{"id":607,"date":"2010-07-18T23:19:48","date_gmt":"2010-07-18T21:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=606"},"modified":"2010-07-18T23:19:48","modified_gmt":"2010-07-18T21:19:48","slug":"im-angesicht-des-lebens-gq","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=607","title":{"rendered":"IM ANGESICHT DES LEBENS (GQ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit die Deutschen den Regisseur Christoph Schlingensief kennen, wissen sie, was Radikalit\u00e4t ist. Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch mit GQ Gentlemen&#8217;s Quarterly <\/strong><\/p>\n<p>Obwohl die wenigsten seine St\u00fccke kennen, besch\u00e4ftigt er sie mit seinen fernsehgerechten Provokationen. Und mit seinem Lebensdrama: Er ist schwer krank. Und dabei schwer lebendig. Kein Requiem<\/p>\n<p>Ein silbernes Kruzifix, Dutzende T\u00fcrmchen von Medikamentenschachteln, eine Zeichnung, auf der ein Hahn einen Hasen rammelt, eine afrikanische Hasenmaske, ein Kissen auf dem Boden \u2013 die Wohnung von Christoph Schlingensief, 49, in Berlin. Auf das Kissen setzt er sich, schwer atmend. Bekannterma\u00dfen hat Schlingensief Krebs. Und nur noch einen Lungenfl\u00fcgel. Was er au\u00dferdem nicht hat: Zeit zu sterben. Er baut in Burkina Faso ein Operndorf mit Festspielhaus, gerade tourt er mit seiner Afrika-Oper \u201eVia Intolleranza II\u201c durch Europa. Br\u00fcssel, Hamburg, M\u00fcnchen, Wien. Er selbst dabei tanzend, referierend, schreiend auf der B\u00fchne, demn\u00e4chst eine Oper in Berlin, dann die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig. Und das alles wie immer: umstritten. 2014 folgt Wagners \u201eTristan und Isolde\u201c. \u201e2014\u201c, sagt er und guckt in die Luft. \u201eDas ist noch verdammt lang hin.\u201c<\/p>\n<p>GQ: Ein Gespr\u00e4chstermin mit Ihnen wird unter den Interviewern der Republik hoch gehandelt, wie eine Audienz. Wie f\u00fchlt man sich angesichts der eigenen messianischen Wirkung?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Mir fehlt die Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Alles ist wie in einem Sumpf, man bekommt Luft, man strampelt, dann zieht es einen wieder nach unten. Ich brauche meine ganze Zeit, um an den Projekten zu arbeiten. Dazwischen die Behandlungen, da knallt einem manchmal alles ordentlich durcheinander. Aber es geh\u00f6rt zu meiner Arbeit, dass ich mich endlich \u00fcber sie \u00e4u\u00dfere. Ich suche Verb\u00fcndete, das habe ich immer getan. Deshalb sitzen wir jetzt auch hier. Daher meine Lust am Kommunizieren. Fr\u00fcher geh\u00f6rte ich zu denen, die am Morgen nach den Volksb\u00fchne-Premieren an der Tankstelle auf die Zeitungen warteten, um als Erster die Kritiken zu lesen. Das ist vorbei, das geht seit meiner Krankheit nicht mehr. Ich habe einen Google-News-Alarm, aber ich kann nicht mehr alles lesen. Ich f\u00fchre eben einen Kampf, ich bin einer, mit dem es eigentlich schon vorbei war. Und pl\u00f6tzlich dauert es dann l\u00e4nger, als alle und vor allem man selbst gedacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/GQ_Magazin_christoph_schlingensief_5.jpg\" width=\"300\" height=\"450\" alt=\"GQ Interview Juli 2010\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>GQ: Was bedeutet das f\u00fcr Ihre t\u00e4gliche Arbeit, f\u00fcr Ihr Leben?