{"id":610,"date":"2010-07-28T12:58:01","date_gmt":"2010-07-28T10:58:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=609"},"modified":"2010-07-28T12:58:01","modified_gmt":"2010-07-28T10:58:01","slug":"liebeserklarung-an-einen-bezirk-bz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=610","title":{"rendered":"LIEBESERKL\u00c4RUNG AN EINEN BEZIRK (BZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Berlin Kreuzberg Biennale fu\u0308llt die Zwischenr\u00e4ume im Kiez und l\u00e4dt zur Entdeckungsreise<\/strong><\/p>\n<p><em>von Michael Lutz<\/em><\/p>\n<p>In diesen hei\u00dfen Tagen ist Grillen der Hit. Aber wer w\u00fcrde vermuten, dass es in ganz Kreuzberg nur drei von der Stadt ausgewiesene Grillpl\u00e4tze gibt? Nat\u00fcrlich h\u00e4ngt trotzdem \u00fcber jedem Park ein rauchiger Dunst, und Polizei und Ordnungsamt handhaben die Regelung zum Gl\u00fcck sehr lax. Doch als Marc Le Blanc und James Krone im Rahmen der Berlin Kreuzberg Biennale zu ihrer Performance &#8222;Bacchus Apotheke&#8220; einluden, wurde in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung gegrillt, die die Polizei nicht mehr ignorieren konnte. Am Abend des 3. Juli trafen sich am Landwehrkanal eine Handvoll Interessierte und staunten nicht schlecht, als sie Krone und Le Blanc im Begriff sahen, mit einem kurbelbetriebenen Grillspie\u00df ein ganzes Lamm am St\u00fcck zu grillen. Ob das Eingreifen der Beamten ein Teil der Show war?<\/p>\n<p>Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Denn die Kunst in den oft subtil platzierten Exponaten im Stadtraum und den verr\u00fcckten Aktionen der Berlin Kreuzberg Biennale steckt manchmal in der Idee selbst. Jedenfalls gelang es den Beamten nicht, die Versammlung aufzul\u00f6sen: Le Blanc und Krone packten ihren halbgaren Braten einfach zu beiden Enden der Grillstange und trugen ihn in die nahegelege Hasenheide, wo sich das kuriose Projekt fortsetzte.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel f\u00fcr den informellen Geist der Ausstellung ist die von Raul Walch erdachte &#8222;Corner Bar&#8220;, Ecke Oranien- und Adalbertstra\u00dfe. Jeden Abend, gutes Wetter vorausgesetzt, improvisieren Walch und seine Freunde eine Bar unter freiem Himmel. Das Irritierende daran: Die Bar ist als solche schwer zu erkennen, denn es handelt sich um einen stinknormalen Stromverteilerkasten. Erst durch Walchs aktive Umdeutung wird das Objekt zum Artefakt und beginnt auf seltsam subtile Weise zu wirken. Ein schneller Eingriff im Vorbeigehen, eine subversive Betrachtung der Gegebenheiten, damit wollen die Macher der Schau den Gro\u00dfstadtbewohnern eine Ahnung von der Mehrdimensionalit\u00e4t ihrer Umgebung geben.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler Tjorg Douglas Beer, Jahrgang 1973, der zusammen mit der Kuratorin Anna-Catharina Gebbers die Berlin Kreuzberg Biennale ganz ohne Budget organisiert, f\u00f6rdert schon lange die Kunst im Viertel. Im Jahr 2008 etwa war er Mitgr\u00fcnder der im Graefe-Kiez gelegenen Forgotten Bar, in der eine Zeit lang allabendlich andere Ausstellungen zu sehen waren und die als das gemeinsame Liebhaber-Projekt eines gro\u00dfen Netzwerks von K\u00fcnstlern und Kreativen des Viertels gilt.<\/p>\n<p>Auch die Berlin Kreuzberg Biennale ist so eine Herzensangelegenheit. Wenn man Beer dar\u00fcber reden h\u00f6rt, klingt das beinahe wie eine Liebeserkl\u00e4rung an seinen Bezirk: &#8222;Die kulturelle Reichhaltigkeit, die starken gesellschaftlichen Strukturen und die Tatsache, dass Kreuzberg voll von verschiedenen Realit\u00e4ten ist, haben zu diesem lokalen Projekt gef\u00fchrt. Im Grunde also genau die Dinge, die diesen Stadtteil so lebenswert machen.