{"id":62,"date":"2005-12-22T00:31:29","date_gmt":"2005-12-21T22:31:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=62"},"modified":"2005-12-22T00:31:29","modified_gmt":"2005-12-21T22:31:29","slug":"das-ausstellungswunder-von-berlin-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=62","title":{"rendered":"Das Ausstellungswunder von Berlin (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schlingensief in Berlins neuester und kurzweiligster Ausstellungshalle &#8211; dem Palast der Republik.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON NIKLAS MACK<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n21. Dezember 2005 Kurz vor Jahresende gibt es doch noch eine Sensation zu vermelden. Berlin hat eine neue Kunsthalle &#8211; und noch vor einem Monat wu\u00dfte keiner etwas davon: die K\u00fcnstler nicht, die Organisatoren nicht, die Stadt nicht. Das einzige, was vorhanden war, ist eine glei\u00dfend wei\u00dfe Halle, 36 Meter lang, 27 Meter breit und 10 Meter hoch, die f\u00fcr die dubiose Ausstellung \u201eFraktale IV\u201d in den Berliner Palast der Republik hineingebaut worden war.<\/p>\n<p>Als die Ausstellung am 19. November endete, fragten sich die Organisatoren des \u201eWhite Cube Berlin\u201d, was man bis zum Januar, wenn der Palast abgerissen werden soll, hier zeigen k\u00f6nnte. Sie riefen Thomas Scheibitz an, den in Berlin lebenden K\u00fcnstler, der in diesem Jahr Deutschland auf der Biennale in Venedig vertrat &#8211; und was dann passierte, ist jetzt schon Legende.<\/p>\n<p>Vielsagendes Bild der Gegenwartskunst<br \/>\nIm &#8222;White Cube&#8220;: Olafur Eliassons &#8222;umgekehrte Spiegellampe&#8220;<\/p>\n<p>Scheibitz rief befreundete K\u00fcnstler an. Die weitere Freunde anriefen. So kam in nur 19 Tagen, ohne Kuratoren, ohne eine Institution im Hintergrund, eine Ausstellung zusammen, wie man sie in Berlin lange nicht gesehen hat. Mehr als drei\u00dfig international renommierte K\u00fcnstler, die zum gro\u00dfen Teil in der Stadt leben, stellen im \u201eWhite Cube\u201d meist neue Arbeiten vor, und selten hat sich in Berlin ein so vielsagendes Bild der hier entstehenden Gegenwartskunst kristallisiert.<\/p>\n<p>Franz Ackermann zeigt ein monumental-utopisches Combine Painting mit dem Titel \u201eZugang zum Meer\u201d; Olafur Eliasson erinnert mit seiner \u201eumgekehrten Spiegellampe\u201d an die einst auch im Palast beheimatete Ostmoderne und deren Spiel zwischen Dekoration und Abstraktion; Thomas Demand stellt eine subtile kleine Arbeit aus, die eine \u201eHinterhaus\u201d-Klingelleiste in ein polychrom-abstraktes Kunstwerk \u00fcberf\u00fchrt, Scheibitz selbst ist mit einem Gem\u00e4lde und einer Skulptur vertreten; die Videok\u00fcnstlerin Candice Breitz, die ebenfalls auf der Biennale ihren Durchbruch hatte, zeigt eine Arbeit, in der sie die Mimik und Gestik der Schauspielerin Sharon Stone dekonstruiert; dar\u00fcber hinaus gibt es Werke von so unterschiedlichen K\u00fcnstlern wie Olaf Nicolai und John Bock (\u201eBabyshambles\u201d, 2005), Eberhard Havekost und Rirkrit Tiravanija, Christoph Schlingensief, Martin Eder, Manfred Pernice und vielen anderen zu sehen.<\/p>\n<p>Was das Museum in zehn Jahren nicht geschafft hat<br \/>\nSelbstgemacht: &#8222;White Cube&#8220; im Palast der Republik<\/p>\n<p>Viele der K\u00fcnstler leben seit langem in Berlin: Olafur Eliasson, Thomas Demand und Tacita Dean, um nur drei der bekanntesten zu nennen, haben zwar ihre Ateliers in Rufweite des Fensters von Peter-Klaus Schuster, dem obersten Leiter des Hamburger Bahnhofs, des \u201eMuseums f\u00fcr Gegenwart\u201d &#8211; aber keiner bekam dort je eine Einzelschau. Eliasson wurde statt dessen in London gezeigt (nicht weniger als zwei Millionen Besucher kamen), Demand im New Yorker MoMA, Tacita Dean im Pariser Mus\u00e9e de l&#8217;Art Moderne. Man mu\u00dfte weit reisen, um zu erfahren, was in der eigenen Hauptstadt an Kunst entsteht, und die Misere geht weiter. Auch der junge, in Berlin ans\u00e4ssige K\u00fcnstler Clemens von Wedemeyer wird im M\u00e4rz in New York mit einer Einzelschau geehrt. In Berlin? Nichts dergleichen.<\/p>\n<p>Schon deswegen stellt sich bei der Ausstellung im Palast der Republik zun\u00e4chst einmal gar nicht die Frage, ob der Palast abgerissen werden soll oder nicht; die Frage, die sich aufdr\u00e4ngt, ist vielmehr: Warum ist es den \u00f6rtlichen Kunstinstitutionen, vor allem dem staatlich hochsubventionierten \u201eMuseum f\u00fcr Gegenwartskunst\u201d im Hamburger Bahnhof, in zehn Jahren nicht gelungen, eine Ausstellung hinzubekommen, f\u00fcr welche die K\u00fcnstler in Eigenregie nur 19 Tage brauchten?