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Dass ich alles darauf \u00fcberpr\u00fcfe, wie effizient es ist. Ich gehe nicht mehr essen, um mit Leuten in die Nacht hineinzuquatschen. Essen gehen ist kein Hobby mehr f\u00fcr mich, also lasse ich es. Bei den Proben trete ich mich nicht mehr mit den Schauspielern, um erst einmal vier Stunden den Alkohol von der Vornacht aus der Kantine abzubauen. Ich m\u00f6chte an den Dingen arbeiten, ich m\u00f6chte, dass der Text gekonnt wird, dass die Zeit, die wir haben, effizient genutzt wird. Auch jetzt mit Ihnen.<\/p>\n<p>GQ: Als wir uns zum ersten Mal 1997 in Hamburg zu einem Interview trafen, war Ihnen so was egal. Sie sperrten mich in einen K\u00e4fig, der Termin wich der Performance.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Das waren Sie damals? Wie lustig. Ich erinnere mich daran, aber nicht, dass Sie das waren. Durch die Chemotherapie ist manches verwischt worden. Vor allem die Erinnerung an Personen.<\/p>\n<p>GQ: W\u00e4re eine solche spontane Aktion heute denkbar, oder verhindert die Krankheit solchen Aktionismus? <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Sie wird anders bewertet. Ich habe immer in meinen St\u00fccken selbst mitgespielt und mich als der, der ich bin, thematisiert. Doch pl\u00f6tzlich finden das alle so r\u00fchrend und interessant, ich habe schon gesagt, wenn mich noch einer umarmt und mir zufl\u00fcstert, wie sehr ihn das ber\u00fchrt, dass ich mit meinem Krebs das alles auf mich nehme, dann hau ich ihm eine rein. Es ist so, als ob man einen Flugzeugabsturz beobachtet. Dann sind alle ganz furchtbar ber\u00fchrt, weil sie nicht dringesessen haben. Ich sitze aber im Flugzeug. F\u00fcr mich f\u00fchlt sich das anders an. Der Schock so einer Krankheit sitzt tief. Das ver\u00e4ndert einen. Bei Premierenfeiern bleibt eben nun meine Frau. Ich gehe fr\u00fcher, denn ich bekomme manchmal weniger Luft, und ich werde ungeduldiger. Ich denke mir dann: Mein Gott, versau den anderen doch nicht die Stimmung. Ich kenne das von meinem Vater, der uns mit seiner Depression genervt hat.<\/p>\n<p>GQ: Ihre Premiere einer Braunfels-Oper vor zwei Jahren erlebten Sie am Handy von der Intensivstation aus, zum Schlussapplaus hielt man dann das Telefon in Richtung Publikum \u2014 es war wie ein katholisches Hochamt. Das Handy als Monstranz. Wie f\u00fchlt sich die R\u00fcckkehr ins reale Leben an?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich habe das damals kaum mitbekommen. Ich h\u00e4tte es jedenfalls nicht besser inszenieren k\u00f6nnen. Leider war da nicht mehr als ein Krachen am Telefon, und ich habe aufgelegt.<\/p>\n<p>GQ: Niemand h\u00e4tte damals erwartet, Sie noch mal \u00fcber eine B\u00fchne springen zu sehen. Oder mit Ihnen ein Interview wie dieses zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Auch ich nicht. Aber inzwischen ist es so, dass mir der Arzt gesagt hat, er werde mir helfen, sterben zu k\u00f6nnen. Ja gut, habe ich gesagt, wie nett von Ihnen. Dann erst verstand ich, was er meinte: Ich w\u00fcrde n\u00e4mlich irgendwann mal sterben, wie die anderen, aber nicht an diesem Krebs. Lange Zeit haben mir die \u00c4rzte eingebl\u00e4ut, dass ich nie mehr w\u00fcrde arbeiten k\u00f6nnen. Ich versuchte dauernd zu argumentieren, wie es doch gehen k\u00f6nnte, aber sie blockten alles ab. Irgendwann kam ich darauf, dass das aus ihrer Sicht richtig gewesen ist. Denn sie hielten mich f\u00fcr einen Operns\u00e4nger. Heute habe ich durch Training eine bessere Atmung als mancher 40-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p>GQ: Wie war das Gef\u00fchl, zum ersten Mal wieder zu arbeiten?