&#8220; Mit der Bezeichnung &#8222;Biennale&#8220; wollten sich die Macher nicht in Konkurrenz zur parallel in Kreuzberg stattfindenden Berlin Biennale stellen. Vielmehr habe man sich daf\u00fcr entschieden, um sich die M\u00f6glichkeit einer Fortsetzung offen zu halten, aber auch, um dem gro\u00dfen Umfang und der hohen Qualit\u00e4t der Ausstellung gerecht zu werden. Denn dass es sich hierbei um ein durchaus ernstzunehmendes Format handelt, zeigt allein schon die K\u00fcnstlerliste: Neben vielen anderen sind Terence Koh, Marc Bijl, Olaf Metzel oder Christian Jankowski mit Arbeiten vertreten.<\/p>\n<p>Die erste Ausgabe der Berlin Kreuzberg Biennale hei\u00dft &#8222;Ayran und Yoga&#8220;, was viel Raum f\u00fcr Ausdeutung l\u00e4sst: &#8222;Es k\u00f6nnten zum Beispiel die Namen von zwei kleinen Jungs sein, die sich nach der Schule auf eine Entdeckungsreise durchs Viertel begeben,&#8220; erkl\u00e4rt Beer. Und in der Tat sind oft ein gewisser Sp\u00fcrsinn und gesunde Neugier vonn\u00f6ten, um die sensiblen Eingriffe aufzusp\u00fcren, die die K\u00fcnstler zwischen Oranienplatz und Urbanstra\u00dfe hinterlassen haben. Viele der \u00fcber vierzig Arbeiten wurden in halb\u00f6ffentlichen R\u00e4umen und an unscheinbaren Pl\u00e4tzen platziert &#8211; auf Hinterh\u00f6fen, in Kiosken und Gesch\u00e4ften, an W\u00e4nden, M\u00fclleimern oder auf wenig beachteten Gr\u00fcnfl\u00e4chen.<\/p>\n<p>Zum Beispiel &#8222;10 Animal Films&#8220; von Christoph Schlingensief, eine von Anna-Catharina Gebbers kuratierte Sammlung bizarrer Tierfilme: Im Ladengesch\u00e4ft von &#8222;Aquarien Meyer&#8220; sind sie auf einem kleinen Fernseher zu sehen. Dort laufen sie den ganzen Tag und wirken ein bisschen wie das fehlende Element zwischen all dem Haustierzubeh\u00f6r, das es dort zu kaufen gibt. Denn die zehn kurzen Clips in dieser Umgebung zu sehen, bedeutet auch, die geradezu skulpturale Qualit\u00e4t all der Beh\u00e4lter, Tiersch\u00e4del und Terrariendekorationen zu erkennen.<\/p>\n<p>Ein paar Schritte weiter, im Kopierladen &#8222;Trigger Copy&#8220;, steht man vor einem \u00fcber und \u00fcber mit Zetteln behefteten Schwarzen Brett, zun\u00e4chst nichts Untypisches f\u00fcr einen solchen Ort. Dass aber Malte Urbschat in seinem &#8222;Sheriff-Project&#8220; die Kommunikationsfl\u00e4che f\u00fcr die Ergebnisse einer Recherche \u00fcber nicht-t\u00f6dliche Waffen und Verschw\u00f6rungstheorien benutzt, \u00fcbersteigert nicht nur die dem Ort immanente \u00c4sthetik, sondern auch seinen urspr\u00fcnglichen Sinn. Hier hinterlassen sonst Menschen ihre Nachrichten, Anliegen oder Bedenken.<\/p>\n<p>Die Aussteller selbst sind \u00fcbrigens froh, bei der Berlin Kreuzberg Biennale mitwirken zu k\u00f6nnen. Keinen von ihnen musste Beer zweimal fragen, was kaum verwundert, schlie\u00dflich kennt und sch\u00e4tzt man sich in einer Nachbarschaft wie dieser. In der Buchhandlung &#8222;Argument&#8220; ist das Werk &#8222;Turbokapitalismus&#8220; von Olaf Metzel zu sehen, eine Miniskulptur aus alten Zigarrenh\u00fclsen mit der Aufschrift &#8222;Independence&#8220;, mit Klebeband zu einem Dynamitb\u00fcndel arrangiert. &#8222;Das hier ist eine linke Buchhandlung, und die Berlin Kreuzberg Biennale ist ein selbstfinanziertes Projekt&#8220;, sagt Besitzer Klaus Gramlich. &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich wird das unterst\u00fctzt. So ist das in Kreuzberg.&#8220;<\/p>\n<p>Verl\u00e4ngert bis Ende August. Programm und Orte unter www.berlin-kreuzberg-biennale.org. F\u00fchrungen unter 0178-294 26 75.<\/p>\n<p><em>Quelle: Berliner Zeitung, 20. Juli 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berlin Kreuzberg Biennale fu\u0308llt die Zwischenr\u00e4ume im Kiez und l\u00e4dt zur Entdeckungsreise<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/610"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=610"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/610\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}