeit in Afrika weiterf\u00fchren solle, ob sie diese Verantwortung tragen k\u00f6nne, sagt Laberenz. Es war ja ein Versuch mit offenem Ausgang. Anweisungen hat er nicht hinterlassen. Sie sagt: \u00bbChristoph wollte kein Denkmal. Er wollte eine soziale Plastik, gef\u00fcllt mit den Ideen der Menschen, die an ihr arbeiten und in ihr leben.\u00ab<\/p>\n<p>Im Oktober, sechs Wochen nach seinem Tod, entschloss sie sich, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der gemeinn\u00fctzigen Festspielhaus GmbH zu werden. Der Bau der Grundschule und ihr Betrieb sind f\u00fcr ein Jahr gesichert. Aber die Spenden flie\u00dfen seit Schlingensiefs Tod sp\u00e4rlicher. Zum Gl\u00fcck sei sie nicht allein, sagt Laberenz. Schon als Schlingensief noch lebte, bildete sich ein Kreis aus engen Freunden, der ihn beriet: Antje Vollmer, die ehemalige stellvertretende Bundestagspr\u00e4sidentin, der Anwalt Peter Raue, der Theaterleiter Matthias Lilienthal, die Intendantin Amelie Deuflhard und die K\u00fcnstleragentin Claudia Kaloff. Seit seinem Tod haben sie die Aufgaben auf ihren Schultern verteilt. Sie sagen: \u00bbWir wollen versuchen, Christoph nicht zu ersetzen, sondern ihn zu bewahren.\u00ab<\/p>\n<p>Auch jetzt wird Laberenz von Peter Raue, dem Anwalt, und Francis Kere begleitet, dem Architekten, der aus Burkina Faso stammt. In den n\u00e4chsten Tagen wollen sie burkinische K\u00fcnstler treffen, um sie f\u00fcr ihre Idee zu gewinnen, vor allem aber suchen sie einen Einheimischen, der das Projekt vor Ort leiten k\u00f6nnte. Einen Afrikaner, keinen Europ\u00e4er, sagt Laberenz. \u00bbVon Afrika lernen\u00ab, das war Schlingensiefs Credo.<\/p>\n<p>Burkina Faso, das f\u00fcnft\u00e4rmste Land der Welt, hat eine der lebendigsten Kulturszenen Afrikas. Gleich neben dem Gel\u00e4nde des Operndorfs fertigt ein bekannter Bildhauer Skulpturen aus Granitfelsen, Ouagadougou hat mehr Theater und Kinos\u00e4le als die meisten deutschen Gro\u00dfst\u00e4dte, und in diesen Tagen findet das Fespaco statt, das gr\u00f6\u00dfte panafrikanische Filmfestival. Er wolle kein Bayreuth, keinen Rotwein-Schei\u00df und auch keine Rei\u00dfbrett-Ruine nach dem Motto \u00bbDie Weltmeisterschaft ist zu Ende, und dann hauen wir alle wieder ab\u00ab, hatte Schlingensief immer wieder gesagt. Keine g\u00f6nnerhafte Geste f\u00fcr Afrika, sondern eine gegenseitige Befruchtung.<\/p>\n<p>\u00bbWir wollen keine Schlingensief-Epigonen sein\u00ab, sagt Peter Raue, \u00bbaber nat\u00fcrlich hat dieses Projekt eine bestimmte Policy.\u00ab Dazu geh\u00f6re, dass man lokale Baufirmen besch\u00e4ftige, die nur im Land vorkommende Materialien verwenden.<\/p>\n<p>Raue war bislang noch nie in Burkina Faso, er ist gerade 70 geworden, und normalerweise tr\u00e4gt er eine Fliege. Jetzt steht er, mit einem Strohhut und einer leuchtend roten Jeans bekleidet, auf der Ladefl\u00e4che eines Pick-ups, seine wei\u00dfen Haare wehen im Fahrtwind. Vor deutschen Gerichten vertritt er alles, was in der Kulturszene Rang und Namen hat, von Anselm Kiefer bis Luc Bondy, und weil er nebenbei noch Kunstm\u00e4zen ist und die MoMA-Ausstellung 2004 nach Berlin holte, nennen ihn einige den heimlichen Kultursenator der Hauptstadt. Nun f\u00e4hrt er durch die Savanne, mit einer Frau, die seine