{"id":614,"date":"2010-11-03T09:30:02","date_gmt":"2010-11-03T07:30:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=614"},"modified":"2010-11-03T09:30:02","modified_gmt":"2010-11-03T07:30:02","slug":"die-dreifache-passion-berliner-morgenpost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=614","title":{"rendered":"DIE DREIFACHE PASSION (BERLINER MORGENPOST)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welch eine Entdeckung: Walter Braunfels&#8216; Oper &#8222;Jeanne d&#8217;Arc &#8211; Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna&#8220;. In der aufregenden Inszenierung von Christoph Schlingensief wird das Werk in diesem November drei Mal aufgef\u00fchrt.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ec_d61990b39ad6fdc3211c00138a53beeb.jpg\" width=\"298\" height=\"450\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc (Deutsche Oper Berlin)\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Heilige oder Terroristin, Wahnsinnige oder Hellsichtige, von Gott gesandt oder selbst erm\u00e4chtigt? Die Jungfrau von Orl\u00e9ans, Jeanne d&#8217;Arc, das M\u00e4dchen Johanna aus dem lothringischen Dorf Domr\u00e9my, gibt R\u00e4tsel auf und fasziniert &#8211; bis in die Gegenwart. Bis heute widmen sich Kunst und Wissenschaft der Erforschung des Mythos dieser charismatischen Gestalt, die 1412 geboren, 1431 als Ketzerin verbrannt und 1920 heiliggesprochen wurde. Nicht nur die Befreiung Frankreichs von englischer Herrschaft im Hundertj\u00e4hrigen Krieg sicherte ihr einen Platz in der Geschichtsschreibung. Ihr milit\u00e4rischer Sieg galt den Franzosen zwar als Initiation f\u00fcr ein nationales Bewusstsein, aber erst ihr M\u00e4rtyrertum wurde zu einem Fanal f\u00fcr die gesamte christliche Menschheit.<\/p>\n<p>Als archetypische Heldin, die kindlich-naive Frau aus einem Provinzdorf, der es im blinden Vertrauen auf ihre g\u00f6ttliche Mission gelingt, zur kriegsentscheidenden Heerf\u00fchrerin zu avancieren, beschreibt ihre Geschichte ein \u00fcber alle kulturellen Grenzen hinweg faszinierendes Muster mit m\u00e4rchenhaften Z\u00fcgen: Eine einfache Frau, beinahe noch ein Kind, wird zur Tr\u00e4gerin g\u00f6ttlichen Willens und von Gott erm\u00e4chtigt, politische Realit\u00e4t kraftvoll zu ver\u00e4ndern. Ihr Glaube l\u00e4sst sie Berge versetzen, f\u00fcr ihn geht sie in den Tod im Bewusstsein ihrer eigenen Passion, hin- und hergerissen von Hoffnung und Zweifeln, Kraft und Schw\u00e4che. Eine geheimnisvolle Anziehungskraft umgibt Johannas Geschichte, die offen ist f\u00fcr Vereinnahmungen und Deutungen aus unterschiedlichen ideologischen Perspektiven.<\/p>\n<p>Der Komponist Walter Braunfels (1882-1954) teilte mit Alexander von Zemlinsky, Franz Schreker und vielen anderen Kollegen das Schicksal, von den Nationalsozialisten mit einem Auff\u00fchrungsverbot belegt und somit als K\u00fcnstler zum Verstummen gebracht worden zu sein. Als er dar\u00fcber hinaus auch seines Amtes als Direktor der Staatlichen Hochschule f\u00fcr Musik in K\u00f6ln enthoben wurde, zog Braunfels sich nach \u00dcberlingen am Bodensee zur\u00fcck. Mit der Vita der Heiligen Johanna fand er, der sich nach Erlebnissen im 1. Weltkrieg vom Protestantismus zum Katholizismus gewandt hatte, einen Stoff, der ihm die M\u00f6glichkeit gab, sich als Komponist und Theatermacher in Klang und Bild zu artikulieren und die Verzweiflung an der eigenen Gegenwart zu formulieren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ec_4a1c86ccf39028ec5bbf0e8c24a1292f.jpg\" width=\"450\" height=\"301\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc (Deutsche Oper Berlin)\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Vom