{"id":609,"date":"2010-07-20T11:54:07","date_gmt":"2010-07-20T09:54:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=608"},"modified":"2010-07-20T11:54:07","modified_gmt":"2010-07-20T09:54:07","slug":"die-nanosekunde-des-glucks-nzz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=609","title":{"rendered":"DIE NANOSEKUNDE DES GL\u00dcCKS (NZZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Regisseur und Gesamtkunstwerk-Realisator Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p><strong>Den einen gilt Christoph Schlingensief als Genie, den andern als Provokateur oder Schlitzohr. Zuletzt erregte er Aufsehen mit seinem \u00abTagebuch einer Krebserkrankung\u00bb. Thomas David sprach mit ihm.<\/strong><\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Seit Januar dieses Jahres entsteht in Burkina Faso das von Ihnen initiierte Operndorf. Aber schon seit rund 15 Jahren zieht es Sie nach Afrika. Warum?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Das hat mit \u00abUnited Trash\u00bb zu tun, meinem Film von 1996. Der Vater meiner damaligen Freundin war Missionspriester in S\u00fcdafrika, bis er rausgeschmissen wurde, und irgendwann sagte meine Freundin: \u00abDa musst du hin.\u00bb Wir sind also nach Simbabwe gefahren; ich habe den Film gedreht. Wir haben dabei ein ziemlich eindrucksvolles Durcheinander erlebt, das auch viel Angst erzeugt hat, weil wir mit unserer Geschichte in die Anf\u00e4nge von Mugabes Landreform hineingerast sind. Alle Weissen wurden zu Rassisten erkl\u00e4rt. Man hat uns sogar festgenommen und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Zwischen \u00abUnited Trash\u00bb und \u00abVia Intolleranza II\u00bb, der ersten aus Ihrer Operndorf-Utopie hervorgegangenen Produktion, liegen Welten.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Als ich in Afrika den Ort f\u00fcr das Festspielhaus gesucht habe, geschah das auch aus einer existenziellen Frage heraus. Eigentlich haben mir alle \u00c4rzte davon abgeraten \u2013 Fliegen gehe nicht, Atmen gehe nicht, die Hitze schon gar nicht. Es spielte also auch mein eigener Antrieb, mir das zu beweisen, eine Rolle: der aus meiner Krebserkrankung heraus geborene Gedanke, das Operndorf genau jetzt zu machen und nicht erst in zehn Jahren. Als die Idee einmal ausgesprochen war, kam sie einfach ins Laufen \u2013 das ist immer so bei mir, dann gibt es kein Zur\u00fcck. Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass ich gar keine Lust habe, mich die ganze Zeit mit Afrika zu verbr\u00fcdern, dass ich keine Ambitionen habe, Afrikaner zu werden, da nicht wohnen will, und Trommelkurse liegen mir auch nicht. In \u00abVia Intolleranza II\u00bb gehe ich eigentlich hin und sage: \u00abEntschuldigung, das hat \u00fcberhaupt nicht funktioniert\u00bb, aber in dem Moment, in dem meine Kritiker behaupten, das h\u00e4tten sie von Anfang an gewusst, \u00abdas klappt eben nicht mit den Afros\u00bb, sage ich: \u00abIch mache das Operndorf aber trotzdem.\u00bb<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Wird die in \u00abVia Intolleranza II\u00bb anklingende Frage, weshalb die westlichen Industriel\u00e4nder Afrika helfen wollen, durch die Politik nicht ohnehin ad absurdum gef\u00fchrt?