Enkelin sein k\u00f6nnte, um die letzten Vertragsdetails mit den afrikanischen Baufirmen zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Raue ist auch gekommen, weil bislang keine der beiden Baufirmen die verabredete Bankb\u00fcrgschaft vorgelegt hatte, eine Garantie, die die deutschen Spender etwa gegen Veruntreuung absichert. Ohne diese Garantie wollten die Deutschen noch kein Geld \u00fcberweisen. Ohne das Geld wiederum haben die Firmen ihre Arbeiter noch nicht bezahlt. Es sei schwierig, eine afrikanische Bank zu finden, die so etwas mache, sagen die Firmen. Es sei unumg\u00e4nglich, sich abzusichern, sagen die Deutschen.<\/p>\n<p>Raue ist ein ungeduldiger Mensch, der gewohnt ist, mit wenigen Worten schnelle Ergebnisse zu erzielen. Aber jetzt sind sie hier auf dieser Baustelle in Verzug. Weil hier alles langsamer geht, weil man alles pers\u00f6nlich diskutieren muss, weil kein Fax reicht und keine E-Mail. Raue sagt: \u00bbWir hantieren nun mal mit \u00f6ffentlichem Geld. Aber das ist hier schwer zu vermitteln.\u00ab<\/p>\n<p>An diesem Vormittag erst waren sie beim Kulturminister von Burkina Faso, und nachdem dieser Schlingensief als seinen besten Freund bezeichnet hatte, drang er auf Geduld. Die Deutschen hatten ihn gefragt, ob er behilflich sein k\u00f6nne, einen Manager f\u00fcr das Projekt zu finden, m\u00f6gliche Lehrer, aber Filippe Savadogo, der Minister, hatte nur mit einem afrikanischen Sprichwort geantwortet: Erst baue man ein Haus, dann richte man es ein.<\/p>\n<p>Es ist vertrackt: In Deutschland mahnt man sie zur Eile, in Burkina Faso zur Geduld. Vor ihrer Abreise musste Aino Laberenz den Abgeordneten im Bundestag erkl\u00e4ren, warum der Bau noch nicht fertig ist, in Burkina Faso lobt man seine Fortschritte angesichts des tragischen Todes. In Deutschland dr\u00e4ngt das Ausw\u00e4rtige Amt schon auf ein genaues Konzept zur Beschulung, und in Burkina Faso dr\u00fccken sie auf die Bremse. Eins nach dem anderen, sagen sie. Druck empfinden sie als Arroganz.<\/p>\n<p>\u00bbMeine Landsleute sind es gewohnt, dass die Dinge ein anderes Tempo haben\u00ab, sagt Francis Kere, der Architekt. Aber jetzt, wo die Bankb\u00fcrgschaften endlich da seien, werde man bis zur Regenzeit mit der Schule fertig sein.<\/p>\n<p>Vor Schlingensiefs Tod legten sie ein Vorgehen in Etappen fest: Erst wenn die Grundbed\u00fcrfnisse gedeckt seien, wenn die Schule in Betrieb und die Krankenstation angenommen sei, folge das Festspielhaus. Anbaufl\u00e4chen f\u00fcr die Selbstversorgung k\u00f6nnten hinzukommen, ein selbst betriebenes Restaurant, Werkst\u00e4tten und Archive. Das Dorf solle sich nehmen, was es brauche, sagt Kere, nach und nach.<\/p>\n<p>Kere ist Mitte 40, aber wenn er spricht, ist sein ganzer K\u00f6rper in Bewegung. Mit einem Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft schaffte er es als Obersch\u00fcler nach Deutschland. In M\u00fcnchen a\u00df er das erste Mal von einem eigenen Teller, und w\u00e4hrend er nachts f\u00fcr sein Abitur lernte, schuftete er tags\u00fcber auf dem Bau. Noch w\u00e4hrend seines Architekturstudiums baute er seinem Heimatdorf Gando eine Grundschule, f\u00fcr die ihm der Aga Khan den h\u00f6chstdotierten Architekturpreis der Welt \u00fcberreichte. Heute steht er als einziger Schwarzafrikaner in dem globalen Verzeichnis der hundert wichtigsten Architekten.