{"id":621,"date":"2011-01-18T12:47:45","date_gmt":"2011-01-18T10:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=621"},"modified":"2011-01-18T12:47:45","modified_gmt":"2011-01-18T10:47:45","slug":"schlingensief-unter-verdacht-schnitt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=621","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF UNTER VERDACHT (SCHNITT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausl\u00e4nder im Container, Kunstfeinde im Theater, Titten in Afrika. Dietrich Kuhlbrodt sammelt Aktionen und Attraktionen, Strategien und Verf\u00fchrungen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>VON DIETRICH KUHLBRODT<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/0061_01_r.jpg\" width=\"440\" height=\"248\" alt=\"Bitte liebt \u00d6sterreich!\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2001 sa\u00df ich im Foyer der Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz, um die Diskussion \u00fcber die Theaterfestivalauff\u00fchrung von Schlingensiefs \u00bbHamlet\u00ab zu leiten. Es ging um die Doppelfrage: Waren die Naziskins auf der B\u00fchne echt? Und wenn ja: War dann der angebliche Aussteigerwille echt? \u2013 Gewi\u00dfheit war nicht zu erlangen. Der Verdacht blieb. Verdacht ist nicht nur Medium (Boris Groys), sondern Macht (Aki Ross), und Schlingensiefs Attraktion und Verf\u00fchrung ist, da\u00df er mir in seinen finalen Fantasien verd\u00e4chtig bleibt.<\/p>\n<p>Ein Jahr zuvor hatte ich versucht, mir \u00fcber meine Rolle bei der Wiener Container-Aktion (\u00bbAusl\u00e4nder raus!\u00ab) Gewi\u00dfheit zu verschaffen. Schlingensief mailte mir Antworten auf meine Fragen.<\/p>\n<p><strong>1.<br \/>\nDu hast mir gesagt, Du h\u00e4ttest gern, dass ich am Pfingstsonntag beim Start Deiner Wiener Aktion eine Rede im Haider-Sound hielte. Worum geht\u2019s?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht um die unglaubliche M\u00f6glichkeit, das Unm\u00f6gliche bis an den Rand des M\u00f6glichen durchzuspielen. Schlu\u00df mit Spekulation, Schlu\u00df mit Erwartung, Schlu\u00df mit dieser beschissenen Distanzierung durch Skepsis. Nein, ganz im Gegenteil. Haider widerlegen geht nicht. Haider durchspielen geht. Und zwar bis an die Kante. Jede Forschungsst\u00e4tte k\u00e4mpft f\u00fcr die Erhaltung ihrer Testlabors. Nur die Kunst begn\u00fcgt sich mit Abstraktion. Da kommt dann gar nichts mehr bei raus. Entweder winselt der kleine Yorkshireterrier bei Lanc\u00f4me, wenn man ihm Lippenstift ins Auge schmiert oder nicht. Ein Bild mit Hund und daneben ein anderes mit einem Lippenstift bringt gar nichts. Man mu\u00df beide Seiten schon aufeinandersetzen. Das ist Sex. Haiders Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung von \u00bb\u00dcberfremdungs-Problemen\u00ab k\u00f6nnen nicht abstrakt widerlegt werden. Das mu\u00df ganz praktisch mal durchgespielt werden und zwar f\u00fcr ganz Europa.<\/p>\n<p>Ein Container mitten in Wien, mitten im europ\u00e4ischen Filmdorf f\u00fcr faschistische Filmprojekte. Zw\u00f6lf Asylbewerber, Fl\u00fcchtlinge, Gef\u00e4hrdete im Container. Sieben Tage lang. Und der gemeine \u00d6sterreicher kann jeden Tag per Internet und Ted-Telefon zwei von ihnen rausw\u00e4hlen und aus dem Land schmei\u00dfen. Am Abend werden die Abgeschobenen im Gitterauto weggefahren und abgeschoben. Mit allen Konsequenzen. Das ist Realpolitik im Haiderschen Sinne. Also so eine Art populistische Selbstvernichtung. Das, was \u00d6sterreich im Moment als Hauptdarsteller so interessant macht. \u00d6sterreich ist ein Yorkshireterrier und wir (?) sind der Lippenstift.