{"id":61,"date":"2005-12-22T00:27:52","date_gmt":"2005-12-21T22:27:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=61"},"modified":"2005-12-22T00:27:52","modified_gmt":"2005-12-21T22:27:52","slug":"ja-ich-glaub-an-gestern-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=61","title":{"rendered":"Ja, ich glaub&#8216; an gestern (taz)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit \u00fcber zwanzig Jahren widmet sich Schlingensief-Mitarbeiter Klaus Beyer dem Beatles-Nachbau. Sieben Alben hat er bisher neu eingespielt, nun ist &#8222;Helft!&#8220; herausgekommen, seine wunderbar schrammelig-psychedelische Version von &#8222;Help!&#8220;. Eine neue DVD pr\u00e4sentiert au\u00dferdem einen Querschnitt durch Beyers restliches Werk.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nVON DETLEF KUHLBRODT<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nLange hatte ich nichts mehr von Klaus Beyer geh\u00f6rt. Wir kennen uns schon zehn Jahre, hatten miteinander geplaudert, Kaffee und Kuchen in seiner Kreuzberger Wohnung zu uns genommen und seine Konzerte, die meist mit &#8222;Hauptmann Pfeffer&#8220; begannen und dem &#8222;Gr\u00fcnblauen Unterwasserboot&#8220; endeten, waren immer toll. Meist spielte er solo, manchmal wurde er auch von Stereo Total, Mutter, den Sternen oder G\u00f6tz Alsmann begleitet.<\/p>\n<p>Irgendwie hatte ich den f\u00fcnften Beatle aber aus den Augen verloren. Das letzte Mal hatten wir uns vor vier Jahren getroffen, als er anl\u00e4sslich einer Ausstellung seiner Bilder und Objekte (wie sein geistesverwandter K\u00fcnstlerkollege Daniel Johnston ist er ein Multitalent) gesungen hatte. Es hatte sehr gut in den Dezember gepasst, den ich oft lieber November nenne, um ihm seinen eingebildeten Schrecken zu nehmen, ihn quasi auszubremsen. Ich tu einfach so, bis zum 20., als wenn November w\u00e4re, feier dann Heiligabend und lande sicher im neuen Jahr.<\/p>\n<p>Dann stand neulich im Spiegel, dass Beyer zusammen mit Patti Smith und Christoph Schlingensief (in dessen Umfeld der Do-it-yourself-K\u00fcnstler in den letzten Jahren h\u00e4ufig auftrat) in Namibia war, um einen komischen Film zu machen. Und pl\u00f6tzlich rief Frank Behnke an, Beyers Manager, und erz\u00e4hlte, dass Klaus Beyer demn\u00e4chst am Burgtheater in Wien w\u00e4re und kurz darauf lagen zwei neue Klaus-Beyer-Ver\u00f6ffentlichungen im Briefkasten: die CD &#8222;Helft!&#8220; und eine DVD mit dem Dokumentarfilm &#8222;Das seltsame Universum des Klaus Beyer&#8220; und vielen kleinen Musikfilmen und Sketchen, die Beyer in den letzten 23 Jahren gr\u00f6\u00dftenteils allein in seinem Zimmer gedreht hat.<\/p>\n<p>Alles ist wieder sehr seltsam und sch\u00f6n und sollte unbedingt zu Weihnachten verschenkt werden. Die DVD bietet einen guten Querschnitt durch das Werk des ehemaligen Kerzendrehers, der sich Anfang der Siebzigerjahre in die Beatles verliebte, nachdem er sie im Radio geh\u00f6rt hatte. Weil er die Texte nicht verstand, hatte er sich ein Englisch-W\u00f6rterbuch gekauft, um die Lieder in seine Sprache zu \u00fcbersetzen. W\u00e4hrend die revoltierenden Altersgenossen des nunmehr 53-J\u00e4hrigen auch deshalb so gerne englischsprachige Popmusik h\u00f6rten, weil die Eltern das nicht verstanden, \u00fcbersetzte Klaus Beyer die Lieder von John, Paul, George und Ringo vor allem auch, damit seine Mutter verstehen konnte, was die da sangen. Die Beyer&#8217;schen \u00dcbersetzungen sind also gleichzeitig Gesten der Vers\u00f6hnung. Genau wegen dieser Geste, die sie selber oft nicht leisten wollten oder konnten, wurde Beyer in den Postpunkszenen so sehr geliebt. Und weil er er selbst sein konnte und mit seiner Kunst jeden ermunterte, ebenfalls selbst zu sein.