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Das ist der Wahnsinn. Aber ich glaube, es gibt so ein Urgef\u00fchl, aus dem heraus sich viele von uns Afrika eben doch verbunden f\u00fchlen. Vielleicht, weil Afrika die Wiege der Menschheit ist. Wir sehnen uns nach einer Urspr\u00fcnglichkeit, und es ist in diesem Zusammenhang auch interessant, dass ich selber in Afrika immer die gr\u00f6ssten Angsterlebnisse hatte. Hier bei uns haben wir uns ja in ein Nest begeben, in dem wir eine Lebensversicherung, eine Laptop- und eine Hundeversicherung brauchen, um angstfrei Br\u00f6tchen kaufen zu k\u00f6nnen, und aufs Spiel setzen wir das allenfalls f\u00fcr drei Wochen mit einer Rundum-sorglos-Versicherung f\u00fcr den Urlaub. Aber die Menschen in unseren Industriel\u00e4ndern leiden nat\u00fcrlich h\u00f6llisch darunter, dass sie eigentlich schon gar nicht mehr da sind und das Leben vor lauter Versicherung kaum noch sp\u00fcren, und wenn ein derart besch\u00e4digter Mensch dann nach Afrika reist, um dort zu erkl\u00e4ren, wie es l\u00e4uft, nimmt das groteske Ausmasse an.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> In \u00abVia Intolleranza II\u00bb treten Sie selbst auf.<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Ich gehe in dem Moment auf die B\u00fchne, als ein Afrikaner das selbstgebaute H\u00fcttchen vorstellt, an dem er einen Monat lang gearbeitet hat, wozu ich als Europ\u00e4er ihn dann begl\u00fcckw\u00fcnsche. Wir wollen sehen, wie das \u00c4ffchen durch den Reifen springt. Im Grunde ist das noch wie bei den Kolonialisten, die die Afrikaner erst in Bambusr\u00f6ckchen ausgestellt haben und f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter in Hosen, damit man zeigen konnte, dass der Kolonialismus etwas gebracht hat \u2013 \u00abHosenneger\u00bb nannte man das.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Gibt es einen Zusammenhang zwischen der von Ihnen beschriebenen politischen Intervention und jener Intervention, die das Prinzip Ihres Theaters ist, seitdem Sie 1993 w\u00e4hrend einer \u00abHundert Jahre CDU\u00bb-Vorstellung auf die B\u00fchne der Berliner Volksb\u00fchne gest\u00fcrmt sind und die Routine st\u00f6rten?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Diese Reaktion hatte zum Teil damit zu tun, dass Alfred Edel, der bei mir mitgespielt hatte, gestorben war und ich mich weigerte, ihn durch einen anderen Schauspieler zu ersetzen. Edel war ja ein Mensch, keine Rolle, und einen Menschen kann man auch im Theater nicht ersetzen. Der andere Grund f\u00fcr meine Intervention war aber tats\u00e4chlich, dass ich es in dem Augenblick nicht mehr aushalten konnte, wie wir uns da alle verhielten. Diese Art der Intervention kann zu Wahrhaftigkeit f\u00fchren \u2013 ein dickes Wort: Aber es ist mir wichtig, dass auch der Schauspieler weiss, es k\u00f6nnte sich pl\u00f6tzlich alles gegen ihn wenden, er k\u00f6nnte jeden Augenblick seinen Triumph verlieren. Dieses Risiko muss im Theater schon drin sein. Ich mag es nicht mehr, dass viele Schauspieler in Deutschland immer nur wissen wollen, was sie gleich tun sollen, und auch schon die Applausquote mit einfordern.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Ist das Theater f\u00fcr Sie ein Ort der Ruhest\u00f6rung?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Im besten Fall ist es f\u00fcr mich vor allem ein Forschungslabor, in dem die unterschiedlichsten Gedanken aufeinanderprallen und explodieren d\u00fcrfen. Dabei kann Komisches passieren, Metaphysisches \u2013 oder die Sachen gehen pl\u00f6tzlich ganz konform auf. Das Schlimmste ist das Potpourri dieser Cocktailmischanlagen, die die Intendantenh\u00e4user geworden sind. Heute wird mit dem Publikum nicht mehr diskutiert, es gibt keine Seminare. Ich bin in dieser Hinsicht ganz konservativ: Die beste Zeit war in den Neunzigern an der Volksb\u00fchne, als Castorf uns regelrecht gezwungen hat, am n\u00e4chsten Morgen schon wieder dazusitzen, um mit einem Kritiker oder wem auch immer zu streiten. Wir hatten schlechte Laune, das St\u00fcck war nicht gut angekommen, aber wir mussten erscheinen. Ich finde es total wichtig, dass wieder richtige K\u00f6pfe an die Theater kommen. Heute haben wir es meist mit Leuten zu tun, die zwar irgendwie viel draufhaben und belesen sind, denen aber der Mut zur Radikalit\u00e4t fehlt, der sie sagen liesse: \u00abDieses Thema setze ich jetzt da rein, und ich vertrete es bis zum Anschlag.