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Erst mal hart. Meine erste Arbeit am Gorki war sogar sehr hart, ich habe immer nur eine Stunde arbeiten k\u00f6nnen, dann musste ich erst mal kotzen gehen. <\/p>\n<p>GQ: Sie haben in den letzten Monaten so viel gearbeitet, wie andere in zehn Jahren nicht. Warum die Hektik, wenn Sie eigentlich noch Zeit haben? <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Als ich da auf dem Krankenbett lag, riefen viele an und wollten mir Mut zusprechen. Das war auch wichtig, ich bin da teilweise zur T\u00fcr gekrochen, um Luc Bondy oder Zadek mit ihren Chemo-Tipps und Aufmunterungs- Pornozeichnungen reinzulassen. Und es kamen viele Angebote. Es hie\u00df: Christoph, wenn das wieder wird, wollen wir mit dir dieses und jenes machen. Ich war froh dar\u00fcber. Und als dann auch noch die Klauseln, die von Nichterbringung der Regieleistung handelten, gestrichen wurden, merkte ich: Die meinen das ernst. Ich hab damals aus einer gewissen Zuversicht heraus alles angenommen. Und jetzt arbeite ich das ab. Nach und nach. Mein Arzt sagt: Solang es positiver Stress ist, ist es gut. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/GQ_Magazin_christoph_schlingensief_11.jpg\" width=\"300\" height=\"450\" alt=\"GQ Interview Juli 2010\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>GQ: Sie thematisieren Ihre Krankheit in jeder Inszenierung. K\u00f6nnen Sie noch etwas tun, ohne dass der Krebs dabei eine Rolle spielt?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Wie Sie sehen, ist es schwer, Sie reden auch die ganze Zeit davon. Der Krebs schwingt immer mit. Er ist eben da. Es ist chronisch. Der gr\u00f6\u00dfte Schei\u00df: Er wird immer bleiben. Und reinzufahren in diese R\u00f6hre und sich dauernd erkl\u00e4ren lassen m\u00fcssen, da und da und da ist er \u00fcberall, das ist nicht toll. Ich sage halt, ich bin der beste Krebskranke \u00fcberhaupt. Ich habe gef\u00fchlte 17 Krebsb\u00fccher geschrieben, bin vom Fachmagazin \u201eTheater\u201c zum besten Krebsregisseur des Jahres gew\u00e4hlt worden und habe obendrein den T\u00e4nzer engagiert, der den Krebs am allerbesten von allen tanzen kann.<\/p>\n<p>GQ: Wie viel Voyeurismus sp\u00fcren Sie? <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich glaube, die Leute, die sich daran weiden wollen, sind bei Live-Operationen auf RTL besser bedient. Ich merke, dass viele kommen oder mein Buch lesen, weil sie hier Antworten erwarten, die ihnen ihr krebskranker Vater einfach nicht gegeben hat. Am schlimmsten sind aber jene, die sagen: Lasst uns mit eurem Krebs in Ruhe. Die haben die Relationen einfach verpasst mit ihren 8 000 B\u00fcchern \u00fcber Porsches und 12 000 B\u00e4nden, die erkl\u00e4ren, wie man argentinisches Rinderfilet zubereitet.<\/p>\n<p>GQ: Haben Sie durch die Erfahrung mit der Krankheit etwas \u00fcber den Tod erfahren?