<\/p>\n<p>Ab sofort wird nur noch getestet. Arbeitstitel momentan:<\/p>\n<p>\u00bbT\u00d6TET EUROPA \u2013 Erste \u00f6sterreichische Konzentrationswoche\u00ab.<\/p>\n<p>Und alle weiteren Informationen findet man \u2013 vorausgesetzt, die Adresse wird genehmigt \u2013 demn\u00e4chst unter: www.auslaender-raus.at<\/p>\n<p><strong>2.<br \/>\nDie Wiener Beh\u00f6rden sind ganz daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich mit umgekehrtem D\u00fcsenantrieb. Je mehr sie sich f\u00fcr das Projekt entscheiden, desto mehr arbeiten sie dagegen. Und umgekehrt. Das ist das wirklich Neue an dieser neuen Form von Kunst. Man mu\u00df sie nicht mehr deuten, sondern sie widerlegt sich selbst.<\/p>\n<p>Sozusagen Kontr\u00e4rfarben. Subtraktiv. Je mehr kommt, desto weniger Farbe bleibt \u00fcbrig. Das Rechte und Linke in einem Vorgang. Jetzt entsteht ein Vakuum und Wien implodiert. Ja, ich gehe sogar so weit zu behaupten, da\u00df Europa implodiert. Und die Wiener Beh\u00f6rden sind schuld.<\/p>\n<p><strong>3.<br \/>\nWer liefert Dir die Ausl\u00e4nder? Oder sind es Darsteller?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nat\u00fcrlich keine Darsteller! Wie schon gesagt. Es bedarf einer H\u00e4rte, die diese Schw\u00e4tzer zu verantworten haben. Die Fluchtwege sind versiegelt oder landen im eigenen K\u00f6rper. Wir arbeiten mit Schleppern zusammen, die diese Leute auf die Gefahr hinweisen und ihnen Geld bieten. Pro Tag kann jeder von Ihnen 500 DM verdienen.<\/p>\n<p>Wird er rausgew\u00e4hlt, ist seine Einnahmequelle geschlossen. \u00d6sterreich braucht beschmutzte Bilder. Europa freut sich \u00fcber Bilder, die \u00d6sterreich schlecht machen. Wir liefern diese Bilder.<\/p>\n<p><strong>4.<br \/>\nWas passiert mit den Ausl\u00e4ndern, auch wenn sie momentan nicht abgeschoben oder ausgewiesen werden?<\/strong><\/p>\n<p>?<\/p>\n<p><strong>5.<br \/>\nWas ist mit der Sippe? Sippenhaft?<\/strong><\/p>\n<p>?<\/p>\n<p><strong>6.<br \/>\nWelche Beh\u00f6rde\/welches Amt setzt die Passanten-Entscheidung (Abschiebung\/Ausweisung) um?<\/strong><\/p>\n<p>Das l\u00e4uft illegal. Wir versuchen, jeden Asylbewerber soweit zu sch\u00fctzen, da\u00df wir seine Identit\u00e4t verschleiern und den Kontakt zu ihnen unterbinden. Im Internet kann man die Originallebensl\u00e4ufe dieser Leute lesen. Die Fotos sind manipuliert. Derjenige, der abgeschoben wird, wird mit einem ausgekl\u00fcgelten System abtauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>7.<br \/>\nWillst Du beweisen, dass RTL die direkte Demokratie eingef\u00fchrt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Warum sollte ich mich auf so einen unwichtigen Beweis einlassen? Die angebliche Transparenz dieser Show hat allerh\u00f6chstens klargemacht, da\u00df Transparenz der Tod von Authentizit\u00e4t ist. Jede Partei, die von Transparenz spricht, ist unauthentisch und somit nur noch Konserve. CHANCE 2000 hat Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt. Leider kommt keiner au\u00dfer Rainald Goetz auf die Idee, darauf hinzuweisen. Die Me\u00dflatte f\u00fcr politisches Theater ist sehr hoch. Da fallen so Veranstaltungen wie Schaub\u00fchne oder Peymann oder neuerdings auch die Unterhaltungsfabrik Volksb\u00fchne reihenweise durch.<\/p>\n<p>Theater hat immer nur die n\u00e4chste Premiere vor Augen. Da gibt es kein Ged\u00e4chtnis. Und genau deshalb werde ich mich ab sofort nicht mehr als Erfinder der CHANCE-IDEE verleugnen. Wir waren nie p\u00e4dagogisch. Das war unser Vorteil, und deshalb wurde uns daraus oftmals ein Strick gedreht. Aber wie man sieht ohne Erfolg. \u00bbBig Brother\u00ab ist die billige Imitation unseres Theaterhotels: HOTEL PRORA im Prater der Volksb\u00fchne in Berlin. Auch das haben wir schon durchgespielt. Wie schon gesagt: Die Me\u00dflatte h\u00e4ngen wir.