\u00bb Die meisten Intendanten heute sind so kleine, zarte Pfl\u00e4nzchen, die ihr Programm mixen \u2013 ein St\u00fcck f\u00fcr die Oma, ein anderes f\u00fcr den Opa, f\u00fcr die Jugend ein wenig Hip-Hop oder Punkrock und f\u00fcr die Kinder Trallala. Ich finde aber, dass man das Theater auf diese Weise einfach nicht ernst nimmt, auch wenn man damit Zuschauerzahlen erzielt. Aber in seiner Grundexistenz macht man das Theater auf diese Weise eigentlich platt.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Wie kann man dem von Ihnen beschriebenen Konsens-Theater Bedeutung geben?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> In dieser Hinsicht kann ich nur sagen, dass die Volksb\u00fchnenzeit 1993 f\u00fcr mich ein Gl\u00fccksfall war. Ich bekam damals einen Anruf in M\u00fchlheim an der Ruhr. Ich hatte ein paar Filmchen gedreht, hing sonst aber nur rum. Dann kam die Frage, ob ich nicht an die Volksb\u00fchne kommen wolle. Ich kannte das Haus nicht, hatte keine Ahnung vom Theater und war \u00fcberhaupt kein grosser Theaterfreund, und als ich dann da reinkam und sah, wie Herbert Fritsch in \u00abClockwork Orange\u00bb an einem Brett drei Meter hochgezogen wurde, fand ich das irgendwie unm\u00f6glich und wollte sofort wieder abhauen. Der Dramaturg Matthias Lilienthal hat mich aber im Treppenhaus abgefischt, und ich sagte zu. Die Ruhest\u00f6rung, die man an so einem Haus erlebte, kann sich nicht t\u00e4glich wiederholen, weil man ja irgendwann durchimmunisiert ist. Aber das Tolle war f\u00fcr mich, dass Leute mit an Bord waren, die ganz neue Ans\u00e4tze brachten \u2013 auch in musikalischer Hinsicht. Castorf kam immer mit seinem Rockzeug an, damit wollte ich nichts zu tun haben, aber Christoph Gurk, der dann Chefredakteur von \u00abSpex\u00bb wurde, oder die Vortr\u00e4ge von Diedrich Diederichsen \u2013 das war absolut super. Die heutigen Ruhest\u00f6rungen im Theater bewegen sich ja eher im Bereich des Skandals, das ist langweilig.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Die Schnelligkeit von \u00abVia Intolleranza II\u00bb, die zahlreichen Akteure und die vielen Bild- und Tonebenen, die Sie in Ihrer Inszenierung zusammenf\u00fchren, \u00fcberfordern den Zuschauer, scheinen ihn aber gerade auch zu aktivieren. Wie schaffen Sie es, Energien auf das Publikum zu \u00fcbertragen?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Sechs Wochen vorher war ich noch richtig wackelig und musste wieder eine Chemotherapie machen, dann brachte die Flugasche dieses isl\u00e4ndischen Vulkans die Probenzeit durcheinander, so dass wir am Ende nur vierzehn Tage Zeit hatten. Das hat nat\u00fcrlich bei allen Beteiligten einen enormen Druck erzeugt, und als noch der B\u00fchnenbildner und der Dramaturg ausfielen, standen wir eigentlich kurz vor dem Aus. Wir hatten aber das Gef\u00fchl, dass wir vor den Leuten aus Burkina Faso, die trotz allem wie auf Knopfdruck anwesend waren, nicht unsere deutsche Larmoyanz ausfahren konnten, zumal sie in ihrem Leben alle schon Katastrophen erlebt haben, die uns wahrscheinlich umgebracht h\u00e4tten. Wenn bei denen die H\u00e4user wegschwimmen, bauen sie einfach neue, w\u00e4hrend bei einem Hochwasser in Brandenburg gleich alle Politiker in Gummistiefeln unterwegs sind und man den Eindruck hat, ganz Deutschland gehe gerade unter. Wir haben uns also angestrengt, nicht die Schlappis zu geben, und diese Haltung war wahrscheinlich der Kraftpunkt der Inszenierung. Wir waren in gewisser Weise ebenfalls \u00fcberfordert, und diese Form der Energie hat sich vielleicht auf die Zuschauer \u00fcbertragen \u2013 nicht als Erf\u00fcllung oder p\u00e4dagogische Infragestellung, sondern als etwas Atonales, das aber zugleich als etwas Wahrhaftiges r\u00fcberkommt, denn wir alle sind ja selber extrem atonal gebaut.