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Nat\u00fcrlich nicht. Ich habe nur eine Ahnung, die mich entlastet. Dass meine Energie bleibt, die mich hier ausmacht. Auch dann, wenn meine H\u00fclle einmal nicht mehr ist. Aus den Erfahrungen, auch mit den afrikanischen K\u00fcnstlern, denke ich mir: Wir sollten uns nicht mehr so allein betrachten, wir m\u00fcssen uns im Kontext unserer Ahnen sehen. Sie machen uns aus. Nicht im Sinne von \u201eGuck, der hat die Ohren von Mama\u201c, sondern wirklich im Sinne der Ahnen. Das kann auch ein Nazivater sein, das macht nichts. Auch er ist daran beteiligt, dass wir so sind, wie wir sind. Es ist jedenfalls ein Aberglaube, dass wir nur f\u00fcr uns stehen, dass wir unabh\u00e4ngige Individuen sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>GQ: Das h\u00f6rt sich nun doch nach Erkenntnis an. <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Wir wollen dauernd versichert sein, wir h\u00e4tten gern eine Police f\u00fcr am besten alles. Ich spiele hier nicht den Freud, aber ich glaube, dass dieser Urschrei, wenn wir vom Mutterbauch in die Unsicherheit der Welt geworfen werden, uns schrecklich traumatisiert. Danach wollen wir alles permanent absichern: Handyversicherung, Lebensversicherung, Handtaschenversicherung. Es hilft aber nichts. Die Leute, die glauben, alles im Griff zu haben, machen mich wahnsinnig. Da mag ich lieber die, die besoffen durch den Park laufen und \u201eDeutschland\u201c br\u00fcllen, mit denen kann ich mehr anfangen.<\/p>\n<p><strong><em>Wir m\u00fcssen uns mehr im Kontext unserer Ahnen sehen. Es ist ein Aberglaube, dass wir davon unabh\u00e4ngige Individuen sind<br \/>\n(Christoph Schlingensief)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>GQ: Ist es Ihnen unangenehm, wenn wir weiter \u00fcber das Leben und den Tod reden?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Nein.<\/p>\n<p>GQ: Sie haben gesagt, Sie erwarten im Jenseits nicht Papa mit Engeln. Wie \u00fcberrascht w\u00e4ren Sie, wenn es doch so ist, und vielleicht Peter Zadek und Heiner M\u00fcller winkend an der Pforte stehen?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Es w\u00e4re schon furchtbar. Ich habe jetzt eine Vorstellung vom Sterben, nicht vom Tod. Davon, wie es ist, wenn man da herumliegt und nur noch hechelt. Ich kann mir vorstellen, dass es eine Erl\u00f6sung ist, wenn man das hinter sich hat und loslassen kann. Dann geht man endlich, und Zadek steht da? Ich wei\u00df nicht. Dann ist da ja der ganze Rattenschwanz \u2013 seine Mitarbeiter, seine Eltern, man wei\u00df nicht, wen man da kennenlernen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>GQ: Man w\u00fcrde vielleicht die wahren Seelen der Leute kennenlernen? <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich habe es immer unangenehm gefunden, meine Mitarbeiter zu Hause zu besuchen, weil ich nie wissen wollte, wer unterm Sofa seine Unterhosen liegen hat. Wieso sollte ich die Seelen der Leute kennenlernen wollen? Ich w\u00fcrde nur einen gern kennenlernen, der da ist.<\/p>\n<p>GQ: Wen?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Bu\u00f1uel.<\/p>\n<p>GQ: Von allen Milliarden Verstorbenen, w\u00fcrden Sie nur Luis Bu\u00f1uel treffen wollen?