<\/p>\n<p><strong>8.<br \/>\nBist Du Populist?<\/strong><\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich, im umgekehrten Sinne. \u00dcber 90% der Bev\u00f6lkerung kennt mich nicht oder findet mich schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Das ist mein Kapital. W\u00e4re es andersrum, h\u00e4tte ich verloren.<\/p>\n<p>Nichts ist sch\u00f6ner als Unbekanntes oder Berechenbares.<\/p>\n<p>Beides kann t\u00f6dlich sein.<\/p>\n<p><strong>9.<br \/>\nHaiders Sprache\/Haiders Sound benutzen: Wer ist Deine Zielgruppe? Gegner? Sympathisanten?<\/strong><\/p>\n<p>Alle und somit Unterhaltung im h\u00f6chsten Sinne. Unterhaltung aller mit sich selbst. Wer da anf\u00e4ngt zu sprechen, ist Autor und Verleger und Zuh\u00f6rer zugleich. Wo gibt es das schon? Nur Sympathisanten sind gef\u00e4hrlich. Die kleben einfach nur dran. Genauso wie die Widerstandsbewegung in \u00d6sterreich. Billige Oberfl\u00e4chenmaskerade. Viel interessanter sind die kleinen Privatunterhalter, die bereits ins Umfeld von Sch\u00fcssel und Haider vorgedrungen sind und nicht nur vor der T\u00fcre rumbr\u00fcllen. Nein, diese Privatunterhalter sind mittendrin und ein Fiasko wie in Enschede ist auch in Wien nicht mehr auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Haider und Sch\u00fcssel befinden sich bereits seit sechs Wochen in Lebensgefahr. Keiner sollte sie umbringen, aber sie sollten wissen, da\u00df sie extrem gef\u00e4hrdet sind, sich selber zu t\u00f6ten. Und diese Privatunterhalter, die sich jetzt hier bei uns melden, sind wirklich interessant. Das ist eine neue Form von Terrorismus. Viel besser als dieser Weltterrorismus ohne Selbsteinsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p><strong>10.<br \/>\nZwischen Hotel Sacher und Oper: Warum gehst Du nicht gleich auf die B\u00fchne, es sind doch gerade die Festwochen in Wien, Du H\u00e4ttest den Schutzraum \u00bbKunst\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p>Schutzr\u00e4ume sind \u00fcberall. Da mu\u00df man nicht den d\u00fcmmsten aller Schutzr\u00e4ume w\u00e4hlen. Wir wollen direkt in den Sumpf. Da wo Ausl\u00e4nder und \u00d6sterreichische FP\u00d6ler zusammen leben. Sacher und Oper sind Schutzr\u00e4ume f\u00fcr gelangweilte Kriegsveteranen. Die Freiheit der Kunst zu definieren, ist sicher das Wichtigste, was unsere Aktion in Graz und jetzt in Wien leisten kann.<\/p>\n<p>Das ist wirklich interessant, wie sich FP\u00d6ler da ihr kleines Museum vorstellen. Malen nach Zahlen.<\/p>\n<p><strong>11.<br \/>\nMachst Du es mit deiner Strategie nicht den Haider-Freunden zu leicht, die gerade eine Pressekampagne entfesselt haben (Kronenzeitung)? ist da nicht was dran, an der unzul\u00e4ssigen Verquickung von Politik und Kunst? Schliesslich wurde Dir auch von Top-Intellektuellen wie vom Ohrt in der \u00bbBeute\u00ab vorgeworfen, den Ausverkauf von Kunst zu betreiben.<\/strong><\/p>\n<p>Was soll das sein: Ausverkauf der Kunst. Wenn er damit die Menschheit meint, habe ich keine Probleme, wenn er aber die Erfindung der Kunst meint und somit das Monopol der Erfinder st\u00fctzen will, geh\u00f6rt er genauso wie die BEUTE zu den Vorgestrigen. Die BEUTE hat ihre Absichten derma\u00dfen verraten und ausgelutscht, da\u00df sie Henryk M. Broder das Heft \u00fcberlassen sollte. Das w\u00e4re sicher spannender.<\/p>\n<p>Ich sehe keine Trennung mehr zwischen Kunst und Politik, Politik und Leben, Leben und Kunst.<\/p>\n<p>Das geh\u00f6rt ab sofort alles zusammen.