<\/p>\n<p>Mehr als alles andere ist diese Ausstellung eine krachende Form von Institutionenkritik. Sie zeigt auf ungewohnt deutliche Weise, woran es seit der ersten Berlin-Biennale fehlt in der Stadt; sie zeigt, was m\u00f6glich w\u00e4re, wenn man einen Ort wie den Hamburger Bahnhof nicht von vornherein zum Abstellgleis f\u00fcr vorkonfektionierte Gro\u00dfsammlungen \u00e0 la Flick verkommen lie\u00dfe. Im \u201eWhite Cube Berlin\u201d sto\u00dfen Dinge zusammen, die sonst nie zusammen zu sehen sind. Hier konzentriert sich, was sonst nur weit zerstreut \u00fcber Ateliers und Galerien oder in Spezialmessen zu entdecken ist.<\/p>\n<p>Wohltuend phantasievoller Pragmatismus<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u201e36x27x10\u201d lebt auch von ihrem Ort im Zentrum der Stadt. Man schl\u00e4ngelt sich vorbei am Weihnachtsmarkt Unter den Linden, windet sich unter einem Riesenrad durch eine schmale T\u00fcr im Bauzaun, betritt die d\u00fcstere H\u00fclle des Palasts der Republik, der wie ein abgewracktes Schiff der sowjetischen Marine im Zwielicht des Berliner Winters liegt &#8211; und tritt pl\u00f6tzlich in eine andere Welt. Der glei\u00dfend helle, perfekt wei\u00dfe Raum l\u00e4dt zu Experimenten ein: Die massiven Stahltr\u00e4ger an der Decke machen aus dem White Cube eine Kunstfabrik, eine B\u00fchne der neuen Art. Und deswegen stellt sich am Ende doch die Frage nach einer Weiternutzung des Baus.<\/p>\n<p>Der phantasievolle Pragmatismus, mit dem K\u00fcnstler wie Scheibitz hier an die Arbeit gehen, ist wohltuend nach den verbohrten Lagerk\u00e4mpfen der vergangenen Jahre, in denen besinnungslos ruinenfixierte Ost-Nostalgiker auf nicht weniger besinnungslose Schlo\u00dftalgiker stie\u00dfen. Die Ausstellung, sagt Scheibitz nun, sei \u201ein erster Linie keine Parteinahme der in Berlin t\u00e4tigen K\u00fcnstler f\u00fcr oder gegen die Palasterhaltung\u201d &#8211; sondern der Versuch zu zeigen, was den Reichtum des notorisch finanzklammen Berlins ausmacht: Die kluge Improvisation im Ruin\u00f6sen, das Tempor\u00e4re, das System chaotischer Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Warum eine Brache anstelle dieses Ortes?<\/p>\n<p>Der \u201eWhite Cube\u201d erm\u00f6glicht viel, ohne irgend etwas zu verhindern. Bedenken, er sei ein trojanisches Pferd, das die palastrevolution\u00e4ren Milizen den Schlo\u00dffreunden auf ihren Bauplatz rollen, sind unbegr\u00fcndet. Gelobt werden m\u00fcssen deshalb auch die politisch Verantwortlichen, die nicht borniert auf der Schlie\u00dfung des Palasts beharrten, sondern erkannten, welche Chancen in einer tempor\u00e4ren Weiternutzung des White Cube als Kunsthalle liegen. Berlin hat mit dieser wundersam improvisierten, unerwarteten Ausstellung einen Ort bekommen, der die versteckten Entwicklungen in der Kunstwelt dieser Stadt an einem zentralen Platz b\u00fcndelt und sichtbar macht. Warum nicht als n\u00e4chstes eine \u00e4hnliche Ausstellung, die nach der Architektur in Berlin fragt, und eine kuratorisch anspruchsvollere zur j\u00fcngsten Berliner Kunst?<\/p>\n<p>Der Erfolg dieser aus dem Nichts aufgetauchten Ausstellung sollte die politisch Verantwortlichen zum Nachdenken bringen, die den Abri\u00df des Palasts durchgewunken haben, ohne da\u00df der Baubeginn eines Schlosses auch nur in Sicht w\u00e4re: Will man denn wirklich, nur um dem Sozialismus noch nachtr\u00e4glich eins auszuwischen, eine weitere \u00f6de, leere Fl\u00e4che im Herzen der Stadt statt eines Ortes, an dem solche Ausstellungswunder stattfinden?<\/p>\n<p>\u201eWhite Cube\u201d im ehemaligen Palast der Republik. Vom 24. bis 31. Dezember 2005, t\u00e4glich 14 bis 22 Uhr.<\/p>\n<p>Text: F.A.Z., 22.12.2005, Nr. 298 \/ Seite 33<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlingensief in Berlins neuester und kurzweiligster Ausstellungshalle &#8211; dem Palast der Republik.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=62"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/62\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=62"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=62"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=62"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}