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Alain Resnais w\u00e4re auch toll. Aber der lebt noch. Louise Bourgeois f\u00e4nde ich gro\u00dfartig, die ist ganz neu da. Ich bin mir blo\u00df nicht sicher, ob die mich aushalten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>GQ: Erinnern Sie sich noch des Moments, als Sie als Kind feststellten, dass der Tod alle, auch einen selbst betrifft?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Wir waren als Kinder auf Urlaub am Chiemsee, wo die Mutter eines Spielkameraden einen Wundstarrkrampf bekam. Da wurde mir bewusst, als mir meine eigene Mutter erkl\u00e4rte, was da passiert ist, dass uns allen etwas droht. Konkret wurde es erst sp\u00e4ter, als meine Mutter unserem Dackel Ilka \u201eSitz!\u201c zurief. Und das brave Tier folgte, obwohl ein Mercedes heranbrauste. Tot. Und ich erinnere mich noch sehr genau an das Wimmern der \u00e4lteren Geschwister, als sie aus dem Krankenhaus von der Gro\u00dfmutter zur\u00fcckkamen, da wussten wir, da ist etwas passiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/GQ_Magazin_christoph_schlingensief_8.jpg\" width=\"300\" height=\"450\" alt=\"GQ Interview Juli 2010\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>GQ: Wann in Ihrem Leben wurden Sie zum ersten Mal mit Gedanken an die eigene Endlichkeit konfrontiert?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Das kam erst, als ich Abitur machte, 1978, und ich pl\u00f6tzlich Bauchschmerzen bekam. Ich hatte Fischbr\u00f6tchen gegessen, und so dachten alle, es w\u00e4re eine Lebensmittelvergiftung. Dabei war es der Blinddarm, und als man das bemerkte, hatte ich bereits Darmverschluss. Ich lag direkt neben der Intensivstation und sah, was f\u00fcr ein Durchlauf an Leben und Sterben da herrschte, ich h\u00f6rte, wie man einer Frau erkl\u00e4rte, dass die Narben ihrer Mutter nur noch zusammengetackert w\u00e4ren, weil sich das Zun\u00e4hen nicht mehr lohnen w\u00fcrde. Da war mir einiges klar. Ich sollte noch mal in den OP, weil ich nur kotzte, aber sich trotz Rizinus\u00f6l und aller m\u00f6glichen Mittel nichts r\u00fchrte. Das machte mich so fertig in dem Moment, dass ich wild auf meinen Bauch eindrosch. Das N\u00e4chste, an das ich mich erinnere, war der alte Mann nebenan, der seine Decke hochzog. Aber schon spritzte eine Font\u00e4ne Schei\u00dfe durchs Zimmer. Die Schwester rief: \u201eNa, das ist ja super.\u201c Das war mein erster Kampf ums \u00dcberleben mit anderen \u00dcberlebensk\u00e4mpfern.<\/p>\n<p>GQ: Von Thomas Bernhard, der ohne seine Lungenkrankheit vermutlich nie Literat geworden w\u00e4re, stammt der Satz: \u201eVerglichen mit dem Tod ist alles l\u00e4cherlich.\u201c Hat er recht?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich finde inzwischen diese k\u00fcnstlerische Todessehnsucht, die ich selbst mal hatte, l\u00e4cherlich. Diese Melancholie. Diese pubert\u00e4re Haltung, zu sagen, na ja, dann bringe ich mich eben um. Ich will leben. Ich habe den Wunsch, leben zu wollen, erst sp\u00fcren m\u00fcssen. Vermutlich ist es eine Erl\u00f6sung, wenn man krank ist, dann mal abtreten zu d\u00fcrfen. Aber das ist nicht, schon gar nicht bei Bernhard, ein Aufruf zum Fatalismus, eher im Gegenteil. Es ist ein Hinweis, konkreter zu zweifeln. Und sich nicht mal \u00fcber das Zweifeln sicher zu sein. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Man soll nie genau wissen, was auf der B\u00fchne gespielt ist und was nicht. Man soll sich fragen, ob das noch Inszenierung ist oder bereits Eskalation. Ich hasse es an der konventionellen Oper, dass alles so erwartbar \u00fcberinterpretiert ist. Das hat den k\u00fcnstlerischen Wert der Interpretation eines Gedichts im Deutschunterricht. <\/p>\n<p>GQ: Dem Anspruch des Unerwartbaren werden Sie in Ihren Inszenierungen ja durchaus gerecht. Danach sehnt man sich manchmal nach einer G\u00f6tz-Friedrich-Operninszenierung, in der Siegfried oder Kundry genau wissen, wo sie wann zu stehen haben.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Hm. Es stimmt schon, dass da oft ein permanentes Durcheinander herrscht, aber es kristallisiert sich doch viel dabei heraus. Gerade Musik l\u00f6st den Zuschauer aus seiner scheinbaren Selbstkontrolle \u2013 genau da liegt der Punkt, wo ich als Regisseur zupacke, das Misstrauen gegen sich selbst auszul\u00f6sen. Gerade die Skepsis gegen\u00fcber diesem Leben hier ist das Sch\u00f6ne, das, was das Leben ertr\u00e4glich macht. Bernhard wusste das.<\/p>\n<p>GQ: Sie neigen zu Ritualen. Nicht nur auf der B\u00fchne. Als fr\u00fcherer Ministrant m\u00f6gen Sie bekanntlich auch das Katholische, Sie haben schon vor der Erkrankung eine Church of Fear gegr\u00fcndet. In Burkina Faso wurden die Ahnen befragt, ob sie das Opernprojekt dort \u00fcberhaupt unterst\u00fctzen. Woher kommt Ihr Hang zum Hochamt? <\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Wussten Sie, dass Weihrauch gegen Gehirntumor hilft? Ich muss mich wiederholen: Es geht um die Erkenntnis, dass der Raum mich \u00fcberpr\u00fcft und nicht umgekehrt. Wenn Sie zu Heiner M\u00fcllers Grab gehen und da rituell eine Zigarre rauchen und niederlegen \u2013 das machen ja viele \u2013, dann, da bin ich mir sicher, bekommt er selbst das nicht mit. Aber das Universum tut es. Wenn ich diese totale Schei\u00dfe durchlebe und am Ende bin, dann denke ich, will das Universum sich anschauen, was ich nun mache. Ich kann zum Beispiel die Lage \u00fcberh\u00f6hen. Ein Buch schreiben. Ein St\u00fcck. Es waren die wichtigsten Momente meines Krankseins, als ich dachte, jetzt will der Raum wissen, was ich damit mache.<\/p>\n<p>GQ: Ist der Raum Gott?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief:Wer auch immer.<\/p>\n<p>GQ: Richard Wagner hat mit einer Ritualisierung des eigenen Werks fr\u00fch an der eigenen Mythologisierung gearbeitet, hat dazu \u2014 wie \u00fcbrigens auch Sie gerade \u2014 ein Opernhaus initiiert. Arbeiten Sie wie er am eigenen Nachruhm?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ja nat\u00fcrlich. Das macht jeder, man will doch, dass etwas bleibt, wenn man nicht mehr da ist. Aber das ist eine Illusion. Es bleibt nichts. Ich schaffe es ja nicht mal, lebend irgendetwas einzuhalten, was ich angek\u00fcndigt habe. Dass ich mich selbst so stark in den Vordergrund stelle, ist kein blo\u00dfer Egotrip, sondern erm\u00f6glicht mir Bez\u00fcge herzustellen und zu verantworten, die es so sonst nicht g\u00e4be. Gut, ich glaube schon latent, dass ich etwas zu sagen habe. Aber ich will einfach nicht einer dieser K\u00fcnstler sein, die ein Bild malen, sich dann dahinter verstecken und die Kuratoren labern lassen. Man muss die Maler verstehen, sie haben vermutlich zu Recht Angst, sich als totale Dummk\u00f6pfe zu outen, wenn sie etwas sagen w\u00fcrden. Aber das Risiko muss man eingehen, ich bin gern bereit zu scheitern. Aber man muss wenigstens etwas versucht haben. Ich muss irgendwas sagen, wenn ich sehe: Es l\u00e4uft etwas falsch hier.