<\/p>\n<p>Kere sei sein gr\u00f6\u00dfter Gl\u00fccksfall, hatte Schlingensief immer gesagt: ein Einheimischer, der seine eigene Vision einspeist, ein Afrikaner, der auch deutsch denkt, ein Mittler zwischen den Kulturen.<\/p>\n<p>Immer wieder ist Kere als Dolmetscher gefragt. Warum misstrauen die Deutschen uns, fragten die Bauarbeiter ihn, den Landsmann, als ihr Lohn auf sich warten lie\u00df. Warum z\u00e4hlen sie uns, wollten sie wissen, als eine Deutsche in den umliegenden D\u00f6rfern die Zahl m\u00f6glicher Sch\u00fcler ermittelte. \u00bbBei uns z\u00e4hlt man Menschen nicht\u00ab, erkl\u00e4rt Kere. Z\u00e4hlen beleidigt den Einzelnen. \u00bbDer mit den verr\u00fcckten Haaren\u00ab, nannten die Bauarbeiter Schlingensief. Und als er sich einmal das Fahrrad eines Arbeiters schnappte, um damit \u00fcber das Gel\u00e4nde zu kurven, raunten sie: Was will dieser Mann?<\/p>\n<p>Es ist schon dunkel in Ouagadougou, als Aino Laberenz im Garten des Goethe-Instituts vor einer gro\u00dfen Leinwand Platz nimmt. Die Stuhlreihen sind gef\u00fcllt mit neugierigen Studenten. Auf dem Podium sitzen die Darsteller von Schlingensiefs letztem St\u00fcck, es sind Menschen aus Burkina Faso. Da sind Nicolas, der Trompeter, und Komi, der Kleinw\u00fcchsige. Le Chercheur, der alte Geschichtenerz\u00e4hler, und Isabelle, die f\u00fcllige B\u00fcroangestellte, die nur zuf\u00e4llig in Schlingensiefs Casting geriet.<\/p>\n<p>Sie erheben sich zu einer Schweigeminute, dann zeigt ein Film sie bei den Proben in Europa. \u00bb95 Prozent aller Bilder von Afrika sind von Wei\u00dfnasen gemacht\u00ab, ruft Schlingensief auf der Leinwand, \u00bbdas wollen wir \u00e4ndern! Steigen Sie in das Risikoprojekt Operndorf ein, und halten Sie die Schnauze! Stellen Sie keine Bedingungen!\u00ab<\/p>\n<p>Die Darsteller wischen sich die Augen. Komi, der Kleinw\u00fcchsige, erz\u00e4hlt, wie Schlingensief ihm helfen wollte, eine Frau zu finden. Isabelle, die B\u00fcroangestellte, sagt: Ich war keine T\u00e4nzerin, aber Christoph sagte: Komm, tanz! Kein Wort Franz\u00f6sisch habe Schlingensief gesprochen, sagt Nicolas, der Trompeter, und doch habe er sie verstanden.<\/p>\n<p>Was Schlingensiefs Thema gewesen sei, fragt einer im Publikum. \u00bbDas Leben selbst war sein Thema\u00ab, antwortet Isabelle. \u00bbChristoph hat uns eine Idee gebracht, nun m\u00fcssen wir sie verwirklichen.\u00ab Christoph sei nicht tot, er sei im Paradies, sagt Nicolas, der Trompeter. Es liegt ein feierlicher Ernst in den Gesichtern dieser Menschen, das Gl\u00fchen gro\u00dfen Stolzes. Zwei Tage vor seinem Tod hat Schlingensief ihnen noch eine E-Mail geschrieben. Keine Sorge, schrieb er, das mit der Er\u00f6ffnung werde ich dann von oben regeln.<\/p>\n<p><i>DIE ZEIT, 20.4.2011 Nr. 17<\/i><br \/>\n<i>Foto (oben): \u00a9 Issouf Sanogo\/AFP<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Operndorf in Burkina Faso nimmt Gestalt an \u2013 sechs Monate nach Christoph Schlingensiefs Tod.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/627"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=627"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/627\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}