<\/p>\n<p>Das transformiert sich von selbst. Und wer das behindert oder auf irgendwelche Schutzzonen und Monopoleinrichtungen verweist, ist verloren. Den Haider-Leuten macht man es nur dann leicht, wenn man sie vor sich betrachtet. Haider ist aber viel interessanter, wenn man sich in ihn hineinbewegt und wenn man ihn in sich entdeckt.<\/p>\n<p>Fantasie dazu steht \u00fcbrigens nicht mehr vor uns, sondern Fantasie ist der Bezugspunkt nach hinten.<\/p>\n<p>Wir reden von Fantasie und meinen eigentlich nur die unendlichen M\u00f6glichkeiten in uns, die wir im Guten wie im Schlechten ungenutzt zur\u00fcckgelassen haben.<\/p>\n<p>Fantasie ist Vergangenheit. Darum sollte man sie nutzen, um zu wissen, was Haider meint, und warum das letztenendes so t\u00f6dlich ist.<\/p>\n<p><strong>12.<br \/>\nIch nehm\u2019 mal an, es geht Dir gar nicht um den realen Container mit den realen Menschen drin, sondern um das Medienspektakel. Und das hat ja in der \u00d6sterreichischen Presse schon eingesetzt.<\/strong><\/p>\n<p>Kein Interesse an dieser Frage. Die besten Projektionsfl\u00e4chen sind die, hinter denen Entscheidungen getroffen werden. Ob das nun oberfl\u00e4chlich spektakuliert ist oder nicht, ist ganz egal. Bei der Papstwahl ist egal, wer vor der Mauer der Sixtinischen Kapelle irgendwas zu glauben sieht. Wahrheit findet im Verborgenen statt. Deshalb ist unsere Aktion eine Projektionsfl\u00e4che der unendlichen M\u00f6glichkeiten. Und genau das w\u00e4re die erste Weltausstellung der Freiheit. Wir starren auf die Unfreiheit anderer und sind die Ersten, die ausgewiesen werden. Das w\u00e4re sicher am interessantesten.<\/p>\n<p><strong>Platz und Ort<\/strong><\/p>\n<p>Der Mainstream hat sein Ziel verloren. Die Challenger zuckt am Horizont herum. Ein Superrezeptionserlebnis. Christoph Schlingensief stellt es auf der B\u00fchne nach. Raumfahrtpatrouille Schlingensief in der Volksb\u00fchne zu Berlin. Den Kommentar zu den historischen TV-Aufnahmen \u00fcbernimmt Mario, der charismatische Behinderte aus Graz. Die Elefantenmaske \u00fcber dem Kopf tr\u00f6tet er dazu. Es macht ihm Spa\u00df. Und alle freuen sich.<\/p>\n<p>Auch die ravende Masse braucht weder Theorie noch Vermittler. Weder Verwaltungsdirektoren, noch Medienp\u00e4dagogen, noch Sextherapeuten. \u00bbArschloch!\u00ab, rief Schlingensief von der B\u00fchne runter. Das war jetzt das Theater am Schiffbauerdamm. Dann sprang er ins Publikum, packte einen widerstrebenden Herrn. Verwaltungsdirektoren machen die Kultur kaputt! Es kam zu einem Kampf. Schlingensief siegte. Der Kunstvermittler war aus seinem eigenen Theater geworfen. Keiner half ihm. Bedripste Studenten kl\u00e4rten mich hinterher auf, wer das \u00bbArschloch\u00ab war: Professor Nickel, f\u00fchrender Theaterp\u00e4dagoge an der Hochschule der K\u00fcnste zu Berlin.<\/p>\n<p>Als angeblicher Administrator beschimpft, als Kunstfeind falsch beschuldigt, k\u00f6rperlich angegangen, besudelt und entehrt, des \u00f6ffentlichen Raums verwiesen, erweckte er im Publikum Schadenfreude, Lustgef\u00fchle \u2013 und Mitleid. K\u00f6rperliche Gewalt sei kein Mittel argumentativer Auseinandersetzung, erschall es aus den Logen rechts. \u2013 Doch wie falsch war der Einwand! Ging es doch um den K\u00f6rperkontakt. Infolgedessen schlich der geschlagene und entehrte Professor nach angemessenem Chillout wieder in die hitzige Vorstellung hinein, setzte sich gesittet auf seinen Platz, schlug die Knie \u00fcbereinander und war ganz Auge und Ohr. \u2013 Einverstanden mit dieser Nummer.<\/p>\n<p>Den \u00f6ffentlichen Platz finden und ihn in Beschlag nehmen. Ihn behaupten. Egal wo. Ob die Bergspitzen f\u00fcr den Geschlechtsverkehr, ob der Blaumeisenraum im Erlebnismuseum, ob die Innenstadt von Hannover zur Chaoszeit, ob die Gedenkb\u00fchne im Brecht-Theater, ob die Inline-Skater in der Einkaufsmeile, die Russendeutschen am Allerm\u00f6her Badesee, die Clique vor McDonald\u2019s, gar das selbstbestimmte Projekt im Medienzentrum. Das zu behaupten, ist die Strategie. \u00bbWir bleiben hier!