<\/p>\n<p>GQ: Aber was bewirken Sie schon? Ich habe beobachtet, wie selbst solche Luxusgesch\u00f6pfe aus der Maximilianstra\u00dfe vergn\u00fcglich in der M\u00fcnchen-Premiere sitzen und lachen, w\u00e4hrend sie von Ihnen angegriffen und blo\u00dfgestellt werden.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Die von der FDP haben es nicht so vergn\u00fcglich gefunden. Viele sagten, ich soll mal die Klappe halten, am Ende w\u00fcrden die an die Regierung kommen und mir zugesagte Gelder f\u00fcr das Afrikaprojekt streichen. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass so was passieren kann. So banal b\u00f6se kann nicht mal die Politik sein. Dann wurde Westerwelle Au\u00dfenminister, und mir wurden 100.000 Euro gestrichen. Da war ich baff . Aber egal. Ich will ja gerade in Haftung genommen werden.<\/p>\n<p>GQ: In Ihrer Operninszenierung \u201eIntolleranza\u201c nehmen Sie die wohlmeinenden Entwicklungshelfer und Afrikaliebhaber deftig aufs Korn. Gleichzeitig bauen Sie ernsthaft in Burkina Faso ein Operndorf \u2014 wie passt das zusammen?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Es ist mein eigentliches, mein wichtigstes Projekt. Leider ist es auch das, was mir am meisten \u00c4rger bereitet. Man erwartet als Geldgeber hier in Europa, dass es so umgesetzt wird, als w\u00fcrde man noch mal ein Sony Center hinbauen. Ich m\u00f6chte aber, dass es so gemacht wird, wie die es machen. Henning Mankell etwa oder Brigitte Henkel, die 100.000 Euro gespendet hat, haben die Auflage, sich nicht einmischen zu d\u00fcrfen. Das ist toll. Mankell hat sogar selbst darauf bestanden. Ich will, dass das alles aus der Community heraus entsteht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/GQ_Magazin_christoph_schlingensief_13_01.jpg\" width=\"300\" height=\"450\" alt=\"GQ Interview Juli 2010\" class=\"centered\"\n\nGQ: Ist nicht jede europ\u00e4ische Einmischung, egal wie freim\u00fctig oder dem\u00fctig sie ist, eine Art ins Gute gewendeter Kolonialismus?\n\nChristoph Schlingensief: Jede Einmischung ist paradox und fragw\u00fcrdig, vor allem die Entwicklungshilfe ist teilweise extrem d\u00e4mlich und dient oft zu nichts anderem, als die Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse zu zementieren. Einfach nichts zu tun ist allerdings auch kein Weg. Je mehr ich in Afrika dieses Projekt vorantreibe, desto kritischer muss das eigene Hinterfragen sein. Deshalb auch das Thema Hagenbecks Tierpark in meinem St\u00fcck, wo um 1900 ganze afrikanische St\u00e4mme ausgestellt wurden und im kalten Europa massenweise erfroren sind. Ich selbst w\u00fcrde ehrlich gesagt auch am liebsten das Projekt sich selbst \u00fcberlassen. Jeder Flug dahin, diese Aircondition, die 40 Grad Hitze, das ist alles nicht besonders gut f\u00fcr mich. Ich klappe teilweise nach vier Stunden zusammen, dann muss man mich in Ruhe lassen, dann geht nix mehr.