Wunder wider alle Wahrscheinlichkeit, der Erm\u00e4chtigung der Schwachen, der Manipulation der Massen, von Hoffnung auf und Zweifel an g\u00f6ttlicher Erl\u00f6sung erz\u00e4hlt Braunfels in seiner expressiven, sp\u00e4tromantischen Tonsprache, in der sich Ankl\u00e4nge an den musikalischen Neoklassizismus genauso wie bis an die Grenze der Tonalit\u00e4t getriebene &#8211; diese aber nie \u00fcberschreitende &#8211; chromatisierte Harmonien finden. In dieser so katholischen wie ketzerischen Oper thematisiert Braunfels Abgr\u00fcnde und Ausweglosigkeiten zwischen Gewissheitsstreben und Verzweiflung an der Wahrheit. Es gibt hier keine fromme Nachfolge Jesu, die das irdische Leiden verkl\u00e4rt und die christliche Erl\u00f6sung feiert, sondern eine Passion der Ambiguit\u00e4t. Der unbefriedigte Drang nach Glaubens- und Heilsgewissheit, der den Katholizismus faszinierend macht, ist der rote Faden in diesem Spiel. Der bekennende Katholik Christoph Schlingensief hat diese Oper als polymorphes Hochamt inszeniert, zelebriert von den Mitgliedern einer Kunstsekte, in einem Ambiente, das die Grenzen zwischen Sakralraum und B\u00fchne systematisch aufhebt.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Jahrbuch der &#8222;Opernwelt&#8220; 2010 von Gerhard R. Koch:<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die in mancher Hinsicht gewichtigere Musiktheater-Arbeit (Christoph Schlingensiefs) fand 2008 an der Deutschen Oper Berlin statt: die posthume (szenische) Urauff\u00fchrung von Walter Braunfels&#8216; &#8218;Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna&#8216; (Anm. der Redaktion: der Vergleich bezieht sich auf Schlingensiefs Bayreuther &#8218;Parsifal&#8216; und seine &#8218;Holl\u00e4nder&#8216;-Inszenierung in Manaus). Komponist, Werk und Wiedergabe verwiesen unmissverst\u00e4ndlich auf gleich drei Passionen: Braunfels \u00fcberlebte in der &#8218;inneren Emigration&#8216; das Nazi-Reich, komponierte sein Hauptwerk 1938-42, ohne jegliche Hoffnung auf eine Auff\u00fchrung. Orientiert hat er sich, in der Nachfolge von Dreyers unvergleichlichem Stummfilm, an den Prozessakten von 1431, eben der Passion der Jeanne d&#8217;Arc.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/ec_9a245eedff3e107799bd6e00cad5fee9.jpg\" width=\"450\" height=\"298\" alt=\"Jeanne D&#39;Arc (Deutsche Oper Berlin)\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Schlingensief war damals so geschw\u00e4cht, dass er die Proben teilweise nur vom Krankenhaus koordinieren konnte. Gleichwohl wurde es eine \u00fcberaus intensive Produktion: als ikonografisches Puzzle, filmisch surrealistisches Pand\u00e4monium voller Horror und Blasphemien &#8211; eine Summe von Freak-Ritualen, in einigen Aspekten sogar noch dringlicher als im &#8218;Parsifal&#8216;, weil in den Schockwirkungen noch unberechenbarer. Braunfels&#8216; &#8218;Johanna&#8216; gewann so etwas von einem Schlingensief-Requiem zu Lebzeiten auf sich selbst. Aber die traditionelle Hierarchie Komponist-Werk-Inszenierung blieb trotz nicht weniger Grandguignol-Obsessionen gewahrt. Kunst und Leben blieben insofern getrennt.&#8220;<\/p>\n<p>Termine: 30. Oktober, 3. und 11. November<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.deutscheoperberlin.de\/?page=spielplandetail&#038;id_event_date=6929114\" target=\"_blank\">www.deutscheoperberlin.de<\/a><\/p>\n<p><em>Erschienen in der Berliner Morgenpost vom 28.10.2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welch eine Entdeckung: Walter Braunfels&#8216; Oper &#8222;Jeanne d&#8217;Arc &#8211; Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna&#8220;. 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