\u00ab Schlingensiefs Schlachtruf in der Volksb\u00fchne. Motorik: Einmal quer \u00fcber die B\u00fchne. Und zur\u00fcck. Skandieren: Die \u2013 Schlacht \u2013 um \u2013 Europa.<\/p>\n<p>Diese Strategie macht Schlu\u00df mit der regressiven Identit\u00e4tssuche der 1970er Jahre. In den 1990er Jahren rief\u2019s dir zu: Selbstfindung ad\u00e9. Heraus auf die Stra\u00dfe! Schlu\u00df mit dem Terror der Linearit\u00e4t und Intimit\u00e4t. \u2013 Richard Sennett hatte sein Buch \u00bbVerfall und Ende des \u00f6ffentlichen Lebens. Der Terror der Intimit\u00e4t\u00ab bereits Mitte der 1970er Jahre geschrieben. 1983 wurde es ins Deutsche \u00fcbersetzt. Auf dem Forum sich zu behaupten. Parlare, gesticolare. Volta. Volta. Die Drehung auf dem \u00f6ffentlichen Platz. Und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dreimal am Tag schritt Kitten Natividad, Ex-Russ-Meyer-Heroine (Beneath the Valley of the Ultravixens [Im tiefen Tal der Superhexen], 1979), frohgemut auf den kleinen Platz mitten im Negerkral (in Simbabwe leben Neger, und sie sind stolz darauf. Die gro\u00dfe Staatsausstellung pr\u00e4sentiert \u00bbNegroes\u2019 Art\u00ab). Dort steht der einzige Wasserhahn. Drumherum dr\u00e4ngen sich die Kleinen. Dahinter M\u00e4nner, Pubertierende vorneweg; ganz dahinter, Sichtl\u00fccken nutzend, Frauen. Das Ritual geht so: Kitten holt zun\u00e4chst die linke Mega-Brust aus ihrem Minih\u00e4nger und h\u00e4lt sie unter den Wasserstrahl. Es spritzt und funkelt unter der Sonne. Sorgf\u00e4ltig und mit viel Zeitaufwand wird das riesengro\u00dfe Ding gewaschen. Die Titte hat ein eigenes, sehr organisches Leben. Sie will in alle Richtungen sich entwinden. Sie geb\u00e4rdet sich als eigenst\u00e4ndiges Wesen: als ungeb\u00e4rdiges Haustier, das seine Freiheit sucht. Sie ist wirklich was zum Behaltenwollen, falls die Flucht gl\u00fccken sollte. Die schwarzen M\u00e4dels und Jungs bewegen die H\u00e4nde, um sofort zupacken zu k\u00f6nnen. Kitten, ein kumpelhafter Typ, total sympathisch, schenkt jedem ein munteres L\u00e4cheln. Nach getaner Arbeit kommt der zweite Apparat dran. Wieder spritzt es. Dann mu\u00df die Erfrischung reichen f\u00fcr die n\u00e4chsten Stunden Dreharbeit (United Trash, 1996).<\/p>\n<p>Auf dem \u00f6ffentlichen Platz trifft man auch seinen Feind. Den Theaterkritiker der Frankfurter Rundschau. Schlingensief entdeckt ihn im Parkett. Er macht ihn an. Er h\u00e4lt ihm das Mikrofon vor den Mund. Und baut die feinsinnig-zickige Antwort: \u00bbHier ist nicht der Platz noch der Ort\u00ab ins Schlacht-um-Europa-Spiel ein. Hohngel\u00e4chter des Publikums. In der Volksb\u00fchne war der Platz und der Ort, Ende der 1990er Jahre.<\/p>\n<p><em>Dietrich Kuhlbrodt, 78, schreibt seit 50 Jahren Filmkritiken, verfolgte als Staatsanwalt Nazis und spielte Nazis in Filmen von Schlingensief. Darsteller auf der B\u00fchne. Autor (Das Kuhlbrodtbuch, Nazis immer besser).<\/em><\/p>\n<p><em>Foto: &raquo;Bitte liebt \u00d6sterreich! Erste Europ\u00e4ische Koalitionswoche&laquo; auf dem Platz an der Wiener Oper, Juni 2000 (&copy; David Baltzer\/bildbuehne.de)<\/em><\/p>\n<p>Aus: <a href=\"http:\/\/www.schnitt.de\/211,0061,01\" target=\"_blank\">Schnitt #61 \/ 01.2011: Christoph Schlingensief<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausl\u00e4nder im Container, Kunstfeinde im Theater, Titten in Afrika. 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