\n\nGQ: Aber wieso lassen Sie es nicht? Wieso \u00fcbernehmen das nicht andere? \n\nChristoph Schlingensief: Weil die Menschen da inzwischen gew\u00f6hnt sind, dass Wei\u00dfe kommen, Ank\u00fcndigungen machen und dann nix passiert, alle abhauen und nie wiederkommen. Gerade ist das wieder mit Horst K\u00f6hler passiert, der sich da angesagt hatte. Dann kam aber diese R\u00fccktrittssache dazwischen. F\u00fcr die Leute in Burkina Faso ist er einfach einer, der wieder mal sein Versprechen nicht gehalten hat. Ich verstehe auch nicht, wieso er nicht als Privatmann gekommen ist. Das war schlecht. Welches Amt er hat oder nicht, ist dort egal. Ich will jedenfalls nicht so einer sein.\n\nGQ: Der \u00e4thiopische Thronfolger Asfa-Wossen Asserate sagte, eines der Hauptprobleme f\u00fcr Afrikaner, aber auch Muslime, sei die undefinierte Identit\u00e4t von uns Europ\u00e4ern. Wir glauben an nichts mehr. Deshalb ist es schwer uns ernst zu nehmen.\n\nChristoph Schlingensief: Das kann ich nicht sagen. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass Glauben wichtig ist, Konfession weniger. Mein \u00dcbersetzer hat gerade wieder die Religion gewechselt. Der Islam war ihm zu anstrengend, er hat sich umgesehen, und nun ist er eben Protestant. Am Ende geht es darum, dass die Ahnen anwesend sind, alles mischt sich irgendwie. Da stehen Jesus und Maria neben einem magischen Rinderpimmel. \n\nGQ: Stichwort Identit\u00e4t: Der von den Nazis gebaute Pavillon bei der Biennale Venedig wird von Ihnen n\u00e4chstes Jahr gestaltet. Alles wartet auf die gro\u00dfe identit\u00e4tsstiftende Schlingensief-Provokation. Werden Sie das Ding einrei\u00dfen?\n\nChristoph Schlingensief: Ich glaube, das wird eine Art europ\u00e4ische Bundesgartenschau. Die gro\u00dfe Neudeutung des Geb\u00e4udes kommt von mir jedenfalls nicht, das hat Gregor Schneider l\u00e4ngst umgesetzt. Die Erwartungshaltung erinnert mich an Bayreuth, wo ich den Parsifal inszenierte. Da dachten alle, ich w\u00fcrde mit ein paar BDM-M\u00e4dels einmarschieren und ein Hakenkreuz auf die B\u00fchne schei\u00dfen. Mir scheint, als w\u00e4ren die Wagners fast entt\u00e4uscht gewesen, dass es nicht so war.\n\nGQ: Stichwort Bayreuth. Haben Sie in der Zusammenarbeit mit den Wagners eigentlich was \u00fcber Deutschlands Identit\u00e4t herausgefunden, so mitten im Zentrum des Glanzes und Elends des B\u00fcrgertums?\n\nChristoph Schlingensief: Ja, als ich Wolfgang, Katharina und Gudrun Wagner zum ersten Mal traf. Das war in einer Beethoven-Suite im \u201eWestin Grand\u201c. Der alte Wolfgang hatte genaueste Probenpl\u00e4ne f\u00fcr \u2013 Achtung! \u2013 vier Jahre dabei. Und Gudrun brachte Fleischpastete von der belgischen K\u00f6nigin als Geschenk mit. Dann erz\u00e4hlte mir Wagner \u00fcber seinen Wohnwagen, eine Leidenschaft, die wir teilen, und Gudrun sagte nur: Nein, sie h\u00e4tte genug davon, alle paar Kilometer die Schei\u00dfkanister leeren zu m\u00fcssen. Die beiden waren so was wie das deutsche K\u00f6nigspaar und redeten \u00fcber Schei\u00dfkanister. Es h\u00e4tte mich nicht gewundert, wenn sich pl\u00f6tzlich herausgestellt h\u00e4tte, dass es in Wirklichkeit Evelyn Hamann und Loriot gewesen w\u00e4ren. Das war deutsch. \n\n<em\/>GQ  15. Juli 2010. Interview: David Baum<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit die Deutschen den Regisseur Christoph Schlingensief kennen, wissen sie, was Radikalit\u00e4t ist. 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