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Wie werden Sie 2011 in Venedig den deutschen Biennale-Pavillon bespielen?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Mit nationalen Repr\u00e4sentationsorten habe ich seit meinem Bayreuther \u00abParsifal\u00bb Erfahrung, und nat\u00fcrlich habe ich eine gewisse Vorliebe f\u00fcr derart mythische Angelegenheiten. Meine besten Filme spielen in einem Bunker, einem Lager oder einem dunklen Mischmasch zwischen zerstrittenen Vorstehern von Grossfamilien und dem Dritten Reich. Das ist quasi der Urstoff meiner Arbeit, seit ich im Kinderzimmerchen nachts \u00fcber Drehb\u00fcchern br\u00fctete. Kam ich mit einer Geschichte nicht weiter, habe ich sie in ein Lager oder ein Gef\u00e4ngnis verlegt, was zu einer enormen Konzentration f\u00fchrte und zur Reduktion auf die zentralen Fragen: \u00abWas mache ich hier in meiner Zelle? Wie kann ich mich mitteilen? Wie komme ich hier raus?\u00bb Ich muss inzwischen aber nicht mehr jeden Raum mit den Namen \u00abDrittes Reich\u00bb oder \u00abHitler\u00bb versehen. In Venedig finde ich die Giardini interessant, wo die Pavillons stehen. Wenn man das aus der Luft betrachtete, w\u00fcrde man sehen, wie man sich zur Zeit der Errichtung den Globalismus vorstellte: als eine Art Landkarte mit dem schrottigen Osten etwas weiter hinten, den Franzosen mit ein paar Schn\u00f6rkeln, den etwas klotzigen Deutschen und den nordischen L\u00e4ndern mit etwas mehr Glas. Das sind ganz interessante Blicke auf eine Gesellschaft, die ihre Kunst noch unter einem bestimmten Qualit\u00e4tssiegel angemeldet hat und zu wissen glaubte, was echt franz\u00f6sisch oder echt deutsch war. Ich kann damit ganz gut umgehen, weil ich viel im Ausland gearbeitet habe und mich nicht mehr permanent auf Deutschland beziehen muss. Auch mein \u00abParsifal\u00bb w\u00e4re in die Hose gegangen, wenn ich BDM-M\u00e4del neben Hakenkreuzhaufen aus Scheisse auf die B\u00fchne gestellt h\u00e4tte. Mein Nazi-Ding ist keines, das mit wehenden Flaggen durch die Strassen rennt. Selbst im Film \u00ab100 Jahre Adolf Hitler\u00bb habe ich etwas ganz anderes gezeigt. Da f\u00fchle ich mich einem Fassbinder unendlich verwandt. Das Grundthema in Deutschland ist diese Selbstzerfleischung, diese Unzufriedenheit, dieses alles f\u00fcr sich in Anspruch nehmen Wollende, in dem die Schweiz auch ganz toll ist. Der Schweizer hat die Berge ausgeh\u00f6hlt, hat seine Schokolade und braucht das Gef\u00fchl, einzigartig zu sein, sollte um ihn herum auch die Welt untergehen.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Ihre Filme Ende der sechziger Jahre entstanden aus einem ganz anderen Impuls als Ihre heutige Arbeit. Wann haben Sie verstanden, worum es Ihnen geht?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> In den ersten Filmen ging es mir vor allem darum, dass man lacht. \u00abDie Schulklasse\u00bb ist ja eine richtige Klamotte, ein Theaterst\u00fcck, das ich mit neun Jahren geschrieben hatte. Daraus habe ich dann mit ein paar Freunden den Film gemacht. Das ging so weiter; Ende der Siebziger merkte ich, dass es \u00fcberhaupt nicht mehr hinhaut. Anfang der Achtziger lernte ich Werner Nekes kennen, der mir den gesamten Mainstream komplett um die Ohren haute. Nat\u00fcrlich begann ich gleich, gegen Nekes zu opponieren. In \u00abTunguska\u00bb, meinem ersten abendf\u00fcllenden Spielfilm, schickte ich Avantgardeforscher zum Nordpol, um die Eskimos mit deutschen Avantgardefilmen zu Tode zu foltern. Da sind wohl die Reibungspunkte entstanden, an denen ich gewachsen bin, aber ich hatte lange kein Gef\u00fchl echter Autonomie und habe bis heute Angst, mich mit Leuten so zu zerstreiten, dass nichts mehr geht. Trotzdem habe ich damals schon den Impuls gehabt, Harmonie zu zerst\u00f6ren, und bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen, wo die Leute immer genau zu wissen glaubten, wieso Film gerade politisch wertvoll ist, habe ich immer auf allem herumgehackt, um nachher so sehr darunter zu leiden, dass ich mich entschuldigen musste.