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter vertonte Beyer seine Versionen der Beatles-Songs. Mit Hilfe zweier Tonbandger\u00e4te \u00fcberspielte er die Instrumentalpassagen von jedem St\u00fcck, vervielfachte sie teilweise, damit die L\u00e4nge des St\u00fccks wieder hinhaut und sang seine deutschen Nachdichtungen dar\u00fcber. Die Texte sind sehr eigen, eigentlich Klaus Beyer&#8217;sche Variationen zu Themen der Beatles. Die aus kurzen Beatles-Samples zusammengesetzte Musik klingt oft experimentell.<\/p>\n<p>Anfang der Achtzigerjahre begann Beyer dann damit, die Songs der Fab-Four zu verfilmen. Mit Super-8, Einzelbild-Tricks und wundersch\u00f6nen selbst gebastelten Dekorationen. Am ber\u00fchmtesten wurde das ungef\u00e4hr zwei mal ein Meter gro\u00dfe Unterseeboot, das er f\u00fcr seinen &#8222;Yellow Submarine&#8220;-Film bastelte. Au\u00dferdem verfilmte er kleine Lieder (&#8222;Die Glatze&#8220; lief sogar mal auf MTV) und lustige selbst ausgedachte Sketche, die unter anderem von scheiternden Bank\u00fcberf\u00e4llen, kleinen Hunden und Kreuzberger Frauen, die lang sind (&#8222;2 Meter zehn&#8220;), handeln. Dies alles und mehr ist auf der sch\u00f6nen DVD drauf, die ich mir zuerst anschaute, weil ich mir von der &#8222;Helft!&#8220;-CD nicht so viel versprach. Umso begeisterter war ich, als ich sie dann h\u00f6rte. &#8222;Mit den Beatles&#8220;, &#8222;Lass es sein&#8220;, &#8222;Gummiseele&#8220;, &#8222;Ein harter Tag&#8220;, &#8222;Das gelbe Unterwasserboot&#8220; und die &#8222;R\u00e4tselhaft magische Tour&#8220; waren super. &#8222;Helft!&#8220; ist noch besser.<\/p>\n<p>Das Titelst\u00fcck gibt es zweimal und ist das vielleicht sch\u00f6nste Beatlescover, das Klaus je eingespielt hat. Kristallklar, LoFi auf Hifi sozusagen klingt seine Stimme in der Studioversion. Bei der Live-Version beeindruckt vor allem, wie er mit zwei Stimmen singt, also die dramatische Anlage des St\u00fccks noch einmal hervorhebt, sich also quasi teilt &#8211; in den, der Hilfe braucht und den, dem &#8217;s sonst ganz gut geht. &#8222;Naturgetreu&#8220; (&#8222;Act naturally&#8220;) klingt zun\u00e4chst ein wenig schrammelpsychedelisch wie Daniel Johnston: &#8222;\u2026 ich filme gern, weil ich mich dr\u00fcber freu \/ was ich film und spiele sind Geschichten \/ Und alles, was ich tu ist naturgetreu&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Du machst mich hitzig Miss Lizzy&#8220; (&#8222;You make me dizzy Miss Lizzy&#8220;) betont die quasi unschuldige Rock-&#8217;n&#8216;-Roll-Seite von Beyer &#038; den Beatles, &#8222;Ja, ich glaub an gestern&#8220; klingt weit melancholischer als &#8222;I believe in yesterday&#8220;, und nach der Abmoderation &#8211; &#8222;Sch\u00f6nen Abend noch und alles Gute im Leben&#8220; &#8211; kommt einem dasselbe gleich wieder besser vor.<\/p>\n<p>&#8222;Klaus Beyer&#8217;s &#8211; die DVD&#8220;, 16 Euro. &#8222;Helft!&#8220;, 9 Euro. Bei Amsel-Records &#038; Films. Zu beziehen \u00fcber Klaus-Beyer.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit \u00fcber zwanzig Jahren widmet sich Schlingensief-Mitarbeiter Klaus Beyer dem Beatles-Nachbau. Sieben Alben hat er bisher neu eingespielt, nun ist &#8222;Helft!&#8220; herausgekommen, seine wunderbar schrammelig-psychedelische Version von &#8222;Help!&#8220;. 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