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Dr\u00fcckt sich dieses Bewusstsein f\u00fcr die Vielfalt der M\u00f6glichkeiten auch im Spektrum Ihrer Arbeit aus?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Dieses Bewusstsein ist der Punkt der Befreiung, das Bekenntnis zur Widerspr\u00fcchlichkeit, und ich verlange einfach, dass der Mensch aufh\u00f6rt zu tun, als wisse er, wer er ist. Niemand von uns analysiert, was wir urspr\u00fcnglich einmal wollten. Nat\u00fcrlich gibt es Milit\u00e4rkarrieren, die von Kindesbeinen an wissen, dass sie wie der Opa nach Stalingrad wollen, die mit diesem Glauben dann auch sterben. Aber ich habe selbst Verwandte, die mit einer Gewissheit erzogen wurden und durchs Leben gingen und am Ende nun ganz weich werden und die Dinge in Frage stellen. Ich bin im Grunde ja religi\u00f6s, nicht in einem esoterischen Sinne, aber ich sehe diese grosse Qualit\u00e4t im ersten Buch Mose, in dem Gott sagt, dass er alles wieder vernichten werde, was er geschaffen hat. Dieser Satz t\u00e4te dem Menschen gut, wenn er ihn einmal innerlich vollziehen w\u00fcrde. Wir haben doch eigentlich nichts Sinnvolles auf die Beine gestellt, sondern immer nur so getan, als ob, um abzulenken von unserem eigenen Dilemma.<\/p>\n<p><strong>NZZ:<\/strong> Von den Fragen, mit denen der Verlag Ihre bald erscheinende Autobiografie ank\u00fcndigt, stelle ich diese: Ist man der geworden, der man sein wollte?<\/p>\n<p><strong>Schlingensief:<\/strong> Nein. Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wer ich einmal sein k\u00f6nnte, wie man gl\u00fccklich wird. Das Gl\u00fcck ist ja so eine Nanosekunde und funktioniert manchmal gl\u00e4nzend, aber im Grossen und Ganzen? Fassbinders \u00abSatansbraten\u00bb war f\u00fcr mich in dieser Hinsicht immer ein Schl\u00fcsselfilm: Ich denke, dass die Menschen aller Gesellschaften, die sich anstrengen, Ordnungen zu schaffen, nur auf der Suche nach einem Pl\u00e4tzchen sind, wo sie in Ruhe leben k\u00f6nnen. Aber das klappt nicht, weil die Unw\u00e4gbarkeit des Lebens eben auch die Qualit\u00e4t des Lebens ist. Nat\u00fcrlich lache ich viel, aber aus diesem Funken heraus, dass das Leben eine ziemlich ernste Angelegenheit ist. Ich finde, Ironie ist nicht unbedingt das Beste, was unsere Generation zu vertreten hat, und dass wir uns sehr damit schaden, wenn wir alles immer gleich in diesen Samstagabend-Kom\u00f6dienbereich hineinziehen, wo alles nur noch Witz und Satire ist und alle mitlachen sollen. Gl\u00fcckseligkeit heisst, frei zu sein \u2013 auch so frei zu sein, sich selbst in Frage zu stellen. Aber das kriegt kaum einer hin, weil es schwer ist, ganz allein und f\u00fcr sich selbst eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: \u00abIch bin nicht der, der ich sein wollte. Wie kam es dazu?\u00bb<\/p>\n<p><em>Quelle: Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 17. Juli 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regisseur und Gesamtkunstwerk-Realisator Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/609"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=609"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/609\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}